Editor’s Letter // Forever young.

06.08.2018 Leben, Kolumne

Ferien sind was Feines, Urlaub haben wir uns meines Erachtens alle verdient und das Reisen wird heute, zumindest hier, wo wir in Privilegien ersaufen, längst nicht mehr nur als Prestige-Handlung beäugt, sondern als Horizonterweiterung vorausgesetzt. Schon Humboldt befand, dass die gefährlichste aller Weltanschauungen die Weltanschauung jener Leute sei, welche die Welt überhaupt nicht angeschaut haben. Da ist viel Wahres dran, glaube ich. Mit Blick auf meine vergangenen Sommer und Winter und Sommer und Sommer müssten meine Gedanken derzeit also gerade so bis über die Grenzen von Brandenburg hinaus reichen. Mir bleibt also kaum etwas anderes übrig, als mich dank der Erfahrungen anderer permanent in die Ferne zu lesen. Das ging nun eine ganze Weile lang gut, ohne fomo oder Fernweh und jedes Mal wenn ein weiterer Urlaub aufgrund der anstehenden Arbeit aus dem Kalender gestrichen wurde, ruhte ich mich am Optimismus nagend auf der Vergangenheit aus, die immerhin in Amerika, Afrika, Kanada und halb Europa stattfand. Nur diesmal nicht; der späte Juli hat mir den Garaus gemacht.

Denn statt wie geplant in einem eigenen Camper durch Südfrankreich und rüber nach Korsika zu düsen, den Himmel überm nackten Hintern glitzernd und den Weißwein in der Kühlbox immer griffbereit, fand ich mich vor ein paar Monaten vor einem ganzen Haufen Scherben wieder, auch echten, weshalb dieser Trip meiner Träume schon ins Wasser gefallen war, nein geworfen wurde, bevor es überhaupt konkreter werden konnte. Es folgte: Schockstarre. Und auch ein bisschen Selbstmitleid, ehrlich gesagt. Weil Ferien und ich seit Jahren schon keine Freunde mehr zu sein scheinen. Kann ich ja nichts für, belog ich mich. Kommt halt immer was dazwischen. In Wahrheit bin ich aber einfach nur ein Lappen. Nicht in der Lage „nein“ zu sagen. Zu Aufträgen und Terminen. Oder „ja“ zum einfach-mal-Abhauen. Und so kam es, dass ich am ersten Tag der dreiwöchigen Kinderladen-Schließzeit noch nicht einmal wusste, was der Nachmittag bringen würde. Da musste ich kurz weinen. Um zu kapieren, dass genau diese Leere vielleicht das Beste war, was mir vorerst passieren konnte. Uns. Eine Woche mit Lio, nur wir beide. Fast. Schwimmbad, Seen mit Sandstrand, heimlich auch ein Cola-Eis, Bootstouren, viel Pizza, Deutsche Vita, endlose Lego-Nachmittage auf der Decke im Park, kuscheln und Käfer beobachten. Ich glaube, man nennt das Entschleunigung. Wir waren ganz selig. Und mir wurde die 476 ungelesenen Emails mit jedem Tag ein bisschen egaler. Auf eine Woche Faulsein folgten zwei volle Tage in Hamburg, wegen der Arbeit. Auch ok, weil die Sonne schien. Alles ok, weil alles so dahin plätscherte. Jetzt ist Lio bei seinem Papa und ich sitze wieder im Büro, weil wir eben doch nicht so ganz loslassen können. Sarah ist gerade hoffentlich auf dem Weg zum Meer und macht es doch ein bisschen besser als ich, und ich, ich schaue immer mal wieder nach, was so ein Flug nach Kambodscha kostet. Nächsten Monat zum Beispiel. Vielleicht fliege ich allein, vielleicht kommt meine Schwester mit. Die war gerade nämlich auch noch ein paar Tage zu Besuch und hat mir, ohne es zu wissen, etwas Wichtiges beigebracht:

