Vollzeit-Nanny Lise Scott im Gespräch über die Entscheidung, keine Kinder zu bekommen & was ihr Beruf damit zu tun hat

Dass sie keine eigenen Kinder haben möchte, weiß Lise bereits seit einer ganzen Weile — und das nicht etwa trotz, sondern gerade wegen ihres Berufs: Seit 15 Jahren arbeitet sie nun schon als Nanny, hütet die Babys viel beschäftigter Eltern und war mehr als nur einmal dabei, als sie ihre ersten Schritte machten oder die ersten Worte sprachen. Warum sie seit ihrer Entscheidung glücklicher ist, wie sich ihre Einstellung auf das Dating auswirkt und warum sie glaubt, dass sich Frauen ohne einen gesellschaftlichen Druck häufiger gegen Kinder entscheiden würden, erzählte sie uns im Gespräch: 

Wann wurde dir zum ersten Mal bewusst, dass du keine Kinder möchtest?

Lise: Ich war 26, es war also recht früh — ich bin jetzt 38.

Gab es einen konkreten Auslöser oder war es ein kontinuierlicher Prozess?

Lise: Es war ein kontinuierlicher Prozess. Manchmal sind während meiner Arbeit Dinge passiert, bei denen ich einfach froh war, dafür bezahlt zu werden. Und meist lief es immer wieder darauf hinaus, dass man mit Kindern nicht frei ist. Und ich mag es, frei zu sein. Ich möchte nicht mein restliches Leben lang für jemanden verantwortlich sein, denn ehrlicherweise ist es schon schwierig genug, auf mich selbst Acht zu geben. 

Gab es früher Momente in denen du geglaubt hast, du würdest mit 30 Kinder haben?

Lise: Ja, auf jeden Fall. Ich habe auch gelernt, dass dieser Weg der gängigste ist. Meine Mutter war 21 und damit noch sehr jung, als sie mich bekommen hat. Damals war es natürlich auch eine andere Generation und es war normal, früher Kinder zu bekommen. Heute ist es aber einfach sehr schwierig, all das mit einem Job zu schaffen. Niemand in unserem Alter kann es sich leisten, ein Haus zu kaufen und wenn man es kann, dann hat man sehr viel Glück. Es gibt einfach andere Prioritäten, als zu heiraten und Kinder zu bekommen. Ich glaube auch, dass heutzutage mehr Frauen verstehen, dass sie nicht von Männern abhängig sein können. Man muss eben alles selbst machen und härter im Job arbeiten — es dauert einfach länger. Man kann nicht mehr „einfach nur“ ein Baby haben. 

Lise Scott in Berlin by Zoe Noble Photography for wearechildfree.com.

Du arbeitest seit 15 Jahren als Nanny — wie sehr hat dein Job deine Entscheidung beeinflusst?

Lise: Mein Job hatte sehr viel mit der Entscheidung zu tun, denn er ist natürlich sehr intensiv, weil ich oft mit sehr kleinen Kindern oder Neugeborenen zusammen arbeite. Natürlich ist es magisch, wenn man die ersten Schritte sieht oder die ersten Worte hört, aber dann bin ich es, die all das mitbekommt, und ich bin eben nicht die Mutter. Die Eltern selbst müssen nämlich arbeiten, um für das Haus, das Leben und die künftige Bildung der Kinder zu bezahlen. Das finde ich traurig, denn ich würde keine Mutter sein wollen, wenn ich all das nicht bekommen würde, nur weil ich mich ständig darum sorgen müsste, mein Kind finanzieren zu können. Wenn nur ich es bin, muss ich mich auch nur um mich selbst sorgen. 

In deinem Feature auf der Seite „We are Childfree“ schreibst du, dass du dich bewusst dazu entschieden hast, mit Babys statt mit Kleinkindern zu arbeiten — weshalb?

