Schlagwort-Archiv: Kolumne

BLACK GIRL CONFESSIONS // VON DER KUNST, EIN WÜTENDES LEBEN ZU FÜHREN

27.06.2017 um 14.03 – Kolumne Leben Wir

Zurzeit versuche ich meine Emotionen besser in den Griff zu bekommen und rationaler zu werden. Erwachsener für mein Verständnis. Ich will nicht mehr so herausschreien, was in meinen Kopf schießt und vor allem vorher noch einmal kurz bedenken, was ich eigentlich sagen will. Ob das überhaupt ok ist, dieses und jenes so zu formulieren oder ob mich die Materie überhaupt etwas angeht. Auf meiner eigenen Baustelle bleiben. Selfreflection is key. Aber was ist mit den Momenten, in denen man sich so absolut nicht mehr zu beherrschen weiß und vor Empörung und Wut spuckt und sich die Wörter vor lauter Hektik überschlagen?

„Du bist aber aggro“. Wenn man etwas zu oft über sich hört, springt man selbst mit dem halben Bein auf den fahrenden Zug. Schon wieder so ein Balanceakt. Von der Kunst, ein wütendes Leben zuführen. weiterlesen

Können Männer und Frauen wirklich keine Freunde sein?

20.06.2017 um 14.32 – Gesellschaft Kolumne Leben Wir

Der effekthascherische Titel dieses Textes, nämlich „Können Männer und Frauen wirklich keine Freunde sein?“ kann an sich ja schon nicht ernst gemeint sein. Eine Quatschfrage ist das, und Heidenei, was soll überhaupt diese plötzliche Herumreiterei auf normierender Geschlechterordnung? Nicht sehr 2017, ganz genau. Und dennoch, so schwant mir, haben wir es bis heute nicht gänzlich geschafft, uns von zu großen Teilen relativ offensichtlich reinsozialisierten Befangenheiten zu emanzipieren. Mädchen gegen Jungs, Rosa gegen Blau, Hollywood, Pipapo. Das weiß ich allerspätestens seit ich mit dem besten Freund einer Freundin zum Tennisspielen verabredet bin.

Aber ich fange zunächst ganz vorn an: Grob geschätzt saßen in meiner Grundschulklasse etwa 15 Jungen und vier Mädchen. Nur Annemarie wurde meine Vertraute, mit der ich in den Pausen Zahnspangen aus Alufolie bastelte. Zu meinem Geburtstag lud ich demensprechend fast ausschließlich männliche Klassenkameraden ein. „Ach Gottchen“, kommentierte diesen Umstand damals die brüskierte Bekannte meiner Mutter, während sie ebenso mitleidig wie energisch ein paar Schlücke Mineralwasser hinterher kippte, um das Glas alsbald wie eine Kampfansage auf den Tisch zu knallen. Als müsse da dringend interveniert werden. Dabei macht man, wenn man klein ist und es nicht anders kennt, für Gewöhnlich gar keinen Unterschied zwischen Pipimann und Mumufrau. Nichtsdestotrotz gehörte ein homosoziales Umfeld bis zur Ehe und sogar darüber hinaus Jahrhunderte lang zum guten Ton. Erst mit Anfang des 20. Jahrhunderts verschwammen innerhalb von Freundschaften die Geschlechtergrenzen. Ist es also möglich, dass wir noch immer dabei sind herauszufinden, wie das überhaupt funktioniert? weiterlesen

Tiny Jane // Wird wirklich alles anders, wenn man ein Kind hat?

