Editor’s Letter: Von Pausen, Räumen & „Sonderurlaub“

02.04.2021 Wir, Leben, Gesellschaft

Liebe Leser*innen,

wann krachen selbst die härtesten Raketen in zwei und müssen wir es überhaupt immer erst auf die Spitze treiben, um zu verstehen, dass es so nicht weitergeht?

Seit ein paar Tagen wache ich morgens auf und fühle ein merkwürdiges Gefühl von Taubheit und Stillstand in mir, das ganz unmerklich in den letzten Monaten in mich hineingekrabbelt sein muss. Ich weiß nicht mal genau, wann es passierte, aber dieses lähmende Gefühl hängt wie eine dicke, fette Smog-Wolke über mir, die zwar von schönsten Sonnenscheinmomenten durchdrungen wird, sich mit ganz viel Kraft aber immer wieder zusammenziehen will.

Die vergangenen 365 Tage sind ein persönlicher und ein gesamtgesellschaftlicher Kampf und trotz regelmäßigem Privilegien-Check komme auch ich langsam an meine Grenzen, die vor allem durch fehlende Perspektiven und wöchentliche Schreckensnachrichten ihr Volumen erschöpft haben. Und damit bin ich selbstverständlich nicht allein. Meine gesamte Umwelt gerät ins Wanken, geliebte Auffangnetze werden löchrig und auch ich hinke eher mit Herzrasen durch To-Do-Listen, als voll anwesend zu sein und mit unendlich viel Liebe Köpfchen zu streicheln.

Als Teresa Bücker erst kürzlich wieder mal ihre radikalen Gedanken mit uns teilte und Sonderurlaub nach dieser Pandemie forderte, lächelte ich zunächst müde. Wie soll das denn alles überhaupt funktionieren, dachte ich. Heute kann ich nachträglich nur noch vehement nicken. Nicht, weil ich eine Antwort auf meine Frage habe, sondern weil die meisten von uns so einfach nicht weitermachen können. Diese Pandemie ist kein Bananenbrot und auch kein Yoga-Kurs, die vergangenen 3739374489 Tage sind einfach nur noch fucking anstrengend und kräftezehrend. Vor allem aber will das alles nicht enden. Die nächste KiTa-Schließung steht hier in Berlin jedenfalls wieder bevor.

Genau aus diesem und aus so vielen weiteren Gründen brauchen wir nicht nur Urlaub von all dem Trubel, all den Dingen, die nicht funktionieren und all der zigfach Belastung, wir brauchen auch Pausen zwischendurch: Von den To-Dos, den immer gleichen Wegen und der Eintönigkeit. Vor allem aber brauchen wir Raum, um zu fühlen und zu verstehen, was wir ändern können, müssen und wollen. Pausen können Räume schaffen, und genau darum geht’s. Selbst fünf Minuten am Tag können ein Anfang sein. Und genau solch eine kleine fünf-Minuten-Pause läute ich hiermit auf Jane Wayne hochoffiziell ein: ein Break. Zwar dauert der nur etwas mehr als eine Woche, aber er ist so nötig: für das Team, die Inhalte und für unsere Gesundheit. Es ist keine Pause im klassischen Sinne, um schlaff auf dem Sofa herumzufletzen oder von morgens bis abends Piña Colada zu schlürfen (obwohl wir uns das alle sowieso immer verdient hätten), sondern eine, um uns Raum zu schaffen, das Tempo herauszunehmen, mal wieder herauszufinden, was wir überhaupt wirklich wollen. Um Pläne zu schmieden. Um Lebendigkeit zu fühlen, Dinge anders zu denken und um die Sonne 30 Minuten länger zu genießen. 

Ich frage mich die ganze Zeit, was wir in vielen, vielen Jahren über uns und das Jahr 2020, 2021 und vielleicht auch noch 2022 sagen werden. Ob wir uns die Zeit schönreden, noch immer von den gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Veränderungen zehren, ob wir als Gesellschaft uns fortan spalteten und damit zu leben lernten oder ob es für viele von uns doch fast so etwas wie ein Neuanfang geworden ist, der ganz viel Positives in Gang setzte. Ich habe selbst keine konkreten Antworten auf diese Fragen, aber ich weiß, was ich nicht will. Und das ist schon mal ein Anfang.

Passt auf euch auf, bleibt gesund und habt es trotz allem dieser Tage irgendwie dennoch furchtbar schön. Am 12. April sind wir zurück <3

Liebe!

Bild der Collage: © Jacquemus

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