Schlagwort-Archiv: Kolumne

Brain Blah // Endlich werden wir wieder politisch, streiten und fluchen.

29.09.2016 um 11.56 – Feminismus Gesellschaft Leben
freundschaften und politikBild: Louis Vuitton

Vor ein paar Monaten bekam ich eine Nachricht von einem alten Klassenkameraden, wir hatten noch immer 51 gemeinsame Freunde auf Facebook. Zehn Zeilen später waren es nur noch 50. Dank einer ziemlich simplen Frage: Ey, du. Der Thomas ist übergeschnappt, springt für die AfD in die Bresche – kann man das noch tolerieren? Ich dachte nicht nach, sondern kommentierte die jetzt unübersehbare Sympathie-Bekundung zum politischen Abgrund Deutschlands scharf und drückte alsbald den Unfriend-Button. Es war noch nicht einmal eine weise Überlegung, den einstigen Pausenclown aus meinem virtuellen Leben zu löschen, vielmehr handelte es sich um einen natürlichen Reflex und ein bisschen auch um Selbstschutz. Braunes Gedankengut, und sei es noch so geschickt im Deckmantel christlich-konservativer Werte verpackt, treibt mich an die Kotzgrenze und ich hasse es wirklich, mich zu übergeben.

Ob politische Differenzen Freundschaften zerstören können, gerade jetzt, in Zeiten der rechten Hipster, Frauke Petrys, Le Pens und Trumps, darüber diskutierte man in meinem Umfeld fortan vermehrt. Anfangs zögerlich, irgendwann bestimmt. Das „Ja“ fiel niemandem so richtig leicht, denn Freunde sind kostbar. Am Ende gewann dennoch die Gewissheit in tragisch-selbstsicherer Helge-Schneider-Manier: Ich habe mich vertan. Irren ist nunmal menschlich. weiterlesen

Kolumne //
Wir müssten viel mehr wie Toni Erdmann sein.

27.09.2016 um 18.33 – Film Gesellschaft Leben

die neue kauzigkeit

Neulich saß ich im Kino und musste mich vor Lachen beinahe übergeben, ein Popcornkorn hatte sich beim heftigen Jauchzen zwischen Gaumen und Nase verirrt und klebte nun dort fest, Tränen schossen mir in die Augen, nicht aber vor Verzweiflung, sondern wegen dieser maximalen Wonne, die mir an Situationskomik beschert wurde. Ines Conradi gab auf der Kino-Leinwand als „Whitney Schnuck“ gerade lautstark „The Greatest Love Of All“ zum Besten, irgendwo in einem fremden Wohnzimmer, voller Inbrunst. Die Dame auf dem Platz neben mir versuchte währenddessen ihren Lachanfall durch heißblütiges Trommeln auf den Oberschenkeln ihrer Begleitung in den Griff zu bekommen, ein glückseliges Grunzen erfüllte den Saal.

Die deutsche Regisseurin und Drehbuchautorin Maren Ade hatte die Welt mit ihrem Spielfilm „Toni Erdmann“ zweifelsohne exakt in diesem Moment zu einer besseren gemacht. Eigentlich heißt der pensionierte Protagonist und Musiklehrer übrigens Winfried Conradi und hegt eine Vorliebe für schräge Scherze. Als sein Hund stirbt, macht er sich auf den Weg nach Bukarest, um die spießige Tochter vor der furztrockenen Einöde der Berater-Branche zu retten. Uns rettet er im gleichen Atemzug vor zu viel Heuchelei, zu wenig Freiheit und vergessenem Humor. Jeder von uns Zuschauenden wusste jedenfalls schnell, dass er gut daran täte, endlich mehr Toni in sein Leben einkehren zu lassen. Ein bisschen mehr Fuck Off eben. Und Mut zur Kauzigkeit. In den folgenden Tagen versuchte ich also, meinen inneren Erdmann häufiger nach außen zu kehren, statt ihn weiter zu ersticken. Wenn auch nicht immer erfolgreich. weiterlesen

Brain Blah // Darf man manchmal eine gemeine Mistkuh sein?

