Unbequeme Wahrheiten: Ist es Zeit, zurück in die Heimat zu ziehen?

31.08.2021 Leben, Kolumne

Neun Jahre ist es her, dass ich, frisch aus der Schule, meine erste Wohnung bezog, mitten in Berlin Wedding, mindestens grün hinter den Ohren, aber einer Sache sicher: Die Heimatstadt für immer (wenn nicht noch länger) hinter mir zu lassen. Zu staubig, nichts los und abgegrast. Bereit für neue, spannende Ufer der Hauptstadt war ich, so wie alle meine Freundinnen und so viele andere, die jedes Jahr nach Schule, Ausbildung oder Erststudium ihre Heimatstadt verlassen. Neun Jahre, diverse persönliche Krisen, ein unmöglicher Wohnungsmarkt, ein gekippter Mieterdeckel und eine Pandemie später, schaue ich mich bei jedem Heimatbesuch ganz genau um. Die Lebensqualität, die Familie so nah, alles sauber, alles ruhig. Aber hier leben? Nein danke — oder etwa doch?

 

 
 
 
 
 
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Ein Beitrag geteilt von Fabienne Sand (@ffabae)

Lange Zeit haben wir damit verbracht, uns haarspalterisch von unserem alten Leben abzugrenzen. Was teilweise im Elternhaus gesagt und praktiziert wurde, habe ich lange nach meinem Weggang als absurd abgetan. „So viel Fleisch essen“, „so viel Autofahren“, „so viel über andere reden“, sprudelte es nur vor Abgrenzung aus mir heraus, um auch ja ganz penibel darauf zu achten, mir meine ganz eigene Illusion von unabhängigem Wertesystem und Regelwerk auszudenken. So sein wie zu Hause sollte lange Zeit erst einmal gar nichts, einfach aus Prinzip und ein bisschen aus Überzeugung. Vielleicht auch, weil ich mich nie über die Maßen mit meiner Familie identifizieren konnte, vielleicht weil ich mich erst abnabeln musste, um mich wieder anzunähern. Wie so viele meiner Freundinnen brauchte es ein ganzes Stück eigenes Leben, um wieder unkritischer und versöhnlicher nach hinten zu schauen. Und nach ein paar vergangenen Jahren sogar die Heimatbesuche zu vermissen.

Schleswig-Holstein. Was für ein sau-schönes Fleckchen Erde. Als seien zwei Meere nicht Grund genug dafür, das nördlichste aller Bundesländer gnadenlos abzukulten. So profitiere ich seit jeher von der Nähe zu Hamburg, zu Berlin, dem frischen Fisch, Urlaub in Dänemark und einem beinharten Durchhaltevermögen, wenn es um das Anbaden zu menschenunwürdigen Temperaturen geht. Dennoch: Jedes zweite Mal zu Besuch zu Hause winde ich mich zwischen Faszination und Abneigung. Mein altes Zuhause steht weder in einer Kleinstadt, noch ist es unschön anzusehen. Doch piefig ist es noch heute, ein gutes Restaurant suchen alle mehr oder minder erfolgreich an einen Samstagabend und mit einem einfachen Café brauche ich nicht anzufangen. All die Großstadtarroganz versucht in neun Jahren abzulegen und trotzdem noch etwas nachbehalten. Aber was soll ich sagen. Die Demographie fühlt sich relativ alt an, die Bordsteine sind um 19:00 Uhr hochgeklappt und ich sowohl fasziniert von der Ruhe als auch beängstigt von der Einsamkeit und dann auch noch der Frage so nah, ob es nicht früher oder später ohnehin kein Bedürfnis nach all den Möglichkeiten, all der Abwechslung der vielfältigen Hauptstadt gibt.

 
 
 
 
 
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Ein Beitrag geteilt von Fabienne Sand (@ffabae)

Dass Berlin einen Ticken zu viel ist, erwähnte ich hier schon mehrere Male. Vor Corona, während Corona und auch heute. Und immer dann, wenn es ein guter Zeitpunkt war, wagte ich mich für genau die richtige Anzahl von Tagen in die Heimatstadt zurück. Die guten Tage. Zwischen den Jahren, wenn alle da sind. Über Ostern oder im Sommer, wenn die Ostsee ruft oder die leeren Freibäder oder die eine gute Eisdiele der Stadt und der gottverlassene Stadtpark.

