Kolumne: Ist Selbstoptimierung der Preis, den wir zahlen (wollen)?

14.09.2020 Leben, Gesellschaft, Kolumne

Ich halte es heute kurz, versprochen. Weil wir das, worüber ich heute schnell sprechen will, sowieso schon etliche Male (gemeinsam) durchgekaut haben. Die Sozialen Medien eben, die Selbstoptimierung, all die Unsicherheiten. Wieder nichts Neues. Und trotzdem bin ich heartbroken.

Ich bekomme recht zahlreiche DMs, also Direct Messages, private Nachrichten eben, in denen sich andere Frauen* mir anvertrauen oder ebenso kleine wie große Fragen stellen, in denen sie sich kurz mitteilen und darüber hinaus nicht selten spannende Inhalte empfehlen. Jede einzelne dieser Nachrichten ist wertvoll. Aber an manchen Tagen macht mich das große Ganze, oder eher das, was sich aus den vielen kleinen Schnipseln zusammensetzen und herauslesen lässt, tief traurig. Denn in einem Punkt ähneln sich die Inhalte auffällig oft: Sie erzählen von dem Gefühl, nicht genug zu sein. 

Am Freitag etwa, da wurden mir gleich mehrere Beiträge von unterschiedlichen Frauen* aus unterschiedlichen Ländern ans Herz gelegt, die gerade öffentlich darüber sinnierten, weshalb sie ihre Körper (noch immer) hassten. Manchmal jedenfalls. Großartig dachte ich im ersten Moment, denn: Darüber müssen wir reden, meinetwegen bis zum Erbrechen. Bis ich trotzdem etwas maulig wurde, ihr kennt das ja. Was ich bei genauerem Hinschauen nämlich sah, war schon wieder nichts weiter als Schönheit bis in jede noch so kleine Ritze. Dem Ideal entsprechende Körper, Nasen und Haare. Überhaupt rein gar nichts dort war nicht exakt da, wo es selbst Modemagazine haben wollen. 

Was für eine abgefuckte Gesellschaft. In der selbst offensichtliche Abziehbilder nach Empathiebekundungen suchen, in der sie mit sich hadern als sei Vielfalt frei erfunden, in der sie dem Wahn verfallen, es müsse „doch irgendwie noch etwas mehr drin sein“. Oder auch: viel weniger. Weniger Oberschenkel, weniger „Makel“, weniger… Persönlichkeit? 

Was jetzt folgt, ist trotzdem schwierig, das weiß ich sehr wohl. Fast schon problematisch. Jedenfalls wenn einem der Begriff „Choice Feminism“ etwas sagt und bedeutet. Im Grunde handelt sich hierbei um die Übereinkunft darüber, dass jede Entscheidung, die eine Frau* (für sich) trifft, eine feministische Entscheidung ist. Die Huldigung des Choice Feminism trägt etwa dazu bei, das Tun und Sein anderer Menschen weniger zu bewerten und zu verurteilen. Er hat uns gelehrt, tolerant zu sein. Beigebracht, dass Slut Shaming mies und Schönheitschirurgie Privatsache ist.

Aber: Wieviel ist eine selbstbestimmte Entscheidung in Wahrheit wert, wenn sie genährt wird durch patriarchale Machtstrukturen? 

Von einem System, das an unseren Komplexen mitverdient?

Von einer (neuen) Welt, in der Frauen*an dazu gezwungen werden, einen beträchtlichen Teil ihres Selbstwertgefühls an der Türschwelle zur Emanzipation abzugeben? Ist das jetzt also der Deal? Der Preis, den wir zahlen müssen?

„Du kannst zwar gleichberechtigt sein, meinetwegen, aber dafür musst du jetzt bitte dreiundzwanzig Mal geiler aussehen und dich noch dazu einem Ideal beugen, das, sorry to say, schon lange nicht mehr ohne entsprechendes Fine Tuning erreichbar ist?“

Läuft der Hase indes so? Anders kann ich es mir mittlerweile nämlich irgendwie nicht mehr erklären. 