Egal ob 19 oder 30: Ins Leben fallen lassen ist im Grunde alles, was wir haben. Alles mitnehmen eben. Jedes Gefühl, jede Chance. Als sie sich ihr erstes Tattoo stechen ließ, musste ich an Seattle denken. Der, der mir dort mein erstes Herz auf dem Handgelenk verpasste, war damals mindestens so betrunken wie ich. Klug war das nicht, aber bereut habe ich es keine Sekunde. Als meine Schwester mir am Wochenende also die schwarzen Linien auf ihrem Arm präsentierte, gleichzeitig euphorisch beseelt in den Armen von Alexandro, dem glücklicher Weise nüchternen Tätowierer, hängend, sagte ebenjener: Du auch? Ich hab noch Zeit und sehe es doch in deinen Augen funkeln. Keine Sekunde habe ich gezögert. Einmal „Forever young“ bitte. Nicht wie Alphaville, sondern wie Bob Dylan. 

May you grow up to be righteous
May you grow up to be true
May you always know the truth
And see the lights surrounding you

Ich bin nämlich zu alt für gar nichts. Und hoffentlich (für) immer jung genug für alles, was ich erleben will. Weniger nein sagen muss ich also gar nicht lernen, bloß häufiger ja sagen sollte ich. Zu allem, was sich nach Spaß anhört, was unmöglich klingt oder naiv oder richtig oder wahnsinnig oder abenteuerlich. Du spinnst, hat meine Familie gesagt, als ich ihnen am Telefon von jemandem erzählt habe, der zwar kein Tattoo, aber Träume hat. Und: Pass doch bitte endlich auf dein Herz auf. Komisch, dachte ich. Das mache ich doch. Ich hänge es schließlich nur dort hin, wo es gerade am liebsten ist. Vielleicht fällt es da irgendwann wieder runter, wer weiß das schon. Aber, da ist es wieder: Ja. Ich trage nämlich wirklich viel lieber ein ramponiertes Herz, das sich viel angeschaut und trotzdem Hoffnung hat, mit mir herum, als eines, das sich kaum mehr aus dem eigenen Brustkorb heraus wagt, bloß aus Angst vor Eventualitäten – die wir am Ende ohnehin überleben. 

May you always be courageous
Stand upright and be strong
And may you stay
Forever young.

Ich hoffe, ihr habt es schön. Ob zuhause oder im Urlaub. Ohne Sarah ist Jane Wayne zwar nur ein Schatten seiner (oder ihrer?) selbst, aber ich werde alles geben, versprochen. Lasst mich trotzdem gerne wissen, worüber ihr in dieser Woche lesen wollt, ob leichte Kost oder harter Tobak. Alles ist möglich. Sowieso.

xxx

26 Kommentare

  1. franni

    Liebe Nike, so ein schöner, kluger und „in sich ruhender“ Text – danke dafür! Ich freu mich auf mehr; egal ob leichte Kost oder harter Tobak. Hab einen guten Start in die Woche, herzlichts, Franni.

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  2. Anne

    Nike!<3
    Welch ein schöner Text..
    So wahr!
    Ich stehe auf diese Art von Texten und wünsche mir davon ein wenig mehr!
    Aber eigentlich ist alles, was ihr so schreibt, toll!
    Hab einen tollen Sommer!

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  3. Vanessa

    Wow, Nike. Ich sitze gerade bei 30°in der Sonne im Freibad und habe Gänsehaut. Ein wunderschöner Artikel, der trifft mich mitten ins Herz, auf eine schöne, sehnsüchtige Art.
    Ich habe heute einen Tag Urlaub, einen kleinen Miniminiurlaub vom Alltag und überlege aktuell auch viel über das, was sein könnte, was ich machen könnte. Was als nächstes kommen soll und was besser nicht und ob man nicht am Ende oft das bereut, was man nicht versucht hat, als das, was man gewagt hat. Ins Leben fallen lassen ist eine schöne Formulierung deinee Schwester. Das muss ich mir auch öfter zu Herzen nehmen. Weniger hadern, mehr machen.