06.09.2016 um 7.30 – Gesellschaft Leben Wir

brain blah darf an manchmal gemein sein thisisjanewayne

Ich war jetzt sehr lange sehr verliebt in den Heiligenschein der Harmonie. Immer um Diplomatie bemüht, stets freundlich und bescheiden, manchmal sogar unsichtbar, jemand, der eher schweigt als zu streiten und rot anläuft, sobald andere gemein werden. Also jedenfalls grob zusammengefasst, so als Freundin, Partnerin, Ex, Bekannte oder Unbekannte. Beim motzigen Inder etwa entschuldige ich mich seit mittlerweile drei Jahren dafür, im Dachgeschoss zu wohnen, er bekommt sogar Extra-Trinkgeld zum Sowieso-schon-Trinkgeld, wegen der Bonus-Treppen. Dabei hat er es in Wahrheit noch nie über die Belle Etage hinaus geschafft, wenn es klingelt, renne ich meinem Palak Paneer ohnehin entgegen, als sei der flammende Curry-Spinat mein persönlicher Sonnenuntergang. Herr Lieferservice hingegen schlendert tendenziell und bleibt manchmal sogar heimlich stehen um Stufen zu sparen. Ich merke das, aber schweige. Bloß anderen nicht zur Last fallen. Ist egal, dass der nie danke sagt. Ist auch egal, dass der Nachbar von unten nie grüßt, aber böse guckt und seine Frau ebenfalls schaut, als laste sämtliches Übel der Welt auf ihren Schultern. Vielleicht tut es das ja. Deshalb winke ich an guten Tagen ganz versöhnlich rüber. Es tat mir auch leid, als ich neulich einem Betrunkenem im Park im Weg herum lag, echt. Und richtig, was versuche ich auch mit einem 20 Euro Schein zwei fünfundzwanzig Cent Brötchen zu bezahlen, die es noch dazu überhaupt nicht gibt, weil „dit sind Schrippen!“. Tschuldigung, ich hätte es wirklich verdient gehabt, in meiner Dekadenz zu ersaufen.

Jetzt ist es aber nunmal so, dass das immanente Höflichkeits-Töpfchen irgendwann auch echt mal voll ist. Es fing also an, in mir zu brodeln. Und wie es brodelte. weiterlesen

Kolumne // Ich will so nicht wohnen,
aber vielleicht auch doch.

01.09.2016 um 10.00 – Leben Wohnen

wg leben thisisjanewayneHeute ist Lios erster Kitatag, ich bin nervös, obwohl ja schon ein ganzes Jahr bei seiner Tagesmutter ins Land gezogen ist, aber jetzt sitzt da morgens endgültig kein Buddha-Baby mehr in seinem Hochstuhl-Thron vor mir, sondern ein süßrotziger Frechdachs mit wachen Augen, eigenem Willen und den Pausbacken voll mit Müsli, jetzt wird der kleine Mann plötzlich wirklich groß und mein Drang nach Veränderung noch dazu. Lio und ich, wir sind uns nämlich sehr ähnlich.

Je mehr Menschen sich in unserer direkter Umlaufbahn befinden, desto tiefer ruhen wir in uns, reden müssen wir dabei nicht, wir können sogar ziemlich lange schweigen, genießen immerzu die Abwesenheit von menschlicher Ebbe, Freunde sind unsere Familie, denn die Blutsverwandten sind allesamt 600 Kilometer weit weg. Zu zweit wird uns daheim außerdem schnell langweilig und auch zu dritt. Das gemütliche Familiendasein, wie wir es sonst so kennen, schläfert uns schon nach wenigen Tagen ein, fragt mich nicht weshalb, aber am glücklichsten sind wir stattdessen irgendwo in der Natur oder zwischen Plappermäulern, Picknickdecken und Pastatellern in fremden Küchen. Ich habe deshalb, nach langem Hin und Her, entschieden, dem klassischen Vater-Mutter-Kind-Wohnungsmodell lebe wohl zu sagen. Genauer gesagt habe ich das ja schon vor vielen Monaten getan, aber nun bin ich eben auch dem Freund-von-Mama-Mama-Kind-Modell entwachsen. Ich möchte zurück in eine WG, aus ganzem Herzen. weiterlesen