 
 
 
 
 
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Ein Beitrag geteilt von Francesca Burns (@franburns) am

Dass ich überall die gleichen Lippen, Wangenknochen und Näschen sehe zum Beispiel – und zwar auch an den schlauesten aller weiblich gelesener Wesen. Die haben doch so viel Hirn, denke ich dann. Wie können sogar sie dem Phantasma des vermeintlich „besseren Ichs“ bloß so dermaßen auf den Leim gehen? Und: Waren die, die da gerade so sehr an sich herum optimieren nicht ohnehin schon am nächsten dran an dieser sogenannten „Perfektion“? Ich finde schon. Und sehe wieder nur: Wunderschöne Leute, die überhaupt nichts bräuchten – außer ein bisschen mehr… ja, was denn eigentlich? Selbstliebe? Vertrauen? Egal-Haltung? Keine Ahnung. 

Was um alles in der Welt treibt sie an?

Nun, exakt diese Frage könnten und sollten wir vermutlich auch an uns selbst richten. Ganz gleich, ob wir schon voll sind mit Fillern, die nächste Diät gestartet haben oder nur in Gedanken an unseren schlackernden Wangen zupfen.

Wie viele Male habe auch ich schon vor dem Spiegel gestanden und dabei still und heimlich gedacht: Scheiße. Oder Alter, wenn sie doch alle ihre Stirn glatt bügeln lassen, wieso laufe ich dann bis heute mit Falten durch die Welt? Und: Och, so eine kleine Spritze in der vollen Lippe wäre doch sicher schön anzusehen.

Nein, ich bin ganz gewiss nicht gefeiert vor alldem und außerdem schon mehrmals in allerletzter Sekunde zurückgerudert. Nicht unbedingt aus Überzeugung, sondern immer auch mit ein bisschen Trotz im Nacken, einem mittelgroßen Ego an der Seite und obendrein einer Portion Stolz. Ich nicht, nein, ich werde jetzt nicht schwach. Ich will nämlich ganz unbedingt ins Gras beißen und sagen können: Einen Scheiß habe ich an mir machen lassen.

Ist das jetzt besser? Nein, gar nicht. Schon wieder zu viel Eitelkeit im Spiel, nur eben in eine andere Richtung. Und auch Abgrenzung. Dabei halte ich am Ende vielleicht einfach nur länger aus. Es ist ja, wie es sooft ist: Versuch doch zum Beispiel mal in einer kapitalistischen Welt antikapitalistisch zu sein. Schaffste?

Also wieder keine Lösung. Nur noch eine letzte Frage: 

Welcher guten Freundin würdet ihr denn auf der Stelle und guten Gewissens empfehlen, irgendetwas an ihrem Gesicht „richten“ zu lassen? Nur noch die Hälfte zu fressen? Oder endlich „perfekt“ zu sein?

Keiner einzigen? Bingo.

18 Kommentare

  1. Frauke

    … und deshalb schreibe ich jeder Freundin, Bekannten, Kollegin, Unbekannten bei jeder sich bietenden Gelegenheit: „… bleib so toll wie du bist!“ Liebe Nike, bleib so toll wie du bist!“

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  2. Anne

    Mir gerade schockierenderweise tatsächlich eine Sache eingefallen, die ich jeder Freundin empfehlen würde, allerdings nicht SATC Samantha like Botox. Sondern ich habe mir vor mehreren Jahren die Augen lasern lassen, im Prinzip auch eher eine Schönheitsop, aber das hat mir einfach so viel Lebensqualität mehr gebracht um z.B. im Schwimmbad nicht wie ein Luchs auf meine Kontaktlinsen aufpassen zu müssen oder ständig zu überlegen wie lange die Kontaktlinsen jetzt schon im Augen sind oder Brille putzen oder, oder, oder. Das heißt ich würde jeder Freundin zu einer Sachen raten, wenn sie glauben dadurch wirklich mehr Lebensqualität zu bekommen, bei allem anderen schließe ich mich dem „bleib so toll wie du bist“ an.

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  3. Lotta

    Ich bin extrem zwiegespalten, was Choice Feminism angeht. Ja, es ist super, wenn es bedeutet, dass wir Frauen uns nicht gegenseitig runtermachen. Bitte ja, aufhören damit.