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  4. Nora

    So ein schöner und weiser Text. Danke dafür!
    Eigentlich ist es sehr einfach: noch mehr solche Artikel, die lese ich immer am allerliebsten, denn sie sprühen vor Lebensbejahung und klugen Worten.
    Außerdem fände ich es mal sehr spannend eine Art Update zu lesen, welche der Jane Wayne- Autorinnen denn noch dabei sind, welche pausieren und von welchen wir wohl in Zukunft nicht mehr lesen werden. Denn all die coolen Frauen, die für euch schreiben/schrieben werden anfangs immer total sympathisch vorgestellt, aber manche verschwinden dann mit der Zeit sang- und klanglos.

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    1. Moni

      Ein Update zu den hier aktuell beitragenden (oder nicht mehr beitragenden) Autorinnen fände ich auch sehr spannend – super Idee!

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  5. Helena

    Liebe Nike,

    ich finde egal ob mit Herzmensch oder alleine- die Sorge man könnte in Zukunft, mit oder ohne Kind, mit oder ohne neuem Job, mit oder ohne den aktuellen Partner, mit oder ohne den vielen Reisezielen, an die man sich so wünscht „alt“ werden, ist für mich eine der normalsten und doch schwierigen ‚forever 29‘ Fragen. Ich für meinen Teil möchte mit bald 29 endlich über die großen Teiche hinaus und die „weite Welt“ sehen, nachdem ich in Europa, nahem Osten, Japan und Nordafrika einiges gesehen habe.
    Aber für den Moment versuche ich im Arbeitswahnsinn (trotz oder weil Ferien) immer wieder zwischendurch abends oder morgens ins Freibad zu fahren, Pommes zu essen und zu genießen, dass ich mir das zwischendurch leisten kann. Ganz ungebunden ohne Kinder und eigentlich mit doch relativ gesehen viel freier Zeit zur Verfügung. Wie viele Sommer hat man sich gewünscht es wären hier mal 25° plus…nun ist er da und wir wünschen uns eine Abkühlung. Und so versuche ich das beste daraus zu machen, mit viel Eis im Schatten und dem Rosé Gefühl in der heimischen Lieblingsbar…nur eben im Sommerkleid, draußen, nach 22 Uhr….und nicht an der Côte d’Azur.
    Dein Text tut total gut. Auch wenn draußen nur die Sonne scheint heißt das eben noch lange nicht, dass das Leben Pause macht. Also genieße es so wie oben beschrieben…mit der Leichtigkeit egal in welchem Alter.

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  6. Laura

    „Ich trage nämlich wirklich viel lieber ein ramponiertes Herz, das sich viel angeschaut und trotzdem Hoffnung hat, mit mir herum, als eines, das sich kaum mehr aus dem eigenen Brustkorb heraus wagt, bloß aus Angst vor Eventualitäten – die wir am Ende ohnehin überleben.“

    Dieser Satz kommt genau richtig. Erst heute morgen hat mir jemand, den ich sehr gerne mochte und mit dem ich mir schon ausmalte, den Sommer zu verbringen, per SMS einen Korb erteilt. Auch wenn es kein Weltuntergang war, ein Stich ins Herz ist es doch immer wieder. Aber du hast so recht. Ich wage lieber immer wieder neu, falle zum x-ten Mal auf die Nase, lass an meinem Herzen kratzen, aber stehe danach trotzdem voller Hoffnung auf und mache genau so weiter. <3

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  7. Michi

    So ein wahrer Text. Ich hatte mir meinen Sommer auch etwas anders ausgemalt und dann kam doch wieder alles anders. Aus netten Dates wurde eine Funkstille und ich stand wieder alleine da. Und dann habe ich mir doch die Auszeit genommen und bin einfach 2 Wochen jeden Tag ins Freibad und habe nichts anderes gemacht außer viel schwimmen, lesen und in Ruhe Musik hören. Und ich wollte niemanden dabei haben. Abends vllt dann doch Freunde treffen oder halt alleine ein Glas Weißwein am offenen Fenster trinken und weiter Musik hören. Endlich mal wieder bewusst und nicht auf dem Weg zur Arbeit oder Uni. Das war meine Auszeit! Der August und der September werden jetzt zwar stressiger, aber es hat so gut getan!!! Ich war lange nicht mehr so entspannt wie in den zwei Wochen. Und der Stich im Herzen wurde jeden Tag kleiner

