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Die Sache mit dem Achselhaar.

13.04.2011, 15.11 | von

kinke kooi butterfly Die Sache mit dem Achselhaar.
“Diese Deutschen, diese Atheisten, diese Europäer rasieren sich nicht unter den Armen. Ihr Schweiß sammelt sich unter ihren Haaren zu einem üblen Geruch, und sie stinken.”

Um ehrlich zu sein, habe ich noch nie recht verstehen wollen, weshalb erwachsene Frauen untenrum aussehen sollten wie vorpubertäre Teenie-Mädchen. Komplett nackig und glatt wie ein Babypopo. Bei Achselhaaren ist allerdings auch meine Schmerzgrenze erreicht.

Patti Smith trug sie schon immer, die dunkle Pracht unter den Armen, und auch Peaches und Nena galten lange als berühmte Anhänger des unrasierten Körpers. Niemand störte sich in der Blüte der buschigen 80er an frei zur Schau gestellten Achseln, unser ästhetisches Verständnis stand im Einklang mit der Natur – zumindest weitestgehend. Aus hygienischen Gründen dankten einige Kulturkreise den Stoppeln schon im Altertum ab, im Orient hat die Haarentfernung noch heute religiöse Gründe und auch die Reinlichkeitsvorschriften der Fitra im Islam verlangen das Auszupfen der Härchen.

Mit dem Versiegen des alten Jahrzehnts verschwanden auch bei uns immer mehr Haare aus dem Alltagsbild, die Frauenwelt entdeckte den Rasierapparat neu. Weg mit all den usseligen Fusseln, wer Dame sein will, muss glatt sein und zwar überall. Wie inzwischen irgendwie alles in dieser Gesellschaft. Bis heute gilt es also als Normverletzung, behaart zu sein – sofern es sich nicht um den oberen Teil des Kopfes handelt. Wer sich dem entgegensetzt, ist entweder exzessive Feministin oder verdammt mutig.

achselhaar1 800x327 Die Sache mit dem Achselhaar.Joan Wasser im “Fräulein”, Unbekannt

patti+smith Die Sache mit dem Achselhaar.

Im Grunde sollte doch jeder frei entscheiden können, ob er nun zur neuesten Venus-Klinge greift oder eben nicht – aber ist das heute überhaupt noch möglich, ohne angewiderte Blicke ob des selbstbewusst getragenen Haars zu ernten?

Nein, der gesellschaftlichen Sozialisierung sei Dank. Was sich im Intimbereich abspielt bleibt zumindest der Öffentlichkeit verwehrt, unter de Armen herrscht allerdings nur eine eingeschränkte Freiheit. Als ich die aktuelle Ausgabe des Fräulein Magazins durchblätterte, stieß ich auf einen Artikel über die Musikerin Joan Wasser. Mit erhobenen Armen steht sie dort und zum Vorschein kommt der ungewohnte Anblick gestutzten Achselhaars. Ich erschrak. Im ersten Moment war ich ein wenig fassungslos, im zweiten hatte ich mich aber schon fast an die neue Optik, die uns in letzter Zeit des Öfteren über den Weg läuft, gewöhnt. Stutzen statt rasieren – so schlimm sieht’s gar nicht aus. Und doch können sich wohl die wenigsten von uns vorstellen, selbst die Klinge Klinge sein zu lassen. Zu groß ist das Schamgefühl und die Angst vor Abweisung.

10 Die Sache mit dem Achselhaar.

via.

Was ist mit uns passiert, dass wir unseren Körper nicht mehr so akzeptieren, wie er geboren wird? Dass wir uns gegen unsere eigene körperliche Entwicklungen stellen, sie gar als abstoßend empfinden? Ist das nicht ein Armutszeugnis unserer selbst? Bloße Gewohnheit, ein von den Medien initiierter Hype?

Bild 121 Die Sache mit dem Achselhaar.von  Yvan Rodic via.

Fakt ist, dass die Zahl der Achselhaarträgerinnen in der letzten Zeit zumindest ein kleines bisschen gestiegen ist. Auch die Werbeindustrie und vor allem die Kunst zelebrieren die neue Freiheit – ist die Zeit also wieder reif für mehr Natürlichkeit? Sind wir wieder in der Lage selbst zu entscheiden, welche “Frisur” wir tragen? Und werden wir bald nicht mehr versteinerten Blickes dastehen, falls unsere beste Freundin sich für ein revival des 80er-Looks entscheidet? Toleranz ist gefragt. Leben und leben lassen. Unser Körper ist schließlich das Einzige, was nur uns ganz allein gehört.

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4 Kommentare
  1. Leni:

    ne ne ne also wirklicch ne! Find ich ganz schlimm, ich hätt am liebsten gar keine Haare am Körper, ausßer auf dem Kopf, Wimpern und Augenbraun!! Ich weiß auch nicht wieso aber so isses…

  2. nora:

    danke für diesen mutigen artikel.
    :-)
    bestärkt mich darin, weiterhin auch unter den armen meine “frisur” zu tragen, wie ICH es mag. nämlich lang. wie auf dem kopf.

  3. Danke für diesen gelungenen Beitrag. Ich bin auch mehr als verwundert, wie wir uns Heute doch selber geiseln und es alles immer schön der Mainstream lang geht.Selbst Männer machen vor dem Rasierer,Waxing kein Halt und Hehl mehr und enthaaren merto sexuell und tragen ne glatte Brust ala D. Beckham.T.Schweiger und co.
    Vorbei ist die Zeit, wo James Bond noch ein Sex Symbol mit behaarter Brust war.
    Ist schon wirklich komisch, wieviel wir uns doch Heute wie in Massenhypnose und es muss alles rasiert sein hingeben.Ich bin kein Humanist, noch feminist, jedoch finde ich die ganz natürliche Körperbehaarung vollkommen ok und nicht ekelig. Wie schrieb Emma über die enthaarte Scharm, die scharm ist vorbei und vollkommen recht hat sie damit. Da wir brav alles und jedes unnützliche gerne annehmen und sogar einen militanten Haarhass entwickelt haben.Ich wuchs in den 70ern mit Körperbehaarung auf und ich entferne sie mir nun erst recht nicht, da mir dieser Enthaarungswahn reichlich stinkt.Nur am Rande, ich bin kein Öko und stinke trotzdem nicht, obwohl ich mir die Achseln nicht rasiere. Schlimmer noch, es werden sogar die feinen Armhaare Heute rasiert und gewaxt und somit verschwindet wieder ein Stück Natürlichkeit und die Arme sehen aus, als wären sie aus Ton, oder Kunststoff. Ich mag den Anblick von Armhaaren, warum müssen die ala Hoolywood- Madonna, P.Cruz, S.M.Gellar nun nach Amerikanischen Richtlinien- Hip und Hype alles zu rasieren rasiert und gewaxt sein???.
    Das nennt man untereinander anfixen und schlimmer noch, sogar Heute fordernt alles wie eine kalte Kerze zu enthaaren. Selbst blonde Haare werden entfernt, da gesagt wird, sie seien zu dunkel.Hätten wir dieses Phänomen Körperrasur und Waxing nicht, so würden sich viele nicht derart geiseln, was kaum Heute noch einer merkt, oder wahr haben will. Wir sind ein Karrusel der Puppen und wir sind Wirklicher als die Wirklichkeit.ABER, bitte jede/R wie ER/SIE mag und “MUSS”VG.Consul.

  4. ali:

    Danke dafür! Ich hatte nie Achselhaare, jetzt bin ich mitte 20 und erfahre das erste mal, wie es überhaupt ist, welche zu haben. Und ich mag es.

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