4 Momente, in denen mich die Realität einholte

10.09.2020 Leben, Kolumne

Zuweilen, da habe ich eine sehr ausgeprägte Fantasie, die, vereint mit meiner geballten Vorstellungskraft und dem Talent, mich selbst zu belügen, oftmals darin endet, dass meine Erwartung die Realität um mindestens 96 Prozent übersteigt. Natürlich realisiere ich das, frei nach dem Motto „Reality hits you hard, Bro“ meist erst, wenn es schon längst zu spät ist — wie etwa in diesen vier Momenten: 

Drei Lügen und ein Paar High Heels

Als planlose 19-Jährige, die kurz vor ihrem Studium stand und in ihrer mindestens 13. Sinnkrise steckte, redete ich mir voller Inbrunst ein, ganz unbedingt und auf der Stelle ein Paar High Heels besitzen zu müssen. Immerhin, so hatte ich es gelernt, würden sie mir in Nullkommanix eine selbstbewusste Aura verleihen und dieses, für mich völlig neue, Erlebnis wollte ich mir natürlich nicht entgehen lassen. Hochmotiviert stand ich bereits am nächsten Tag gemeinsam mit einer Freundin in einem Schuhgeschäft, das nicht nur die gesamte Neonpalette, sondern auch sämtliche Tierarten abdeckte, dafür aber preislich hervorragend in mein Budget passte und beschloss freudestrahlend: Heute kaufe ich meine Traumschuhe (Lüge Nummer 1).

Natürlich waren die Pumps meiner Wahl mitsamt ihren wackeligen, dünnen Absätzen und dem glänzenden, braunen Lackkunstleder weder meine Traumschuhe noch überhaupt sonderlich ansehnlich, dafür lagen sie mit 20 Euro in meinem festgelegten Studentinnenpreisrahmen, was mir ein nervöses Lachen und der Verkäuferin ein freudestrahlendes Grinsen entlockte, während sie mir den Schuhkarton unter die Nase hielt. Nachdem ich wenig elegant in die Schuhe hineingeschlüpft war und meine ersten Gehversuche im Stile einer neugeborenen Giraffe unternahm, flötete mir die hoch motivierte Frau entgegen: „Das werden deine neuen Lieblingsschuhe!“ — ich nickte vor lauter Zustimmung wie ein übermütiger Wackeldackel (Lüge Nummer 2).

Derselbe Abend, 00:30 Uhr: Mit ausufernden Bewegungen und schiefen Tönen tanzten und sangen meine Freundinnen und ich in unserer Lieblingsdisco zu DJ Bobos „Freedom“ und Nenas „Irgendwie, Irgendwo, Irgendwann“ (Entschuldigung, die Auswahl an Abendprogrammen war damals limitiert!), als sich der Absatz meines linken Schuhs ganz ohne Vorwarnung für immer verabschiedete — ja, ganz recht, meine neuen „Lieblingsschuhe“ hatten sich nach nur wenigen Stunden dazu entschieden, unsere Beziehung vorzeitig zu beenden, was mich nicht nur in meine 14. Sinnkrise, sondern auch in die dritte Lüge des Tages stürzte, nachdem ich meinen Freundinnen versicherte, es sei natürlich absolut gar kein Problem, dass ich bereits jetzt alleine nach Hause gehen würde. Noch immer schiebe ich die Schuld, dass ich bis heute nicht auf hohen Schuhen laufen kann, auf jenen Abend.

Erdbeerlimes cannot be trusted

Neulich erst, da erinnerte ich mich an jenen Abend, an dem ich zum allerersten Mal betrunken war und dem Irrglauben verfiel, Erdbeerlimes sei das „allerbeste und leckerste“ Getränk, das jemals meine Lippen berührte. Mein Vorhaben, Alkohol auch nach meinem 18. Geburtstag weiterhin doof zu finden, warf ich hysterisch kichernd mitsamt meiner Vernunft aus dem Fenster, bevor ich beschloss, mein zylinderförmiges Glas randvoll mit jenem dickflüssigen Gesöff, das junge Wilde zuweilen als Shots trinken, aufzufüllen, denn „ach Quatsch, was so paradiesisch süß schmeckt kann doch gar nicht schlimm sein“. Ich fühlte mich frei, war mächtig gut gelaunt und alles war schön, selbst wenn ich zu diesem Zeitpunkt nicht vielmehr tat, als auf einem der weißen Plastikstühle zu sitzen und in die Luft zu grinsen. Da wusste ich auch noch nicht, dass ich wenige Stunden später auf der Rückbank des Autos eines Freundes sitzen würde (den Beifahrersitz vermied ich, weil ich „Angst vor ihm“ hatte, wie ich Jahre später erfuhr), bloß um kurz vor meinem Zuhause den nächsten Baum zu umarmen. Dass es mir seither beim bloßen Gedanken an die rote Brühe eiskalt über den Rücken läuft, muss ich wohl nicht erwähnen, möchte aber natürlich dennoch den Appell an euch, an mich und mein 18-jähriges Ich weitergeben: Erdbeerlimes cannot be trusted. PS: Trinkt verantwortungsvoll!