Lise: Meine Mutter wurde ungewollt schwanger, als ich 19 war, und hat sich dann erst mal Gedanken darüber gemacht, ob sie ihren Job aufgeben muss, um sich um das Kind zu kümmern. In diesem Moment habe ich beschlossen, sie zu unterstützen, auch wenn mich der Gedanke an ein neugeborenes Kind im eigenen Haus zunächst wirklich nicht begeistert hat. Ich war eine sehr dickköpfige Teenagerin, die zu Festivals ging und mit allerlei Dingen experimentiert hat. Verantwortung zu übernehmen, war damals das Letzte, das ich wollte. Nachdem meine Mutter und ich einen großen Streit hatten, sagte sie mir, ich solle eine Aktivität suchen, die mir helfe, mit Kindern umzugehen, und meldete mich an, ehrenamtlich in einem Playcenter für kleine Kinder zu arbeiten. Dort kam es dann auch, dass ich begann, sie ganz cool und witzig zu finden, denn man kann sich mit Kindern unterhalten und sie sind ehrlich — sie haben keinen Filter. Solche Menschen mag ich ohnehin gerne. Während der Zeit habe ich aber auch sehr schnell realisiert, dass man, je jünger Kinder sind, mehr Einfluss auf sie hat. Es macht also Sinn, mit Neugeborenen zu arbeiten, denn was man ihnen beibringt, wird so hoffentlich auch lange in ihren Köpfen bleiben. Der Job bekommt dadurch mehr Bedeutung.

Du sagtest, dein Job hätte sehr zu deiner Entscheidung beigetragen. Glaubst du, es würden sich mehr Frauen gegen Kinder entscheiden, wenn sie eine Art Testphase hätten?

Lise: Ich glaube, mehr Frauen würden sorgfältiger darüber nachdenken, ob sie Kinder möchten oder nicht, wenn sie zunächst die Erfahrung machen würden, Kinder ständig und mit allem, was dazu gehört, um sich zu haben. Ich selbst habe so nämlich gemerkt, dass ich Kinder mag, sie aber nicht für immer um mich haben möchte. Es ist einfach nichts für mich.

Hat sich sein Leben in irgendeiner Art verändert, nachdem du die Entscheidung, keine Kinder zu bekommen, getroffen hast? 

Lise: Ja. Ich bin grundlegend glücklicher, denn es gab eine kurze Zeitspanne, in der ich mir selbst nicht zu 100 Prozent geglaubt habe. Und ich habe immer mal wieder darüber nachgedacht, ob ich nicht irgendwann einen Mann treffe, der so reich, so attraktiv ist und mir Sicherheit gibt, dass es nicht doch okay wäre, ein Kind zu bekommen. Und als ich mich dann wirklich damit auseinandersetzt habe, habe ich gemerkt, dass es ein Albtraum wäre und ich keine Kinder möchte. Es wäre das Schlimmste für mich, schwanger zu werden. 

Keine Kinder zu wollen wird in dieser Gesellschaft oftmals noch als merkwürdig oder gar als Tabu angesehen — welche Reaktionen hast du von Freund*innen und Familie bekommen?

Lise: Ja, es ist ein Tabu. Aber ich habe das Glück, ganz gute Reaktionen von Freund*innen zu bekommen. Gleichzeitig habe ich auch viele Freund*innen, die selbst keine Kinder möchten. Sie sind sehr beschäftigt oder sehr erfolgreich oder arbeiten kreativ. Dann gibt es da auch noch ein paar „Vielleichts“, aber generell gilt bei uns, dass es jede*r selbst entscheiden kann, denn es ist dein freier Wille. Man hat ehrlicherweise ziemlich schlechte Freund*innen, wenn sie dich für eine solch wichtige Entscheidung verurteilen. Es ist doch das Gleiche wie mit jeder anderen Entscheidung. Selbst meine Mutter akzeptiert es mittlerweile, was aber natürlich auch daran liegt, dass ich 38 bin. Es braucht keine Wissenschaft, um zu verstehen, dass meine Entscheidung beispielsweise nichts damit zu tun hat, dass ich keinen Freund habe.

