Schlagwort-Archiv: Brain Blah

GIRLS TALK // Mein Freund weiß, dass ich meine Periode bekomme, bevor ich es weiß

19.04.2017 um 14.56 – Feminismus Kolumne Leben

Viele Frauen verärgert es, wenn ihnen aufgrund von kleinen Aussetzern unterstellt wird, sie hätten ihre Periode. Bei mir liegt man dieser Annahme aber meist richtig. Mein Freund etwa ist stets der Erste, der bemerkt, dass es morgen wieder rotrund geht.

Neulich hat sich eine gute Bekannte von mir lautstark darüber echauffiert, wie frech und sexistisch es sei, einer Frau in flapsigen, emotionalen oder wütenden Momenten zu unterstellen, sie habe ihre Tage. Das sei übergriffig, zutiefst! Ich stimmte nickend zu. Und vor allem sei das doch erfundener Quatsch, ein respektloses Klischee. Ich nickte wieder, schwenkte dann aber doch noch wellenförmig ab, ein bisschen wie ein nach Orientierung suchender Tukan, bis das Rauf-und-runter meines Kinns schließlich einem bestimmten Rechts-links wich und ich so heftig mit dem Kopf schüttelte, dass mir all meine feministische Überzeugung aus den Ohren herauszufallen drohte. Stille und Stirnfalten. Wie genau ich das jetzt meinen würde, fragte die Bekannte. Also erklärte ich mich. Oder besser: Ich versuchte etwas zu erklären, das sich nicht im geringsten verpauschalisieren lässt und für mich dennoch recht eindeutig scheint: Einigen Frauen steht ihre Periode förmlich auf die Stirn geschrieben, antwortete ich nuschelnd. Vielen auch nicht, was mich sehr freut und zuweilen sogar aufrichtig neidisch stimmt. Aber immer wenn einer oder eine etwas problematisches wie „Meine Fresse, hat die ihre Mens, oder was“ von sich gibt, dann denke ich nicht „Arschloch“, sondern „kann schon sein“. weiterlesen

#IMFREEDOM //
Freisein – was bedeutet das überhaupt?

03.04.2017 um 10.30 – Kolumne Leben Mode Wir

Ihr erinnert euch vielleicht noch an die #ImPERFECT Kampagne von Esprit, die wir im vergangenen Jahr unterstützt haben. Damals wurde vor allem ein kultureller Dialog innerhalb der Modewelt angestoßen, der sich für das Abrücken von Stereotypen aussprach und stattdessen mehr Persönlichkeit und Diversität forderte. Aber auch mehr Selbstliebe, mehr Akzeptanz und Dankbarkeit für kleine Makel, die uns von Abziehbildern unterscheiden. 2017 geht Esprit mit #ImESPRIT noch einen Schritt weiter. Diesmal stehen Vielfalt, Individualität und Selbstbestimmung im Fokus. Wir werden in der aktuellen Kampagne also nicht nur dazu aufgefordert, für uns selbst einzustehen, sondern auch für das, was uns am Herzen liegt. Am besten durch ein starkes Statement, das auch ihr teilen könnt und zwar hier. So haben wir etwa die Wahl zwischen #ImLOVE, #ImCHANGE oder #ImCOURAGE. Ich habe mich für #ImFREEDOM entschieden. Und warum?, hat Esprit mich daraufhin gefragt. Die Antwort fiel mir viel schwerer als erwartet. Also fing ich ganz vorn an.