13.06.2017 um 11.10 – Kolumne Leben Tiny Jane Wir

Gar nichts wird sich ändern, wenn ich groß bin, habe ich vor zweidreiviertel Jahren mit aller Kraft behauptet, nachdem mir kurz zuvor ein Minibaby auf die berggroße Milchbrust gelegt wurde, ganz so wie ein kleiner Fels der Weisheit, den man zwischen zwei weiche Kamelhöcker klemmt, um ihn in die Welt hinaus zu schicken. Auf dass er für mehr Gleichgewicht sorge. Mein eigener Sohn war das, bis dato sogar ein namenloser, denn die zuständige Ärztin attestierte mir noch am Morgen zuvor mindestens sieben weitere Wochen Vogelfreiheit, in der felsenfesten Annahme das Bauchweh käme vom Brechdruchfall. „Nunja junge Dame“, sagte sie damals, „das ist der Lauf der Dinge – wenn man Mutter wird, fühlt sich plötzlich alles ganz anders an.“ Blah, dachte ich noch bis ins Mark erbost, während mir auf dem Krankenhausflur ein bisschen Pipi vor Verzweiflung kam. Sie hatte sich vertan. Behielt am Ende aber doch ein bisschen Recht. Seit Lio, der außerdem Jonathan heißt (wie die Möwe, die alles erreichen kann, was sie wirklich will) ein Teil von mir ist, fühlt sich überhaupt gar nichts mehr wie vorher an. Es ist sogar alles anders. Aber nicht etwa, weil ich jetzt Mama bin. Sondern weil ich es so will und noch dazu weiß, was ich überhaupt nicht mehr will. Genau das ist dann wohl der Unterschied zwischen Vorurteil und Wirklichkeit. Nicht die Dinge ändern sich, sondern wir verändern uns. Aber keine Panik. Nichts ist vorüber, alles ist bloß echter. weiterlesen

BLACK GIRL CONFESSIONS //
„WOW, HAST DU FARBE BEKOMMEN“

05.06.2017 um 19.23 – Kolumne Leben Wir

Alle Jahre wieder bricht sie pünktlich zum Frühling über uns herein, diese Zeit, in der schon im Kopf die imaginären Liegen durchgegangen werden, um sie mit einem Handtuch zu besetzen und bloß nicht zu kurz zu kommen beim kollektiven Sonnenbad, beim Wettlauf um den eindeutigsten Bikiniabdruck und den dunkelsten Sommersonnen-Ton auf einer Skala von Kreide bis Kokosnuss. Wir wollen braune Haut und das am besten potzblitzschnell. Lange halten soll der Anstrich auch. Koste es, was es wolle. Die Mehrheit der westlichen Welt verlangt nach einem dunkelgoldenen Antlitz, dafür ist kein Tan Maximizer, kein Öl, kein Selbstbräuner und auch kein Solariumbesuch zu schade – aber warum? Welcher mitunter sogar unvernünftige und ungesunde Teufel reitet uns denn da? Wieso ist uns allen einmal im Jahr schlagartig nach einem knusprigen Sommerteint zumute? Und warum spiele ich da eigentlich mit?

Ich fange einfach mal bei mir selbst an. Ich selbst betrachte mich nämlich als Afrodeutsche. Also als schwarze Frau. Weil das für mich weniger mit meiner tatsächlichen Hautfarbe (die farblich gar nicht schwarz ist), sondern mit einer Zugehörigkeit, mit einem sich mit einer Gruppe identifizieren zu tun hat. Ich bin, wenn man so will, quasi eine weiße Schwarze. Und jeden Sommer plagt es auch mich aufs Neue: Och nö, ich bin ja so blass, du bist ja schon so braun, oh – in der Drogerie gibt es ein neues Sonnenöl mit LSF 15, nehm ich mal mit. Ab Anfang April haue ich mich ernsthaft bei jeder noch so kleinen Gelegenheit in die pralle Sonne und hoffe mit jedem Tag auf eine noch intensivere Bräune. Was ist da los? weiterlesen

Ein paar Gedanken
zum Thema „Emanzipation“

24.05.2017 um 11.45 – Feminismus Leben

Vor einiger Zeit wurde ich von einem Frauenmagazin interviewt. Es ging darum, was Frausein im Jahr 2017 bedeutet, um Gleichberechtigung. Und natürlich ging es auch um Feminismus, um meinen Weg dahin.