Als Frau, die sich gegen Kinder entscheidet, hört man häufig Kommentare wie „Du wirst es bereuen“ oder „Was machst du, wenn du keine Kinder hast?. Wie gehst du damit um?

Lise: Was ich machen werde, wenn ich keine Kinder habe, ist wohl die am häufigsten gestellte Frage — ich werde leben!

 
 
 
 
 
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Welche Vorurteile haben andere Menschen aufgrund deiner Entscheidung über dich?

Lise: Dass Frauen Kinder nicht mögen können, wenn sie selbst keine haben möchten. Oder aber, dass Frauen keine Kinder möchten, bloß weil sie rebellisch sein und gegen den Strom schwimmen wollen. Wenn sie aber diese „Phase“ überwinden, wollen sie es plötzlich so machen wie alle anderen. Das sind die zwei Größten, die ich kenne – aber ich höre generell auch nicht auf solche Aussagen, weil diese Menschen sowieso nicht wissen, worüber sie da eigentlich reden.

Zu behaupten, dass man bloß gegen den Strom schwimmen möchte, ist eine interessante Sichtweise − es wäre traurig, wenn man das eigene Leben auf dieser Grundlage leben würde. Vielleicht sollten sie mal daran denken, dass andere das tun, was sie glücklich macht. 



Lise: Gott bewahre!

Hast du nach deinem „We are Childfree“ Feature je negative oder verärgerte Kommentare für deine Entscheidung bekommen?

Lise: Ich habe einige sehr merkwürdige Kommentare bekommen. Etwa so was wie „Ich unterstütze deine Entscheidung nicht“ oder „Du prahlst zu sehr, eine Feministin zu sein, aber ich glaube, du füllst damit nur eine Leere, weil du keinen Freund hast“. Übrigens auch von Menschen, von denen ich es nicht erwartet hätte. Da kam dann so was wie „Es ist ein tolles Interview, aber ich widerspreche dieser bestimmten Aussage“ oder „Es klingt, als würdest du nur wegen des Geldes auf Kinder aufpassen“. Und natürlich ist das Geld ein Aspekt, denn es ist mein Job und die meisten Menschen arbeiten für Geld. Aber es ist eben auch ein Job, den ich bewusst ausgewählt habe, weil er mich interessiert.

Es kamen aber auch ein paar interessante Kommentare von Menschen, die bereits Eltern sind, sich aber dennoch in meinem Artikel wiedererkannt haben. Sie schrieben etwa „Ich bin bereits ein Elternteil, aber ich wünschte, ich hätte deine Erfahrung gemacht, bevor ich Mutter / Vater geworden bin, weil ich mich dann wohl anders entschieden oder zumindest länger gewartet hätte“. Oftmals waren es Kommentare, die dankbar für meine Offenheit und Ehrlichkeit waren, denn es gibt eben noch immer viele Frauen, die so tun, als würden sie Kinder wollen, obwohl sie sich schon längst dagegen entschieden haben. Die eigene Entscheidung vor anderen zu leugnen, kann das Leben erleichtern, denn manche Menschen können in dieser Hinsicht sehr gehässig werden. Auch wenn ich nicht verstehe, warum sich einige Leute überhaupt darum bemühen, Frauen, die keine Kinder wollen, ein schlechtes Gefühl zu geben, aber es passiert eben. In den meisten Fällen haben sich Frauen aber bei mir bedankt, weil sie durch das Feature auch gesehen haben, dass da jemand ist, die keine Kinder möchte, aber dennoch glücklich ist.

Foto: privat

Manchmal fühlt es sich für mich so an, als würden Mütter die Entscheidung anderer Frauen, keine Kinder zu bekommen, als Kritik an ihrem Lebensmodell verstehen, obwohl es natürlich eine individuelle Entscheidung ist und nichts mit dem Leben anderer zu tun hat. Oftmals hält aber gerade das mich zurück, offen mit meiner Entscheidung umzugehen, dabei brauchen wir eigentlich mehr Frauen, die genau darüber sprechen, um es zu normalisieren. 