„Ich verachte Ihre Meinung, aber ich gäbe mein Leben dafür, dass Sie sie sagen dürfen,“ schrieb Evelyn Beatrice Hall in ihrem Buch „The Friends of Voltaire“ und trifft damit noch heute, mehr als hundert Jahre später, punktgenau in die Wunde der kränkelnden Demokratie, die derzeit gemeinsam mit der Pressefreiheit um ihr Bestehen bangt. Auf politischer und gesellschaftlicher Ebene stehen wir ohnehin gesammelt vor zum Teil noch schmerzlich weit entfernten Lösungsansätzen und hoffen dabei inständig auf eine Welt, in der jeder Mensch sich frei entfalten darf, unabhängig von sexueller Orientierung, Herkunft, Geschlecht und Religion. Und manchmal, wenn die Nachrichten wieder besonders weh tun, vergessen wir ein weiteres Mal, bei uns selbst anzufangen. Im Kleinen. Immer dann, wenn es um unsere eigene Entfaltung geht. Ich habe mir für mein Leben nicht viel mehr vorgenommen, als es jeden Tag geschehen zu lassen. Und mir den Anspruch auf persönliche Freiheit niemals austreiben zu lassen, nicht von der Vernunft, nicht von dem in den meisten von uns manifestierten Drang nach Sicherheit, nicht von der Erwartungshaltung anderer. #ImFREEDOM, weil ich fortwährend selbst entscheide, hinter welchem Bestrebens-Törchen ich es mir bequem mache und dabei stets den passenden Schlüssel zum Schloss im Kopf behalte. Nennen wir diesen Schlüssel doch einfach Mut. Den Mut zu besitzen, Dinge, die einem nicht mehr gut tun, trotz der natürlichen Furcht vor dem Ungewissen, ziehen zu lassen, halbherzige Umstände ändern statt hinnehmen zu wollen, auch das bedeutet für mich Freiheit. weiterlesen

Warum ich „Style The Bump“ nicht mehr hören kann.

09.03.2017 um 12.34 – Feminismus Kolumne Leben Mode

Ich möchte nicht gehässig klingen, wirklich nicht, aber wenn ich irgendwo den Hashtag #Stylethebump lese, möchte ich mir ein blickdichtes Brett vor den Kopf schnallen. Eines, das ebenso robust und beständig ist wie die allseits verbreitete Annahme, eine gut gekleidete Schwangere sei etwas Aufsehenerregend. Etwas Besonderes. Als hätte man eine Art Auszeichnung dafür verdient, wenn man in der Lage dazu ist, sich trotz Babybauch ein hübsches Kleid überzuwerfen, dafür, dass man im Angesicht der Hormondusche nicht verlernt hat, Lippenstift aufzutragen.

Böse Zungen könnten mir jetzt unterstellen, ich würde all den werdenden Müttern da draußen auf die Füße treten wollen, ihnen den wohlverdienten Lob nicht gönnen. Dabei geht es mir um das Gegenteil. Darum, dass mir viele der medialen Huldigungen in Wahrheit wie Hohn vorkommen. Überall liest man Headlines wie „Stylish und schwanger – diese Promimütter zeigen wie es geht“. Als würde das eine das andere normalerweise ausschließen. weiterlesen

Brain Blah //
Über Mut, Trennungen & Neuanfänge

28.02.2017 um 10.05 – Kolumne Leben Wir

Ich werde nicht selten gefragt, wie ich das eigentlich alles so wuppe als Alleinerziehende. Zunächst einmal muss ich mein Gegenüber dann sehr schnell korrigieren, denn ich bin ja gar nicht allein, das Kind hat glücklicherweise nach wie vor einen Vater und wenn man mich fragt, sogar den besten. Wir leben das 50/50 Modell – etwa alle drei Tage wechseln wir uns ab. Lio hat demnach also nicht nur ein Zuhaue, sondern gleich zwei. Das findet der kleine Mann prima. Und auch seine Eltern. „Ja, aber klappt das denn?“ lautet meist die nächste Frage, und: „Ist das nicht komisch, sich trotz Trennung ständig zu sehen?“ – Nein, kein bisschen. Dann kommen die ungläubigen Blicke, hin und wieder legt sich auch die Stirn, die mir da gegenüber steht, in hässliche Falten, aha. Ganz selten, wenn ich auf Krawall gebürstet bin (was mir mit zunehmendem Alter tatsächlich häufiger passiert), liefere ich im Angesicht der aufkeimenden Skepsis quasi auch schon rein prophylaktisch eine kurze Erklärung zum Ist-Zustand. Dass das alles so wunderbar funktioniert, höre ich mich regelmäßig runterrattern, liegt vor allem daran, dass wir uns rechtzeitig dazu entschieden haben, das gewohnte Familien-Konstrukt aufzugeben, um uns einem neuen Modell zu widmen. Im Namen der Freundschaft.