Ich berichtete, dass meine Eltern im heimischen Herne schon das traditionelle Ernährer-Modell gelebt hätten: Mein Papa war Ingenieur und verdiente das Haupteinkommen. Meine Mama setzte nach der Geburt meiner Schwester und mir beruflich erstmal ein paar Jahre aus, nur ihre Wirbelsäulengymnastik-Kurse leitete sie weiter. Später stieg sie dann wieder in ihren Job in der Verwaltung eines großen Revierparks (so heißt das im Ruhrgebiet) ein, arbeitet seitdem Teilzeit. „Aha“, sagte sie Journalistin am anderen Ende der Leitung, „Sie sind also deshalb Feministin geworden! Weil sie sich von dem traditionellen Beziehungsmodell, das ihre Eltern repräsentieren, emanzipieren wollten.“  weiterlesen

Brain Blah // Ich habe meinem Freund (k)einen Heiratsantrag gemacht.

23.05.2017 um 8.30 – Kolumne Leben Wir

Als ich ungefähr acht Jahre alt war, machte mir ein Junge aus der Parallelklasse einen Heiratsantrag. Das war ganz leicht. Wir hatten uns in einem Heuhaufen auf der Wiese vor dem Haus versteckt, weil er, nennen wir ihn doch einfach Hansjürgen, bald von seinen Eltern abgeholt werden sollte. Die Ehe schien da nur der nächste logische Schritt zu sein, denn wenn man verheiratet ist, so dachten wir, würde man uns endlich als Erwachsene anerkennen und bis in alle Ewigkeit Gameboy spielen und Cola trinken lassen. Ich kramte also ein Haargummi aus der Hosentasche, das Hansjürgen alsbald um meinen Finger wickelte, der schnell rotblau anlief, aber das machte nichts, schließlich duftete die Ackerluft mit einem Mal verlockend frisch nach Freiheit. Händchenhaltend richteten wir uns auf, um der Mutter von Hansjürgen und meiner eigenen die frohe Botschaft zu überbringen. Am Ende half alles nichts. Eine halbe Stunde später marschiere ich noch immer ledig gen Zähneputzen.

Die Jahre vergingen und mit ihnen mindestens drei missglücke Versuche meinerseits, um jemands Hand zu bitten. Weder Otto, noch Erik oder Rasputin wollten mich zur Frau nehmen. Nur einer begründete seine Entscheidung mit meiner einnehmenden Zahnspange, die anderen beiden fühlten sich laut eigener Aussage in ihrer durch Disneyfilme geprägten Ehre gekränkt. weiterlesen

Fair Friday Kolumne //
Was mir „Verzicht“ beigebracht hat

12.05.2017 um 10.37 – Fair Fashion Nachhaltigkeit

This is Jane Wayne - Fair Friday - Verzichten und Freiheit

In der Regel meide ich es ja, die Worte „Verzicht“ und „Nachhaltigkeit“ in einem Satz zu nennen, weil ich verhindern möchte, dass eventuell Interessierte auf dem Absatz kehrt machen. Aber natürlich ist es so, dass man als Veganerin und als Vertreterin von nachhaltigem Konsum nicht mehr alles machen möchte (und kann) wie vorher. Objektiv gesehen gibt es deshalb natürlich auch Dinge, auf die ich verzichte – nur, und da beginnt das Missverständnis, macht mir das meistens nichts aus.

Deshalb finde ich das oft negativ besetzte Wort „Verzicht“ nicht stimmig. Fakt ist, dass ich sehr viel weniger konsumiere, kaufe und vor allem: Inzwischen überhaupt gar nicht mehr haben will. Es ist, als wäre mir eine Last von den Schultern genommen, eine künstlich erzeugte Abhängigkeit von Produkten und Werbeversprechen. Über dieses Gefühl bin ich so dankbar, weil es sich viel leichter lebt, wenn man einmal eine klare Entscheidung getroffen hat und sich konsequent daran hält. So viele Menschen verfallen in schiere Panik, wenn sie dies oder jenes auf einmal nicht mehr machen können, dürfen oder sollen. Sei es nun das Rauchverbot, Verzicht auf Autofahren in der Stadt, ein Veggie-Day in der Kantine, Lebensmittelunverträglichkeiten oder eben eine völlig tierfreie Ernährung. Ich kenne diese Panik überhaupt nicht mehr, ich bin extrem gelassen geworden und weiß genau: Am Ende funktioniert das schon, wenn man sich nur darauf einlässt. weiterlesen

Bedroom Stories //
Zusammen Pornos gucken – mit Erika Lust

04.04.2017 um 11.18 – box1 Kolumne Leben Sex

Ein Gastbeitrag von Ann, protokolliert von Nike Jane. Teil 1 inklusive wiesoweshalbwarum lest ihr hier.