Lise: Genau. Je mehr Frauen darüber sprechen, desto normaler wird es. Ich glaube, dass es sehr viel mehr Frauen gibt, die keine Kinder möchten, als manche Menschen glauben. Es wird einfach noch immer von uns erwartet. 

Hast du dich jemals zurückgehalten, offen mit deiner Entscheidung umzugehen?

Lise: Nein. Das mache ich nie. Ich sehe es nämlich so, dass ich das Beste aus beiden Welten habe. Ich kann komplett ehrlich sein, wenn es darum geht, keine Kinder zu wollen, aber gleichzeitig kann ich sehr ehrlich darüber sprechen, wie sehr ich Kinder mag. Ich könnte keinen anderen Job machen — in der Hinsicht bin ich sehr glücklich.

In ihrem Buch „Motherhood“ schreibt Sheila Heti: „Männer wirken auf andere Männer, als seien sie mit etwas davongekommen, wenn sie keine Kinder haben. Eine Frau aber, die sich dem Kinderkriegen entzieht, wirkt, als hätte sie nichts zu tun im Leben. Es ist ein Gefühl, als sei man keine vollwertige Frau.“ Und auch in Kommentaren unter Artikeln, in denen gewollt kinderlose Frauen über ihre Entscheidung sprechen, sehe ich immer wieder Aussagen wie „Die Aufgabe einer Frau ist es, Kinder zu bekommen“ — was denkst du darüber?

Lise: Zu sagen, dass Frauen nichts seien, wenn sie ihre sogenannte Lebensaufgabe nicht erfüllen, finde ich schon sehr beleidigend. Wir leben nicht mehr in der viktorianischen Zeit, in der Menschen mit 16 Jahren Kinder bekamen und eine halbe Ewigkeit bei ihren Eltern lebten. Menschen sind so bereit dazu, sich schnell weiterzuentwickeln, wenn es um Technologie geht, oder darum, dass Frauen CEOs sein können. Aber aus irgendeinem Grund sind das Muttersein und die Entscheidung einer Frau, ob sie Kinder bekommen möchte oder nicht, noch immer etwas, das hinten ansteht. Es gibt nicht sehr viele Menschen, die glauben, dass Frauen sein können, wer sie möchten, ohne dabei Mutter zu sein. Wenn Menschen diese engstirnigen Vorstellungen von Frauen haben, finde ich das schon sehr beleidigend, denn: Wenn sie schon so etwas über Frauen denken, was denken sie dann noch?

 
 
 
 
 
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Glaubst du, Frauen werden durch die Gesellschaft unter Druck gesetzt, Kinder zu bekommen?

Lise: Ja, auf jeden Fall.

Was muss sich in der Gesellschaft ändern, damit Frauen wirklich frei entscheiden können, ob sie Kinder bekommen möchten oder nicht?

Lise: Zunächst glaube ich, dass Menschen — und ich weiß nicht, wen genau ich damit anspreche — es normalisieren sollten, dass Frauen für Dinge verantwortlich sind. Das kann etwa eine Werbetafel zur Neueröffnung eines Unternehmens sein, auf der fünf weibliche CEOs abgebildet sind oder aber eine stärkere Repräsentation von Filmproduzentinnen. Ich denke, dass eine stärkere Bewerbung von Frauen in Rollen, die typischerweise von Männern übernommen werden, auch dazu führt, dass mehr Frauen darüber nachdenken, ob sie überhaupt Mutter sein möchten oder ob sie es präferieren, eine CEO zu sein. Natürlich kann man beides machen, aber meist ist es sehr schwierig, gleichzeitig beruflich an der Spitze zu stehen, eine Familie zu managen und eine Ehefrau oder was auch immer Menschen von Frauen erwarten, zu sein. Man muss leider immer aus der Sicht der Männer beginnen, denn wir leben in einer sexistischen Gesellschaft. Ich denke, dass Frauen erst beginnen, sich ernsthaft zu fragen, ob sie wirklich Mutter sein möchten, wenn man ihnen den Blickwinkel eines Mannes und damit alle Möglichkeiten aufzeigt.