„Man soll gehen, wenn’s am schönsten ist“, heißt es schließlich und ich finde, da ist auch in Beziehungsdingen was dran. Zwar bin ich keineswegs der Meinung, dass man schon mit Schmetterlingen im Bauch die Biege machen sollte, um sich ja frühzeitig vor potenziellen Messerspitzen in der Magengrube zu bewahren. Aber immerhin rechtzeitig. Obwohl das Abbiegen auf den Solo-Weg oft viel mehr Mut erfordert als das Bleiben. Kämpfen kann helfen und ist unabdingbar, solange noch ein Funken Liebe da ist. Und parallel dazu die Gewissheit, dass man trotz aller widrigen Umstände und Durstrecken noch immer gewillt ist, sich irgendwann einmal gemeinsam ins Rentner-Exil zu verabschieden, um wackelige Enten dick zu füttern. Allerdings fürchte ich, dass wir allzuoft versuchen, an etwas festzuhalten, das mehr Mittelmäßigkeit als echtes Glück verspricht. Aus Bequemlichkeit, vor allem aber aus aus Angst. Vor der Ungewissheit, lästigen Konsequenzen und dem Alleinsein. weiterlesen

Warum GIRLS-Star Jemima Kirke sich ihr Haar kurz schnitt

19.01.2017 um 13.43 – Beauty Leben

jemima kirke short hair

Gleich zu Beginn der ersten Staffel GIRLS avancierte ich zum Jessa-Fan, wie sollte man dem gefühlt vogelfreien Charakter, der von Jemima Kirche verkörpert wurde und noch immer wird, auch nicht augenblicklich verfallen. Akzent, Attitüde und Andersartigkeit formen in der Serie noch heute eine Persönlichkeit, der man kaum zutraut, fiktiv zu sein. In einem jüngst erschienen Interview mit The Cut spricht die Schauspielerin, die sich eigentlich der bildenden Kunst verschrieben hat, allerdings ganz offen über die gängige Verwechslung ihrer wahren Person mit Jessa. Darüber, dass die echte Jemima durchaus zerbrechlich, sensibel und vor allem selbstkritisch ist. Und über eine harte Zeit mit ihrem Ehemann, die schließlich in einem Kurzhaarschnitt mündete.

Dass mich eine Frisur irgendwann einmal dazu bewegen würde, ihr einen gesamten Gedankengang zu widmen, hätte ich bisweilen kaum für möglich gehalten, schnell erklärt ist dieser Umstand trotzdem. weiterlesen

Brain Blah // Selbst Simone de Beauvoir war manchmal eifersüchtig.

11.01.2017 um 7.30 – box2 Kolumne Leben Wir

collageIch muss mir diesmal feste an die eigene pseudo-selbstbewusst-feministische-Girlpower-Nase fassen und das mache ich nicht gern, und noch viel ungerner, weil der Grund für meine heutigen Stirnfalten im Angesicht kleiner Ungereimtheiten unter Frauen doch tatsächlich Männer sind. Als hätten wir nicht ausreichend eigene Päckchen mit uns herumzutragen und außerdem lang genug für Unabhängigkeit plädiert, fiel mir während eines Telefonats mit einer guten Freundin in der Ferne irgendwann doch tatsächlich auf, dass jede der circa drei weiblichen Personen, über die wir uns binnen zwanzig Minuten tendenziell neutral bis angepisst äußerten, in irgendeiner Verbindung zu unseren Partnern standen und stehen. Was offenbar vornehmlich in unserer subjektiven Annahme begründet liegt, beinahe jede Dame dieser Welt würde sich nach selbigen die Finger lecken. Finde den Fehler. Das darf doch wirklich nicht wahr sein, dass ausgerechnet ich eine permanente Skepsis gegenüber ein, zwei, drölf Frauen hege, die es auf irgendeine Art und Weise auf meine Beziehung abgesehen haben (könnten). Dabei haben sie das womöglich noch nicht einmal. Wobei. Weiß der Kuckuck. Es sollte mich natürlich ohnehin nicht interessieren. Meine ferne Freundin verstand mich trotzdem und sinnierte im gleichen Atemzug über eigene kleine Geschichten.

