HOME > Trial and Error > Von der Unfähigkeit Alltägliches zu tun.

Von der Unfähigkeit Alltägliches zu tun.

bild-1.jpg
Foto: Sebastian Bentzin. 

VON NIKE VAN DINTHER

 

 

Ein Text über die Unfähigkeit Alltägliches zu tun

Ich sitze am Küchentisch, das Teewasser kocht und ich kann mich nicht rühren. Heller Dampf steigt aus dem Kessel. Erst brodeln, dann pfeifen, jetzt heulen. Das Wimmern wird lauter, fast schon erbärmlich, bis es nach mir schreit. Egal. Ich kann verdammt noch mal nicht aufstehen jetzt.

In zwei Tagen hat meine Tante Geburtstag. Ich mag meine Tante. Wenn man Leute mag, dann denkt man an sie, will ihnen eine Freude machen. Eine nette Karte von ihrer Nichte aus der Ferne würde sie sicher freuen. Ich habe auch schon eine besorgt. Eine ganz besonders hübsche mit zartem Goldrand und der aus Papier gefaltete Vogel trägt ein „Happy Birthday“ in seinem Schnabel. „Liebe Tante“, steht dort. „Alles Gute. Heute ist dein Geburtstag.“ Morgen bringe ich den Umschlag zur Post. Morgen. Ganz bestimmt.

Eigentlich habe ich dreißig Paar Socken. Mindestens. Jetzt habe ich keins mehr. Eingepfercht liegen sie dort in der gelben Metro-Kiste. Wie Außenseiter, Verstoßene, weil im Wäschekorb kein Platz mehr für sie ist. Meine Füße sind kalt. Ich lege die Postkarte aus der Hand, der Vogel schaut betrübt aus. Ein Schritt und noch einer, dann öffne ich die Kommode. Nichts.