A bad Ombré

Manchmal, da treffe ich in Sachen Frisuren fragwürdige Entscheidungen, etwa, wenn ich mir mal wieder einrede, ich würde dringend einen blonden Pony brauchen (mein Emo-Ich war dennoch überglücklich), die ausgedünnten Extensions seien der „heißeste Scheiß“ (zumindest, wenn es nach Myspace und Kiki Kannibal geht) oder der vollsten Überzeugung bin, es sei nun wirklich an der Zeit, Ombré auszutesten — so geschehen vor etwa acht Jahren: Den Kopf voller Alexa Chung Inspirationsbilder machte ich mich, Studentinnenbudget und fehlende Vernunft sei Dank, auf den Weg in den Drogeriemarkt meines Vertrauens, um mich mit stinkigen Billigaufhellern einzudecken. Kurze Zeit später stand ich bereits in einem alten Schlabbershirt vor dem Spiegel, während ich die weiße Paste völlig planlos in die Haarlängen schmierte und mich dabei freudestrahlend selbst belog, nach dieser Prozedur ganz bestimmt mindestens genauso trendy wie meine liebsten it-Girls auszusehen und mit Komplimenten zugeschüttet zu werden. Natürlich ist nichts davon je eingetroffen, was ganz vielleicht an den grellen, orangefarbenen Haarsträhnen, die an den unteren Enden in ein zartes Pinkelgelb übergingen, gelegen haben mag, und dennoch schaffte ich es, mir mindestens drei weitere Tage einzureden, mein Ombré DIY sei die beste Frisur, die ich je getragen habe (Spoiler: Am darauffolgenden Wochenende überfärbte ich mir die Haare zutiefst beschämt und vernichtete sämtliches Bildmaterial).

Lang lebe das Mousse Make-up?

Jaja, als jüngere Schwester hat man durchaus so einige Nachteile (die Kleidung meiner älteren Schwester zu tragen fand ich ebenso blöd, wie die Tatsache, nie ins Zimmer zu dürfen, wenn ihre „coolen“ Freundinnen zu Besuch waren), aber es gibt eben auch eine Reihe von nicht zu unterschätzenden Vorteilen. Da wäre etwa der verfrühte Zugang zu spannenden Magazinen und Serien (Dylan aus Beverly Hills 90210 war mein erster Schwarm), all die interessanten Gespräche, die es zu belauschen galt oder die vielen Möglichkeiten, sich völlig ungehemmt an der Make-up Sammlung der älteren Schwester zu vergreifen. Letzteres führte mich schließlich zu meinen allerersten Erfahrungen mit Mousse Make-up, das ich aufgrund seiner vermeintlich „schmelzenden Textur“ begehrte. Eines Morgens (es muss im Winter gewesen sein, anders kann ich mir die Katastrophe nicht erklären) tunkte ich meinen Zeigefinger jedenfalls fröhlich in den Tiegel, erfreute mich an der Souffléartigen Textur und spachtelte die weiche Masse voller Vorfreude auf mein Gesicht. Bevor ich mich zufrieden auf den Schulweg machte, gönnte ich mir noch eine ordentliche Portion Mascara, die sich in den kommenden Stunden auf meine Lider verabschiedete, und startete, bereit für überschwängliche Komplimente, vergnügt in den Tag. Das vielmehr terracottafarbene als schöne Erwachen gab es schließlich in der ersten großen Pause auf dem Schulklo (meine Freundinnen waren für ihre 13 Jahre besonders höflich und nickten mir bloß mit einem irritierten Lächeln zu): Statt eines Supermodels wie aus der Werbung starrte mich nämlich bloß eine bröckelige Lehmversion meiner selbst an, während meine hypersensitive Haut still und leise vor sich hin brannte. Nach einem kurzen, pubertären Gefühlsausbruch, jede Menge Wasser und Tüchern, die sich angesichts meines Make-ups hässlich braun verfärbten, versprach ich mir hoch und heilig, Flüssigfoundations und Mousse Make-up nie wieder anzurühren (ich habe das Versprechen bis heute nicht gebrochen).

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5 Kommentare

      1. Jule

        Dankeschön! Ich glaube sie ist von Nanushka – habe sie mir bestellt und ist auch schon angekommen *-* mega schön und warm – jetzt muss es nur noch etwas kälter werden 🙂

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        1. Julia Carevic Artikelautor

          Hallo liebe Jule und entschuldige bitte die späteste Antwort aller Zeiten! Mein Cardigan ist von Acne Studios (vergangene Saison), aber das Modell von Nanushka kommt ihm sehr sehr nahe und ist zudem auch noch wahnsinnig schön!

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  1. lea

    Einfach so gut! Musste halb lachen und halb weinen, weil ich mich an all die „vermeintlichen“ Wahrheiten erinnert habe, von denen ich total überzeugt war.

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