Nachgefragt: Anouk Jans über Schönheitsideale, ihre größten Ängste & die besten Buchtipps

31.01.2020 Menschen, box1, Interview

In unserer „Nachgefragt“-Interviewreihe widmen wir uns Personen, die wir besonders spannend und inspirierend finden. Dieses Mal hat sich Anouk Jans, Creative Director, unseren neugierigen Fragen gestellt.

Bekannt wurde Anouk Jans erstmals mit 13, als sie für ihren Modeblog „Anouk on the Brink“ schrieb. Mittlerweile hat die Wahl-Hamburgerin mit den abrasierten Haaren, die derzeit als Creative Director arbeitet, nicht nur das kreative Kollektiv BYUS, sondern auch die Creative Pop-Up School gegründet. Hier führt sie Speaker*innen verschiedener Bereiche und Wissbegierige zusammen und unterstützt somit Freelancer*innen und Kreative auf ihrem Weg. Für unsere Nachgefragt-Reihe hat uns Anouk jede Menge Fragen rund um das Älterwerden, Bücher, Schönheit und ihre größten Inspirationen beantwortet.

Welche Bücher konntest du nicht mehr aus der Hand legen?

1. Licht von Meckel.

Das Buch habe ich eigentlich immer dabei. Egal wo es hingeht. Es war mit mir in New York, Barcelona, Wien. Wenn ich jemanden liebe, lese ich ihm daraus vor — das ist meine Liebeserklärung.
“Er spürt ihren nackten Körper, ihr regennasses Gesicht, die Düfte der Jahreszeiten in der Wiederkehr von Warten und Dasein. Meckel erzählt seine Liebesgeschichte, als wäre der Traum Wirklichkeit und die Wirklichkeit Traum — eine poetische Verzauberung.“, sagt die Inhaltsangabe. Und schöner hätte ich es kaum beschreiben können.

2. Sommerhaus Später von Judith Hermann

Ihre Kurzgeschichten sind brutal und ehrlich. Jede Geschichte geht unter die Haut.

3. Gefährliche Geliebte von Haruki Murakami

Eigentlich ist mir Murakamis Schreibstil zu trocken, aber dieses Buch hat mich nicht mehr losgelassen.

Wann bist du mit deiner Arbeit so richtig zufrieden?

Es war für mich ein langer Prozess, mich von dem Streben nach Perfektion und einem fast selbstzerstörerischen Verbesserungswahn zu trennen. Perfektion ist immer eine Illusion — und doch habe ich Jahre gebraucht, ihr nicht mehr hinterherzujagen. Heute bin ich mit meiner Arbeit zufrieden, wenn sie Menschen berührt und ich sagen kann „Ich fühle es“. FKA Twigs wurde einmal gefragt, wie sie ihre kreativen Entscheidungen treffen würde und sie antwortete nur: „I know when I feel something and I know when I don’t.“ Das Gleiche gilt für mich. Wenn mir andere Kreative ihre Ideen schicken, lautet die letzte Frage der Email immer: „Fühlst du es?“ Um darauf eine Antwort geben zu können, muss man eine enge Verbindung zur eigenen Gefühlswelt haben und seinem Instinkt folgen können — leicht ist das nicht.

Wovon lässt du dich inspirieren?

Geschichten. Geschichten in Büchern und in Filmen. Wahre Geschichten. Erfundene Geschichten. Halbwahre Geschichten. Geschichten mit und ohne Happy End. Lebensgeschichten. Geschichten sind der Kern meiner Arbeit und meiner Art, das Leben zu sehen: Am Ende kann man aus allem eine wundervolle Geschichte machen.

Wie gehst du mit Rückschlägen um?

Als ich mit 13 in die Modebranche gestolpert bin, hat mich jede Kritik aus der Bahn geworfen. Heute kann ich mich von der Kritik anderer und von Rückschlägen distanzieren. Ich weiß, dass nur wenige Dinge persönlich gemeint sind und dass es meistens das Ego ist, das mit Misserfolg oder Zurückweisung nicht umgehen kann. Ich folge hier zum einen dem Rat meines Vaters: „Erfolg sollte uns nicht definieren.“ Und zum anderen dem Zitat (ich glaube es ist von Will Smith): „Fail early, fail often, fail forward.“

Und was motiviert dich jeden Morgen, aufzustehen?

Dass ich die Macht habe, etwas zu verändern. Im Kleinen und vielleicht sogar im Großen.

Wie fängt für dich ein guter Morgen an?

Um 8 Uhr mit einem Cappuccino in meinem zweiten Zuhause, dem jüdischen Café Leonar am Grindelhof.

Was bedeutet für dich Schönheit?