Da schicken ähnliche Instanzen nicht selten ungefragt Selfies, aus dem Urlaub zum Beispiel, immer dann, wenn sie selbst einem guten Kumpel schlicht und ergreifend das Bild einer Palme statt eines breites Bikinigrinsen rüber gesimst hätte, genau wie ich. Gut möglich, dass man sich jetzt darüber streiten kann, ob es der aktuellen Liebe in diesem Fall an Selbstwertgefühl oder der Reisenden an Respekt mangelt. Was nichts daran ändert, dass meine Freundin und ich hin und wieder eifersüchtig werden und damit als gewöhnlicher Durchschnittsmenschen höchstwahrscheinlich nicht gänzlich allein dastehen, sogar Simone De Beauvoir hatte sich in ihren Briefen an Jean-Paul Sartre nicht lückenlos im Griff. Entgegen meines eigentlich stark manifestierten Credos der Nächstenliebe tendiere ich ebenfalls dazu, gewissen Kandidatinnen schlangenartige Charakterzüge zu unterstellen. Das ist furchtbar. Und vielleicht überhaupt nicht berechtigt. Gut möglich also, dass ich an mir arbeiten muss. Wobei mir schwant, dass das viele von uns müssen, trotz Empowernment-Parolen. weiterlesen

Brain Blah //
Warum Lena Dunhams Cellulite auf dem Cover so wichtig ist

04.01.2017 um 14.11 – Feminismus Gesellschaft

girls lena dunham cover cellulite glamour magazine

Das amerikanische Glamour Magazine hat sich dazu entschieden, die vier „GIRLS“ Stars auf das Cover der Februar-Ausgabe zu bringen. Und zwar ungeachtet kleiner Makel. Zum allerersten Mal in der Geschichte der Frauenzeitschriftenlandschaft ist auf dem Deckblatt einer Hochglanzproduktion also waschechte Cellulite zu erkennen – ein wichtiges Statement und noch viel mehr als das. Nur logisch etwa. Vor allem in Hinsicht darauf, dass besagte Issue ausschließlich von Frauen für Frauen produziert wurde und 90% von uns nunmal genau wie Regisseurin und Protagonistin Lena Dunham liebenswerte Beulen an Po oder Beinen mit sich herum tragen. Die darf normalerweise bloß niemand sehen. Eine Meinung, die in Anbetracht der Realität seltsam erscheinen mag, aber durchaus salonfähig ist.

Ich erinnere mich noch genau an ein Gespräch in New York, das ich mit einer Redakteurin der Grazia führte. Man fragte mich nach meiner Meinung über dieses und jenes und nachdem ich viel Positives anzumerken hatte, erinnerte ich mich in letzter Sekunde doch noch an die Pro- und Kontra Kategorie des Magazins, in der Mitarbeiterinnen ihren Senf zu aktuellen Themen beisteuern dürften. Ein Beitrag, der mir besonders übel aufstieß und in schlechter Erinnerung blieb, war jener über die Lingerie Kampagne, in der Lena und Jemima Kirke sich in voller Pracht und Unterwäsche am Rande einer Badewanne räkelten. Während ich selbst ausschließlich Applaus für die daraus entstandenen Bilder übrig hatte, schwadronierte die Kontra-Stimme doch tatsächlich darüber, dass „so etwas“ nun wirklich niemand sehen wolle. So etwas dickes. So etwas Unästhetisches. Noch beim Durchlesen dieser Zeilen fiel mir die Kinnlade herunter. Bis dato hatte ich schlichtweg nicht darüber nachgedacht, dass außer der Brands selbst überhaupt jemand etwas gegen sympathischen und selbstbewussten Realismus in Bildform einzuwenden haben könnte. Gegen den allgemeinen Tenor des positiven Körpergefühls, der vor allem von einem natürlichen Umgang mit Diversität zehrt. Gegen Menschen, die sich so zeigen, wie Mutter Natur sie geschaffen hatte. weiterlesen