Ich glaube, ich bin ein bisschen schief gewickelt, wenn es um die Wahrnehmung meiner eigenen Offenheit geht. Denn obwohl ich ohne zu zögern meine Hand dafür ins Feuer gelegt hätte, schon mit meiner (zugegeben sehr späten) Entjungferung eine gewaltig große Portion sexuelle Gelassenheit mit Löffeln gefressen zu haben, wird mir im Angesicht rotweingetränkter Gespräche mit meinen Freundinnen immer wieder das genaue Gegenteil unter die Nase gerieben. Zuletzt am vergangenen Wochenende. Gerade waren wir noch dabei, über das Für und Wider von Cycles, dieser neuen gehypten Verhütungs-App, zu fachsimpeln, da platze es plötzlich aus der wahrscheinlich Runden-Blauesten heraus: Schluss jetzt damit, ihr sei nämlich echt scheißlangwellig im Bett und wirklich wichtiger als das Kalibrieren von Thermometern und Temperaturen seien jetzt verdammt nochmal mal ein paar hilfreiche Tipps und Tricks zum Aufmöbeln der in Daunendecken gebetteten 5-Jahres-Monotonie, sonst würden die Wanzen bald mehr rammeln als sie und ihr Freund, deren gemeinsame Libido derzeit vermutlich irgendwo auf Lanzarote Krabbenfischen würde, und falls sie jemand zufällig treffen würde: Schöne Grüße!

Betretenes Schweigen. Aber nur etwa zwei Sekunden lang. Mir selbst flog gerade etwas Limo aus dem linken Nasenloch, weil Contenance, als irgendwer am Tisch die Initiative ergriff und schnell danach fragte, ob denn noch nicht einmal Pornos helfen würden. Pornos, ja klar, dachte ich. Und oh Gott, Pornos. Hihi. Beinahe hätte ich aus Reflex das Gesicht zu einem Kotze-Smiley verzogen, schließlich schaue ich sowas nur allein und ratzfatz und vor allem heimlich, genau wie mein Freund vermutlich auch. Bis zu diesem Abend kannte ich nämlich nur Youporn. Und da vergeht einem die Lust mitunter schon auf der Startseite, soviel Sperma fliegt da rum. Als gäbe es für eine Frau nichts geileres, als sich in Befruchtungsflüssigkeit zu suhlen. weiterlesen

#IMFREEDOM //
Freisein – was bedeutet das überhaupt?

03.04.2017 um 10.30 – Kolumne Leben Mode Wir

Ihr erinnert euch vielleicht noch an die #ImPERFECT Kampagne von Esprit, die wir im vergangenen Jahr unterstützt haben. Damals wurde vor allem ein kultureller Dialog innerhalb der Modewelt angestoßen, der sich für das Abrücken von Stereotypen aussprach und stattdessen mehr Persönlichkeit und Diversität forderte. Aber auch mehr Selbstliebe, mehr Akzeptanz und Dankbarkeit für kleine Makel, die uns von Abziehbildern unterscheiden. 2017 geht Esprit mit #ImESPRIT noch einen Schritt weiter. Diesmal stehen Vielfalt, Individualität und Selbstbestimmung im Fokus. Wir werden in der aktuellen Kampagne also nicht nur dazu aufgefordert, für uns selbst einzustehen, sondern auch für das, was uns am Herzen liegt. Am besten durch ein starkes Statement, das auch ihr teilen könnt und zwar hier. So haben wir etwa die Wahl zwischen #ImLOVE, #ImCHANGE oder #ImCOURAGE. Ich habe mich für #ImFREEDOM entschieden. Und warum?, hat Esprit mich daraufhin gefragt. Die Antwort fiel mir viel schwerer als erwartet. Also fing ich ganz vorn an.