Schönheit ist für mich eine Haltung des Geistes und des Herzens. Für mich ist Schönheit etwas, das nichts erzwingen möchte und nicht vorgibt, etwas zu sein. Aber genauso etwas, das uns träumen lässt und eine Illusion schafft, in der wir uns verlieren können. Wenn ich jetzt anfangen würde, Dinge aufzuzählen die schön sind, würde ich hier auch im Spätsommer noch sitzen. Was mir persönlich hilft, meinen Geist für Schönheit zu öffnen, ist Musik. Für jede Form, jeden Moment, jedes Licht, jeden Gegenstand und jeden Menschen gibt es Melodien, die den Vorhang beiseite ziehen — wenn ich den richtigen Song für Dinge und Momente finde, sehe ich die Schönheit im Detail klarer.

Welche drei Stücke aus deinem Kleiderschrank willst du nicht mehr missen?

1.

Meine Tasche von Altuzarra. Da passt alles rein. Laptop, Handy, Kabel, Bücher, Notizbücher — und dann ist immer noch Platz für Unerwartetes.

2.

Meinen Mantel von Marni, gekauft bei Secondella. Es ist ein Glücksmantel und Secondella ist das einzige Geschäft in Hamburg, in dem ich immer unersetzbare Stücke finde. Die Inhaberinnen sind besondere, starke und inspirierende Frauen und ohne sie gäbe es keinen guten Secondhand Laden in der Stadt. Dort hat jedes Kleidungsstück eine Geschichte.

3.

Meine Boots von Prada. Man sieht mich nicht mehr ohne sie. Ich fühle mich in ihnen immer wie eine kleine Manga Heldin aus einem Ghibli Film.

Wie fühlst du dich dabei, älter zu werden?

Fast Angstfrei. Kennt ihr das Rätsel: Was möchte keiner sein, aber jeder werden? Genau: alt. Ich habe heute eine Kampagne zum Thema „Ageism“ konzepiert und dabei gemerkt, dass meine Angst vor dem äußerlichen Älterwerden sehr gering ist. Obwohl Falten und abrasierte Haare… na, wir werden sehen wie das aussieht. Auf den inneren Wachstum und die paar Funken Weisheit in der Zukunft freue ich mich auf jeden Fall. Meine einzige Angst (und die ist ja immer nur ein mentales Konstrukt, das es zu überwinden gilt) ist, wenn dann die, älter zu werden, ohne eine Beziehung zu führen, die mich erfüllt und glücklich macht. Selbstständigkeit: Ja. Emanzipation: Klar. Freiheit: Unbedingt. Tolle Freunde und Familie: Es gibt kaum etwas Wertvolleres. Aber das Leben und das Älterwerden mit jemandem zu teilen, den man liebt, das ist einfach einzigartig.

Mein nächstes Projekt ist übrigens eine Seniorenresidenz. Modern, gemütlich, stillvoll und innovativ. Die Innovation ist hier noch das Geheimnis! Aber fest steht, in Würde Altern ist auf jeden Fall noch eine Herausforderung in unserer Gesellschaft.

Wie verbringst du einen freien Tag am liebsten?

Im Café beim Schreiben und Lesen oder mit Freunden und Spaziergängen.

Wann bist du so richtig entspannt?

Auf meiner Fensterbank mit Blick auf die Stadt. Geschützt vor der manchmal unbarmherzigen Realität der Welt und doch mit einem tollen Ausblick — mit etwas Fantasie kann man von dort oben Venedig sehn.

Welches Lied läuft bei dir auf Repeat?

Morgens das Album von Melody Gardot „Currency of Man“, mittags The Weekend und abends Leonard Cohen (Marianne and Leonard: tolle Doku übrigens!). Auf meiner Playlist sammle ich alles, was mich vom Gedankenkarussel absteigen lässt. Meine Freunde machen sich immer über den Namen lustig. „Seelen in Flammen“ — sie sagen, es klingt wie ein richtig schlechtes deutsches Drama im NDR. Wahrscheinlich haben sie recht…aber der Song Soul’s on fire von Anthony Hamilton hat bei mir eine Bedeutung.

Wann warst du zuletzt traurig?

Gestern. Heute. Jetzt. Etwas Melancholie und Traurigkeit sind bei mir allgegenwärtig. So lange ich keine Klassik höre, bleiben sie auch wo sie sind: Im Innern verborgen, wo sie nicht jeder sieht.

Was liegt/steht auf deinem Nachttisch?

Meine Mutter hat mir drei Bücher gegeben, die ich lesen soll. Unter anderem Herkunft von Sasa Stanisic.

Was steht zurzeit auf deiner Wunschliste?

Viele Filme für meine Kamera. Ich habe meine analoge Leica seit dem Sommer beiseite gelegt. Ich hatte nicht das Bedürfnis, mein Leben zu dokumentieren. Aber dieser Wunsch kommt im Frühling wieder, da bin ich sicher.