    Aber in der Realität und vor allem in den letzten Jahren führt es irgendwie immer zu diesem seltsamen Feminismus „light“, von wegen:
    Ja ich bin Feministin, aber ich möchte bitte, bitte niemanden verprellen damit. Also die Männer und überhaupt alle sollen mich immer noch hot finden (Nein, wirklich, ich bin nicht die Untervögelte in der lila Latzhose mit den kurzen Haaren, siehe auch cool girl trope https://nofilmschool.com/cool-girl-character-tropes) und Schönheit ist immer noch das höchste Gut, was ich habe. Wir spielen also immer noch nach den Regeln der Männer/des Patriarchats, die an unserem Äußeren beurteilen, wie viel wert wir sind. Und durch Choice Feminism wird dieses System nicht mehr hinterfragt, sondern wir meinen beides haben zu können. Eine dicke große Lüge.

    Ist es wirklich immer noch so schlimm, als Frau jemanden zu verprellen? Besonders *schluck* Männer? Herrje, hängen wir immer noch daran fest? Wann kapieren wir endlich, dass wir sie an der Macht halten, indem wir uns selbst fertig machen?

    Nein, Schönheits-Ops und -Eingriffe sind nicht nötig. Auch nicht der zehnte Lippenstift oder das neue Shirt, was „perfekt“ die Problemzonen kaschiert. Auch nicht die 100. Diät. Der Drang danach bedeutet nur, dass wir immer noch in den Regeln des Patriarchats gefangen sind. Aufhören. Bitte. Sofort.

    Haben wir nicht gerade im Lockdown begriffen, dass, wenn es nur nach uns geht, wir die High Heels, Skinny Jeans und das Make-Up sofort links liegen lassen? Nein, wir tun das alles nicht für uns. Wir tun das für Andere.

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    1. Diana

      Hmmm…ich finde, da kannst du aber nicht für alle sprechen! Okay, ich lasse High Heels immer links liegen, Skinny Jeans trage ich eh nicht gern, aber: Ich genieße es, mich zu schminken. Auch wenn ich ganz allein bin. Ich mag Make-Up, macht mich das zu einer schlechteren Frau?

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  4. Anna

    Interessant, ich lese über diese Eingriffe immer nur im Internet. Mir fällt niemand aus meinem Bekanntenkreis ein, die so was hat machen lassen oder das ernsthaft überlegt… es ist kein großes Thema bei uns. Ich glaube nicht, dass mein Bekanntenkreis eine krasse Ausnahme darstellt, sondern eher, dass es je nach Filterblase total unterschiedlich ist, wie weit schönheitschirurgische Eingriffe verbreitet sind. Und wenn man denkt, das machen total viele Frauen, stimmt das wahrscheinlich höchstens für die eigene Blase. Vielleicht hilft der Gedanke ja auch 🙂

    Mich würde aber interessieren, wie ihr anderen Leser*innen das empfindet: Ist das in eurer Blase viel Thema?

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    1. Lotta

      Schönheitschirurgie heißt ja nicht nur Brüste vergrößern lassen. Botox fällt für mich auch schon drunter. Oder die hundertste Diät ist genauso Schönheitswahn. Und die gibt es wohl in jedem Freundinnenkreis, oder? Oder der Drang nach Sport nicht aus Freude an der Bewegung, sondern vor allem, um das Gewicht zu halten und den Körper in die gerade angesagte Form zu bringen.

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      1. Anna

        Na, das Leute nicht mit ihrem Körper zufrieden sind, kenne ist, das ist leider schon ein großes Thema (Leider, weil es uns ja unglücklich macht.) Aber tatsächlich würde es mich wundern, wenn eine signifkanter Anteil meiner Freundinnen schon Botox gespritzt hat, oder so einen Hyaloron-Filler oder was es da an wenig invasiven Eingriffen so gibt… Vielleicht bin ich da auch naiv und wenn ich mal nachfrage geht es mir wie euch, Jess und Lotta. Also dass die Leute es alle verheimlichen – was ja irgendwie eine noch perfidere Dynamik ist, als wenn man offen damit umgehen würde. Aber ehrlich gesagt glaube ich das noch nicht. (Ich bin Ende 30.) Ich werde aber mal nachfragen. Danke für eure Antworten 🙂

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  5. Jess

    Hallo Anna.
    Ich bin ganz bei dir – GEWESEN. Fühle mich mittlerweile nur noch verarscht. Aber von Medien genau so wie von Frauen, die ich kenne… Nach und nach kommt raus, wer halt doch alles schon Botox irgendwo hat (und hier hat keiner was mit Instagram oder sowas zu tun). Bin da nur noch ratlos…