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Fair Friday // Kolumne: Wie ich über die Nachhaltigkeit mich selbst vergaß

This is Jane Wayne - Julia Jane - Kolumne

Manchmal beschließe ich einfach, wie das Leben sein soll. Ich beschließe, dass es vorhersehbar, kalkulierbar und kontrollierbar ist. Wie eine Matheaufgabe. Es gibt richtig und falsch. Nur eine Lösung. Eine Gleichung kann eben nicht ein bisschen richtig sein: Entweder sie ist gleich oder es ist eben keine Gleichung. Es erscheint mir oft einfacher, ein genaues Ziel vor Augen zu haben und den Weg dorthin dann auch konsequent zu gehen, komme was wolle.

So geht es mir auch mit dem Thema Nachhaltigkeit. Logisch und nachvollziehbar war für mich immer: je nachhaltiger du lebst, desto besser. Wenn man etwas erkannt hat, dann muss man etwas ändern. Sofort, unmittelbar und in großen anstatt in kleinen Schritten. Was mein Hinterstübchen dabei nie durchkreuzte, war die Frage, ob Nachhaltigkeit auch Grenzen haben darf. Und ob ich mich gegen die objektiv richtige Entscheidung stellen darf, wenn sie subjektiv bedeutet, dass sich mein Wohlbefinden verschlechtert. weiterlesen

Kolumne //
Carrie Bradshaw in Bullerbü.

09.06.2016 um 0.19 – Leben Wir

brain blah thisisjanewayne wie wollen wir leben

Meine Freunde bezeichnen mich liebend gern als pedantischen Interieur-Hammel, ständig muss alles aufgeräumt und umgeräumt werden, Unordnung macht mich unausgeglichen und traurig. Seit ein paar Tagen verläuft allerdings eine hölzerne Eisenbahnstrecke aus rund 95 Elementen quer durch das gesamte Wohnzimmer und eine güldene Saint-Laurent-Sandale, bis hin zur Küche, wo eine rote Lokomotive im Minuten-Takt halt macht, um immer wieder neue Trauben einzuladen. Irgendetwas ist also ganz offensichtlich anders als zuvor. Meine Wohnung jedenfalls mausert sich in großen Schritten zur Villa Kunterbunt, inklusive formschöner Wachsmalstift-Gemälde an den Wänden, einem Indianer-Tipi neben dem Sofa und Duplo-Stein-Bergen am Schlafzimmer-Horizont. Macht aber nichts. Und gestern erst, ich saß zwischen drei Kindern auf dem Boden einer Veranda im Grünen, eines naschte Erdbeeren und wischte sich die Finger an meinem Lieblingskleid sauber, die beiden anderen bauten einen Turm aus gesammelten Steinen, da übermannte mich zum ersten Mal seit Wochen so etwas wie geistige Tiefenentspannung gepaart mit schönster Gleichgültigkeit, noch nicht einmal die siebzehn Holzsplitter in meinem Fuß raubten mir mein neues Rentner-Lächeln. Zur Erklärung: Lios Kita hat sich in die Ferien verabschiedet, ich sitze also ganz tief drin im 24/7-Mama-Boot. Eine, man mag es kaum glauben, komplett neue Erfahrung für mich. weiterlesen

Kolumne // Warum weint es sich eigentlich
schöner im Taxi?