Auf welches Rezept greifst du immer wieder zurück, wenn du zu Hause bist?

Pasta. Ich kann nicht kochen. Yoghurt anrühren fällt bei mir unter das 5 Sterne Menu.

Credits: Nis Alps @ishootfriends

Was hat dir in letzter Zeit richtig gute Laune bereitet?

Etwas so Banales das ich richtig überrascht war! Dua Lisa speaks the lyrics in World Market – herrlich!

Lieblings-Snack?

Pick Up! Und Kinderschokolade. Verdammt, Schokobons sollten verboten werden…

Zeigst du uns deine Interior-Schätze?

1.

Ich nennen ihn den „Baum im Glas“. Eine Erinnerung an meinen verstorbenen Großvater.

2.

Mein Bücherregal. Ich hätte gerne nochmal zwei in der Größe — dann müssten einige Bücher ihr Dasein nicht auf dem Fußboden fristen.

3.

Meine „Gnubel Vase“. Ein Geschenk meiner Mutter, das einfach wunderbar futuristisch aussieht.

Wovor hast du Angst?

Vielleicht könnte auf die Sorgen-Liste noch kommen: Mich nicht zu trauen. Mich nicht zu trauen, die Stadt zu wechseln und meinen sicheren Hafen zu verlassen. Ich bin in Spanien groß geworden und war, seit ich 14 bin, in den größten Städten der Welt unterwegs — von Shanghai bis New York — und doch ist es für mich schwer, nach 8 Jahren Hamburg über einen Umzug nachzudenken. Aber ich merke: Es wird Zeit. Die Stadt unterfordert mich und nicht jede Inspiration kann aus einem selbst kommen. Wenn wir 2021 sprechen, habe ich hoffentlich meinen Wohnsitz woanders.

Was tust du, wenn du dich absolut nicht motivieren kannst?

Schlafen. Oder ganz laut ACDC hören.

Die beste Doku?

Momentan wahrscheinlich „Franca“. Ich habe auf Instagram mal eine Liste meiner liebsten Dokumentationen geteilt. Zweimal im Jahr mache ich meine eigene „10 days, 10 documentaries“ Challenge. 10 Tage lang jeden Abend eine neue Dokumentation. Mehr habe ich in 12 Jahren Schulzeit nicht gelernt.

Was würdest du immer wieder tun?

Nach New York fliegen.

Was hättest du lieber anders gemacht?

Puh, da gibt es einige Entscheidungen, die ich gerne wiederholen würde, auch, wenn ich sie nicht bereue. Aber wenn ich sehr emotional bin, übernimmt mein Herz komplett und der Kopf schaltet sich aus. In einigen Situationen meines Lebens hätte ich gerne ruhiger und gelassener reagiert und dabei klarer formuliert, was ich mir wünsche.

Mit welchem Schmuck behängst du dich am liebsten?

Mein Schmuck ist mir das Wichtigste in meinem Schrank. Die Ohrringe sind von Tom Wood und der Ring von Warinka von Saucken ist mein „tragbares Meer“ — alle Stücke sind mit Erinnerungen, Wünschen und Hoffnungen verbunden.

Was ist dein Beitrag zu einer besseren Gesellschaft?

Zum einen mein neues Projekt die Creative Pop-Up School für Freelancer und Gründer*innen, kurz C-Pop genannt. Die erste C-Pop habe ich im Dezember 2019 gestartet und es war so ein Erfolg, dass ich gerade versuche, die C-Pop dreimal im Jahr zu organisieren. Mit unterschiedlichen Speakern zu den Themen Design, Marketing, Kreativität, Social Media, PR, Finanzen und mehr. Viele Freunde haben mich unterstützt und ihr Wissen auf der C-Pop geteilt, auch Cloudy von Refinery29. Sie hat mich von Anfang an darin bestärkt, das Format weiterzuführen. In den Monaten zwischen den C- Pop’s wird es Masterclasses geben.

Ich selbst bin jetzt 8 Jahre selbstständig — mit einer Unterbrechung von 3 Jahren Festanstellung bei Closed und Marc O’Polo. Ich weiß, dass sich jeder eine erfolgreiche Selbstständigkeit wünscht, doch dazu gehört eine ganze Menge. Neben Talent, Professionalität und Durchhaltevermögen auch ein fundamentales Skill Set. Und genau das können die Teilnehmer der C-Pop in 3 Tagen auf ein neues Level heben. Das letzte Mal hatten wir 18 Speaker und im März werden es nicht weniger. Es geht darum, einen Safe Space zu schaffen, in dem Kreative Neues lernen und sich vernetzten können. Es ist kein Festival und keine Konferenz: Es ist klein, exklusiv und persönlich – und soll auch genau so bleiben!