Dann frage ich mich aufs Neue, welche Schnapsidee es war, damals wegzugehen und wie lange wohl jeder einzelne Mensch in der Ferne braucht, um irgendwann wieder das Altbewährte schätzen zu lernen. Ich habe die Zeit, in der sich Zurückziehen wie ein Rückschritt anfühlen würde, überwunden. Aber bin ich schon bereit für einen lebensverändernden Moment? Wann ist denn in Filmen eigentlich immer der Zeitpunkt, an dem Menschen ihre sieben Sachen packen, um einen Neuanfang zu wagen? Und ab wann weiß ich eigentlich, dass auch ich einen brauche?

Erst kürzlich las ich von einem gentrifizierten Dorf bei Berlin. Am Wochenende würden sich in Scharen Minis, SUVs und Retro-Volvos an der Landstraße sammeln, um eine umgebaute Gärtnerei, ein asiatisches Fusion-Restaurant oder ein hippes Café samt Siebträgermaschinen zu besuchen. Mitten in der Uckermark. Ist das denn zu glauben? Die armen Leute aus der Region können sich im sogenannten 13. Bezirk keine Häuser mehr leisten. Und ich habe beim Scrollen auf Instagram schon etliche Male gedacht, dass ich nun auch endlich all’ diese schönen idyllischen Orte besuchen mag. Ertappt. Es ist nichts Böses dabei, Brandenburg zu erkunden. Auch nicht, wenn einem dabei ganz Neukölln auf den Fersen ist. Aber bevor ich mich traue, endlich aufs Land zu ziehen, weil mir in Berlin allmählich der Kragen platz und bevor ich jedes Wochenende von einem Wochenendhaus, einem Ausflug in den Spreewald oder eben der Uckermark träume, warum dann nicht einfach dem den Rücken kehren, das seit mindestens 1,5 Jahren regelmäßig für Unmut sorgt?

„Trau dich!“, habe ich gedacht. „Wechsel den Stadtteil!“, habe ich gedacht. „Zieh ins Hipster-Dorf!“, habe ich gedacht. Doch in die Heimatstadt gehen, da wurde ich immer ängstlich. Aber wenn ich über die Familie nachdenke, über all’ die Zeit, die uns noch bleiben würde, diese Einfachheit des Seins, der verfügbaren Bürgeramtstermine, dem Brötchenholen ohne Schlange und einem Besuch im Park ohne irgendwem auf die Pelle zu rücken, da wurde mir dann doch warm ums Herz. Zum Abendessen bei Familie und Großeltern, ganz spontan an einem Sonntag? Was für ein Traum. Kurz abkühlen im Meer, ein ruhiger Sonntagsspaziergang. Schluss mit dem Träumen und vielleicht mal mit dem Planen anfangen. Wann ist es Zeit, zurück in die Heimat zu ziehen? Wie ihr seht, habe ich noch keine Antwort gefunden.

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25 Kommentare

  1. Jean

    Ohh ja, Berlin ist ein schweischneidiges Schwert. Aber der Hype scheint nach wie vor nicht nachzulassen. Ich weiß nicht, meinen Geschmack trifft es nicht mehr so richtig.
    LG Jean

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  2. Michelle

    Spannend! Ich bin in Hamburg aufgewachsen – mittendrin – und beobachte bei nahezu all meinen Freunden ähnliche Gedanken wie bei dir. Wieso will man an freien Tagen immer raus in die Natur, um dann in die stickige Stadt zurückzukommen? Auch ich war als Sommerurlaub auf einer Rundreise durch Dänemark (nachdem ich dort das letzte Jahr gewohnt habe) und fühle mich auf dem Land zwar wohl, aber eben absolut nicht „zuhause“. Es ist immer ein Abenteuer für mich, weil ich dort eben nicht aufgewachsen bin. Eine Stunde auf den Bus zu warten oder sogar mit dem Auto fahren zu müssen, ist mir mehr als fremd. Und doch kann ich die Gedanken verstehen und würde mich nicht wundern, wenn ich irgendwann – vielleicht mit einer eigenen Familie? – auch mal außerhalb einer Großstadt wie Hamburg oder Kopenhagen wohne.