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  8. Rike

    Ach, Nike! Wieder einmal so ein richtig schöner Text von dir. Ich habe mich beim Lesen irgendwie an folgende Worte aus Call me by your name erinnert gefühlt, auch weil der Film so viel von diesem Foreveryoungsommergefühl versprüht: “We rip out so much of ourselves to be cured of things faster than we should that we go bankrupt by the age of thirty and have less to offer each time we start with someone new. But to feel nothing so as not to feel anything – what a waste!” <3

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  9. Kerstin

    Nike – all deine Texte ❤️ Du sprichst mir immer aus der Seele. Gerne noch ganz viel davon!!! Danke für die tollen Worte und Gedanken.

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  10. Alraune

    dirket aus meinem Herzen. Heute wieder ein weißes Haar entdeckt. und zu der alten 3 gesellt sich schon bald eine 5. Und da winkt von weitem die 40 und manchmal werd ich ganz panisch. Aber dann, denk ich …genau das, was du dort schreibst und alles ist wieder gut.

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  11. Anna

    Liebe Nike, der Text hat mich richtig sehnsüchtig werden lassen – ich lasse mir so schnell die Seele von Ängsten aufessen und finde es oft schwierig MICH und meine Wünsche im Alltag überhaupt wahrzunehmen. Das für-sich-selbst-da-sein ist so unendlich wichtig. Und besonders im Sommer hat man ja endlich etwas mehr Zeit – und hat den Raum, sich neu zu finden und orten. Vielleicht hast du ja noch ein paar Ideen zu Selbstwertboosts im Sommer (auch power dressing im Sommer: versteckt man sich da nicht auch oft hinter süßen, blumigen Kleidern? Ist rockige Kleidung eher was für den Herbst?). Alles Liebe!

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  12. Karina

    Was für ein wunderbarer Text. So wahr und direkt aus dem Herzen. Danke dafür! Und gern mehr davon!

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  13. Anne

    Ganz, ganz, ganz toller Text. Nur eine Sache habe auszusetzen: warst du wirklich in ganz Afrika? Oder in halb Afrika (wie in halb Europa)? Oder sogar nur in einem Land? Vor allem sollte ersteres zutreffen, würde ich mich riesig freuen darüber mal etwas zu lesen! Ich möchte mit diesem Kommentar wirklich nicht altklug sein, aber unser aller Afrika Bild ist so mini und größtenteils falsch und solche Verallgemeinerungen tragen leider gar nicht zur nötigen Differenzierung bei.

    <3

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  14. Julia

    Ich hab mir gerade einen Screeshot von dem Satzstück „bloß aus Angst vor Eventualitäten – die wir am Ende ohnehin überleben“ gemacht. Das ist etwas, was man sich gar nicht oft genug sagen kann. Man muss einfach leben und machen und nicht immer an alles denken, was da an negativen Konsequenzen auf einen zukommen könnte. Key-word KÖNNTE. Man weiß es schließlich wirklich nie im Vorhinein, wie etwas ausgehen wird. Ich mag den Ausdruck, „sich in’s Leben fallen lassen“, und ebenso gern diesen: „mich in’s pralle Leben schmeißen“.

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  15. Eva

    „Und: Pass doch bitte endlich auf dein Herz auf. Komisch, dachte ich. Das mache ich doch. Ich hänge es schließlich nur dort hin, wo es gerade am liebsten ist. Vielleicht fällt es da irgendwann wieder runter, wer weiß das schon. Aber, da ist es wieder: Ja. Ich trage nämlich wirklich viel lieber ein ramponiertes Herz, das sich viel angeschaut und trotzdem Hoffnung hat, mit mir herum, als eines, das sich kaum mehr aus dem eigenen Brustkorb heraus wagt, bloß aus Angst vor Eventualitäten – die wir am Ende ohnehin überleben. “

    Danke danke danke dafür dass du so schön ausgedrückt hast was ich schon so lange denke, wenn mir wieder Vorträge gehalten werden, über meinen Umgang mit meinem Herzen 😉

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  16. Pingback: Cherry Picks #25 - amazed

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