Kolumne // Knutsch doch, wenn du dich traust!

05.06.2019 Leben, box3, Kolumne

Es ist erstaunlich, wieviel ich von Menschen lerne, die einen Schritt weiter gehen als andere. Oder besser: Wie neugierig sie mich auf das Leben machen. Erstaunlich deshalb, weil ich immer wieder ins Wanken gerate, wenn jemand Dinge tut, die ich nicht wagen würde. Oder nie hätte wagen wollen, aus Desinteresse oder tiefster Überzeugung. Bis ich schließlich mitgerissen werde von wilden Erzählungen und der Erkenntnis der Vergänglichkeit, so sehr, dass ich meine, umgehend selbst sämtliche Grenzen sprengen zu müssen, können und dürfen. Ob ich’s dann tatsächlich mache, ist dabei von geringer Bedeutung. Viel beachtlicher ist doch, dass kaum ein persönliches Urteil, in Relation zum Leben betrachtet, unveränderlich zu sein scheint. Abgesehen von den gesellschaftlich weitreichenden natürlich, die hoffentlich einem unkaputtbaren moralischem Kompass unterliegen – wie „Nazis sind scheiße“. Alles andere wäre nicht spannend, sondern hochproblematisch. 

Ansonsten gilt: Ein Hirn, das hin und wieder auf den Kopf gestellt wird, ist ein lebendiges Hirn, das zu Überraschungen neigt. Eines, das vielleicht sogar mehr fühlt als denkt und nicht einfach so wegsieht, schon allein aus Gewohnheit, sondern neugierig bleibt auf alles, was hinter dem Tellerrand wartet. Es ist aber eben auch nicht: gefällig. Verwirrend dafür umso mehr.

Hättet ihr mich zum Beispiel vorgestern gefragt, wie heiß ich die Vorstellung fände, nach langer Abstinenz mal wieder im Kitkat Club zu stehen, zwischen Halbnackten und Schweinereien, hätte ich mich garantiert an meinem Apfel verschluckt. Und hätte sich obendrein jemand danach erkundigt, ob ich je in Erwägung ziehen würde, meine Beziehung zu öffnen, hätte ich mich vor Schreck im Schwall übergeben. Gestern aber, da erzählte mir ein Freund, dass er und seine feste Freundin hin und wieder gemeinsam zum Knutschen ausgehen würden, gar nicht mehr. Ich habe das natürlich erstmal nicht kapiert, weil ich dachte, knutschen, hallo, das kann man doch überall. Ja, aber nein. Mit anderen knutschen halt. In Clubs, auf Parties, an Theken. Überall, nur nicht heimlich. Während der Partner, bzw. die Partnerin dabei ist und sich im besten Fall eben auch vergnügt.

 
 
 
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Ein Beitrag geteilt von HER USA (@her.usa) am

Wie der Ochs vorm Berg saß ich demnach recht rasch da, mit weit geöffnetem Mund, in den ich vor lauter geistiger Überforderung fünfunddreißig Oliven auf einmal steckte, um Zeit zu schinden. Meine erste Reaktion wäre für gewöhnlich nämlich ein leicht angeekeltes und vielleicht sogar mitleidiges Gesichtsverziehen gewesen. Weil die Leute den Hals nicht vollkriegen, diese gierigen Geier. Und ganz bestimmt nicht glücklich sind, dafür aber sehr verzweifelt. So weit, so scheiße, das Stigma. Also erstmal Klappe halten und all die vielleicht bisweilen ungeahnten Möglichkeiten sacken lassen.

„Ist ja praktisch“, bemerkte ich schließlich, während ich nach Antworten auf die drängende Frage suchte, wie einer, der nochmal ein ganzes Stück jünger ist als ich, eigentlich zu so viel Reife gelangen konnte. In Liebesdingen meine ich. Wer nämlich annimmt, es ginge hier um den bloßen Rausch, um Ekstase, ums sich nicht festlegen wollen oder jugendlichen Wahnsinn, der hat eben noch nie meinen Freund getroffen, diesen klugen Menschen, der einfach etwas mehr vom Leben will, vielleicht sogar alles, aber auf jeden Fall: Echte Liebe. Eine freiwillige Liebe, an der beide wachsen können, miteinander und aneinander fest.