19.05.2016 um 17.37 – Kopfchaos

taxitaxi

„Wir bedanken uns für 46 Fahrten mit uns im April!“ – Steht in der Email an mich mit beigefügter Monster-Rechnung des Taxiunternehmens, welches sich als meine neue kreischende Hauptgeldausgabestelle entpuppt.

Was läuft denn hier falsch – oder eben gar nicht?

Eine Taxirechnung in Höhe eines klapperigen Gebrauchtwagens ist zumindest ein Anlass, sich darüber mal ein paar Gedanken und des Pudels Kern ausfindig zu machen. Wann und warum habe ich denn aufgehört in die Tram zu steigen? Wieso erzeugt das Wort U-Bahn senkrechte Nackenhaare? Steckt da womöglich noch was Größeres hinter, als zum Himmel stinkende Faulheit? Bin ich das Problem oder die Menschen? Oder sehe ich mein Geld statt in einer neue Gucci Tasche, ganz einfach lieber in geile Fahrten von A nach B investiert?  weiterlesen

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Kolumne //
Warum ich daten doof finde.

02.05.2016 um 13.45 – Leben

girls talk thisisjanewayne

Um gleich mit der Wahrheit in den Hausflur zu fallen: Dates bereiten mir in etwa so viel Freude wie Kartoffeln schälen und im Grunde ists ja auch kaum etwas anderes. Man muss eben ein bisschen rumpopeln, um irgendwann zum Genuss zu gelangen. Manch eine Langzeitsbeziehungsfreundin sieht das Ganze durchaus positiver als ich, fast schon romantisch-verklärt: als Singlefrau lebe man schließlich im unerschöpflichen Schlaraffenland der Leckerbissen, ganz so, als würde hinter jeder zweiten Ecke ein knuspriges Männer-Croissant nur darauf warten, endlich angeknabbert zu werden. Das ist vielleicht sogar fast wahr. Hätte der Ofen des Lebens das männliche Auslage-Sortiment nicht hier und da ein wenig zu heiß gebacken. Oder sogar zu kurz. Nach dem ersten Bissen bleibt dann nichts als eine einzige halbgare Schweinerei übrig, obwohl das Antlitz gerade doch noch so makellos gülden erschien. Verschwendete Liebesmüh nennt man solche Fälle und Momente, in denen man seinen Kopf am liebsten schon nach den ersten drei W-Fragen und vor dem Hauptgericht feste auf den in Kerzenschein getränkten Dinner-Tisch knallen will. Als Alternative zum polnischen Abgang, in der Hoffnung rasch ohnmächtig und von starken Sanitätern vor der fortlaufenden Katastrophe gerettet zu werden.

Ich bleibe meist einfach sitzen, schon allein deshalb, weil ich seit jeher Sklavin meiner antrainierten Höflichkeit bin. Jedenfalls habe ich dann irgendwann den Salat und noch dazu das Stück Bratkartoffel auf meinem Sofa sitzen. weiterlesen

KOLUMNE // Der Social Media-Guide
für Turteltauben

21.03.2016 um 12.09 – box1 Leben Wir

scalamaris welt kolumneHeute gilt der Fokus mal ausnahmsweise nicht dem schnöden Leid der breiten Masse. Nein, ich nehme mich in dieser Ausgabe einer sozialen Randgruppe an – nämlich der für die Umwelt untragbaren Menschenkategorie „frisch verliebt“. Wir alle wissen längst, heute funktioniert nichts, und zwar nicht einmal oder schon gar nicht, die Liebe ohne Internetaustausch. Der Weg durch offene Love-Tabs ist gepflastert mit Missverständnissen und Wlan-Venus-Fallen.

Zeit, euch angry Love-Birds mal aus der Grauzone LiebesNetz-Kommunikation rauszuholen. Damit aus euch Turteltauben keine twitternden Idioten-Vögel werden. Nimm diesen Erfahrungs-Guide als streng liebevollen Schulterklopfer, du armes süßes Marzipanschwein. Nur so kann das alles überhaupt was mit euch beiden werden. weiterlesen

Fashion Tales //
Zeig mir deine Schuhe und ich sag dir, wer du bist.