Du sagtest mal, Frauen können nicht gleichzeitig eine „großartige Karriere“ und Kinder haben — kannst du das kurz erläutern? 



Lise: Ich denke, wenn man sehr ehrlich ist, weiß man, dass man nicht beides haben kann. Also das heißt, man kann, aber es ist eben immer schwierig. Schauen wir uns doch mal Jacinda Ardern, Premierministerin Neuseelands, an: Als sie ihr Kind bekam, gab es so viele negative Kommentare. Entweder hieß es, sie solle länger zu Hause beim Kind bleiben, um keine schlechte Mutter zu sein, oder sie solle möglichst schnell in den Job zurückkehren, weil sie sonst eine schlechte Premierministerin wäre — als Frau kann man in dieser Situation nicht gewinnen, ganz egal, was man macht.

Und dann gibt es da natürlich meist noch die Väter… 



Lise: Ja, es gibt natürlich oftmals Stigmata – Väter, die zwar Elternzeit übernehmen würden, dann aber nicht als „richtige Männer“ gelten, weil sie zu Hause bleiben und sich um ihre Kinder kümmern möchten. Ich treffe auch viele Väter, die sich wünschen, sie könnten mehr Zeit mit ihren Kindern verbringen oder „zu Hause zu relaxen“, was natürlich absolut nicht das ist, was Mütter tun, wenn sie sich zu Hause um die Kinder kümmern. Doch es gibt Väter, die ihre Wünsche zu Hause nicht kommunizieren, weil andere Personen glauben könnten, sie seien nicht männlich genug oder sie hätten nichts erreicht, wenn sie „nur“ Stay-at-Home-Dads seien.

…was natürlich auch wieder ein Problem der toxischen Männlichkeit ist.

 

 
 
 
 
 
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Das Thema Kinder spielt natürlich auch in Beziehungen oftmals eine große Rolle — hat sich dein Dating Leben durch deine Entscheidung geändert?

Lise: Einer der Gründe, weshalb ich schon länger Single bin, ist, weil es schwieriger ist, Männer zu finden, die mir tatsächlich glauben, dass ich keine Kinder möchte und das auch unterstützen. Derzeit date ich und nutze Apps, bei denen man im Profil schon ein bisschen etwas über sich schreiben kann. Bereits da mache ich deutlich, dass ich keine Kinder möchte. Wenn ich dann aber auf ein Date gehe und frage, was die Person künftig machen möchte, bekomme ich Antworten wie „Ich glaube, ich möchte gerne bald Vater werden“. Ich denke dann auch, „Das ist schön für dich, aber warum triffst du dich dann mit mir?“ Dann sagen sie, dass sie dachten, es sei ein Scherz, dass ich keine Kinder möchte. Du wärst überrascht, wie viele Männer Ende 30 es gibt, die Kinder möchten, aber Frauen, die keine Mutter sein möchten, nicht ernst nehmen. Sie hoffen, dass sie deren Meinung noch ändern können oder dass sich eine Beziehung aufbaut, die der Frau eine Art Sicherheit gibt. Denn oftmals glauben Menschen noch, es sei für Frauen zu schwierig, alleine Kinder zu haben. Dabei kann man Babys sehr wohl alleine haben — egal ob Mann oder Frau. Es ist nur eben teuer und braucht Verantwortung. 

Welchen Rat würdest du Frauen geben, die sich noch immer unsicher sind, ob sie Kinder möchten oder nicht?

