Schlagwort-Archiv: Buch-Tipp

Books that shaped & saved my life //
Mit Amelie Kahl vom Amazedmag

05.12.2016 um 15.28 – Buch

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Zusammen mit Milena und Antonia beglückt uns Amelie als eine der drei Gründerinnen des wundervollen AMAZED Mags tagtäglich mit Schönem und Schlauen in Schrift und Bild, für den Bean Store ist sie außerdem als Einkäuferin unterwegs und auch das The Stu, ein Projektraum für Künstler*innen und Entrepreneurs auf dem aufsteigenden Ast, wäre ohne die Münchenerin, die aus Überzeugung niemals Mascara benutzt, höchst wahrscheinlich nur halb so bereichernd. Wofür ich Frau Kahl neben ihrer konstant mindestens dreifachen Umtriebigkeit aber am allermeisten bewundere, ist ihre gnadenlose Offenheit. In ihren Kolumnen schreibt sie etwa darüber, wie es sich anfühlt, immer wieder an sich selbst arbeiten zu müssen, einen Job zu verlieren oder überwältigend häufig missverstanden zu werden, sie stellt Fragen, sucht nach Antworten und spricht über Trennungen und Zweifel mindestens so selbstverständlich wie über das Leben als Frau in einer Gesellschaft, die „Kleine Maus“ noch immer für ein adäquates Kompliment hält.

Nur logisch also, dass ich anlässlich unserer Reihe „Books that saved & shaped my life“ nun endlich wissen wollte, welche Bücher eine fabelhafte Amelie wie diese bisher wohl am meisten genossen und verschlungen hat: weiterlesen

Buch -Tipp // „UNBEHAUSTE“
– 24 Kurzgeschichten über das Fremdsein

22.11.2016 um 12.28 – Buch

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Ich habe eine Schwäche für Kurzgeschichten und wenn ich ein bisschen mehr Grips und Motivation an den Tag legen würde, dafür aber weniger Zweifel hätte, könnte ich mich wohl längst von sämtlicher Panik im Angesicht fehlender Weihnachtsgeschenke frei machen, weil meine Familie unterm Baum endlich die seit Jahren versprochenen Zeilen aus meiner Feder vollgepackt mit Epos lesen müsste. Dem ist aber natürlich nicht so. Weshalb ich andere, nämlich die, die sich getraut und einfach mal gemacht haben, statt bloß drüber zur reden um Ende alles abzusagen, mehr bewundere denn je. Jule Müller etwa, oder auch Fabian Herriger, der übrigens aus meinem Dorf stammt und ohnehin ein ganz feiner Schreiber ist. Die beiden können sich fortan als zwei von 24 Autor*innen bezeichnen, die gemeinsam die von Alexander Broicher herausgegebene Anthologie „Unbehauste“ geschaffen haben, ein Sammelband, das ich in einer einzigen langen Nacht verschlungen habe. Wegen der Vielschichtigkeit der teils fiktiven, teils schmerzhaft echten Geschichten, wegen des Auf und Abs zwischen Wut und Hoffnung, wegen unverzichtbarer Perspektiven und Denkanstöße, die im Kollektiv noch gewaltiger nachhallen. In 24 Geschichten, Essays und Gedichten geht immer um eins: Das Fremdsein. In einem Land, in der Welt oder sich selbst. Ein Thema, das aktueller nicht sein könnte. Womöglich sogar eines der derzeit wichtigsten. Und noch ein Kaufargument: Ein Teil des Erlöses kommt passender Weise der Integrationsförderung zugute. weiterlesen

Top 10 Coffee Table Books //
Gegen Fernweh

25.10.2016 um 9.00 – Buch

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Die Sache mit diesen sogenannten Coffee Table Books habe ich lange Zeit nicht verstanden, oder besser: Missverstanden. Ich vermutete aufgrund meines eigenen Desinteresses, die dicken Foto-Schinken würden ausschließlich aus optischen Gründen, zu Prestige-Zwecken und wegen der Zurschaustellung des eigenen Kunstgeschmacks auf Couchtischen herumliegen. Es sollte tatsächlich noch einige Jahre dauern, bis ich schließlich begriff, dass es auch anders geht. Dass ein Bildband etwa die schönsten Konversationen hervorzaubern kann, dass so ein schweres, großes Buch auch Innehalten bedeutet, und „sich Zeit nehmen“, dass man es im besten Fall immer wieder aus dem Stapel zieht, um sich beim Blättern davon zu träumen und nach neuen Details zu suchen. Mittlerweile verändert sich je nach Stimmung sogar mein Arrangement auf dem Beistelltisch, mal liegt dort wütende Kunst, meist Snapshot Of Dangerous Women und seit neuestem ganz viel Fernweh-Lektüre.