Brain Blah //
Die Social Media Luxus Problematik

29.11.2016 um 14.55 – box2 Gesellschaft Leben Mode

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Ein Instagram Post, den ich vergangene Nacht in einem Anflug von Schlaflosigkeit niedergetippt hatte, erschien mir noch beim Upload als überaus logisch, durchaus angebracht und dingend notwendig. Nur ist gut gemeint, längst nicht automatisch gut gemacht, was sich alsbald in den darauffolgenden Kommentaren zeigen sollte und mich für einen kurzen Augenblick zunächst ernsthaft an meiner geistigen Konstitution zweifeln ließ und dann an der Fähigkeit, mich für jedermann und -frau verständlich auszudrücken. Deshalb versuche ich es auf diesem Kanal ein zweites Mal, mit ein bisschen mehr Raum für die Erklärung meiner Beweggründe – Obwohl ich ehrlich gesagt vornehmlich eine ganz grundsätzliche Hasskappe auf Soziale Medien und deren Mutation zur Pest für Körper und Seele hegte (vermutlich auch, weil ich selbst Teil davon bin) und noch dazu zu viel Cola getrunken hatte.

Aber jedenfalls schrieb ich irgendetwas von wegen „Leute. Eine Designertasche macht euch nicht glücklicher als ein Spaziergang durch den Park. Vor allem, wenn ihr erst 20 seid. Und wenn ihr doch so ein teures Taschenscheißerchen kauft, dann achtet zumindest darauf, dass es euer Herz mit echter Freude erfüllt, etwa, weil es für einen bestimmten Abschnitt in eurem Leben steht, einen großen Schritt, weil es euch aus welchen Gründen auch immer so richtig etwas bedeutet und dadurch zu einem bescheuerten aber lieb gewonnenes Symbol heranwächst. Aber nicht nur wegen des Logos. Oder etlicher Influencer. Die meisten von ihnen müssen für diesen Luxus nämlich noch dazu einen (nicht in Geldscheinen abzählbaren) Preis bezahlen, den die allermeisten Menschen überhaupt nicht zahlen wollen würden.“ Ich beschloss ganz einfach, das müsse endlich mal gesagt werden und am besten auch immer wieder. weiterlesen

Brain Blah // Plötzlich intolerant.

23.11.2016 um 13.31 – Gesellschaft Leben Wir

collage this is jane wayne brianblahIrgendetwas ist im vergangenen Jahr mit mir geschehen, mit meiner Wohlgesonnenheit, mit meinem Gesicht. Letzteres entgleitet mir neuerdings vollkommen unkontrolliert, in ganz unterschiedlichen Situationen, aber meist im Angesicht meiner eigenen Intoleranz. Ich will keine kauzige Fensterbrettrentnerin werden, die sich an den Lastern anderer ergötzt, wirklich nicht, aber momentan könnte man fast meinen, ich sei auf dem besten Weg dorthin. Allem Anschein nach ist mir der Sinn für das antrainierte Dauerlächeln amerikanischer Hollister-Verkäufer gänzlich abhandengekommen, vor allem im beruflichen Bereich. Dabei war ich schon allein wegen meines stark ausgeprägten Drangs nach Harmonie stets sehr gut darin, getreu dem löblichen und liberalen Motto Leben und leben lassen. Jetzt fällt mir das Lassen im Allgemeinen zunehmend schwer, das Schweigen, genau wie das Schleimen und Scheiße hinnehmen, etwa der guten Stimmung zuliebe.