Lise: An allererster Stelle sollte man, egal, in welcher Situation man sich gerade befindet, ehrlich zu sich selbst sein. Es hilft auch, Dinge aufzuschreiben, weil man sie dann besser versteht. Schreibe auf, warum du Kinder möchtest, und schreibe auf, warum du keine Kinder möchtest. Lies die Punkte immer wieder durch, bis du dir selbst glaubst, dass du wirklich keine Kinder möchtest. Und wenn du keine möchtest, lasse es hinter dir und sei glücklich. Wenn du zu 110 Prozent keine Kinder möchtest, musst du lernen, dein Leben mit der Kritik, mit den Kommentaren zu leben, denn du wirst kein Baby bekommen, nur um es allen recht zu machen. Das ist ein verrückter Grund, um ein Baby zu bekommen. Du musst also ehrlich zu dir selbst sein und damit weitermachen. Wenn du dir aber nicht sicher bist, denke an all die Gründe, weshalb du Kinder bekommen möchtest. Wenn diese mehr als die negativen Aspekte wiegen, dann entscheide dich für Kinder. Oft sind Frauen, die sich auf diese Weise für Kinder entscheiden, Frauen, die alleine Kinder bekommen wollen – sie merken, dass sie keinen Mann brauchen, um Kinder zu wollen oder zu haben, was ich persönlich sehr gut finde.

Ja, vielleicht muss jede Person diese Entscheidung in erster Linie für sich selbst und alleine treffen – denn natürlich hat man keine Garantie darauf, für immer in derselben Partnerschaft zu sein.

 

Lise: Ja, stell dir vor, ich hätte diesen reichen, attraktiven Mann getroffen, hätte ein Kind bekommen − und dann verlässt er mich.

Dann wäre ich eine Single Mom, was an sich überhaupt nichts Schlimmes ist, nur dass ich das Kind in erster Linie eben bekommen hätte, um es meinem Partner recht zu machen – und das wäre einfach falsch und traurig.

Vielen Dank für das Gespräch!

10 Kommentare

  1. Franziska

    Vielen Dank für dieses tolle und super interessante Interview!! Ich weiß mit 32 Jahren schon sehr lange dass ich keine Kinder möchte und da ich damit schon immer sehr offen umgegangen bin, habe ich mir deswegen schon sehr viele Kommentare anhören dürfen (am häufigsten: „der Kinderwunsch kommt schon noch“ oder „das bereust du bestimmt später wenn du alt und allein bist“). Gleichzeitig sehe ich einige Frauen in meiner Umgebung, die ein Kind bekommen haben und es sich vielleicht wirklich nochmal anders überlegt hätten wenn sie gewusst hätten was da auf sie zukommt. Der gesellschaftliche Druck ist für eine Frau Anfang 30 wirklich enorm. Die Jobsuche ist auch so ein Ding: meine Cousine (auch 32) sucht aktuell einen neuen Job und kriegt öfter durch die Blume gesagt, dass sie keine geeignete Kandidatin sei weil doch sicher bald ein Kind kommt und sie dann sehr lange ausfällt.

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  2. Maria

    Ich finde es schade, dass es so dargestellt wird, dass Familien arbeiten, um Kinder zu finanzieren. Ich arbeite weil mein Job anspruchsvoll ist, mich heraus fordert und ich stolz darauf bin, als Frau und Mutter diese Arbeit zu machen. Umso stolzer bin ich, wenn man das Laufen lernen mitbekommt und somit einen Erfolg des Kindes erlebt aber auch seine eigenen Erfolge feiern kann.

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  3. Aylin

    Vielen Dank für diesen Artikel!