„Ich verachte Ihre Meinung, aber ich gäbe mein Leben dafür, dass Sie sie sagen dürfen,“ schrieb Evelyn Beatrice Hall in ihrem Buch „The Friends of Voltaire“ und trifft damit noch heute, mehr als hundert Jahre später, punktgenau in die Wunde der kränkelnden Demokratie, die derzeit gemeinsam mit der Pressefreiheit um ihr Bestehen bangt. Auf politischer und gesellschaftlicher Ebene stehen wir ohnehin gesammelt vor zum Teil noch schmerzlich weit entfernten Lösungsansätzen und hoffen dabei inständig auf eine Welt, in der jeder Mensch sich frei entfalten darf, unabhängig von sexueller Orientierung, Herkunft, Geschlecht und Religion. Und manchmal, wenn die Nachrichten wieder besonders weh tun, vergessen wir ein weiteres Mal, bei uns selbst anzufangen. Im Kleinen. Immer dann, wenn es um unsere eigene Entfaltung geht. Ich habe mir für mein Leben nicht viel mehr vorgenommen, als es jeden Tag geschehen zu lassen. Und mir den Anspruch auf persönliche Freiheit niemals austreiben zu lassen, nicht von der Vernunft, nicht von dem in den meisten von uns manifestierten Drang nach Sicherheit, nicht von der Erwartungshaltung anderer. #ImFREEDOM, weil ich fortwährend selbst entscheide, hinter welchem Bestrebens-Törchen ich es mir bequem mache und dabei stets den passenden Schlüssel zum Schloss im Kopf behalte. Nennen wir diesen Schlüssel doch einfach Mut. Den Mut zu besitzen, Dinge, die einem nicht mehr gut tun, trotz der natürlichen Furcht vor dem Ungewissen, ziehen zu lassen, halbherzige Umstände ändern statt hinnehmen zu wollen, auch das bedeutet für mich Freiheit. weiterlesen

Vorurteile // Das gesegnete Leben der Sari C. #feelingblessed

10.03.2017 um 11.49 – box2 Kolumne Leben Wir

Für all diejenigen, die endlich mal die Wahrheit über mich, und damit in einem Abwasch auch gleich das Berlin-Blogger-Mädchen per se wissen wollten, gibt es gute Nachrichten: Der Tag ist gekommen. Tabula Rasa, was soll der Geiz. Alles muss raus. Bereit für das beinharte Feuerwerk?

Es folgt die Realitsvorführung des gesegneten Lebens der Sari C. Konsequent und beißend in den Augen. Schert euch hinfort, ihr diabolischen Vorurteile! weiterlesen

Warum ich „Style The Bump“
nicht mehr hören kann.

09.03.2017 um 12.34 – Feminismus Kolumne Leben Mode

Ich möchte nicht gehässig klingen, wirklich nicht, aber wenn ich irgendwo den Hashtag #Stylethebump lese, möchte ich mir ein blickdichtes Brett vor den Kopf schnallen. Eines, das ebenso robust und beständig ist wie die allseits verbreitete Annahme, eine gut gekleidete Schwangere sei etwas Aufsehenerregend. Etwas Besonderes. Als hätte man eine Art Auszeichnung dafür verdient, wenn man in der Lage dazu ist, sich trotz Babybauch ein hübsches Kleid überzuwerfen, dafür, dass man im Angesicht der Hormondusche nicht verlernt hat, Lippenstift aufzutragen.

Böse Zungen könnten mir jetzt unterstellen, ich würde all den werdenden Müttern da draußen auf die Füße treten wollen, ihnen den wohlverdienten Lob nicht gönnen. Dabei geht es mir um das Gegenteil. Darum, dass mir viele der medialen Huldigungen in Wahrheit wie Hohn vorkommen. Überall liest man Headlines wie „Stylish und schwanger – diese Promimütter zeigen wie es geht“. Als würde das eine das andere normalerweise ausschließen. weiterlesen