    Ich freue mich, mehr über deine Entscheidungen zu lesen

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  3. Verena

    Liebe Fabienne

    diese Zerissenheit kenne ich auch und wünsche dir daher einfach eine gute Entscheidung! Ein Hipsterdorf wäre meiner Meinung nach nur eine andere Form von Spiessigkeit, ob damit etwas gewonnen wäre, vom Cafe einmal abgesehen?

    liebe Grüße

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  4. Sarah

    Liebe Fabienne, vielen Dank für deine Gedanken!
    Ich gehe jetzt einen Schritt, mit dem ich seit zwei Jahren gerungen habe, der aber durch die Pandemie dann deutlich einfacher wurde. Als Ur-Berlinerin (hier geboren und immer hier gelebt) konnte ich mir nie vorstellen, diese Stadt zu verlassen. In den letzten Jahren wurde ich aber immer genervter. Von der Hitze im Sommer, von der schlechten Luft und von der latenten Aggression, die in der Luft schwingt. Mein Job findet mit und unter Menschen statt, aber ich habe gemerkt, dass mir das dann auch reicht. Ich hatte nie eine große Clique, immer nur einzelne Menschen. Meine „Cliquen“ waren meine Arbeitsgruppen, die Theater- und Ausbildungsgruppen, die ich unterrichte. Ich war seit locker 10 Jahren nicht mehr in irgendeinem Club zum Tanzen. Von vollen Bezirken wie Neukölln war ich genervt, aber hier in Wilmersdorf sind mir zu viele Autos. Irgendwie wurde diese Stadt immer anstrengender.
    Dann kamen meinem Mann und mir die Idee, ans Meer zu ziehen. Also in eine Stadt am Meer, denn als Nicht-Autofahrer brauche ich einen guten ÖPNV und eine flinke Anbindung nach Berlin – wegen der Arbeit und meiner Familie. Rostock war das Traumziel der Wahl und vor 2 Jahren fiel dann der Entschluss: „Bald … also irgendwann in den nächsten Jahren … da ziehen wir nach Rostock.“ Dann kam die Pandemie, ich arbeitete nur noch online, fand es cool und dachte, dass ich das ja nun wirklich von überall machen kann. Und dass mein Job mich nicht mehr an eine Stadt fesselt. Ich bin selbständig, dann kann ich auch ein bißchen was ausprobieren – woanders eben. Sobald es erlaubt war, fuhren wir nach Rostock, beguckten zwei Wohnungen, bewarben uns auf eine im Haus, in dem die einzige Person lebt, die wir in Rostock kennen, und zack: bekamen sie. Einfach so. Jetzt sind es nur noch wenige Wochen. Ich habe ein bißchen Angst, ich kann es noch nicht realisieren und ich bin gleichzeitig voller Vorfreude. Ich werde am Meer wohnen! In einer deutlich kleineren Stadt, mit viel kürzeren Wegen, 5 Minuten vom Hafen entfernt.
    Ich dachte nie, dass ich mich von Berlin werde trennen können, aber ich kann.
    Ein Teil meiner Arbeit wird weiterhin hier stattfinden, jeden Monat für 3-4 Tage. Ich werde also ab und zu Pendeln, was auch neu für mich ist. Ahhhh, ich kann es noch gar nicht fassen!

    Auf jeden Fall bin ich sehr gespannt auf deinen Weg und freue mich sehr, dass du ihn mit uns teilst.

    Lg, Sarah

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  5. Lisa

    Mir geht’s exakt genau wie Dir – nur sehne ich mich statt ans Meer zunehmend zurück an die Alpen! Und die liegen leider noch weniger um die Ecke…

    Antworten
    1. Sanny

      Hallo,

      bin eben wegen meiner Zerrissenheit auf deine Seite gestolpert, in der Hoffnung eine Antwort zu finden. Es tut gut zu lesen, dass es noch mehreren so geht. Vor 8 Jahren bin ich nach Berlin Neukölln gezogen. Alle waren ja so neidisch. Frage mich für was? In Neukölln wars einfach nur grauenhaft. Mittelweile lebe ich mit Mann und Kind in Köpenick. Köpenick ist super schön und ich fühle mich nach all den Jahren Zuhause. Leider fehlen mir enge Freundschaften und die Familie so sehr, dass ich meinen Mann davon überzeugen konnte, mit in meine 650 km entfernte Heimat zu ziehen. Nun laufen die Vorbereitungen und ich bin mir plötzlich gar nicht mehr so sicher. Ich hole mir immer wieder die Gedanken hoch, warum ich damals weggezogen bin. Tägliches ping pong im Kopf…ich denke ich werde erst wissen ob es die richtige Entscheidung war, wenn ich umgezogen bin? Die Reißleine ziehen, wäre für alle eine Enttäuschung. Ich würde mich freuen mitzubekommen, ob du den Schritt zurück gewagt hast?
      Liebe Grüße