    Ich leide unter Endometriose und Pco Syndrom. Beide Krankheiten führen zur Unfruchtbarkeit und an jedem Tag bin ich aufgrund der Krankheiten auf irgendeineweise eingeschränkt (viele hormonelle ups and downs sowie schreckliche Schmerzen). Ich bin die Enkelin eines Gastarbeiters, bin 32 und habe was meine berufliche Laufbahn angeht eine Achterbahnfahrt hinter mir. Was – und davon bin ich überzeugt, da es mir oft knallhart ins Gesicht geklatscht wurde, viel mit Diskriminierung und Rassismus („aus ihren Kulturkreisen hätte man in ihrem Alter ja schon 3 Kinder“ bis hin zu von der weiblichen Chefin immer wieder gehört zu bekommen „jetzt sag mir nicht du bist schwanger“) zu tun hat.

    Nach jahrelanger Therapie, künstlicher Versetzung in die Wechseljahre mit 23 sowie 2 Operationen habe ich mich entschieden keine Kinder zu bekommen. Zum einen weil meine Anxiety verbunden mit Kinder kriegen (was wenn es nicht klappt oder ich eine Eileiterschwangerschaft – nicht selten bei Endometriose Patienten, habe usw) mittlerweile zu groß ist sowie finanziell einfach nicht machbar wäre. Zumindest nicht in meiner Vorstellung.

    Nun bekomme ich natürlich auch häufig gesagt, dass ich das später sicher bereuen würde (obwohl jeder in meinem Umfeld weiß dass ich zwei Krankheiten habe die zur Unfruchtbarkeit führen und ich zu 99% zitiere sämtliche Ärzte unfruchtbar sei) und dass man auch mit wenig Geld Kinder groß ziehen könne und das schlimmste von allem ist hören zu bekommen, dass ich erst erfahren würde was Liebe sei wenn ich ein Kind bekäme. Also die Liebe zum eigenen Kind die wahre Liebe sei.
    Als ob es nicht schon reicht, dass ich mit meinem Krankheiten klar kommen muss, als POC-Frau noch mehr unter gesellschaftlichem Druck leide als weiße Frauen, kommen Freundinnen (v. A. Mütter, die alles aufgegeben haben für ihre Kinder also auch nicht mehr arbeiten oder können) mit solchen Aussagen.
    Das ist einfach nicht auszuhalten.

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    1. Julia

      Hallo Aylin, ich wünsche dir unbekannter Weise viel Kraft für deine Situation und möchte dir gut zusprechen! Lass dich nicht beirren. Ich denke es gibt viele Frauen (meine Erfahrungswerte) die sind selbst unzufrieden mit ihrer Mutterschaft (keine Generalisierung) und haben ein Problem damit wenn andere Frauen ihres Alters von den negativen Seiten (die es auch gibt) der Mutterschaft verschont geblieben sind…. lg Julia

      Antworten
  4. Marie

    Ich finde es wichtig, dass wir alle Lebensmodelle akzeptieren und tolerieren. Ich hoffe, es ist ok, wenn ich an dieser Stelle meine Gedanken schreibe, die sich vom eigentlichen Thema des Artikels entfernen.

    Was ich an dem Interview schwierig finde, ist die Argumentation zu Elternschaft, Job/Karriere und Zeit mit dem Kind. Hier würde ich mir ein sehr viel differenzierteres Bild wünschen. Was bedeutet für uns Elternschaft und was Job/Karriere? Will ich wirklich CEO sein, will ich die Familien managen? Auf mich als werdende Mutter trifft beides nicht zu, warum auch? Ich muss auch nicht bei den ersten Schritten meines Kindes dabei sein, ich kann mich auch mit dem Kind freuen, wenn ich es aus der Kita abhole. Anstatt uns in Diskussionen immer wieder Definitionen zu liefern und mit der Prämierministerin von Neuseeland zu argumentieren, können wir hier doch wirklich Nuancen ausloten und für alle Lebensmodelle entsprechende Möglichkeiten finden oder zumindest ansprechen.

