Nachgefragt // Fotografin Joanna Legid über das Älterwerden, Schönheitsideale und ihre Buchempfehlungen

06.05.2019 box1, Interview

„Alles neu macht der Mai“, dachten wir uns und riefen unsere Nachgefragt-Interviewreihe ins Leben. Getrieben von unserer Neugierde stellen wir hier nun ab sofort Personen vor, die wir nicht nur besonders spannend und inspirierend finden, sondern von denen wir am liebsten auch alles und noch mehr erfahren möchten. Den Anfang macht heute die wunderbare Fotografin Joanna Catherine Schröder, besser bekannt als Joanna Legid.

Mit ihrer analogen Fotografie erzählt sie Geschichten und fokussiert sich dabei ganz bewusst auf das Unvollkommene: Perfektion, so sagt sie, sei ihr nämlich viel zu glatt. Geboren wurde Joanna 1988 in Ruhengeri, Rwanda, seit acht Jahren lebt sie nun jedoch schon in ihrer Wahlheimat Berlin, wo sie sich kreativ auslebt und arbeitet. Uns hat sie verraten, warum sie sich für die Fotografie entschieden hat, wie sich das Älterwerden anfühlt und welche Bücher sie nur schwer aus beiseite legen konnte.

– Dieser Beitrag enthält Affiliate Links. Mehr Infos dazu findet ihr hier –

Welche Bücher konntest du nicht mehr aus der Hand legen?

1. Zadie Smith – Feel Free

Meine Freundin Anna ist ein Zadie Smith Fan. Ich tue mich immer ein bisschen schwer mit ihrer sehr komplizierten Art zu schreiben (vor allem auf English) und bin oft zu ungeduldig für ihre Fiktionen. Dann aber drückte sie mir dieses Buch vor zwei Monaten in die Hand: es sind Essays. In Feel Free schreibt Zadie Smith über Bücher, Stars, Gedanken, Kunst etc. und auf einmal entdecke ich ihre Welt und bin hin und weg. Danke Anna.

2. Anna Gavalda – La consolante (Auf Deutsch: “Alles Glück kommt nie”)

Das Buch hat mir meine Freundin Nadia 2013 ausgeliehen. Es hat mich auf einer Reise nach Rwanda begleitet. Ich habe es im Flieger verschlungen und es bei jeder Gelegenheit gelesen. Bevor ich es zu Ende lesen konnte, ist es mir beim Motorradfahren aus der Tasche gefallen. Es liegt seit dem irgendwo in Gisenyi…und Nadia weiß es immer noch nicht. Haha.

Die Geschichte ist so schön, dass ich das Buch, als ich es irgendwann in einem Second Hand Buchladen im Schillerkiez fand, unbedingt kaufen musste. Darin wird das Leben eines Mannes erzählt, der ein erfolgreicher Architekt in Paris ist und durch Zufall mitten in Frankreich auf einem alten Schloss landet. Dort wohnt auch eine Engländerin mit sieben unterschiedlichen Kindern und allen möglichen Tiere…und und und…

3. Gael Faye – Petit Pays (Auf Deutsch: “Kleines Land“)

Ich habe letztes Jahr auf einer Hochzeit in Belgrad die Frau kennengelernt, die das Buch ins Englische übersetzte. Sie hat mir davon erzählt, nachdem ich ihr gesagt habe, dass ich in Rwanda geboren bin. Ich habe das Buch in Paris gekauft. Damals habe ich die Bücherei fast eine Stunde nach einem neuen Buch durchsucht und auf einmal sah ich es und erinnerte mich an das Gespräch mit der Engländerin. Es ist so schön poetisch und traurig zugleich. Der Autor, Gael, erzählt von seiner Kindheit in Burundi kurz bevor der Genozid in Rwanda startete.

4. Isabel Allende – Portrait in Sepia

Ich lese alles von Isabel Allende. Alles, kein Scherz. Ich bin fasziniert von dieser Frau und ihrer Art zu erzählen. Besonders über ihre weiblichen Heldinnen. Übrigens: Meine aktuelle Wohnung habe ich sogar dank Isabel Allende bekommen. Die Immobilienmaklerin kam aus Chile und wir haben uns nur über die Autorin unterhalten, sodass ich, als ich bereits wieder draußen war, erst merkte, dass ich mir die Wohnung gar nicht so richtig angesehen habe. Am nächsten Tag ruf die Maklerin mich an und sagte mir, sie habe mich als Mieterin ausgewählt…

Warum ausgerechnet die Fotografie?