Ich packe es einfach nicht, Höflichkeit und auch diese gewisse gesunde Gleichgültigkeit über meinen inneren Groll zu stellen, wenn mir etwa jemand gegenübersitzt, dessen Gehabe mich an die Grenze des Augenrollens treibt. Wo wir wieder beim Thema der frühzeitigen Vergreisung meinerseits angelangt wären. Um es mal ganz salopp zu formulieren: Ich habe Angst, hochnäsig à la „Ich hasse Menschen“ zu werden und zwar in einer Form, wie ich sie bisweilen immer auf den Tod verteufelt habe. weiterlesen

Brain Blah // Jeder soll schön sein, aber niemand darf es.

15.11.2016 um 17.40 – Allgemein box3 Gesellschaft Leben

body positiveIch habe eine Freundin, die nicht nur blitzgescheit ist, sondern zweifelsohne auch bildschön. Die Diamantin meines Bekanntenkreises sozusagen, vor Selbstbewusstsein strotzend und sogar objektiv betrachtet makellos, von innen und außen. Bloß strahlt sie genau das auch aus, seit der Grundschule schon, weshalb sie wahre Frauenfreundschaften laut eigener Aussage bis heute an etwa einer Hand abzählen kann. Das ist keine Ausrede, jedenfalls musste ich meine eigene Vermutung, nämlich jene eines möglichen Lecks in Sachen Sozialkompetenz ihrerseits, schnell über Bord werfen; schon mehrere Male konnte ich nämlich live dabei zusehen, wie männliche Mitmenschen sich den Hals nach ihr verdrehten, während die anwesenden Damen nichts als abwertende, von Angst geplagte Blicke für die sauschlaue Schönheitskönigin übrig hatten. Das klingt jetzt hoch gestochen, aber ich meine das so, denn wer ausschließlich hübsch daher kommt, wird nur selten als Bedrohung wahrgenommen, stimmt aber das Gesamtpaket: Panik, big time.

Das lassen wir jetzt einfach mal so im Raum stehen, weitere Beobachtung führen uns nämlich geradewegs in eine viel interessantere Einbahnstraße. Wer das mediale Zeitgeschehen derzeit aufmerksam verfolgt, wird wohl kaum an all den lauten Parolen für mehr Selbstbestimmung, Selbstliebe und Selbstsein vorbei gekommen sein, der weiß um den aktuellen, mitunter bis über die Grenzen hinaus vermarkteten Body-Positive-Chor, in den sämtliche Meinungsmacher gerade eifrig einstimmen. Wir begrüßen diese Entwicklung, sehr sogar, bloß frage ich mich zunehmend, ob besagter Appell überhaupt verstanden wurde. Alle sollen schön sein, aber (so gut wie niemand) darf es? weiterlesen

Kommentar //
Herr Trump, der größenwahnsinnige Donald.

09.11.2016 um 14.43 – Gesellschaft

trumpEin Clown zieht ins weiße Haus ein, so schreibt es der Postillon, nur dass so etwas wie Satire diesmal kaum spürbar ist. Wer Trump als Narr mitsamt weißem Haar, teigigem Gesicht und roter Nase bezeichnet, entledigt sich automatisch jeder Übertreibung, der vergisst bei aller Oberflächlichkeit nicht das Wesentliche, weil es ohnehin kaum Wesentliches und insbesondere nur ein verschwindend unauffälliges Maß an Intellekt zu erwähnen gibt, der bedient sich weniger des Pamphlets als vielmehr reiner, schmerzlicher Wahrheit.

Der 9. November 2016 ist ein Schlag in den verwundeten Magen des gesunden Verstandes, ein tragischer Witz auf Kosten der Menschenrechte, eine plötzlich reale Dystopie für jeden Freund der Demokratie, für das denkende Individuum an sich. So schnell abzusehen der fatale Ausgang der US-Wahlen schien, so irrsinnig und unglaublich hallt er nach. Aus „Make America Great Again“ ist „Make America Vote Again“ geworden, Studierende protestieren, Journalist*innen schimpfen und Lena Dunham wähnt sich laut Twitternachricht nur noch in Lady Gagas Vagina in Sicherheit. Sicher vor dem Donald Duck der republikanischen Vollpfosten. Dabei hätte wohl niemand außer der Trump’schen Jünger selbst an den Sieg eines hundsgemeinen Obskuranten, machtgeilen Größenwahnsinnigen, sexistischen Rassisten und strunzdummen Lügners geglaubt. weiterlesen

Kolumne // Entweder ich spinne,
oder meine Wohnung hat Ohren.