    Ein letzter Gedanke: Können wir über den Begriff und unsere Vorstellung von „Freiheit“ sprechen? Was kann Freiheit in einem gesellschaftlichen Gefüge überhaupt bedeuten? „Ich mag es, frei zu sein.“ Ich kann diesen Satz gut nachvollziehen und gleichzeitig so gar nicht (insbesondere im Zusammenhang mit den Sätzen davor: „Manchmal sind während meiner Arbeit Dinge passiert, bei denen ich einfach froh war, dafür bezahlt zu werden. Und meist lief es immer wieder darauf hinaus, dass man mit Kindern nicht frei ist.“). Freiheit ist für uns ein „geflügeltes Wort“ geworden, aber es ist sehr schwer zu sagen, was es eigentlich sein soll – und ich denke, wir sind uns einige, dass es über die „freie“ Entscheidungsmacht hinausgeht bzw. diese auch immer von anderen Faktoren geprägt ist.

    Danke für das Interview, aber lasst uns drüber reden.

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  5. Lanelite

    Zusätzlich finde ich es relativ nervig, dass man als kinderlose Frau doch nun wenigstens eine „Karriere“ vorantreiben sollte. So nach dem Motto: wenn du doch eh keine „Karriere“ hast, dann kannst du ja auch ein Kind bekommen, spricht doch nichts dagegen. Es gibt sicherlich auch Frauen, die nicht CEO oder Premierministerin werden (wollen) und sich trotzdem gegen Kinder entscheiden.

    Antworten
  6. Diana

    Hmmm… ganz ehrlich? Ich war nie der Typ, der sich irrsinnig gerne mit Kindern beschäftigt hat. Und wäre das mein Maßstab gewesen, wäre ich bestimmt kinderlos geblieben! Mein Sohn wird allerdings 12 und ich weiß, der Satz ist total abgedroschen, aber: Beim eigenen Kind empfindet man sehr viel komplett anders! Ich würde so einiges bei fremden Kindern nicht für Geld machen wollen, was mir bei meinem Kind aber überhaupt nichts ausmacht…

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  7. Sam

    Mir hat dein Text sehr gefallen, ich kann die Argumentation gut nachvollziehen. Ja, es ist in unserer Gesellschaft mehrheitlich so, dass man nunmal nicht allen gleich gerecht werden kann. Als Alleinerziehende wie ich ( meine sind 19 und 11) musste ich so viel zurückstecken, ich habe praktisch mein Leben nur meinen Kindern und meiner Arbeit gewidmet. Und als Oberstufenlehrerin sehe ich tagtäglich Kinder aus gutbürgerlichen Haushalten, in denen die Eltern arbeiten und in denen häusliche Kommunikation auf ein Minimum beschränkt ist- aus Zeitmangel, Stress vonseiten der Eltern usw. Denn ehrlicherweise ist es auch für z.B. 12jährige nicht so prickelnd, wenn Mami/Papi erst um 18 Uhr völlig erledigt aus der Kanzlei/Praxis kommen… Ich liebe meine Kinder, fühle mich aber gänzlich unfrei …

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  8. Julia Elflein

    Toll, dass dieses Thema einfach mal als Normalität angesehen wird. Danke für den Artikel…. er spricht mir aus der Seele.
    Frauen sollten Frauen unterstützen, egal ob mit oder ohne Kind. Dieses ständig Bewertung und Etikettierung in unserer Gesellschaft muss ein Ende haben. Alles ist normal, solange es frei entschieden ist und niemanden einschränkt oder schadet!!!!

    Antworten
  9. Judith

    Vielen Dank für diesen wertvollen Beitrag. Ich weiß schon sehr lange, dass ich keine eignen Kinder möchte. Und auch jetzt mit 40 Jahren wird mir bei so einer Aussage dann gesagt, dass ich ja noch Zeit hätte. Und ja, Dating ist dadurch auch komplizierter. Aber lieber mit offenen Karten spielen als Herzschmerz. Keine Kinder zu wollen wird immer noch sehr tabuisiert und stigmatisiert. Danke für diesen facettenreichen Beitrag!

    Antworten

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