„Du siehst gut aus, sei nicht traurig.“ – Männer als Sexismus-Opfer?

Vor nicht allzu langer Zeit gab es offenbar ein nicht ganz unwichtiges Ereignis, nämlich das Champions-League-Finale im Fußball. FC Liverpool gegen Real Madrid. Liverpool interessiert uns Deutsche ja eigentlich nur, weil der Club vom ehemaligen Borussia Dortmund-Trainer Jürgen „Kloppo“ Klopp trainiert wird und wir so bei jedem Sieg das Gefühl haben, darauf stolz sein zu dürfen, weil, der Kloppo ist ja einer von uns.

Um Kloppo soll es aber hier gar nicht gehen, sondern um den von Kloppo trainierten Torhüter Loris Karius. Der leistete sich im Finale zwei schwere Fehler, die Liverpool den Sieg kosteten und Madrid 3:1 gewinnen ließen (Schuld war wohl eine Gehirnerschütterung). So weit, so (für mich) uninteressant. Nach dem Spiel schickte mir ein Freund dann aber einen Artikel (der hier bewusst nicht verlinkt wird), geschrieben von einer Frau, deren Tenor ungefähr so war: Lieber Loris, das war schon blöd mit deinen Patzern und viele Menschen hassen dich jetzt, aber hey, uns Frauen bist du gutaussehender Mann dadurch erst richtig aufgefallen, sei also nicht traurig, immerhin hast du einen tollen Körper. Dieser Artikel, so schrieb besagter Freund dazu, sei ja wohl ausgesprochen dämlich sowie ein Fall von umgekehrtem Sexismus – und Sexismus sei ja immer blöd und umgekehrter Sexismus keine Lösung, um patriarchale Strukturen aufzubrechen.

Es geht um das System

Ich finde, mein Freund hat Recht, und trotzdem habe ich mir seitdem einige Gedanken zum Thema Männer als Opfer von Sexismus gemacht. War das, was die Autorin über Loris Karius schrieb, sexistisch? Klar. Es war sexistisch sowohl gegenüber Frauen („uns Frauen bist du jetzt erst so richtig aufgefallen, Loris“) als auch gegenüber dem glücklosen Torhüter. Die ganze Diskussion ist meiner Meinung nach aber komplizierter. Denn letztendlich ist Sexismus die persönliche und gesellschaftliche Diskriminierung von Menschen aufgrund ihres Geschlechts. Es geht nicht nur um sexistische Sprüche, sondern auch darum, dass traditionelle Rollenbilder, Umgangsweisen und ungleiche gesellschaftliche Bedingungen als gegeben angesehen werden. Und das kann sich nicht nur in Form von Witzen oder abwertenden Sprüchen äußern, sondern auch in körperlicher Gewalt und gesellschaftlicher Ungleichheit.

 

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Es geht also um das System – ein System, das auf unterschiedlichen Machtverhältnissen zwischen den Geschlechtern basiert und Sexismus ein Instrument ist, dieses Machtungleichgewicht zu erhalten. Das schließt nicht aus, dass auch Männer Opfer von sexistischen Sprüchen werden können, dass Männer auf ihr Aussehen und ihr Geschlecht reduziert werden. Natürlich ist umgekehrter Sexismus keine Lösung für irgendwas und sicher auch kein tolles Racheinstrument, um nach Jahrtausenden der Unterdrückung den Spieß mal umzudrehen.

Teil des großen Ganzen

Für mich stellt sich letztendlich aber die Frage nach den Konsequenzen, die daraus folgen. Und da muss man ehrlich feststellen: Für die allermeisten Männer hat das Ganze eben keine Konsequenzen. Ihre gesellschaftliche Position ändert sich nicht. Bei Frauen hingegen geht es nicht um einen sexistischen Spruch, den sie sich irgendwann man anhören müssen. Es geht darum, dass dieser Spruch Teil des großen Ganzen ist, Teil eines ungerechten gesellschaftlichen Fundaments, welches dafür sorgt, dass Frauen eben immer und immer wieder auf ihr Geschlecht reduziert, deswegen diskriminiert, kleingehalten und benachteiligt werden. Einfach deshalb, weil sie Frauen sind.

Um es noch einmal ganz deutlich zu sagen: Sexismus ist tatsächlich immer mies, egal, gegen wen er sich richtet und auch, wenn er auf verdrehte Art positiv oder sogar als Kompliment gemeint war. Wir müssen Sexismus, wenn wir ihn mitbekommen, sichtbar machen und verurteilen. Aber wir müssen uns auch bewusst machen: Die Art, wie Männer und Frauen von Sexismus betroffen sind, ist eben nicht die gleiche. Weil die Machtverhältnisse ungleich sind und damit ebenfalls die Auswirkungen von Sexismus auf die verschiedenen Geschlechter. Das ist nicht fair, nein. Aber Sexismus selbst ist es ja auch nicht.

3 Kommentare

  1. Anna

    Wie kann das sexistisch sein, wenn die Diskriminierung ja eben nicht darauf basiert, dass Loris Karius männlich ist? Es gibt keine systematische Reduktion der Fähigkeiten von Männern auf ihr Aussehen. Hier wird eine Analogie gesehen wo keine ist.

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  2. Judith

    „Für die allermeisten Männer hat das Ganze eben keine Konsequenzen. Ihre gesellschaftliche Position ändert sich nicht. “ Ich finde es umgemein richtig, was du schreibst zu den Machtstrukturen, die erhalten und unterstützt werden bei Sexismus gegenüber Frauen, trotzdem ist es doch so verurteilenswert und hat in sofern Konsequenzen, dass das Rollenbild unter dem auch Männer leiden einfach weiter erhalten wird. Die häufigste Todesursache von jungen Männern ist Suizid und das liegt auf jeden Fall daran, dass Männer sich nicht erlauben können sich schwach zu zeigen und das denen, die es tun mit extremen Vorurteilen begegnet wird. Ich finde man muss Sexismus gegenüber Männern ganz klar verurteilen und Männer empowern sich mit Themen wie kritischer Männlichkeit auseianender zu setzen. Auch natürlich wenn es nicht so ein strukturelles Problem wie Sexismus gegenüber Frauen ist. Aber man muss das ja auch gar nicht unbedingt vergleichen und werten…

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  3. neni

    Erst heute musste ich über dieses Thema nachdenken, als ich eine Serie über Architektur sah.
    Die Moderatorin sagte doch tatsächlich zu ihrem Kollegen, dass er einen heißen Arsch hätte und schwärmte später von dem einen Hausbesitzer. Hätte ihr Kollege diese Bemerkungen (über Frauen) gemacht, wären sie sicher rausgeschnitten worden. Warum dann nicht auch ihre?

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