02.11.2016 um 11.33 – box3 Gesellschaft Leben Technik

facebook spionageWeil wir kein Technikblog sind, wollte ich die nun folgenden Gedanken zunächst beiseite schieben und weil ich mich außerdem nicht mehr für Technik interessiere als für Royals, war ich mir schnell sicher, mir würde außerdem die nötige Expertise für ebendieses Vorhaben fehlen. Jetzt wird es mir aber langsam zu bunt. Oder besser: Verrückt. Denn entweder mein Hirn hat sich jetzt endgültig dem Wahnsinn verschrieben und sich von kritischen Stimmen, Verschwörungstheoretikern und diversen U.S.-amerikanischen Politserien infiltrieren lassen, oder mein Handy hört, was ich sage. Obwohl, vielleicht ist es auch der Laptop. Oder das Tablet. Jedenfalls muss irgendetwas in meiner Wohnung Ohren haben, etwas, ohne Beine und Arme. Etwas, das eigentlich stets zu meinen Diensten sein sollte, statt mich auszuspionieren. Schon klar, man könnte sich in diesem Moment natürlich fragen, ob die werte Modebloggerin wohl eine Berufsunfähigkeitsversicherung abgeschlossen habe, besser wäre das wohl; so ein bisschen Irrsinn ist bei so viel Internet im Alltag immerhin nicht auszuschließen. Das war ehrlich gesagt auch mein erster Gedanke. Aber es scheint mittlerweile tatsächlich so, als habe sogar das, worüber ich schlafanzugtragend am Frühstückstisch spreche, Einfluss auf den Werbe-Algorythmus meiner ganz persönlichen Facebook Timeline. Ich habe das Treiben, nachdem ich skeptisch wurde, etwas genauer unter die Lupe genommen. Eine ganze Woche lang. Und die sah, grob zusammengefasst, so aus: weiterlesen

Kolumne // Liebe ist wie Süßkram
aus der Papiertüte

26.10.2016 um 12.30 – box3 Feminismus Leben

IMG_8981Ich hatte schon ein paar feste Freunde, etwa vier richtige waren es, und manchmal überkam mich die seltsame Panik, ich könne dennoch so etwas wie ein leichtes Mädchen sein, weil zwischen ebendiesen Partnern auch immer wieder Nicht-Partner für gelegentliches DVD-Schauen auftauchten, meist dann, wenn ich lieber Single als zweisam war, aber eben doch nicht auf sämtliche Vorzüge des menschlichen Miteinanders verzichten wollte. Erstaunlich auch, dass ich das lose Anbändeln irgendwann nicht nur als etwas exotisches betrachtete, das man lieber nicht an die große Glocke hängt, die Leute hätten ja tuscheln können, sondern das In-Einer-Beziehung-Sein im gleichen Atemzug als etwas empfand, das gesellschaftlich irgendwie akzeptierter schien. Jedenfalls fiel es nicht immer leicht, zu erklären, dass XY vermutlich nicht mein Zukünftiger werden würde und zwar einfach darum.