Weil ich nach einem Studium der Politikwissenschaften gemerkt habe, dass ich kaputtgehen werde, wenn ich einen Beruf ausüben muss, in dem ich mich nicht kreativ austoben kann.

Und weshalb analog?

Weil es mir Geduld beibringt. Und weil ich mag, dass es nicht perfekt ist. Digital ist zu glatt, analog hat etwas echtes. Das möchte ich beibehalten.

Wann bist du mit dem Ergebnis deiner Arbeit so richtig zufrieden?

Ist man das jemals? Nach jeder neuen Entwicklung denke ich “WOW”. Und ein paar Tage später sehe ich schon, was ich hätte besser machen können.

Welche Person würdest du am liebsten einmal fotografieren?

Von den Menschen, die nicht mehr leben, wäre es Nina Simone. Von allen anderen: Solange (!!!)

 

 
 
 
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Welche drei Stücke aus deinem Kleiderschrank möchtest du nicht mehr missen?

1. The red dress

Es gibt Kleider, die “Skater Dress” heißen und ich möchte nur noch solche Kleider tragen. Das Rote ist noch neu und ich warte ungeduldig auf den Sommer, damit ich es jeden Tag anziehen kann.

2. Die Bomberjacke

Meine Eltern haben fünf Jahre lang in Tunesien gelebt, von dort habe ich auch die Bomberjacke her – naja, genauer gesagt aus meiner Lieblingsstadt Douz (direkt an der Grenze zur Wüste). Sie hat 3 Euro gekostet. Ich mag, dass sie “Boy’s coat” heißt. Ich war schon immer ein Tomboy und seit ich sie habe, trage ich sie die ganze Zeit.

3. Die gelben Pumps

Eigentlich trage ich kaum hohe Schuhe, noch weniger, wenn sie knallige Farben haben und von Deichmann sind. Aber dieses Paar hat mir meine Schwester zum 31. Geburtstag geschenkt – es war das erste Mal, dass sie mir etwas geschenkt hat, das ich sofort geliebt habe! Wir mussten auch beide sehr darüber lachen, dass es „nur“ 30 Jahre gedauert hat, bis wir den Geschmack der jeweils anderen (zumindest in Sachen Geschenke) getroffen haben. Sie selbst besitzt die Schuhe übrigens auch 🙂

Wie fängt für dich ein guter Morgen an?

Mit einer 40-minütigen Yoga Session, lauwarmen Wasser mit Zitrone, Kaffee und Sonne. Ohne Sonne werde ich nicht wach.

Was bedeutet für dich Schönheit?

Echtheit. Authentizität. Zerbrechlichkeit. Emotionen. Ich liebe Macken und finde, dass genau sie Schönheit erst ausmachen.

 
 
 
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Wie fühlst du dich dabei, älter zu werden?

So so gut. Man könnte mir keine Millionen zahlen, damit ich wieder 20 bin. Es gibt natürlich die Ups and Downs und ich kriege meine Augenringe nicht mehr weg, aber in diesem Prozess finde ich mich. Und ich mag die Frau, die ich werde.

Wovor hast du Angst?

Am meisten vor mir selbst. Ich hatte zwischendurch viel mit Depressionen zu kämpfen, weil ich mich selbst zu verrückt mache. Anxiety ist ein Begriff, der mir sehr vertraut ist. Aber ich habe auch große Angst, meine Liebsten zu verlieren. Und vor der Zukunft, wenn ich sehe, was mit unserer Welt passiert (schwarze Menschen, die seit Jahrhunderten sterben, Krieg, Armut, Klimawandel etc.).

Wie verbringst du einen freien Tag am liebsten?

Auf dem Tempelhofer Feld. Entweder alleine mit Musik und Buch oder mit Freunden, dann mit Musik und Essen 🙂

Wann bist du so richtig entspannt?

Nach dem Sex.

Zeigst du uns deine Interior-Schätze?