25.02.2016 um 13.38 – Leben Mode

lieblingsschuhe

Ich habe mir stets große Mühe gegeben, nicht wie ein komplettes Modeopfer zu wirken. Oder wie eine Tussi. Oder wie jemand, dessen Gehirn ausschaut, als hätte man es mit einem Vakuumierer auf Rosinengröße zusammen geschrumpft. Ich ging außerdem jahrelang davon aus, die oben genannten Attribute seien untrennbar mit dem Geschmack einer Frau verknüpft, getreu dem Motto „Zeig mir deine Schuhe und ich sag‘ dir, wer du bist.“ Pinke Pumps – ciao, weiße Stiefel – klarer Fall, Blingbling – Prost, Mahlzeit. Ihr könnt euch sicher vorstellen, was passierte, als ich beim Aufräumen und Aussortieren meines modischen Hab und Guts jüngst einen Strauß aus Lieblingsschuhen auf dem Boden platzierte. Die totale Identitätskrise. Ich fragte mich, ob das da unten tatsächlich mein voller Ernst sein könne und ob ich sie überhaupt noch alle beisammen hätte. Wer würde beim Anblick dieses Fußschmuck-Potpourris schon vermuten, dass deren Besitzerin sich bei einem Konzert von Rage against the machine einst die Nase brach und trotz Blutspur bis zum Bauchnabel noch weitere zwei Stunden auf den Beinen stand. Heute stehe ich in Ballerinas, die Ohren haben. Goldene Ohren. Und eine Stupsnase.

Vielleicht ist es ganz einfach: Ein Schuh dient nicht als Spiegel unseres Charakters, sondern als Seismograph unserer Träume. Er zeigt, wie wir gern wären. Oder besser: Welcher verborgene Teil unserer ohnehin gespaltenen Persönlichkeit nach ein bisschen mehr Aufmerksam verlangt. Es folgt also: Eine kleine Analyse der Sehnsüchte in vier Schritten. weiterlesen

Kolumne // Scalamaris Welt – Drei Freunde bei Wein am Tisch (und die Liebe)

03.02.2016 um 17.12 – Leben

scalamari jane kolumne

Kein Wunder, dass ich euch bei heiteren 8 Grad auf ganz, ganz dünnes Eis ziehe. In eine dunkle Ecke des Treuelandes hinter den Monogamie-Bergen auf die Selbstbestimmtheits-Avenue, auf der ich mich vor kurzem wiederfand und mir dabei ordentlich das Herz prellte.

Das Thema taute und tauchte auf als eine Beichte vor Freunden bei Wein, dass da seit vielen Jahren – selbst während Beziehungen – stets noch ein geheimer anderer Jemand im Spiel ist. Jemand, für den es nie eine sozial abnickbare, offizielle Schublade gab. Er ist weder Kumpel, noch fester oder bester Freund und wir sind mehr als Affäre. Mal sehen wir uns ständig und dann wieder wochenlang überhaupt nicht. Er ist Teil meines Lebens und ich seines, aber eben nur für uns alleine und still und ja – auch heimlich. weiterlesen

Brain Blah //
Stadt, Land, Frust.

01.02.2016 um 22.11 – Leben

stadt land frustGestern Abend habe ich aus gegebenem Anlass mit meinem besten Freund telefoniert, wobei ich eher einen lauten, aufgeregten Monolog hielt, zwanzig Minuten lang, über den für mich größten Grund nie wieder in die Heimat zu ziehen, den Supermarkt. Dieser 200 Quadtrameter weite Raum erscheint mir jedes Mal so vollgepumpt mit geistiger Winzigkeit, dass ich nach jedem einzelnen Besuch gewillt bin, einen Mandala-Malkurs zum Abbau meiner dort binnen weniger Minuten geschürten Super-Aggressionen zu belegen. Es ist ein bisschen wie im Streichelzoo, nur dass man im Angesicht dessen, was sich vor dem Gemüseregal und in den Gängen abspielt, nichts und niemanden streicheln, sondern nur noch weinen will.