Weil es Phasen in meinem Leben gab, in denen ich lieber Chips im Bett aß, während meine beste Freundin sich auf dem Sessel gegenüber die Fußnägel lackierte, als einem Mann Auskunft darüber zu erteilen, weshalb ich die nächsten zwei Wochen lieber für mich allein buchen würde. Was war ich also froh, als ich endlich mein vermeintliches Deckelchen fand, den Vater meines Kindes nämlich, und dass ich fortan an Pärchen-Tischen sitzen konnte, ohne eine Verkuppelungs-Angst im Nacken zu spüren. Zuvor hatte ich hin und wieder einen Julius kennenlernen oder meinen Nachtisch mit Torben teilen müssen. Alles paletti also, puh. Bis zur Trennung, die Topf und Deckelchen einvernehmlich entschieden, weil aus einer Papiertüte voll bunter Liebe eine leere Tüte geworden war, eine, in der es immerhin noch nach tiefer Freundschaft roch. Da ging die Farce von vorne los. Und Achtung, jetzt kommen wir nämlich zum Knackpunkt, denn wie man es macht, macht man es offenbar falsch oder zumindest entgegen jeder Logik. weiterlesen

Brain Blah // #NoMakeUp
Sag mal, gehts dir nicht gut?

20.10.2016 um 14.24 – Beauty Feminismus Leben

#nomakeup

„I hope to God it’s a revolution. Cause I don’t want to cover up anymore. Not my face, not my mind, not my soul, not my thoughts, not my dreams, not my struggles, not my emotional growth. Nothing.“ Mit ihrem Essay für das Newsletter-Projekt Lenny Letter hatte Alicia Keys sich Ende Mai in die Herzen sämtlicher Frauen geschrieben. Die Musikerin entledigte sich damals pünktlich zur neuen Singleauskopplung „In Common“ ganz öffentlich jeglicher Schminke, selbst auf dem dazugehörigen Plattencover war und ist kein Gramm Puder zu erkennen: „I swear it is the strongest, most empowered, most free, and most honestly beautiful that I have ever felt“, kommentierte Keys später ihre Entscheidung, aus der als logische Konsequenz recht bald die #NoMakeUp Bewegung entsprang.

Frauen aus aller Welt posten sich seither passend zum Hashtag ganz so, wie die Natur sie schuf: ungeschminkt. „Wunderbar“, dachte ich damals schnell, bis ich kurz darauf ins Hadern geriet: Läuft da nicht mächtig was schief, wenn das Natürliche plötzlich als Ausnahme gilt und sogar ganz öffentlich zelebriert werden muss, um überhaupt wieder als salonfähig zu gelten? weiterlesen

Brain Blah // Endlich werden wir wieder
politisch, streiten und fluchen.

29.09.2016 um 11.56 – Feminismus Gesellschaft Leben
freundschaften und politikBild: Louis Vuitton

Vor ein paar Monaten bekam ich eine Nachricht von einem alten Klassenkameraden, wir hatten noch immer 51 gemeinsame Freunde auf Facebook. Zehn Zeilen später waren es nur noch 50. Dank einer ziemlich simplen Frage: Ey, du. Der Thomas ist übergeschnappt, springt für die AfD in die Bresche – kann man das noch tolerieren? Ich dachte nicht nach, sondern kommentierte die jetzt unübersehbare Sympathie-Bekundung zum politischen Abgrund Deutschlands scharf und drückte alsbald den Unfriend-Button. Es war noch nicht einmal eine weise Überlegung, den einstigen Pausenclown aus meinem virtuellen Leben zu löschen, vielmehr handelte es sich um einen natürlichen Reflex und ein bisschen auch um Selbstschutz. Braunes Gedankengut, und sei es noch so geschickt im Deckmantel christlich-konservativer Werte verpackt, treibt mich an die Kotzgrenze und ich hasse es wirklich, mich zu übergeben.

Ob politische Differenzen Freundschaften zerstören können, gerade jetzt, in Zeiten der rechten Hipster, Frauke Petrys, Le Pens und Trumps, darüber diskutierte man in meinem Umfeld fortan vermehrt. Anfangs zögerlich, irgendwann bestimmt. Das „Ja“ fiel niemandem so richtig leicht, denn Freunde sind kostbar. Am Ende gewann dennoch die Gewissheit in tragisch-selbstsicherer Helge-Schneider-Manier: Ich habe mich vertan. Irren ist nunmal menschlich. weiterlesen