Wann ist eine Frau eine Frau?

11.12.2018 Leben, box2, Feminismus, Kolumne

In letzter Zeit, das gebe ich gern zu, habe ich (zu) oft Herbert Grönemeyer gehört, weshalb ich bei der Wahl von Überschriften, die ohnehin kein bisschen zu meinen Talenten gehören, derzeit nicht an umgemogelten Refrains vorbei komme, verzeiht es mir. Am Ende weiß ich auch nicht mehr, ob das Ei zuerst da war oder das Huhn, aber im Text zu „Wann ist ein Mann ein Mann?“ heißt es jedenfalls:

Männer kaufen Frauen
Männer stehen ständig unter Strom

Männer baggern wie blöde
Männer lügen am Telefon

Eine prächtige Stereotypisierung, die eigentlich ja zur Enttarnung ebenjener anregen soll. Funktioniert sogar, ein Stück weit – wenn doch bloß das Wörtchen „wenn“ nicht wäre. Wenn manche Männer nicht tatsächlich Frauen kaufen oder wie blöde baggern würden und lügende Männer, gut, auch die kennen wir zu genüge. Trotzdem wäre es gemein, die Grönemeyer’sche Lyrik wörtlich zu nehmen. Schließlich sind Männer Menschen und Menschen machen Dinge, auch wenn sie Frauen sind. Allen zumeist obsoleten Gender-Phantastereien zum Trotz fragte ich mich beim Karaokeabend neulich dennoch, was im Umkehrschuss wohl eine Frau zur Frau machen würde – unter Einbeziehung sämtlicher „typisch weiblicher“ Klischees. Sowas vielleicht:

Frauen klauen Männer
Frauen bekommen weniger Lohn
Frauen kaufen wie blöde
Frauen schreien am Telefon

Da kann man jetzt sauer werden. Weil: Stimmt ja gar nicht. Außer die Sache mit dem Pay Gap natürlich. Oder?

Nun. Hätte ich kein Hirn, könnte ich durchaus behaupten, mir sei einst ein Mann „geklaut worden“. Die bittere Wahrheit ist aber, dass Männer wohl Vieles sind, aber keine Fahrräder. Die kann man nicht klauen. Die gehen ganz freiwillig. Wie Frauen auch. Also weiter im Text: Ins Telefon geschrien habe ich nicht nur ein Mal, auch, weil meine Mutter nicht mehr so gut hört, und viel kaufen kann ich auch recht überzeugend. Bingo, ich bin eine Vorzeige-Frau! Eine wie sie im Buche steht, zumindest in solchen, die vom Mars und der Venus handeln. Eine, die PMS zum Lebensgefühl macht, Schuhe streichelt und bei „Tatsächlich, Liebe“ Rotz und Wasser heult, die permanent analysiert und reininterpretiert, die um den heißen Brei drum herum redet und nicht meint, was sie sagt, eine, die ihren Arsch nicht mag. Exfreundinnen meistens auch nicht. Und um jetzt mal ganz tief in der Scheißekiste der Vorurteile zu buddeln: Einparken hingegen kann ich wie eine Eins, weshalb ich eines Tages Beifall bekam, von drei Männern am Bordsteinrand. Gerne hätte ich in diesem Moment die Bremse mit dem Gaspedal verwechselt. Aggressionspotenzial hege ich demnach also obendrein. Ich bin handwerklich begabt und mache ungeniert Geräusche wie ein Schwein, ich bin oft horny und verfressen und ein Rüpel. Was also bin ich nun? Ein Hybrid? Eine Mau oder ein Frann? Herbert, sag‘ doch mal.

„Und der Mensch heißt Mensch
Weil er irrt und weil er kämpft
Und weil er hofft und liebt
Weil er mitfühlt und vergibt“

Was? Bin ich am Ende als doch nur – Mensch? Ja klar! ABER.