Im Grunde bedarf es keiner weiteren Worte der Erklärung, an dieser Stelle kann man der eigenen Phantasie und sämtlichen Klischees getrost freien Lauf lassen, der Querschnitt des menschlichen Wurstsalats der Einöde ist nämlich genau so, wie man ihn sich vorstellt, jedenfalls in meinem Minidorf, das zu einem etwas größeren Dorf gehört, in dem es nochmal ganz anders zugeht. Hier aber wachsen hauptsächlich Beates und Renates, die ihre Einkaufslisten abarbeiten als gäbe es einen Preis zu gewinnen, gibt es ja auch, womöglich vom hungernden Ehemann, Männer sieht man hier im Übrigen kaum, dafür aber Umengen an ordentlich aufgedrehtem Haar, das auf festgefrorenen Gesichtern thront. Dazwischen wird über andere gegackert was das Zeug hält, wer Freund ist und wer Feind, lässt sich nur schwer raten, wer den besten Schwiegersohn hat, weiß man jedoch genau: „Der Micha baut jetzt auch ein Haus, der fährt auch ein schönes Auto, nett ist der,“ sowas hört man häufig. An kaum einem anderen Ort, der mir zugänglich wäre, scheinen die wirklich wichtigen Glücksfaktoren des Daseins so stiefmütterlich behandelt zu werden wie hier, es ist, als beschäftige man sich freiwillig tagein, tagaus mit Oberflächen, mit dem perfekten Gartenzaun zum Beispiel, damit man erst gar nicht Gefahr läuft, über den eigenen Horizont hinaus schauen zu müssen. Am Ende bekäme man noch Lebensdurst oder einfach Lust auf Veränderung und das käme einem sozialen Selbstmord gleich. weiterlesen

Kolumne //
Von Veränderungen & Basilikum-Menschen

13.01.2016 um 16.18 – box2 Leben

trennung
Ich wollte immer schreiben, weniger als Journalistin als vielmehr als Autorin, Gedanken teilen und diskutieren, ein bisschen von mir in all jene Themen und Texte stecken, die viel zu häufig wie trockenes Toastbrot behandelt werden, als existierten mehr Fakten als Gefühle, dabei ist es meist genau anders herum. Immer wieder trete ich mir bei diesem Unterfangen auf den eigenen Schlips, frage mich, wo überhaupt die Grenzen gesteckt sind, welcher Teil sämtlicher Gedanken nur mir allein gehören sollte, wie viel ich preisgeben darf, ohne ins Absurde abzurutschen und meiner Privatsphäre allzu sehr auf die Pelle zu rücken. Es kommt nicht selten vor, dass mir mehrere hundert Zeilen in den Fingern kribbeln, obwohl ich am Ende keine einzige davon zu Papier bringe. Weil immer irgendetwas blockiert, am meisten die Angst. Dabei sollte selbige 2016 endlich aus meinem Leben verschwinden.

Vor ein paar Wochen saß ich mit einem von mir angebeteten Kolumnisten bei Keksen und Tee zu Tisch, meine Zweifel stießen auf wenig bis kein Verständnis. Du wirst nie gut sein, wenn du in deinem eigenen Käfig sitzt. Raus da, frei sein. Explodieren. Lass die Worte, die in deinem Kopf sitzen, nach draußen, das bist du ihnen schuldig.  weiterlesen