Klasse Utopie, nur wohin bloß mit der Psychologie der Sünde? Die Eifersucht, was ist denn mit ihr? Die verflöge mit der Zeit, mit dem Vertrauen und den Erfahrungen, die verbinden und sogar ein bisschen erhaben machen. Mit jedem gemeinsamen Einschlafen, immer dann, wenn es genug des Guten war, wenn einer den anderen nach einer langen Nacht an die Hand nimmt, wie früher und immer, wie frisch Verliebte, die gemeinsam nach Hause spazieren und pappsatt von der Welt ins Bett fallen, um Arm in Arm zu schnarchen und zu träumen, von diesem einen langen Leben mit diesem einen Menschen, das viel zu schön und kostbar ist, um es nicht mit aller Kraft vor Konventionen zu schützen, die ein langsames Sterben zumindest wahrscheinlicher machen.

Beschwingt von so viel mehr und so viel neu und außerdem beeinflusst von der durchdringenden Zukunftssorge, irgendwann im Laufe einer jahrelangen Beziehung würde die gemeinsame Existenz laut Statistik ohnehin von Lügen und dem Betrügen getrübt, parkte ich am nächsten Tag ganz aufgeregt und mit einer Vollbremsung mein Rad neben dem Frühstückstisch, an dem mein eigener Freund schon wartete, die Nase lieb gen Sonne gereckt und mir mit funkelnden Augen entgegen blickend. „Guten Morgen, du Blume“, sagte ich. Mehr nicht.

Zum ersten Mal seit Monaten war ich ohne Sorge. Und vielleicht gerade deshalb so voll mit dem Gefühl, dass ich überhaupt nichts anderes will, nur alles, mit ihm. Weil ich an diesem letzten Abend verstanden hatte, dass Beziehungen sich verändern dürfen.

 
 
 
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Ein Beitrag geteilt von Laura Worrick (@wawawawick) am

Und dass wir alles miteinander schaffen können – erst recht mit ein bisschen mehr Mut und weniger Angst vor all den wunderbaren Möglichkeiten, die vielleicht gar nicht so irre sind, wie die Gesellschaft so gern behauptet.

6 Kommentare

  1. Nora

    So sehr JA zu all diesem hier!
    Viele dieser Gedanken haben bei mir auch vor einiger Zeit eingesetzt und fuer mich persoenlich kann ich sagen, dass ich mich seither viel freier fuehle. Freiwillig und aus vollstem Herzen ja zu jemandem sagen, weil man es immer wieder waehlt, und andere Menschen nicht als Bedrohung sehen war fuer mich eine ziemliche Transformation.

    Und ganz viel Liebe fuer diesen Satz:

    „wenn einer den anderen nach einer langen Nacht an die Hand nimmt, wie früher und immer, wie frisch Verliebte, die gemeinsam nach Hause spazieren und pappsatt von der Welt ins Bett fallen, um Arm in Arm zu schnarchen und zu träumen, von diesem einen langen Leben mit diesem einen Menschen, das viel zu schön und kostbar ist, um es nicht mit aller Kraft vor Konventionen zu schützen, die ein langsames Sterben zumindest wahrscheinlicher machen.“

    Da wir schon beim Thema sind und mir dieses Umdenken und gelegentliche Hinterfragen von Konventionen sehr am Herzen liegt, faende ich es ganz wunderbar, wenn du die Wortwahl in diesem Artikel noch aendern koenntest (https://www.thisisjanewayne.com/news/2019/05/27/podcast-tipp-german-liebe-wie-liebt-deutschland/#comments) Denn wovon du dort schreibst ist Polyamorie, waehrend die Polygamie das ist, was der Polyamorie einen schlechten Ruf bereitet. Da ich mir sicher bin, dass ihr wisst wie sehr Sprache unsere Realitaet formt, faende ich es schoen, wenn es auch in dem Artikel entsprechend richtig stehen wuerde 🙂

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  2. Suzie

    Ich bin mir da nicht so sicher… Wenn es andere braucht, um das gemeinsame Leben zu leben… Wenn ich „mehr Partner“ will, als das, was ich habe – wenn es nicht genug ist?.. Und wenn der Partner diese „Interessen“ erst in mein Hirn pflanzt, weil sie vorher nie eine Rolle gespielt haben? … Vielleicht funktioniert es…

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  3. Anja

    Oh Nike – vielen Dank für deine wunderbaren Texte und Hirnstupser. Hab direkt eine grosse Portion Schmetterlinge und Mut im Bauch – für alles was kommen mag.

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  4. Lene

    Nike sagt ja nicht, dass sie jetzt Lust hat, mit anderen rumzumachen. Es geht in diesem wunderbaren Text doch darum, weniger Angst vor Dingen zu haben, die eventuell gar nicht so schlimm sind wie man aufgrund von Hollywood etc denkt und auch darum, dass vielleicht nicht immer alles so bleibt wie jetzt, aber wenn man sich erlaubt sich zu entwickeln, muss man sich eben nicht gleich trennen, zum Beispiel weil nach zehn Jahren Mal einer mit jemandem knutschen will.

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