Was ich mit diesen Zeilen sagen will, ist: Ich weiß einfach nicht, was ich sagen soll. Zu Gender-Klischees und Stereotypen. Weil ich Feministin bin, und zwar nicht nur zur Zierde, und deshalb sooft meine, es besser zu wissen. Weil ich nicht an die natürliche Existenz besagter Rollenzuweisungen glaube und trotzdem immer wieder merke, dass es sie gibt. Zumindest in meinem Kopf. In vielen Köpfen. Sogar in den klügsten. Wegen der Gesellschaft, der Erziehung und dieser fremdgesteuerten Sache namens Sozialisation zum Beispiel. Und so stecke ich immer wieder fest in einem riesengroßen Schlamassel, das vornehmlich durch die Diskrepanz zwischen Wissen und Erfahrung gespeist wird. Ich weiß, dass „typisch Mann“ und „typisch Frau“ Floskeln aus der Tonne sind. Trotzdem krame ich sie unterbewusst hervor, immer wieder. In Gesprächen mit Freundinnen und Freunden, immer dann, wenn mich was nervt. „Diese Typen und ihre Unfähigkeit zur Kommunikation“ etwa oder „dieser scheiß Fußball“, also ganz in kotzehrwürdiger „Ich Tarzan, du Jane“-Manier. Es geht ja dann außerdem nicht um mich, sondern um „die Anderen“. Die ich unverhohlen in Schubladen stecke. Heimlich! Aber oft. Vielleicht, weil ich nicht aufhören kann, nach Orientierung zu suchen oder nach Erklärungen. Weil es einfacher ist, zu verallgemeinern als sich ausgiebig mit den Beweggründen eines Individuums auseinanderzusetzen. Weil es, auch anders herum, saumäßig bequem ist, die Schuld auf das Geschlecht oder gar die Hormone statt auf den eigenen Charakter zu schieben. Weil es so verlockend ist, sich in Gefilden aufzuhalten, die man kennt. Weil dann sowas wie Spielregeln existieren. Aber nein. Ist mein bester Freund nicht viel sensibler als ich? Hat mein Partner jemals über Gefühle geschwiegen? Bin nicht ich der Stein in unserer Beziehung?

Tolle Wurst. Da ist das Hirn ausnahmsweise mal weiter als das Handeln. Ich fürchte also, so ganz grundsätzlich, dass es in diesem speziellen Fall an der Zeit ist, das oft unterschätzte Ver-lernen auf der Prioritäten-Liste noch vor das Lernen zu setzen. Letzteres klappt ja schon in der Schule nur bedingt, wie soll das Reinballern von Wissen also bei beschränkten Erwachsenen fruchten? Mich wundert dieses Scheitern nicht, es macht mich nur mürbe. Und auch ein bisschen sauer auf mich und uns. Kann doch eigentlich nicht so schwer sein, dieses nicht Maus- oder Mann-, sondern – hurra – Menschsein.

9 Kommentare

  1. Nora`

    „Schließlich sind Männer Menschen und Menschen machen Dinge, auch wenn sie Frauen sind.“

    „Und um jetzt mal ganz tief in der Scheißekiste der Vorurteile zu buddeln…“

    So viele Wortjuwelen mal wieder <3 (fuer inhaltliche Debatten habe ich heute keinen Kopf, der wurde mir von einem Italiener, der ueber seine Gefuehle redet, verdreht)

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  2. Kati

    „Mich wundert dieses Scheitern nicht, es macht mich nur mürbe. Und auch ein bisschen sauer auf mich und uns.“

    Absoluter Gedanken-High-Five!

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  3. Anja

    Über die Grönemeyer-Männer-Zeilen habe ich schon vor über 30 Jahren nachgesonnen…aber zusammen mit deinem wundertollen Text bekommt das Ganze eine großartige neue Dimension :-)… Vielen Dank dafür! Gefällt mir sehr <3

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  4. Nina

    Danke für diese Ehrlichkeit! Ich sage ja immer: „Mann und Frau sind nicht gleich, aber gleich gut.“ Es gibt Schubladen, es gibt Vorurteile, aber wie schön ist es, immer wieder vom Gegenteil überrascht zu werden und vor allem zu begreifen: Keine Schublade ist besser als die andere, denn wir sind alle Menschen – mit Herz und Fehlern.

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    1. Ani

      Ich frage mich aber immer, was das heißen soll… „Männer und Frauen sind nicht gleich.“
      Ich finde nämlich nicht, dass man da pauschalisieren kann (bzw. glaube ich, dass es ein Problem ist, wenn man es tut, wie ich mit meinen „männlichen“ Hobbies ständig erleben muss).
      Ich meine, klar, wir sind alle aufgrund unseres Geschlechts auf eine bestimmte Weise sozialisiert worden. Aber sonst?
      Mit meinem besten Freund zum Beispiel habe ich so gut wie alles gemeinsam, wir haben exakt die gleiche Denke. Und das obwohl er – Schock! – ein Mann ist. Meine Nachbarin, eine Frau, wirkt auf mich dagegen wie ein Alien, weil wir uns so gar nicht ähneln.
      Für mich ist es so: Es gibt Männer, die fast genau wie ich sind. Und Frauen. Aber es gibt auch Männer, die sind es nicht. Und Frauen.
      Im Prinzip stimme ich also der letzten Hälfte deines letzten Satzes zu: „denn wir sind alle Menschen“.

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