Zum anderen, mein neues Kollektiv BYUS @byusglobal. Wir denken Marketing anders und versuchen Marken davon zu überzeugen, sich nicht bloß auf Influencer Marketing zu stürzen, sondern junge, unbekannte Talente zu engagieren, zu fördern und eigene Formate mit Mehrwert zu entwickeln. In unserem eigenen Bewegtbildformat „Unfamous — talents you should know“ dokumentieren und porträtieren wir Talente, die eine noch größere Bühne und mehr Aufmerksamkeit und Anerkennung für ihr einzigartiges Talent verdient haben!

In welchem Outfit fühlst du dich am wohlsten?

So lange es schwarz ist, geht alles. Im Sommer aber auch gerne alte Levis Jeans und Tank Tops.

Credits: Nis Alps @ishootfriends

Wer oder was ist deine größte modische Inspirationsquelle?

Frauen wie Diana Vreeland (auch eine tolle Doku) und Coco Chanel. Zeitlos und unapologetic! Der monochrome Trend, an dem man sich auf Instagram ja eigentlich schon satt gesehen hat, entspricht mir: nicht zu laut und, in meinem Fall, viel Leder und derbe Boots — fertig. Laute Farben und Designs sind toll, aber ich überlasse sie lieber anderen, die es besser tragen können. Die Ära der 90er mit der Uniform der Supermodels ist meine Zeit. Und Rene Russo aus „The Thomas Crown Affair“ — ihre Looks versuche ich zu kopieren, seit ich 10 bin.

Und welches sind deine liebsten Modemarken?

Ann Demeulemeester, The Row, Re/Done, Jacquemus, Toteme, Khaite, Thelinebyk, Repossi, Céline und der Klassiker: Prada.

Credits: Nis Alps @ishootfriends

Zu welchen Accessoires greifst du immer wieder?

1.

Der Fendi Gürtel ist schon einige Jahre alt und wird zwischen meiner Mutter, meiner Großmutter und mir immer hin und her gereicht. 


2.

Die Saddle Bag von Dior habe ich Secondhand gekauft. Sie passt zu mir wie eine Verlängerung meines Arms. Einziges Manko: Es passt kein Buch rein. 


3.

Mützen sind für mich überlebenswichtig. Bei 3 mm Haaren auf dem Kopf kann es im Winter schon mal so kalt werden, dass die Gedanken im Kopf einfrieren.

Wie verbringst du deinen Samstagabend am liebsten?

Im Kino. Oder Zuhause auf dem Fußboden mit Büchern und Take Away. 

Und was hilft dir beim Einschlafen?

Klassische Musik. Oder Hörbücher aus meiner Kindheit wie Tintenherz von Cornelia Funke. 

Was tust du für deinen Körper?

Kein Cardio sondern Training mit Gewichten. Da dürfen es auch mal 100kg bei den Hip Thrusts sein. Das, was alle Fitness Youtuber predigen „use weights, you will not get bulky!“ stimmt wirklich. Mit Gewichten zu trainieren, hat meinen Körper geformt und mir ein neues Gefühl für Weiblichkeit gegeben.

Credit: Niculai Constantinescu & Anni We / @niculai_constantinescu + @anni___we

Auf welche Beauty-Produkte möchtest du nicht mehr verzichten?

Das Lippenbalsam von Abhati ist mein einziges, unverzichtbares Beauty Produkt. Ich schminke mich kaum, aber die Produkte von Abhati sind mir wichtig — auch, weil mit jedem verkauften Abhati Produkt ein Mädchen in Indien mindestens eine Woche lang zur Schule gehen kann.

Was würdest du tun, wenn du Königin von Deutschland wärst?

Wahrscheinlich meine Freundin Sarah zur Königin ernennen und mich als Beraterin einstellen. Niemand hat ein so großes Herz wie sie. Ganz oben auf der Liste der Probleme steht für mich Obdachlosigkeit. Es bricht mir jedes Mal das Herz und wird gefühlt immer schlimmer. Gibt es dafür eine Lösung? Wenn ja, wir würden sie finden! Und danach kümmern wir uns erst mal um das Steuerrecht für Freelancer und Kreative. So wie der Staat es angeht, können junge Freelancer nicht auf einen grünen Zweig kommen, geschweige denn fliegen lernen.

Credits: Nis Alps @ishootfriends

Credits: Nis Alps @ishootfriends

4 Kommentare

  1. Susa

    Was für ein bereichernde Portrait! Anouk Jans scheint eine sehr interessante, nachdenkliche und inspirierende Person zu sein. Und so wunderschön! Außerdem bin ich verliebt in ihre Handtasche .

    Antworten

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