Mehr Schein als Sein – deine Angst, du selbst zu sein.

– 10.08.2011 um 16.02 – Allgemein Leben

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Ich möchte dich schütteln. Dir sagen, dass du damit aufhören musst. Aufhören, dieses Spiel zu spielen, dir jeden Tag ein neues Kostüm zu nähen. Jemand zu sein, der du nicht bist. Hör auf. Sonst ist am Ende nichts mehr übrig.

Du sitzt in deinem Zimmer und weißt nicht mehr wohin. Was tun, was denken, was fühlen? Kleine Finger berühren die kahle Haut deines Beins, das eben noch im Leben stand. Nach Tod fühlt es sich an. Kalt und leer und irgendwie fremd. Die Tür ist zu, das Spiel ist aus. So lange hast du an deiner Maske gefeilt, sie sorgsam verziert und mit Mühe poliert. Der kleine Riss wird immer größer und langsam dämmert dir, dass du nichts mehr retten kannst. Nicht schon wieder. Kreidige Fetzen bröckeln von deiner Nasenspitze und hinterlassen ein pudriges Kratzen im Hals. Eine trockene Dürre im Magen und Nebel im Hirn. Verleugne dich, so gut es geht.

Du bist im Fieber. Das Streben nach Anerkennung, Bewunderung und Neid. Du willst größer sein als er und sie, klüger, besser und immer beschäftigt. Auf deinem Nachttisch stapeln sich Bücher von Baudelaire und all den alten Männern, dessen Namen auf dem Cover dir Respekt verschaffen. Schweißperlen rinnen an deinen Stirnfalten entlang. Weil niemand immer nur erstklassig sei kann. Du nicht und auch nicht die Literatur, die du wälzt. Der Sinn steht dir nach einem kühlen Regen aus leichten Wortfetzen und Bildern, die deine Gedanken Ruhen lassen und all die Sorgen wegspülen. Ein Magazin, ein einfaches Magazin. Du kannst nicht. Nimm eine Zeitung, die nach Intellekt schreit! Zeig keine Schwäche, sei immer perfekt. Gib es vor ihnen nicht zu, gestehe es dir selbst nicht ein. Sie könnten sonst denken, du seist gewöhnlich. Willst du das? Halt fest an deiner Maske, die dir die Luft zum Atmen nimmt. Aber vergiss nicht: Fieber kann tödlich sein.

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Du denkst an früher und dann an jetzt. Daran, wie es ist, leicht zu sein und frei. In deinen Händen hältst du ein Foto aus vergangenen Zeiten. Das Glas ist gesprungen und schneidet Wunden in deine Haut. Dummes tun, einfach so, und Dummes denken. Salzstangen in die Nase stecken und Luftschlösser bauen. All das hast du verlernt. Rede niemals kopflos, Nonsense ist dein Feind. Nur Dummköpfe plappern vom Leben und von Einfachheit, von Fehlern und Träumen. Kunst, das ist was. Das hat Substanz. Kunst ist das, was zählt. Kunst ist, was man von dir erwartet. Sei interessiert, sei wissend, sei alles, bloß nicht naiv. Schmücke dich mit Wissen, mit Oberflächligkeit und Sätzen, die nicht du erdacht hast, sondern sie. Die Menschen, die so sind, wie du gern wärst. Bau dir ein Gerüst aus all den Gemälden und stell es unter deine Füße, damit du größer erscheinst. Schau Filme, tiefgründige Filme oder schwarzweiße, Filme, die niemand kennt oder jeder, der viel weiß. Höre nicht auf dich und erst recht keine schlechte Musik, lass dich nicht berieseln von Schönheit ohne Sinn. Spürst du das kleine, schwache Gefühl, das leise Bröckeln der Fassade? Winzige Tropfen auf der Maske und die Farbe verblasst. Genau wie du selbst.

 

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Sonntag und du liegst am Boden. In deinen Händen weiße Asche. Manchmal fragst du dich, was von dir übrig ist und wer du wirklich bist, wer du wärst, wenn sie nicht wären. Wie sich Glück anfühlt, hast du vergessen, bloß Erfolg und ein bisschen Stolz. Gestern Ekel vor dem Pöbel, heute jede Menge Neid. Denn heute wäre die Zeit gewesen. Zeit für dich, Zeit zu tun, wonach dir ist. Aber du kannst nicht, bist gefangen in deinem Konstrukt aus heuchlerischen Prinzipien und einer wahllos vorgefertigten Meinung. Rennst von A nach B, um Punkte zu sammeln und nichts zu verpassen. Von oben herab behandelst du sie, die in der Normalität Gestrandeten. Weil du gerne wärst wie sie. Erinnerst du dich an dein selbst erbautes Gerüst, die Mauer aus geistreichen Ergüssen, die dich vor dem Mainstream schützt? Winzig kleine Würmer nagen an dem modrigen Holz, Tag für Tag. Ganz langsam verschlingen sie die Splitter des Scheins, bis am Ende alles zusammen bricht. Von dort oben fällt man tief. Du weißt genau, was du vermisst, aber sie wissen, was dir fehlt: Der Mut, du selbst zu sein.

 Fotos via und via.

 

10 Kommentare

    1. Nike Artikelautor

      lieber julian,
      erstmal freue ich mich, denn du scheinst meine vermeindliche therapiesitzung gelesen zu haben.
      falls du dich nun also angesprochen fühlst, komm doch gern dazu.

      ich nehme mir als autorin dieses blogs die freiheit,
      fiktive Geschichten erdachter Protagonisten zu erzählen. der leser darf damit machen, was er will, so also auch du.
      eins solltest du trotzdem wissen:
      würden all meine texte allerdings von mir selbst handeln oder von realen personen aus meinem leben,
      statt bloß von der welt, die ich erlebe inspiriert zu sein, säße ich inzwischen sicher nicht mehr hier am schreibtisch,
      sondern irgendwo in der reha. und: jeder von uns trägt ein bisschen was von diesem text in sich.
      deshalb hab ich ihn geschrieben – damit wir ein bisschen über uns nachdenken.

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  1. Kiki

    Ich musste ein bisschen grinsen, Nike. Aber mach dir nichts draus der Julian scheint nicht unterscheiden zu können zwischen Autoren und Tagebuchschreibern. Oder sich wieder gefunden zu haben im Text und das ist ja dann schon hart. Julian, glaubst du denn auch im Fernsehn alles was du siehst? Das ist ja lustig. Der Text ist meisterhaft, ich kenne eine Menge Leute die genau so sind und ich hoffe, dass sie es irgendwann selbst merken.

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