4 Träume, die nach 4 Monaten des Zusammenwohnens zerplatzt sind

29.06.2020 Leben, Kolumne

Ich könnte jetzt etwas Tiefgründiges, Philosophisches oder Bewegendes schreiben und eigentlich wollte ich das auch, aber dann kapitulierte ich vor meinem eigenen Anspruch. Und weil mir das in letzter Zeit wirklich häufiger passiert, folgt nun erstmal das Logischste, nämlich ein kleiner Schwung aus meinem Leben, oder besser: Ein Scheitern in vier Akten:

1. Ich bin so gern ein Pfannkuchen

Als wir kurz davor waren, zusammenzuziehen, da hatte ich noch einen Traum. Ich sah mich Kochlöffel schwingend in der Küche stehen, endlich, in einem Meer aus brillanter Ayuverda-Literaur, umgeben von Gemüse-Bergen und allen erdenklichen Flocken der Welt, ich sah mich an Gewürzen schnuppern und Pasta aus Zucchini drehen, Joghurt züchten und Fitness-Smoothies mixen, an jedem Morgen der Woche. Ich war den Sozialen Medien schlichtweg auf den Leim gegangen, dachte, der ganze Zirkus würde zum Zusammenwohnen und Erwachsenwerden dazu gehören. Ich wollte eben auch verwöhnen, Vorbild sein und Neues lernen. Ja, mir gefiel der Gedanke, jedenfalls aus der Ferne, denn du bist was du isst – und ich hatte die Nase voll davon, ein Pfannkuchen zu sein.

Das Resümee nach vier Monaten des Scheiterns: An allen Tagen, an denen ich selbst verantwortlich zeichne für das Abendessen, bin ich noch immer ein Vollkorntoast mit Butter und vegetarischer Wurst. Eine Nudel mit Pesto. Oder eine Kartoffel mit Sauße Hollandaise aus dem Tetrapack. Mehr ist nicht drin. Dabei hatte ich sogar Emaille-Pfannen besorgt, weil ich dachte, der olle Topf sei schuld am ständigen Vermasseln. War aber nicht so. Ich war das, ganz allein.

Als ich nämlich zum dritten Mal hintereinander zwei Stunden lang Gemüse geschnippelt, gegart und irgendwie hübsch angerichtet hatte, eines, von dem ich nicht einmal den Namen kannte ohne Google zu fragen, und dabei außerdem weder Spaß noch Entspannung empfand, herrschte plötzlich vollkommende Stille am Tisch. Mein Sohn machte beim Kauen ein Gesicht wie sieben Tage Regenwetter und aus den Augen des Mannes flackerte mir pures Mitleid entgegen. PMS-getränkt stiegen mir Tränen in die Augen: „Alles klar Leute, das war’s. Ich will das nicht, ich bin das einfach nicht, ich kann das nicht und es macht mir auch überhaupt keinen Funk Spaß“. „Endlich“, sagte da der Mann, der sowieso viel besser kochen kann. Ich holte perfekte Pommes um’s Eck und schwor meiner Familie hoch und heilig, mich künftig einfach rauszuhalten, wenn es um den Herd geht – außer es gibt Pfannkuchen mit Schokocreme. 

2. Viva Fifa

Wenn man zusammen wohnt, sagen die Leute, verfalle man früher oder später in Angriffslust, meisten ohne Grund oder zumindest ohne einen triftigen. Kann mir nicht passieren, dachte ich, im Leben nicht, aus hundert Gründen, aber auch, weil ich in einem leichten Anfall von Hochmut davon ausging, meine Toleranz kenne keine Grenzen, außer eben im Angesicht von Intoleranz oder halben Hähnchen. Bis, nunja, FIFA.