      Antworten
  6. Sara

    Diese Gedanken könnten meine vor 4-5 Jahren sein. Mittlerweile wohnen ich wunderschön ländlich zwischen Berlin u Potsdam. So dass man jederzeit in die große Stadt flitzen könnte. Was man ehrlich gesagt so gut wie nie tut.
    Daher ziehe ich tatsächlich nächstes Jahr wieder in die bairische Heimat zurück. Niemals hätte ich das gedacht, Berlin war doch einmal meine große Liebe – und das ländliche Bayern früher mein Alptraum 🙂 Aber Bedürfnisse ändern sich. Mit der Gründung einer Familie und den Ausmaßen der Pandemie gehe ich nun gerne diesen Schritt. Jeder Abschnitt war dabei sehr wichtig für mich, direkt von Berlin wieder ‚nach Hause‘ hätte sich für mich wie ein Scheitern angefühlt, nun eher wie ein sich schließender Kreis.

    Antworten
  7. A

    Nach einer persönlichen Krise war klar ich möchte wieder in die Nähe der Familie. Die Krise war ein Albtraum, die Rückkehr war wunderschön! Wenn der Zeitpunkt gekommen ist, spring einfach! LG

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  8. Pingback: Cherry Picks: Über Land-Sehnsucht, Modern Love und die Macht der Sprache - amazed

  9. Milamila

    Mir graut es als Frau, die ihr Leben lang im ländlichen Raum verbracht hat, vor der Gentrifizierung rund um die Speckgürtel der großen Städte. Es wird so viel Wohnfläche für so wenig Personen verbraucht, das ist aus jeglicher Hinsicht nicht tragbar. Natürlich ist die Sehnsucht da und total verständlich aber der Flächenverbrauch in Deutschland ist riesig und es ist nicht zukunftsweisend so etwas zu fördern. Es wäre so viel wichtiger die Defizite der Städte zu erkennen und sie zu beseitigen. Neue/alte Wohnkonzepte wie die Gartenstadt zum Beispiel oder die Förderung von Tiny Houses. Was mich, auch als Landschaftsarchitektin, so oft verständnislos macht, ist die Tatsache, dass viele sich nach Grün sehnen, aber überhaupt keine Vorstellung davon haben, wie das ökologisch und ästhetisch sinnvoll umzusetzen ist. Die Rollrasen- und Kiesgärten in den Neubaugebieten der Speckgürtel sind es jedenfalls nicht.

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    1. Suzie

      Sehr schöner Gedanke, den man eventuell auch mal weiterspinnen könnte!
      Ökologisch ist es sehr viel sinnvoller, riesige Hochäuser in den Städten zu bauen, daneben gleich den riesigen Kindergarten und den Supermarkt. Kein Auto nötig. Platz maximal ausgenutzt.
      Im Gegensatz draußen vor den Toren, wo man zwei Autos braucht, damit man mal schnell in der Stadt ist & die Kinder durch den Gegend fährt.

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    2. Christiane Korthaus

      Ich bin auch am Überlegen,ob ich zu meinem Sohn u.seiner Familie nach Bochum ziehen sollte,habe Sehnsucht nach meiner kleinen Enkelin,sie ist 1,5 Jahre alt,hier in der Nähe habe ich noch meinen 97jährigen Vati zu versorgen,es ist nicht einfach!Meine Tochter mit Enkelin (13) wohnt auch hier in der Nähe,aber ich fühle mich oft hier in meiner Wohnung nicht wohl!

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  10. Lisa

    Speziell Tiny houses erscheinen mir auf den ersten Blick nicht als eine besonders zukunftsweisende Nutzung von Flächen in Städten oder deren Umkreis; die mögen wenig Wohnfläche haben, aber auch sie nehmen Grundfläche weg, ohne aber den Raum nach oben hin auszunutzen.