Brain Blah //
Über Mut, Trennungen & Neuanfänge

28.02.2017 um 10.05 – box2 Kolumne Leben Wir

Ich werde nicht selten gefragt, wie ich das eigentlich alles so wuppe als Alleinerziehende. Zunächst einmal muss ich mein Gegenüber dann sehr schnell korrigieren, denn ich bin ja gar nicht allein, das Kind hat glücklicherweise nach wie vor einen Vater und wenn man mich fragt, sogar den besten. Wir leben das 50/50 Modell – etwa alle drei Tage wechseln wir uns ab. Lio hat demnach also nicht nur ein Zuhaue, sondern gleich zwei. Das findet der kleine Mann prima. Und auch seine Eltern. „Ja, aber klappt das denn?“ lautet meist die nächste Frage, und: „Ist das nicht komisch, sich trotz Trennung ständig zu sehen?“ – Nein, kein bisschen. Dann kommen die ungläubigen Blicke, hin und wieder legt sich auch die Stirn, die mir da gegenüber steht, in hässliche Falten, aha. Ganz selten, wenn ich auf Krawall gebürstet bin (was mir mit zunehmendem Alter tatsächlich häufiger passiert), liefere ich im Angesicht der aufkeimenden Skepsis quasi auch schon rein prophylaktisch eine kurze Erklärung zum Ist-Zustand. Dass das alles so wunderbar funktioniert, höre ich mich regelmäßig runterrattern, liegt vor allem daran, dass wir uns rechtzeitig dazu entschieden haben, das gewohnte Familien-Konstrukt aufzugeben, um uns einem neuen Modell zu widmen. Im Namen der Freundschaft.

„Man soll gehen, wenn’s am schönsten ist“, heißt es schließlich und ich finde, da ist auch in Beziehungsdingen was dran. Zwar bin ich keineswegs der Meinung, dass man schon mit Schmetterlingen im Bauch die Biege machen sollte, um sich ja frühzeitig vor potenziellen Messerspitzen in der Magengrube zu bewahren. Aber immerhin rechtzeitig. Obwohl das Abbiegen auf den Solo-Weg oft viel mehr Mut erfordert als das Bleiben. Kämpfen kann helfen und ist unabdingbar, solange noch ein Funken Liebe da ist. Und parallel dazu die Gewissheit, dass man trotz aller widrigen Umstände und Durstrecken noch immer gewillt ist, sich irgendwann einmal gemeinsam ins Rentner-Exil zu verabschieden, um wackelige Enten dick zu füttern. Allerdings fürchte ich, dass wir allzuoft versuchen, an etwas festzuhalten, das mehr Mittelmäßigkeit als echtes Glück verspricht. Aus Bequemlichkeit, vor allem aber aus aus Angst. Vor der Ungewissheit, lästigen Konsequenzen und dem Alleinsein. weiterlesen

Kolumne //
I am a Quitter.

09.02.2017 um 12.03 – Kolumne Leben

kolumne i am a quitter fabienne sandIch sag’s, wie es ist: Anstiege, die exponentiell verlaufen, waren noch nie mein Ding und nein – ich rede nicht von meiner voll ausgeprägten Dyskalkulie, sondern von dem Unwort sondergleichen welches sich „Karriereleiter“ nennt. Was soll das überhaupt bedeuten, Karriereleiter? Ein „Steil-nach-oben-und-niemals-verweilen“-Prinzip setzt ja voraus, dass es nicht darum geht, bei etwas Schönem zu verweilen, sondern immer nach der nächsten Sprosse zu streben. Wo es dabei hingehen soll, ist ganz klar und zwar an die Spitze zu den Dagobert Ducks, den hyper erfolgreichen und super Perfekten Zu den Alleskönnern unseres Planeten. Ein Berufswunsch steht da vielleicht schon seit der Wahl der Leistungskurse fest, die Unizeit wird mit einem feschen Auslandsaufenthalt aufgepeppt und der Traumjob nach dem Traumpraktikum folgt natürlich prompt. Und was ist mit mir?