Ihr wisst schon, dieses Fußball-Videospiel, das natürlich überhaupt kein bisschen stulle, sondern sehr anspruchsvoll ist, fördert es doch zumindest die Reaktionsfähigkeit und bewandert in anderen wichtigen Belangen wie Spielernamen, Handelsgeschick und taktischer Aufstellung. Ich hasse es. Mitsamt dazugehörigem Autoscooter-Soundtrack. Weshalb ich immer wieder ganz leise ein paar Zeilen aus Blumentopfs „Was der Handel?“ vor mich hin summe, während der Mann wie eine Banane vor dem Bildschirm hockt:

Der Alltag bleibt Dir immer auf den Fersen
Und Du wirst sehen, bald geht Ihr nicht mehr Hand in Hand
Sondern euch nur noch gegenseitig auf die Nerven
Bin schon gespannt woran’s zu Ende geht,
Ich tipp‘ ganz grob auf die falsch ausgedrückte Blend-a-med

Zu Ende gehen, das wird es allem Anschein nach nun wirklich nicht, aber die Zahnpasta der Töpfe ist in gewisser Weise wohl doch mein FIFA, jedenfalls dem Konfliktpotenzial nach zu urteilen. Wie eine hochnäsige Ziege habe ich mich schon aufgeführt, im Zimmer nebenan absichtlich mit der Zeitung geraschelt, demonstrativ mit den Augen gerollt, extra laut Serien geschaut und geschmollt, schlechte Lan-Party-Witze gerissen und sogar waschechte Gänsehaut bekommen vor lauter Abneigung, bloß, weil mich schon die reine Existenz dieser X-Box-Controler in unserem Zuhause zur Verzweiflung treibt. Besonders in Kombination mit den zwei auf Schaumstoff gebetteten Ein-Meter-Boxen, hinter denen an sonnigen Tagen außerdem ein Fenster-hohes Pappstück lehnt, das beliebig gedreht werden kann, je nach störendem Lichteinfall. 

Trotzdem kann ich gar nicht genau sagen, weshalb mich dieses Hobby derart auf die Palme bringt. Meistens mache ich, während ich motze, nämlich selbst: Gar nichts. Könnte es demnach sein, dass FIFA womöglich wirklich nicht das Problem ist? Der Mann fragte mich einst sehr liebevoll, ob ich vielleicht heimlich neidisch sei. Weil mir diese unbändige Begeisterung meines Partners womöglich vor Augen führe, dass in meinem eigenen Leben kaum ein ähnlich leichtfüßiges und wunderbar sinnbefreites Äquivalent gäbe, das es mir erlaube, zwischendurch auch mal ganz ungeplant die Birne auszuknipsen, so völlig ohne Anspruch auf irgendein Ergebnis oder stimulierte Gehirnzellen, weil ich lieber nochmal eMails abarbeite, als abzuhängen. Möglich. Wahrscheinlicher ist aber, dass ich einfach zu eingebildet war, ein Computerspiel als geeignete Alltagsflucht anzuerkennen. Zu akzeptieren, dass unterschiedlichen Menschen unterschiedliche Auszeiten wichtig sind. Und zu kapieren, dass ich nicht alles kapieren muss.

Habe mich neulich trotzdem mal daneben gesetzt, mit Paprika-Chips und Cola. Denn auch das Über-den-eigenen-Schatten-Springen gehört ja zur Liebe dazu. Ehrlich gesagt, war’s gar nicht schlimm. Im Gegenteil. Beim nächsten Mal schieße ich vielleicht selbst (k)ein Tor. 

3. Gärtnern, nein danke

Wenn ich an Menschen denke, die ihre Balkone zu regelrechten Oasen heran pflegen, wird mir ganz warm ums Herz. Wer etwa Basilikum länger als zwei Wochen am leben halten kann, muss Empathie besitzen, mit allem, was atmen oder wachsen kann, zweifelsohne. Und auch Blumen, die leuchten und mit stolzem Stängel ihre Köpfchen gen Sonne aus dem Töpfchen recken, brauchen doch ebenso aufmerksame wie gewissenhafte Kümmerer. Ein solcher jemand wollte ich auch mal werden, vor etwa vier Monaten noch, als der kahle Balkon der neuen Wohnung mir erwartungsschwanger entgegen blickte. In einer alten Leinenbluse wollte ich dastehen und meditativ in der Erde graben, voller Innbrunst, auf dass ich künftig Limo aus eigenen Zitronen pressen und mit selbst gepflanzten Kräutern verfeinern können würde. Riecht doch mal, wie herrlich es duftet, unser Beet, wollte ich meiner Familie nach vollbrachter Arbeit entgegen rufen. Etwas erschaffen, das der Seele gut tut.

In Wahrheit sage ich seit Wochen nichts anderes, als: Hilfe, bitte gießt die Blumen. Und: Nie wieder esse ich ein Kräuterdings vom Balkon. 