    Antworten
  11. Nina

    Liebe Fabienne,
    ich bin echte Berlinerin und habe meiner „Heimat“ lange nachgeweint; all die Möglichkeiten, die Selbstentfaltung, die Ablenkung etc., die Berlin einem bietet….
    Aber gerade bin ich aus der Heimat nach Hause (Freiburg) gekommen und fühle mich sauwohl hier.
    Hier ist es viel ruhiger und wärmer und guten Kaffee gibt es überall. 😉
    Liebe Grüße

    Antworten
  12. Tine

    Liebe Fabienne,
    deine Situation kann ich so gut nachempfinden!
    Ich wollte letztes Jahr wieder in die Heimat zurück, da mich Berlin in vielen Bereichen nervt und ich mich nicht “daheim“ fühle. Dann habe ich mich in einen Urberliner verliebt und nun stehe ich zwischen glücklicher Beziehung und dem Wunsch wieder ins schöne Rheinland zu ziehen.
    Für ihn kommt ein Umzug nicht infrage. Nun stehe ich weiterhin vor der Frage, ob ich trotzdem gehe.
    Liebe Grüße

    Antworten
  13. Nicole

    Mega toller Text. Ich bin aktuell auch am Überlegen, ob ich nach 4 Jahren München zurück in die Heimat soll. Das Heimweh ist manchmal schon groß

    Antworten
  14. Katrin

    Ich komme aus dem ländlichen Harz, einem Kurort in Niedersachsen und bin 2012 nach dem Abi für Ausbildung und Studium nach Leipzig gezogen, 180km entfernt. Das erste Jahr hatte ich Heimweh, fuhr jedes Wochenende in die Heimat, nach 2 Jahren fand ich meine erste große Liebe in Leipzig. Wir zogen zusammen, ich schätzte die unendlichen Möglichkeiten und den Wachstum in Leipzig. Zurückgehen war undenkbar und wie du beschreibst eher ein Rückschritt. Das Verhältnis zu meiner Mama und dem Rest der Familie war schon immer gut, wurde aber durch das Wegziehen noch deutlich enger. Wir telefonieren viel. Nach einigen schönen Jahren kam die Trennung von meinem Ex, 2020 die Corona-Pandemie und auch mein neuer Freund – in der Heimat bzw. nur 35km von meinen Eltern entfernt. Aktuell also eine Fernbeziehung. Wegziehen am Anfang der Beziehung immer noch undenkbar. Für ihn aber ebenso, er ist eher der ländliche Typ. Ist stark verwurzelt, hat ein Grundstück. Mittlerweile möchte ich wieder zurück, nach fast 10 Jahren Großstadt. Besonders durch die Pandemie habe ich gemerkt, wie laut es in Leipzig und wie schön die Ruhe bei meinem Freund und meinen Eltern auf dem Dorf/Kleinstadt ist. Da mein befristeter Arbeitsvertrag hier jetzt passenderweise endet, schaue ich schon nach Jobs. Davon gibt es natürlich weniger als in Leipzig. Die Jobsuche ist nicht leicht. Ich verbinde viel mit der Stadt, habe hier viel durchgemacht, liebe meine Wohnung, die ich mir nach der Trennung so wie ich es wollte eingerichtet hab. Mir wird es nicht leicht fallen. Aber der Gedanke zu bleiben, ist dauerhaft auch keine Option in meinem Kopf. Ich möchte auch spontan zu meinen Eltern zum Kaffee fahren, nicht immer sonntags in Aufbruchstimmung sein, ihnen später im Alter helfen, wie sie es aktuell bei meinen Großeltern tun. Möchte, dass wenn ich mal Kinder habe, diese ihre Großeltern in der Nähe haben. Wahnsinn, was man für eine Entwicklung durch macht und wie sich Prioritäten ändern können. Dein Text hätte fast von mir stammen können. Ich denke, man spürt es, wenn es Zeit ist für eine Veränderung. Das ist ein Prozess! Alles Gute! 🙂

    Antworten
  15. Lina

    Liebe Fabienne, Liebe Kommentiererinnen,

    Selten habe ich Stimmen von so vielen mir fremden Personen gelesen mit denen ich mich so sehr identifizieren kann! Was bin ich glücklich diese Seite gefunden zu haben. Vielen Dank!!

    Ich komme aus dem bayerischen Wald und habe mir schon von Teenagerbeinen an mein Sex and the City Großstadtleben erträumt. Mit 21 bin ich nach Köln gezogen: Medienbranche, aufregendes Datingleben, diverser bunter Freundeskreis, Liebe und Abenteuer und immer etwas neues um mich herum. Niemals, NIEMALS, hätte ich auch nur mit dem Gedanken gespielt wieder in die Heimat zu gehen. Es wäre mein persönlicher Albtraum gewesen. Eher noch weiter weg, Hamburg, Berlin oder gleich New York. Aber zurück. Nein. Ein Rückschlag wie so viele es hier treffend bezeichnen wäre das gewesen. Und in jeglicher Hinsicht nicht vorstellbar.