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    1. Lotta

      Ja haha, bei mir genau dasselbe. Es ist ja mittlerweile noch verquerer: Heute verheimlichen alle (sogar vor Freundinnen), dass sie was machen lassen. Aber die meisten machen es oder denken darüber nach. Ist aber wahrscheinlich auch ne Alterssache, bei mir sind alle 35plus. Bevor die ersten Fältchen da sind oder man die 2 Kilo Weihnachtsspeck schnell ohne Probleme wieder los wird, ist alles ganz easy. Und dann scheint plötzlich die Panik einzusetzen. Weil Feminismus ja, aber doch nicht mit den Stirnfalten!

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  6. Bea

    Ich bin auch total erschrocken, wie viele Frauen sich inzwischen etwas „verschönern“ lassen. Der Gruppenzwang macht es schlimmer, oder? Will man selbst natürlich altern, wenn der Rest noch immer aussieht wie junge Fohlen? Ich war auch schon ein paar Mal kurz vor Botox und mir geht es wie dir Nike… will nicht einknicken, kann es aber auch nicht versprechen.

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  7. Johanna

    In meinem urbanen links-grün-versifften Ende-30-Umfeld sind Ästhetik, Stil, Design und Kosmetik durchaus wichtige Themen, ich bin aber z.B. die Einzige, die regelmäßig zur Kosmetikerin geht. Botox et al. ist bei wirklich niemandem ein Thema (auch nicht heimlich, da bin ich mir sehr sicher), mir scheint das ein Phänomen spezifischer Bubbles zu sein.

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  8. Sara

    Ich denke es ist kein Phänomen bestimmter Bubbles (mehr). Ich bewege mich auch im Berliner Modekosmos, man sieht eindeutige Veränderungen bei so manchen. Besonders die Lippen werden bei vielen immer voller… Aber ich kenne auch genug andere die nachhelfen und in ganz anderen Bereichen tätig sind. zB Mütter die sich die Brüste oder den Bauch machen lassen weil sie sich nicht wohlfühlen mit dem was von der Strapaze übrig ist. Das verurteile ich in keinster Weise denn es ist schon schwer sich in seinem Körper wohl zu fühlen wenn er sich stark verändert hat. Schade finde ich hingegen wenn ganz junge Frauen sich Lippen oder Brüste machen lassen weil Kylie Jenner aussieht wie eine Fantasiegestalt und man meint dieses Äußere wäre das Nonplusultra.

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  9. Fritzi

    Hmm, ich bin auch kein großer Fan von „Choice Feminismus“ und der von Nike verlinkte Artikel ist ja auch eher skeptisch, bzw kritisiert ja zu recht, dass es dabei mehr um individuelles Wohlbefinden als um strukturelle Veränderungen geht. Und kann sich überhaupt etwas „Feminismus“ nennen, was nicht nach strukturellen Ursachen fragt und diese verändern will? Es muss doch einen Mittelweg geben zwischen Über-andere-Frauen-Lästern und Jegliche-Entscheidung-Begrüßen. Ich denke, es ist gerade unsere Aufgabe uns untereinander immer wieder kritisch aber wohlwollend zu begegnen, uns selbst und unsere Freundinnen/Mitstreiterinnen immer wieder zu hinterfragen. Wenn ich von meinen feministischen Kolleginnen immer nur Schulterklopfen bekomme, fühle ich mich ja auch nicht wirklich ernst genommen. Es ist für alle immer wieder eine Herausforderung zu erkennen, wie das Patriachat uns beeinflusst und durch unsere Handlungen aufrecht erhalten wird, gerade da brauch ich doch die kritischen Stimmen anderer Frauen, die Auseinandersetzung mit ihnen, denn nur so können wir von einander lernen, langsam was daran verändern, wie wir uns und andere sehen, was wir für erstrebenswert erachten, was uns Bestätigung und Freude macht etc. Kurz und knapp: Kritik ist nicht gleich Lästern, Kritik ist wichtig zur Bewusstseinbildung.