Und wenn ich dann zu lange in „Hide and Seek“ geblättert habe und mein Herz nach einem Bauhaus verlangt, überbrücke ich die Zeit bis zum nächsten Waldspaziergang vielleicht einfach mit Evergreen – Living with plants: weiterlesen

Buch-Tipp //
„Ich hasse dieses Internet“ von Jarett Kobek

13.10.2016 um 8.30 – Buch

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Friederike Schilbach ist für mich so etwas wie eine Buchbrieffreundin, nur, dass anstelle von Siegellack meist ein einfaches Post-It am gedruckten Inhalt ihrer Post an mich klebt. Diesmal sprach die vielerorts hoch geschätzte Lektorin des S.Fischer Verlags in einer rosafarbenen Notiz von nicht viel mehr als Liebe und fügte quasi zeitgleich das digitale Versprechen hinzu, ich könne wohl kaum enttäuscht werden. Von „Ich hasse dieses Internet„, dem jüngsten Roman des Amerikaners Jarett Kobek, der einen türkischen Namen trägt und einst an der NYU studierte. Ab sofort ist seine wütende Schrift auch in Deutschland erhältlich. Und weil ich bisweilen gerade einmal 30 Seiten voran gekommen bin, etwa aufgrund des permanenten Wimmerns meines eMail-Postfaches, dürfte im Grunde klar sein, dass ich mich hinsichtlich des heutigen Buch-Tipps auf blindes Vertrauen stütze, wenngleich ich beim Lesen diverser Zeilen bereits ein paar Tränen gelacht habe und mich dem Autor schon jetzt auf sonderbar ambivalente Weise verbunden fühle. Ich hasse dieses Internet nämlich auch, bloß nicht immer und ausschließlich. Umso schmerzlicher trifft mich Kobeks 368 Seiten starke Vermutung, unsere Gesellschaft leide an flächendeckender Vertrottelung, wenn es um das Begreifen sämtlicher Risiken im Umgang mit Technologien geht. Oder zumindest an proaktiver Verdrängung. An dieser Stelle kommt David Hugendick ins Spiel. Wo mein Wissen über jeden weiteren Inhalt der von den beiden Protagonistinnen Adeline und Ellen getragenen Geschichte endet, beginnt sein wortgewandtes Lob an diesen eloquenten Wutanfall, auf den eine ganze Kritikerschar nur so gewartet haben muss. Ich habe mich verliebt. In zwei Männer gleichzeitig, wie es scheint. weiterlesen

Buch-Tipp //
The Notorious RBG (Ruth Bader Ginsburg)

06.10.2016 um 13.33 – Buch Feminismus

the notorious rbg

Ich habe meine Freundin Betty selten so euphorisch erlebt und Betty ist wirklich ein alter Stein in meinem Freundesbrett. Vor zwei Wochen brachte sie ein Buch mit zum Pizzaabend, knallte es auf den Tisch, hob die Hände als würde sie zur Pirouette ansetzen, schaute uns dabei mit ernsthafter Miene an und forderte: Lest dieses Buch. Denn Ruth Bader Ginsburg sei eine Heldin.

Das ist natürlich ohnehin ein längst glasklarer Fakt, aber seit Irin Carmon und Shana Knizhnik, die beiden Urheberinnen des Tumblrs „The Notorious RBG„, die Genialität der mittlerweile 83-Jährigen 2015 im gleichnamigen Buch verewigt und noch dazu verbildlicht haben, ist aus der zweiten amerikanischen Verfassungsrichterin überhaupt eine Ikone der, wenn man so will, intellektuellen Popkultur geworden. Es kommt jedenfalls nicht selten vor, dass auf sämtlichen, zumeist studentischen Kostümierungs-Parties der U.S.A. junge Ruths gesichtet werden, manche tragen sogar Bart und ausnahmslos alle schwarz-geränderte Brillen zu weißen Spitzenkragen. RBGs Markenzeichen. weiterlesen

Off to New York City // 3 Bücher, die ich mitnehme.