    Nach nun 10 Jahren in Köln, von denen ich mindestens zwei schon in beruflicher Unzufriedenheit, dem Gefühl von Stagnation, und der permanenten Begegnung mit bindungsunfähigen Männern verbracht habe … und nach zwei Jahren Pandemie in der ich in so einer großen Stadt mit so einem großen Freundeskreis nun doch so allein war, habe ich mich bei einem längeren Heimatbesuch mit genau von euch beschriebenen anderen Blicken auf die Heimat, die Familie und Umgebung betrachtet und dann … mich Hals über Kopf dort verliebt. Boom!
    In wenigen Monaten trete ich ein Arbeitsprojekt dort an, werde mit meinem Freund zusammen wohnen und nur noch 5 Minuten Autofahrt statt 5 Stunden von meiner Familie entfernt sein. Ich kann meine Mutter zu uns zum Essen einladen und bei meiner Tante auf einen Kaffee vorbei schauen, jeden Abend mit meinem Freund auf dem Sofa sitzen und Pläne schmieden wann welche Freunde aus Köln zu Besuch kommen können.

    Ich bin in Bayern aufgewachsen, und in Köln erwachsen geworden. Beides ist ein Teil von mir. Ich kann mir nichts schöneres mehr vorstellen als zum Ursprung zurück zu kehren.

    P.S.: in einem Jahr schimpfe ich dann über die Reserviertheit und Einfältigkeit der niederbayerischen Einwohner … so wie jetzt über die Rücksichtslosigkeit und Arroganz der Stadtbewohner. Und da freu ich mich auch drauf 🙂

    Antworten
  16. Jonas

    Huhu,
    juhu schleswig-holstein 🙂 geh zurück. Werde ich hoffentlich im Sommer auch den Sprung zurück nach SH gehen.
    Brandenburg toll, aber wer in SH gut aufgewachsen ist, der spürt in seinem Herzen oft eine Sehnsucht.

    REndsburg for LIFE!!!!

    Antworten
  17. Marcel

    Es tut gut zu lesen, dass man nicht alleine mit dieser Zerrissenheit heut ist. Bin nach dem Abi aus der brandenburgischen Provinz nach Berlin gezogen. Nicht zu gehen war keine Option, hatte den Geschmack von erfolglos sein. Also ging es in die Metropole. Seit 15 Jahren nun lebe ich in Berlin mit meinem Mann und inzwischen haben wir einen Sohn. Seit Jahren nervt mich die Stadt nur noch. Es schmerzt jedes Mal wenn es nach dem Heimatbesuch zurück geht. Gleichzeitig weiß ich, dass die Heimat überaltert ist und langsam ausstirbt. Dorthin zurück gehen erscheint völlig abwegig. Herz und Verstand kämpfen miteinander. Nun gibt es die reale Möglichkeit zurück zu gehen. „Dank Pandemie“ gibt es nun die Möglichkeit dauerhaft aus der Ferne zu arbeiten.
    Aber je ernster es wird, um so größer wird die Panik.

    Antworten
  18. Katy

    Ich bin im März, nach nur einem Jahr in Hildesheim, wieder zurück in meine Heimat gezogen.
    In Hildesheim fühlte ich mich gar nicht wohl. Eine schöne Stadt, aber nicht meine Mentalität.
    Ich bin mitte 50 und in meinem Berufsleben viel in Deutschland herumgekommen.
    Ein paar Jahre lebte und arbeitete ich in Süddeutschland.
    Dort hat es mir gut gefallen, auch dort gibt es Orte wo man als zugezogener keine Chance hat.
    Aber nun zurück.