1. Mein Tisch von Johanenlies

Ich denke die Bilder sprechen für sich – diesen Tisch werde ich für immer behalten und meinen Kinder vererben. Es ist so ein schönes Möbelstück und vor allem steckt darin noch richtiges Handwerk.

2. Meine Fotowand

Ok, es ist kein Objekt, aber als ich diese Wand eingerichtet habe wusste ich, dass ich mir nach acht Jahren selbst zugestehen muss, dass Berlin mein Zuhause ist. Die Fotos sind, bis auf das in der Mitte, eine Sammlung von Geschenken, Bildern aus der Vergangenheit und Kunstwerken, die man mir geschenkt hat.

3. Der Teppich

Den Teppich habe ich in Sidi Bou Said (Tunesien) gekauft – dabei musste ich ganz schön hart verhandeln. Damit er auch mit mir fliegen konnte, musste ich natürlich erstmal extra Platz für ihn in meinem Koffer schaffen. Aber es hat sich gelohnt, denn ich liebe die Farben und Muster, weil sie irgendwie anders sind, als die der meisten Teppiche. Er hilft sogar gegen Winterdepressionen.

Wann warst du zuletzt traurig?

Momentan immer mal wieder. Mein (Ex-)Freund und ich haben uns vor kurzem getrennt und der Liebeskummer kommt in Wellen.

Was liegt oder steht auf deinem Nachttisch?

Ein Foto von meinen Eltern, meiner Schwester als Baby und mir als 3-Jährige, Kondome und immer das Buch, das ich aktuell lese (gerade Aphrodite von Isabel Allende). Ach und Taschentücher, denn irgendwie läuft meine Nase ständig.

Was ist dein Beitrag zu einer besseren Gesellschaft?

Pfuu…ich glaube den Beitrag versuche ich aktiv jeden Tag zu leisten. Zum Beispiel, indem ich mit meiner Fotografie junge Frauen ermutige, sie selbst zu sein oder indem ich jeden Obdachlosen auf der Straße nett begrüße und menschlich behandele (sorry, aber viele gehen so scheiße mit anderen Menschen um). Indem ich mir die Mühe gebe, immer freundlich und respektvoll mit anderen umzugehen und offen über meine Struggles spreche. Indem ich versuche, für alle da zu sein, die mich brauchen, indem ich meine Pfandflaschen immer anderen gebe und so weiter.

Was tust du, wenn du dich absolut nicht motivieren kannst?

Ich gehe eine Runde Inline Skaten, schwimmen oder tanzen.

Welches Lied läuft bei dir auf Repeat?

Gerade läuft Cleo Sol – Try and you try auf Repeat.

Auf welche Beauty-Produkte möchtest du nicht mehr verzichten?

1. Moi Ruki

Hinter Moi Ruki steckt ein Freund von mir aus Paris. Es ist ein natürliches Balsam mit Lavendel, Wachs und weiteren natürlichen Inhaltsstoffen. Es riecht sehr gut und ich benutze es für die Lippen und Hände.

2. Shea Butter aus Burkina

Pures Shea Butter, das nicht zu teuer ist, ist eine Seltenheit. Glücklicherweise war meine Mutter letztes Jahr in Burkina und mir welches mitgebracht. Es wirkt Wunder.

3. Shea Moisture (fast alle Haarprodukte)

Ich glaube, bevor ich Shea Moisture entdeckt habe, waren meine Haare dauer-zerstört. Die Produktreihe ist perfekt für Afro-Haare und ich bin ganz schön glücklich, dass es so etwas endlich gibt. Mit den „normalen“ Haarprodukten habe ich meine Haare nämlich immer eher zerstört. Derzeit besitze ich das Shampoo und die Spülung, allerdings benutze ich beides sehr spärlich.

Die beste Doku?

Das Salz der Erde vom Wim Wenders

Was würdest du immer wieder tun?

Lieben.

Was hättest du lieber anders gemacht?

Ich hätte gerne früher gelernt, mich als Frau selbstsicher und wohl in meiner Haut zu fühlen – es war und ist noch immer ein langer Prozess.

In welchem Outfit fühlst du dich am wohlsten?

In Jeans 🙂

Was steht zurzeit auf deiner Wunschliste?

Einen Roller würde ich gerne kaufen. Oder einen Lada. Ich brauche eins von beidem, um ab und zu aus der Stadt zu flüchten und spontaner verreisen zu können!