13.09.2016 um 9.45 – Buch

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Ich fliege niemals ohne Bücher, überhaupt bin ich sehr gut darin, mich von der puren Existenz abzulenken. Wenn ich mir das stundenlange Betrachten von Wolkentürmen aber schon freiwillig entgehen lasse, dann zumindest mit Nahrung für den Kopf, denke ich mir bei jedem Gang ins Flugzeug. Manchmal verschlafe ich dieses gut gemeinte Vorhaben allerdings, oder ich esse vor Aufregung tütenweise Pringles und Katzenohren. Kann mir diesmal (es geht jetzt gleich nach New York) ausnahmsweise nicht passieren, zu sehr stecke ich mit der Nase schon seit Tagen in Robert Wringhams „Ich bin raus“. Der britische Querdenker, Sozialist, Autor und Bibliothekar, der außerdem für das Magazin „New Escapologist“ verantwortlich zeichnet, hat mich allein schon mit der Einleitung am Schlafittchen gepackt und abhängig gemacht. Es ist nicht so, als würde ich demnächst nach Patagonien auswandern, aber ein bisschen Selbstreflexion kann nicht schaden. Teju Coles „Open City“ habe ich erst drei Jahre nach Veröffentlichung verschlungen, nämlich 2015. Der junge Autor, der mittlerweile mit Sebald, Camus oder Naipaul verglichen wird, beschreibt die Großstadt New York und ihr Grundgefühl im Laufe seines Romans mit allen Sinnen. Ein intensives Buch, das man nie mehr vergisst und immer wieder lesen will und kann, wie ein guter Film, der in nostalgischen Momenten alles Gedachte noch zusätzlich verstärkt. Und dann ist da noch Sheila Heti, die sich selbst und uns in ihrer Geschichte über zwei Freundinnen die Frage stellt: Wie sollen wir sein? Oder besser: Wollen wir überhaupt so sein? Drei Mal Lese-Glück to go sozusagen. Ich bin dann jetzt mal weg. weiterlesen

Buch-Tipp // „Vom Ende der Einsamkeit“ Von Benedict Wells

24.08.2016 um 22.03 – box1 Buch

benedeict wells vom ende der einsamkeit

Es passiert mir ja selten, dass ich Autor*innen nachstelle, also eigentlich natürlich nie, bloß für Harald Martenstein hatte ich zuweilen mal die Bilder-Suchmaschine angeschmissen, weil ich dringend wissen wollte, wer mir da in der Zeit Magazin Kolumne eigentlich seit Jahren aus der Seele schreibt und schimpft und schwitzt. Im Fall Benedict Wells hingegen tippten meine Finger nach den ersten gefressenen sechzig Seiten des neuen Romans quasi wie von selbst die Buchstaben seines Namens in mein Gesichtsbuch ein; ich brauchte ein Profil und ein paar Augen zu dieser ebenso klassischen wie genialen Erzählweise, die immer sagt, was sie meint, ohne große Kreise um das Eigentliche zu drehen. „Vom Ende der Einsamkeit“ wird vom Feuilleton nicht zu Unrecht so hoch gehandelt wie ein seltener Edelstein, wobei Benedict selbst eigentlich der größte deutsche Literaten-Rohdiamant von allen ist, bescheiden, klug und viel zu weise für sein Alter, nicht protzig oder bloßer Pop, sondern schlichtweg mehr als gut. Sieben Jahre lang schrieb der 30-jährige Münchener an seinem vierten Werk, das in diesem Frühjahr auf „Becks letzter Sommer“ folgte. Es ist ein Familienroman geworden, der vor allem von einer großen Liebesgeschichte lebt. weiterlesen

FEMINISMUS // Buchtipp: „Sex Object“
von Jessica Valenti

02.08.2016 um 12.34 – Buch Feminismus

sex object

In ihrer Essay-Sammlung Sex Object erzählt die amerikanische Feministin Jessica Valenti wie es ist, als Frau in einer Gesellschaft aufzuwachsen, die Frauen verachtet. Und zeigt, welche Macht persönliche Geschichten haben.