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  10. Sarah

    Danke für den Artikel, spannendes Thema, und nicht einfach. Ich selber habe gar keinen Bezug zu Schönheits-OPs, Beauty-Behandlungen und so. Gehe nicht zur Maniküre, schneide meine Haare selber und mein Make-Up besteht seit Jahren aus einem einzigen Augenbrauenstift, einer Wimperntusche und einem Highlighter, bei all meinen Freunden ist das vergleichbar. Das nur als Hintergrundinformation, denn trotz der Tatsache, dass ich selber nichts mit dem Thema zu tun habe, finde ich es interessant, wie hier darüber geredet wird (hätte ich mehr Geld würde ich übrigens ziemlich sicher mehr machen lassen; Kosmetikerin, Pediküre, Gua Sha, Vitamin-Drip oder so). Meine Frage ist, warum es für euch etwas anderes ist, sich körperlich so wohl/gut/attraktiv wie möglich zu fühlen, als wenn man das gleiche mit zB. der Kleidung oder der Wohnung tut? Wo ist da die Grenze? Irgendwie finde ich es ähnlich wenn jemand lange die „perfekte“ Couch sucht, die stylische Kerze oder die besondere Lampe und den tollen Beistelltisch, weil diese die eigene Wohnung verschönern, optimieren etc. Und klar ist das such irgendwie für andere, deswegen räumen wir ja such auf bevor die Wohnung fotografiert wird oder Gäste kommen. Könnte doch egal sein, auf was für einem Sofa, aus was für einer Tasse, mit was für einem Bild an der Wand wir anregende Gespräche mit unseren Freunden führen oder wir den Abend alleine zuhause verbringen. So wie gesagt wird, Botox, volle Lippen und „perfekten“ Brüste sind doch irrelevant bei einem tiefgründigen Gespräch. Irrelevant sind dann ja auch der Haarschnitt, die Haarfarbe, Nagellack, Lippenstift und die Jeans. Ich würde da glaube ich gar nicht so unterscheiden zwischen „Haare extra so schneiden und färben und Nagellack auftragen“ und „Fältchen glätten lassen und Lippen füllen“. Tattoos passen dafür mich auch rein, ich habe auch da keinen Zugang zu, und Personen fühlen sich irgendwie gut damit, es ist dauerhaft, und warum genau anders als zB Botox? Finde es tatsächlich interessant, dass das offenbar für dich einen Unterschied macht, Nike. (Also Haare schneiden, färben, Make-Up, Kleidung und Wohnungsdinge und Interior Design ist in Ordnung; Kosmetikerin, Botox, Filler etc geht zu weit und fällt eher unter trauriger Gesellschaftsdruck dem es standzuhalten gilt.) Das meine ich gar nicht wertend oder negativ, überhaupt gar nicht. Finde es eher einfach spannend und würde mich auch sehr interessieren, von den anderen Kommentatorinnen etwas dazu zu lesen.
    Danke für die Kommentare und vor allem danke liebe Nike, dass du dieses Thema angesprochen hast und diesem hier eine Plattform gibst.

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    1. Jael

      Auch ich finde es ein wahnsinnig spannendes und definitiv nicht einfaches Thema.
      Deinen Vergleich kann ich in gewisser Hinsicht nachvollziehen. Denn klar, auch bei der Wohnungseinrichtung, Kleidung oder den Haaren tut man vieles davon um sich wohl(er) zu fühlen und anteilig wahrscheinlich auch für andere, um ein gewisses Bild zu vermitteln oder einen Eindruck zu erzeugen. Aber grundlegend sehe ich zB in der Gestaltung von Wohnungen oder der Art sich zu kleiden hauptsächlich Ausdruck der eigenen Person, des individuellen Geschmacks und Sinnes für Ästhetik. Und hierin liegt mit ein Unterschied zur Selbstoptimierung auf körperlicher Ebene, würde ich sagen. Denn Wohnungen oder Kleidungsstile sind nach wie vor unterschiedlich und es existiert nicht dieses eine genormte Ideal, an dem man sich orientiert. Natürlich gibt es Richtungen die sich gleichen und Blasen in denen alles doch irgendwie gleich aussieht, aber dennoch kann man da mehr Vielfalt finden.
      Bezüglich der immergleichen Lippen, Wangenknochen und Näschen, die uns auf Social Media begegnen, ist das jedoch mittlerweile meiner Meinung nach nicht mehr der Fall. Dafür ist dieses gesetzte, quasi universelle Schönheitsideal zu omnipräsent. Und der Anspruch daran, wie das perfekt schöne Gesicht und der wohlgeformte Körper auszusehen hat, scheint viel zu einheitlich genormt zu sein, trotz Body Positivity/Neutralism und Diversität. Der daraus entstehende Druck hin zu Selbstoptimierung und der Drang nach Perfektion führen zum Infrage-stellen und Bezweifeln des Ureigenen, dem Körper und Aussehen.
      Und ich finde, da befindet sich die Grenze, nach der du fragst. Denn die Motivation den eigenen Körper zu kleiden, durch Tattoos zu schmücken, die Nägel zu lacken, einen gewissen Haarschnitt zu tragen oder die Wohnung einzurichten oder nach der perfekten Couch zu suchen, haben ihren Ursprung meiner Meinung nach auf einer viel oberflächlicheren Ebene und nicht in einer so grundlegenden Verunsicherung des eigenen Selbst.