Brain-Blah //
Das Gegenteil von Angst 2016

05.01.2016 um 14.05 – Leben

chopinGestern Nacht habe ich zum allerersten Mal fast alleine in meiner Wohnung geschlafen, Lio im Zimmer nebenan und eigentlich hätte es mucksmäuschen still sein sollen. War es aber nicht, jedenfalls nicht in meinem Kopf und womöglich sind 85 Stunden Dexter daran Schuld. Ich sah mich jedenfalls schon vor fremder DNA triefend auf dem Wohnzimmerboden liegen, während ich es mit Meditation und selbsterzählten Flachwitzen gegen die Furcht versuchte. Mein eigener Herzschlag im Ohr war dabei nur wenig hilfreich, weshalb ich irgendwann aufgab, aufstand und überall das Licht und auch eine heimliche Zigarette anmachte, die ich mir durch die Lunge jagte, als wäre es die letzte dieser Welt. Im Klassikradio lief Chopin. Nach Wahnsinn kommt wohl manchmal Glück, jedenfalls verbuchte ich das endlose Pianokonzert als aufmunternden Arschtritt vom Universum und blieb ganz ruhig sitzen, statt mich vor Panik zu übergeben, wie ich es nämlich eigentlich vorhatte. Die Scheiße muss raus aus meinem Körper, dachte ich noch. Die Gesamtscheiße. Aber Frédéric war ja plötzlich da; es gibt keinen besseren Gefährten, wenn man kurz davor ist, Mandalas zu malen. weiterlesen

Rückblick 2015
– die 12 beliebtesten Kolumnen 2015

04.01.2016 um 15.21 – box3 Gesellschaft Leben

die besten kolumnen 2015

Was ich an meinem Beruf eigentlich am allermeisten mögen würde, werde ich ziemlich häufig gefragt, denn natürlich lechzt der ein oder andere Naseweis geradezu danach, mir sämtliche Cupcakes und Superschuhe im wahrsten Sinne des Wortes auf der Zunge herum drehen zu können.  Glücklicherweise kommen mir selbige aber nur ziemlich am Ende meiner persönlichen Arbeits-Alltag-Hitliste in den Sinn. Es ist viel eher die Liebe zum geschriebenen Wort, die mich an Bratpfannen-Tagen aus der Gehirnsalatsuppe fischt und immer dann zum Hoffnungsschimmer avanciert, wenn vor lauter Mails kaum Spaß in Sicht ist. Nach Feierabend verkrieche ich mich dann gern mit ein, zwei Gläsern Rotwein in meiner Schreibecke und tippe mal schnittig-schnippige Kommentare, mal pathetische Möchtegern-Weisheiten und ab und zu auch noch größeren Unsinn als die Menschheit ertragen kann. Ein paar wenige dieser Texte landen regelmäßig in unserer Kolumnen-Kategorie und werden überraschenderweise wie wild geklickt. Die 12 beliebtesten Beiträge, darunter auch Gedanken von Scalamari, seht ihr nach dem Klick.

Mich plagt jetzt nur noch eine Frage: Wie soll es in Zukunft weitergehen? Es ist nicht so, als würden mir nicht hundert weitere Themen in den Fingern kribbeln, bloß habe ich mich tragischerweise irgendwann in den beinahe unbesiegbaren Spagat zwischen Fiktion und persönlichen Erfahrungen begeben. Ständig muss ich aufpassen, was ich schreibe, weil jedes Wort automatisch als Tagebucheintrag gelesen wird. Was logisch ist, aber nicht immer richtig. Das blockiert und ist ein ziemlich beschneidendes Gefühl, um hier mal bei einer ordentlichen Portion Drama und Pathos zu bleiben. Ich könnte mir jetzt also ein Pseudonym zulegen, aber ihr würdet es höchstwahrscheinlich schneller merken, als der erste Satz beendet wäre. Tabula Rasa? Alles auf Anfang und hemmungslos drauf los tippen, ohne Rücksicht auf Verluste? Möglich, aber auch ein bisschen schmerzhaft. Wir werden sehen – 2016 wird jedenfalls ein wildes Jahr und wir nehmen niemanden lieber mit als euch ♥ weiterlesen