Um es gleich klar zu machen: Sex Object ist kein Buch, das man lesen sollte, wenn man sich entspannen will – am Strand, abends vorm Schlafengehen. Sex Object macht stellenweise nämlich ganz schön wütend, fassungslos, traurig. Und genau das macht dieses Buch so gut. weiterlesen

Auf meinem Nachttisch im April //
Wunde Punkte von Matt Sumell

04.04.2016 um 11.29 – box3 Buch

matt sumell wunde punkte

Nachdem ich jahrelang davon ausging, dass es in der Literatur nichts wichtigeres als dicke Schinken und Ergüsse einstiger Intellektueller gäbe, musste ich irgendwann feststellen, dass das waghalsige, moderne Buchleben wie ein lauer Wind an mir vorbei pfiff und ich damit nichts weiter als einer dieser lausigen fehlgeleiteten Bücherwürmer war, die stets meinen, man könne das Gehirn nur mit Prestige-trächtigen Autoren aufmöbeln und die dabei das Beste verpassen. Das andere Lesen wenn man so will, das wie ein Faustschlag in den Magen dringt und im nächsten Moment vor Lebendigkeit überquillt. Deshalb landet inzwischen jeden Monat eine Neuerscheinung auf meinem Nachttisch.

Diesmal ist es Matt Sumells „Wunde Punkte“, das Debüt eines unverschämt talentierten Schriftstellers, der eigentlich gar kein Schriftsteller werden, sondern bloß seiner Dozentin imponieren wollte. Hat nicht funktioniert und so schrieb er seinen ersten Roman, der leicht als Sozialstudie über die Existenz eines waschechten Proleten abgetan werden könnte – wäre da nicht die enorme Komik, die unerträgliche Tragik und das ungemein heftige sprachliche Donnerwetter, das uns mit jeder Zeile in ein anderes Extrem der Gemütszustände wirft. weiterlesen

Auf meinem Nachttisch im März //
„Angst vorm Sterben“ von Erica Jong

04.03.2016 um 12.54 – Allgemein box1

erica jong angst vorm sterben

Vor ein paar Wochen habe ich mir vorgenommen, mehr Zeit mit Schönem zu verbringen und schön, das sind für mich zum Beispiel Bücher, von innen und außen, ich mag nicht nur, was sie mich lehren, sondern auch wie sie riechen, wenn man zum ersten Mal den Deckel öffnet. Sogar einen kleinen Nervenkitzel verspüre ich dann, denn erste Male sind etwas Wunderbares, ebenso wie erste Seiten. Sie sagen manchmal viel, manchmal wenig, aber immer vermitteln sie ein Gefühl, das schwer zu beschreiben, aber deutlich zu spüren ist. Gerade eben fiel die Sonne wie ein warmes Tuch über den einzigen Stuhl, der auf meinem Balkon steht, der Himmel hing glasklar darüber, Pause. Ich legte mir Erica Jong auf die Knie und nahm einen Schluck warmen Tee, den ich bereits nach zwei Absätzen wieder aus meinen Backen prustete. Ich habe keine Ahnung, was mich mit dem gerade erschienen Roman „Angst vorm Sterben“ erwartet, aber ich bin mir sicher, es wird ein Wahnsinnsritt.

Alles, was ich bisher weiß ist, dass Woody Allen das Buch verschlungen hat wie warme Semmeln, dass dessen Autorin so etwas wie die Großmutter von Lena Dunham sein könnte, eine schreibende Legende der 70er Jahre ist sie ohnehin schon, ihr Werk „Angst vom Fliegen“ gilt bis heute als Bibel der sexuellen Befreiung der Frau. Jongs Schreibstil ist messerscharf wie salopp, eine irrwitzige Mischung. Vom Titel sollte man sich nicht abschrecken lassen, denn obwohl die 60-Jährige Protagonistin Vanessa Wonderman vom Verfall umgeben ist, nimmt ihre eigene Existenz mitten in New York jetzt nochmal richtig an Fahrt auf. Zwischen Leidenschaft und Selbstverwirklichung, spontanfick.com, der großen Liebe, Entwürdigung und Erhabenheit, sucht sie nach der Antwort auf die große Frage: Was ist ein geglücktes Leben? weiterlesen