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  11. Tini

    Die Diskussion führe ich regelmäßig mit Freund*innen und kann zu so vielem, das hier steht nur sagen: feel you (and you..and you..and you!). Ich teile auch ein paar random lose Gedanken mit euch und bevor ich loslege: An alle Kommentator*innen, die das Thema beschäftigt, möchte ich einen Buchtipp geben. Susie Orbach – Bodies. Es ist nicht neu, aber aktuell und holt mich persönlich immer auf den Boden, wenn mir der „neutrale“ Umgang mit dem Körper als solchem abhanden kommt und ich mich in den Selbstzweifel- und -optimierungsstrudeln verliere. Orbach beschreibt ein sich damals noch anbahnendes, heute leider omnipräsentes Problem, dass uns die „natürliche“ Perspektive auf den eigenen Körper verloren gegangen ist vor lauter Idealbildern und schafft Anregungen, zu diesem Zustand zurückzukommen. Es geht darum, den Körper wieder für sein Sein, nicht für sein Aussehen schätzen zu lernen und ihn entsprechend zu behandeln.

    Nun mein Senf. Ich finde, dass zwischen Schönheits-OPs und temporären Selbstgestaltungspraktiken wie Make-Up, Frisur, Kleidung etc. unterschieden werden muss. Klar, beides kann durch den Druck, sich zu optimieren, ins Bild zu passen, dazuzugehören motiviert sein. Letzteres ist aber immer auch ein Ausdruck der Persönlichkeit und kann sehr indivduelle Bedeutungen haben. Jede dieser Praxen kann für andere oder sich selbst geschehen und es gibt genug Menschen, die durch Make-Up, Frisur und Kleidung auch ein dickes FU an Ideale und das Patriarchat und ein ebenso dickeres YES zum Selbst vermitteln. Schön dazu immer wieder die Arbeit der Ladies von Stylelikeu, die eben solche Menschen und deren Expression vorstellen. Mit Schönheits-OPs ist das eben so ne Sache, kann man den den Menschen, die unter dem Druck kapitulieren und ggf. wirklich unter einem empfundenen Makel leiden, einen Strick daraus drehen, den Eingriff als letzte Option zu sehen? Wir wissen doch alle, wie schwer es ist, den einfach „positiv und selbstbejahend“ wegzudenken.

    Dennoch erschreckt es mich, wie normal in unserer Welt für manche ein Schönheitsideal geworden ist, welches mit massiven Eingriffen weg von der Natur einhergeht. Dass es für junge Frauen teilweise total gängig ist, die Nägel/ Wimpern/ Haare/ Hautbräunung regelmäßig anzupassen, den Körper in ein Ideal zu trainieren/essen und von der Farb-/ Ersatzteiltrickkiste bis zum dauerhaften Eingriff vor Nichts halt zu machen, sondern diesen Zeit- und Geldaufwand als gesetzt und „normal“ anzusehen. Erschrecken tut mich all das dann, wenn es keine individuelle Praxis mehr ist, sondern ein Gruppenphänomen, bei dem Gruppen von Menschen plötzlich gleich aussehen und dies auch wollen.

    (Wer zum Thema Eingriffe/ Idealgesicht/ Massenphänomen mehr lesen mag, dem sei auch Jia Tolentinos (sie wurde bereits das ein oder andere Mal hier gelobt, meine ich) The Age of Instagramface beim New Yorker empfohlen.)

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