Ich ziehe mit Zwanzig schnurstracks in die Hauptstadt. Da ist es eh viel cooler und ich könnte was mit Kunst studieren, denn da war ich mal ganz gut drin. Kein Ziel vor Augen haben und trotzdem bestrebt auf irgendetwas wie Erfüllt- und Glücklich sein hinarbeiten geht nämlich auch, wenn man seinen Weg nicht so richtig plant. Hier und da mal für ein paar Pausen unterbrechen, sich neu orientieren oder verschnaufen, um fix wieder auf den Boden der Tatsachen zurückzukommen. „Was willst du mal werden, wenn du groß bist?“. Wann muss ich das entscheiden und ab wann bin ich eigentlich groß? Bis heute kann ich keine der drei Fragen beantworten. Aber ich fühle mich ganz fabelhaft dabei. Fast vier ganze Jahre hat es mich gekostet, meine Nase mal hier, mal da hineinzustecken und wieder herauszuziehen, um am Ende vor allem festzustellen, was ich nicht will (was übrigens auch eine wertvolle Erfahrung ist!). Und nun? Nun bin ich im zweiten Monat des Jahres 2017 irgendwo zwischen maximal zufrieden und himmelhoch jauchzend. Und das, obwohl ich eine Aufgeberin bin. weiterlesen

Bedroom Stories #3 //
Baby, take a walk on the wild side

27.01.2017 um 14.27 – Leben Sex

wild side bedroom stories

Ein Gastbeitrag von Ann, protokolliert von Nike Jane. Teil 1 inklusive wiesoweshalbwarum lest ihr hier.

Man ließt und hört ja immer wieder davon, dass „diese Feministinnen“ in Wahrheit nur mal richtig durchgenommen werden müssten, die Leute munkeln dann, dass „diese Feministinnen“ unterm Bettlaken plötzlich sowieso ganz kleinlaut und devot würden und dass die ganze Sache mit der Emanzipation und eben „diesen Feministinnen“ dann wohl nichts weiter als bescheuerte Heuchelei sei. Denn eine echte Feministin täte „so etwas“ selbstredend nicht. Im Angesicht derartiger Spekulationen wird mir immer ganz feurig zumute, während ich voller Wonne an den nächsten kleinen Klaps auf den Po denke, der mir bald nackend blühend wird. Sogar ganz freiwillig. Obwohl ich Feministin bin. Oder gerade deshalb, jawohl.

Ich habe nämlich gelernt, über meine Bedürfnisse und Wünsche zu reden, sie sogar ganz deutlich einzufordern. Das klingt jetzt Larifari, aber ich glaube, das Quatschen übers Bumsen ist zwischen vielen Paaren tatsächlich noch immer ein zaghaftes Pflänzchen, man will ja nicht unzufrieden, wahnsinnig oder gar verkorkst rüberkommen. weiterlesen

Black Girl Confessions //
Von Afrostolz und Alltagsrassismus

24.01.2017 um 13.09 – Beauty Gesellschaft Leben

afro proudMeine Heimat als Kleinstadt zu bezeichnen, wäre untertrieben, aber Menschenmassen und Diversität hat dieser Ort trotzdem nicht zu bieten. Auch wenn all’ meine Freund*innen und ich es lieben, in der Weihnachtszeit oder den Sommermonaten die mittelgroße Perle im Norden und Mamas Gästebett aufzusuchen, atme ich nicht selten erleichtert auf, wenn ich den historischen Stadttoren wieder den Rücken kehre.

Als Women of Colour war Aufwachsen fernab der Großstadt, besonders in der Retrospektive, ein gar nicht so leichtes Unterfangen. Ich ließ in der vierten Klasse unter Tränen eine chemische Glättungskur über mein Haar ergehen und entschied mich, nachdem einige Lehrer meine Frisur als ungepflegt betitelten, meine verletzten Locken für die gesamte Mittelstufe unter einem Jeans-Bandana zu verstecken. Mit 17 war es endlich so weit: Free the Fro! Endlich fühlte ich mich sicher und gut mit meinem Schopf, lernte wie es ihn zu pflegen gilt und sauge seitdem begeistert alle Natural Hair Tipps auf, wie mein durstiges Haar die pflanzlichen Öle. Auf den Straßen von Lübeck sorgte das große, braune Etwas in der Regel für interessierte Blicke und verunsichertes Nachfragen. Meine Haare blieben etwas besonders, weil selten und auffällig. Obwohl ich mich heute prima mit Haut und Haar fühle, ist und bleibt mein Afro ein intimes und emotionales Thema, von dem ich das Gefühl habe, es von Zeit zu Zeit immer noch ein Stückchen besser zu verstehen. weiterlesen