    Ich bin in meine Heimat, eine Kleinstadt in Südhessen gezogen.
    Meine Feststellung für mich ist, es war ein Fehler. Ich habe festgestellt das mir das Leben hier nicht mehr entspricht. Das meine Heimat nicht mehr mein zu Hause ist.
    Ich möchte Bildung, Kultur und gesellschaftliches Miteinander.
    Ohne in die nächste Großstadt fahren zu müssen.
    Ich habe festgestellt, dass das Kleinbürgertum nach der Pandemie zugenommen hat. In gewachsene Strukturen kommt man nicht mehr rein, wenn man diese mal verlies. Auch wenn es nur kurz war. Alles scheint oberflächlich und unverbindlich. Zum Ausgehen, als Frau alleine ist schon lange nichts mehr da. Ab 22 Uhr wird man in der Restaurantaußenanlage abkassiert, weil der Betrieb ein paar Anwohner stört.
    Ich fühle diese Zerissenheit.
    Ich spüre das es nicht mehr mein zu Hause ist.
    Ich schwanke zwischen gescheitert sein und es als Chance zu begreifen, hin und her.
    Ich will nicht umherziehen.
    Aber wer sagt mir das?
    Es ist mein Leben, dass lebe nur ich.
    Meine Traumstadt, mit sehr guter Lebensqualität für alle Altersklassen ist nahe Regensburg.
    Kurze Wege, dynamisch, liebenswert, bezahlbarer Wohnraum, gute ÖPNV usw..
    Für mich das wichtigste, der schöne Chiemsee ist nicht weit.

    Ich kann euch sehr gut nachfühlen wenn sich nach Jahren die Frage stellt, fühle ich mich hier zu Hause?

    Ich wünsche euch allen das Ihr zu eurer Entscheidung gefunden habt.

    Herzliche Grüße

    Antworten
  19. Motte

    Hallo zusammen,

    es tut so gut zu lesen das es vielen ähnlich geht.
    Wie der Verfasser vor mir schrieb, diese „Zerrissenheit“, trifft auch bei mir gut zu.

    Ich komme ursprünglich aus der Uckermark. Meine Mutter ist vor 20 Jahren mit mir nach süddeutschland gezogen, ich war noch ein Kind. Nach anfänglichen Schwierigkeiten habe ich mich dort gut eingelebt, später meinen Mann kennengelernt und ein Kind bekommen.
    Wenn wir zu Besuch in der alten Heimat waren, plagten mich ähnliche Gefühle wie schon beschrieben… die Vertrautheit, die Familie, Geschwister usw. Alles wunderbar, gegenüber dem was wir uns schon aufgebaut hatten im Süden Deutschlands.
    Letztes Jahr November 2021 entschlossen wir uns es zu wagen, wir ziehen also nach M-V.
    Ist corona schuld? Waren wir zu voreilig? Haben wir es uns nur schön ausgemalt? Das Meer vor der Tür..
    Ende vom Lied.. wir sitzen hier und wünschen uns in die Heimat süddeutschland zurück.. Brezeln, Berge, Schwaben Geschwätz..
    Darf das sein, nach etwas mehr als einem halben Jahr? Familie enttäuschen und zurück gehen?
    So viele Fragen.. was wenn es wieder nichts ist, sind wir einfach verloren/heimatlos?
    Ihr merkt schon.. es ist nicht leicht.

    Ich hoffe ihr findet alle eine Entscheidung die für euch passt!

    Im Grunde lebt man für sich, nicht für die anderen. Nur was ist immer gut für einen ?

    Antworten
  20. Christel

    Hallo,ich habe fast 40 Jahre in Berlin gelebt,bin jetzt 63 und in meine Geburtstadt zurückgezogen.Es ist eine Kleinstadt in Rheinland Pfalz umgeben von bewaldeten Hügeln.Ich wohne seit 8 Monaten hier und fühle mich immer unwohler,mich zieht es zurück nach Berlin,ich kann nicht ohne.Ich vermisse hier einiges was in Berlin selbstverständlich ist.Hier ist man ohne Auto verloren,ich vermisse sogar die BVG.Ich habe in Berlin so viel erlebt und erfahren,hier hätte ich es nicht mal ansatzweise erlebt.Kurzum ich fühle mich in Berlin wohler,möchte nächstes Jahr wieder nach B.Viele Grüße, Chris

    Antworten
  21. Lena

    Es ist so erleichternd zu sehen, dass es nicht nur mir so geht. Bei mir aber genau anders herum. Ich bin wahl- schlewsig- holsteinerin aber komme aus NRW. Die Umgebung hier, das Wasser, es ist einfach ein Traum. Aber auf der anderen Seite sehne ich mich so sehr nach alten schulfreunden und Familie. Ich weiß einfach nicht, wie ich mich entscheiden soll..

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