Welches sind deine liebsten Modemarken?

Mmm, schwierig. Ich kaufe hauptsächlich Second Hand und tue mich schwer, eine Marke zu finden, die meinen Geschmack trifft. Wenn ich aber etwas Neues kaufe, dann von Monki. Das passiert aber so zweimal im Jahr.

Mit welchem Schmuck behängst du dich am liebsten?

Creolen-Ohrringe und meine silbernen Ringe sind alles, was ich trage. Das war schon immer so. Die dicken Creolen sind noch recht neu, aber die Ringe habe ich schon ewig – bis auf den, der alleine am Mittelfinger sitzt. Den hat mir meine Freundin Teresa zum Geburtstag geschenkt 🙂

Wer oder was ist deine größte modische Inspirationsquelle?

Meine Freundinnen.

Was tust du für deinen Körper?

Ihm Ruhe gönnen. Das habe ich in den letzten Jahren der Festanstellung gelernt. Mein Körper war ständig gestresst und unter Strom. Seit ich Freiberuflerin bin, nehme ich mir mehr Zeit für mich und meinen Körper. Damit ich und er ab und zu zur Ruhe kommen.

 
 
 
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Auf welches Rezept greifst du immer wieder zurück, wenn du zu Hause bist?

Das ist immer phasenweise. Gerade bin ich in der Quiche-Phase, dazu braucht es lediglich Blätterteig, Lauch oder Spinat, Crème fraiche, Eier, Parmesan und Emmentaler et voilà!

Was hat dir in letzter Zeit richtig gute Laune bereitet?

Mit Freunden abhängen und kiffen. Letzteres habe ich lange nicht mehr gemacht habe und es hat mich sehr positiv gestimmt. Ich hatte den Spaß meines Lebens haha.

Lieblings-Snack?

Obst und Chips. Ich esse kaum Süßes, bin dafür aber richtig süchtig nach Chips.

Zu welchen drei Accessoires greifst du immer wieder?

1. Meine Kamera

Ich bin Fotografin. Eine Kamera habe ich immer dabei. Ohne fühle ich mich sehr einsam.

2. Kopfhörer

Musik, denn ohne Musik kann ich die Welt da draußen manchmal nicht ertragen. Wenn ich in der Natur bin, brauche ich meine Kopfhörer nicht so sehr, aber Berlin ohne Musik in den Ohren? Geht nicht.

3. Mein Handy

Jepp. Ohne mein Handy kann mich keiner erreichen, ich kann keine Musik hören, keine Menschen auf Instagram stalken, keine Videos machen etc. . Und da ich viele Freunde habe, die nicht in Berlin leben, ist mein Handy leider mein einziger Bezug zu ihnen.

Wo shoppst du am liebsten für Interior?

Auf Ebay Kleinanzeigen.

Wie verbringst du deinen Samstagabend am liebsten?

Im Winter mit Rotwein in meiner Küche, im Sommer draußen, tanzend und mit einem Radler in der Hand.

Und was hilft dir beim Einschlafen?

Atmen. Ruhig ein und ausatmen. Lesen, bis die Augen zufallen. Und wenn das nicht hilft, dann masturbieren 🙂

Was würdest du tun, wenn du Königin von Deutschland wärst?

Ich würde Flüchtlinge in Deutschland zulassen und es zur Priorität machen, diese in unsere Gesellschaft zu integrieren, ihnen psychologische Unterstützung bei der Verarbeitung von Traumata bieten und ihnen bei der Jobsuche helfen. Platz ist genug da, Geld auch. Aber Rassismus zieht sich auch durch unsere Politik. Ich kann es kaum mehr aushalten, mit anzuschauen, wie ganz Europa und Deutschland lieber das Leben von tausenden von schwarzen Menschen (seien wir mal ehrlich, bei Weißen wäre schon längst was unternommen worden) auf das Spiel setzen (sie werden vergewaltigt, gefoltert und ausgebeutet), statt eine dauerhafte Lösung zu finden.

 
 
 
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2 Kommentare

  1. Lou

    Super schönes, inspirierendes Interview! Eure neue Rubrik und Joannas ehrliche Antworten haben meinen Tag gleich ein bisschen sonniger gemacht, love it <3

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