Als ich nämlich wenige Tage nach unserem Einzug in Begriff war das oben Beschriebene zu vollbringen, wollte ich bloß noch eine alte Wurzel aus dem geerbten Blumentopf rupften, als ich plötzlich etwas Weiches zwischen den Fingerspitzen fühlte. Schimmel, dachte ich, na klar, und was soll’s, weg damit. Ich griff noch fester zu, mit aller Kraft, bis es plötzlich flauschig und auch etwas schleimig wurde. Kann doch nicht sein, grunzte ich und wagte einen Blick unter das Gestrüpp, das ich noch immer fest umschlungen hielt. Was ich sah, war keineswegs ein Pilz, nein gar nicht. Sondern eine kleine tote Taube. Ich schrie. Dann übergab ich mich, und das ist kein Witz, über die Hängematte, die Gießkanne und meine eigenen Schuhe. Und als sei das nicht schon Ärger genug gewesen, landete wenige Augenblicke später auch noch der Bussard, der bis heute seine auf der Straße gefundenen Curry 36 Pommes in unseren Blumenkästen verbuddelt, direkt neben dem armen kleinen Tier, ergriff selbiges und flog davon, während die Taubeneltern bereits laut gurrend im Landeanflug waren. Es brach mir das Herz. Nie wieder werde ich gärtnern, jedenfalls nicht in unserem Leichen-Pommes-Ablage-Beet.

4. Goodybe, Mady

Als Corona begann, da nahmen wir uns vor, das Beste aus alldem zu machen und auch aus unseren schlappen Körpern, wir machten Morgensport mit Alba Berlin und dem Kind, das in Wahrheit wohl ein Flummi ist, wir rannten wie verrückt durch die Wohnung, tschuu tschuu, von einem Bahnhof zum nächsten eben, wir dehnten mal hier und kniebeugten dort, kauften eine Hüpfmatratze und nervten unseren Nachbarn mit Hampelmännern auf dem Holzboden, wir trainierten verbissen gegen unsere altersbedingten Verschleißerscheinungen und sämtliche Rücken-Wehwehchen vom Po bis zum Nackenwirbel an, aber vor allem schworen wir auf Mady Morrison, morgens und abends und zwischendurch. Wir beteten die Sonne an oder yogierten uns den Stress aus dem Hirn, wir lernten Kerze und Paschimothanasana und den Fisch für die Schilddrüse – bis wir eines Tages in der Stellung des Kindes liegenblieben und einfach nicht mehr aufstanden.

Das ist jetzt zwei Monate her. „Morgen wieder“, sagen wir nun seit ungefähr 60 Tagen am Stück, immer abwechselnd und uns eifrig auf den Ranzen klatschend; weil keiner zugeben will, dass mit dieser letzten Entspannung womöglich eine ganze Ära ihr Ende fand. Die Ära der Balz, wenn man so will. Statt zu pumpen, werden wir uns ab sofort lieber ähnlicher und halten die Metamorphose unserer Liebe in realistischen Bleistiftzeichnungen aus dem Homeoffice fest. 

10 Kommentare

  1. Patricia

    Nicht die Zeichnungen, DIE schon auch, aber.. ich les jetzt alles nochmal und huldige dem geschriebenen Wort, MammaMia ey

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  2. Sandra

    Liebe Nike, was für ein herrlicher Text! Vielen Dank für deine tiefgehende Ehrlichkeit – ich kann es dir soooo nachfühlen!

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  3. Imke

    Ich liebe den Artikel und das nicht nur, weil du so toll schreiben kannst, liebe Nike.

    Hier wird nach vielen Jahren des alleine Lebens auch seit drei Monaten zusammengelebt und ich hab mir beim Lesen deines Artikels auch eine imagnäre Liste erstellt, die ich wohl dringend einmal runterschreiben muss.

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  4. Helen

    Ach danke Nike- endlich mal wieder gelacht bei einem Text!
    Also ein ehrliches Lachen weil mit mir selbst identifiziert gefühlt 😉

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  5. Lotte

    Krass, ist das mit der toten Taube erfunden (bzw. sehr lebhaft ausgeschmückt) oder ist das wirklich so passiert, inklusive Bussard?! Gibt’s ja nicht

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