Buch-Tipps // Was ich jetzt lesen werde

06.01.2016 um 13.37 – box1 Buch

leseliste 2016In der ersten Woche des Jahres kaufe ich mir stets eine Handvoll Bücher, die ich während der nächsten 12 Monate hundertprozentig lesen will. Keine Neuheiten, die werden im Laufe der Zeit einfach dazwischen gefudelt, sondern meist Klassiker, die schon viel zu lange auf meiner Leseliste schlummern. Da denkt man immer, man wäre relativ bewandert und hätte bald sämtliche Werke durch, die nicht nur irgendwie wichtig, sondern vor allem auch großartig sind (alles andere wäre wohl mehr Bauchpinseler des Egos als Vergnügen), aber nein. Es geht immer weiter, wahrscheinlich sogar bis ans Ende der eigenen Lebenszeit, weil die Zeit selbst, vor allem für Ruhe und das geschriebene Wort, so oder so das knappste aller Güter ist. Also ran an den Speck, bevor es zu spät ist. Mein Vorsatz 2016: Mehr als nur ein Buch pro Monat verschlingen, bis die Augen viereckig werden. Den Fernseher habe ich dafür wieder aus der Wohnung verbannt – zu viel Ablenkungsgefahr und was soll ich sagen, ein Hoch auf Netflix, wenn das Hirn doch nicht will.

Obwohl ich mir für solche Momente erstmals erhobenen Hauptes ein Buch aus der Kategorie „Freche Frauen“ zugelegt habe. Nein, ich schäme mich nicht. Ich werde mich in Badeschaum suhlen und Tränen weinen. weiterlesen

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Bildband-Tipp //
„Snapshots of dangerous Women“

27.08.2015 um 12.52 – box1 Buch

snapshots of dangerous women„When I’m good, I´m very good, but when I’m bad, I’m better.“ – Mae West 

Männer sind Männer rund Frauen sind Frauen, so war das damals, und damals ist noch gar nicht lange her. Trinken, rauchen, laut und frivol sein, hinter dem Lenkrad sitzen und vielleicht sogar rasen, Sport treiben, Haut zeigen, Abenteuer erleben und sich vergessen – die „dangerous women“ von früher mussten dafür mutig sein. Beim Betrachten der sorgsam kuratierten Fotografien, die zwischen den 30er und 60er Jahren aufgenommen und von dem New Yorker Kunstsammler Peter J. Cohen aus Flohmarktkisten dieser Welt gerettet wurden, ersäuft man entweder in Langweile, weil „alles schon gesehen“, oder aber man denkt sich fort, zum Beispiel ins Jahr 1922, als in der Zeitung noch Schlagzeilen wie a women is arrested for lighting a cigarette in the street zu lesen waren, man sucht nach den Geschichten hinter den Schnappschüssen und versinkt in Fragen, die größer sind als temporärer Leichtsinn. Und dann ist da noch Dankbarkeit. Dafür, dass es sie gab, die wilden Hilden und Dorothy Levitts dieser Welt, die lieber Hosen als Röcke trugen, an Autos schraubten, im Flugzeug den Atlantik überquerten und sich ihre Lippen als Zeichen der eigenen Emanzipation mit feuerroter Farbe bemalten. Manchmal hilft es, sich daran zu erinnern, dass Selbstverständlichkeiten irgendwann einmal Ausnahmen waren – um am Ende festzustellen, dass wir genau da weiter machen sollten, wo wir uns heute in wohliger Bequemlichkeit suhlen. „A dangerous woman doesn’t break the rules – she makes them.“ weiterlesen

INTERVIEW // Mirna Funk über ihr Buch
„Winternähe“ & modernen Antisemitismus

21.08.2015 um 9.48 – box2 Buch

mirna funk winternaeheMirna Funk ist eine deutsche Jüdin, die 1981 in Ostberlin geboren wurde. Sie redet schnell und laut, aber nicht einfach so, sondern weil sie viel zu sagen hat. Nach ihrem Studium der Philosophie und Geschichte schreibt sie für zahlreiche Publikationen wie „Interview“, den „Freitag“ und das „ZEITmagazin“, über Feminismus, Mode und Antisemitismus – Mit Schubladen konnte Mirna noch nie viel anfangen. Im Sommer 2014 geht die Journalistin nach Tel Aviv, um von dort aus über ihr Leben im Ausnahmezustand zu berichten. Was vor knapp einem Jahr noch niemand wusste: Gleichzeitig arbeitet sie ganz still und heimlich an ihrem ersten Roman „Winternähe“, der gerade erschienen ist und prompt mir dem Uwe-Johnson-Förderpreis für das beste deutschsprachige Debüt der vergangenen zwei Jahre ausgezeichnet wurde.

Winternähe“ erzählt eine Geschichte zwischen Berlin und Tel Aviv, die Geschichte von Lola. Lola ist aber nicht Mirna, Mirna nicht Lola. Ein paar Gemeinsamkeiten gibt es trotzdem: Den von Fremden aufgemalten Hitlerbart zum Beispiel. Die Suche nach der eigenen Identität als Vaterjüdin, den Versuch, selbstbestimmt zu leben und die Fassungslosigkeit darüber, dass selbst Freunde sich zu antisemitischen Kommentaren in der leichtsinnigen Wonne der Social Media Welt hinreißen lassen. Ein bisschen soll „Winternähe“ auch Aufklärung sein, sprachlich schlau und provokant, eine Art Handbuch, das die Vielfalt der israelischen Gesellschaft aufzeigt und Wissen gegen gefährliche Vorurteile austauscht. Im Interview spricht Mirna Funk über die Angst der Deutschen vor dem Fremden, über die Liebe zu ihrem Mann, den sie als Tochter einer nicht-jüdischen Mutter in Israel nicht heiraten darf und die Zeit im Krieg. weiterlesen

Buch-Tipp // Miranda July
– „The First Bad Man“

12.08.2015 um 11.00 – box2 Buch

the first bad man miranda julyIn meinem Wandschrank stehen zwei Bücher von Miranda July, „No one belongs here more than you„, eine Kurzgeschichtensammlung, und „Learning to love you more„, das im Grunde eine gebundene Zusammenfassung des gleichnamigen Kunstprojekts ist. Beide Werke haben mich fasziniert, keine Frage, aber keines hat mich um den Schlaf gebracht. Ähnlich erging es mir mit den beiden Langfilmen der in Los Angeles lebenden Allround-Künstlerin, weder „The Future“, noch „Me and you and everyone we know“ konnten mich, im Nachhinein betrachtet, so richtig mürbe machen, im positivsten aller Sinne natürlich, was nicht bedeutet, dass ich sie nicht mochte. Es ist nur ein bisschen so, als würden sämtliche Kritiker dieser Welt Miranda July bedingungslos auf Schritt und Tritt folgen, vielleicht weil sie selbst als Person so bunt und schön und bizarr ist, womöglich fehlte mir bisweilen aber auch einfach der Sinn für ihre filmischen und literarischen Ergüsse, gut möglich.

Etwas anders verhält es sich mit ihrem Debüt-Roman „The first bad man„, der jüngst im Englischen erschien. Seit drei Tagen gehe ich zu spät ins Bett, um doch noch eine Seite lesen zu können und noch eine und noch eine, bis die Augen brennen. weiterlesen

Buch-Tipp //
„Das Ende von Eddy“ von Édouard Louis

23.04.2015 um 11.18 – box2 Buch

SAMSUNG CAMERA PICTURESIch weine selten, während ich lese. „Das Leben von Eddy“ hat mich oft weinen lassen, wegen der Zeilen, Zitate und dem Zittern in der geschriebenen Autoren-Stimme. Wegen der aufkommenden Wut auf die beschränkte Menschheit und auf sämtliche Protagonisten des Debüt-Romans dieses französischen Wunderkindes, das seine eigene Geschichte aufgeschrieben hat, um dem Leben von früher zu entkommen und in ein neues aufzubrechen. Um gehört zu werden, um anderen, die so sind wie er, Édouard Louis, Mut zu machen, vielleicht aber auch, um Exorzismus zu betreiben, um die bösen Geister der Vergangenheit los zu werden. Nicht jede Zeile sei autobiographisch, heißt es. Aber wahr genug, um nachzuhallen wie die Schreie seiner überforderten Mutter. Wie sein eigenes Wimmern, wenn der Bruder ihn wider und wieder tot schlagen wollte, wenn der autoritäre Vater nicht an sich halten konnte. Scheiße nochmal, wieso heult der immer, warum ist der so? Das soll ein Kerl sein? Ich habe ihn nicht erzogen wie ein Mädchen, verfluchte Scheiße. Reg dich ab, muss das sein, dieses tuntige Gefuchtel. 

Der hochbegabte Soziologiestudent schreibt darüber, wie man eine Kindheit in ärmlichen Verhältnissen, zwischen Rassismus, Missbrauch und Gewalt überlebt, wenn man schwul ist. weiterlesen