Die Sache mit dem Sozialstress – “Der Teufel lacht dich aus”

– 16.08.2011 um 17.11 – Leben

sozialstress Die Sache mit dem Sozialstress   Der Teufel lacht dich aus

Nach dem Pinkeln wäschst du dir die Hände, jedes Mal. Obwohl mindestens 7 Blätter Papier deine Finger von Urinspritzern trennten und der Klodeckel so oder so schon oben stand. Damit niemand denkt, du seist ein Schwein. Du tust es für sie und nicht für dich, du tust es, damit sie still sind.

Denn bei dir ist es niemals still. Immer wenn der Wecker klingelt, rast dein Herz im Takt. Dein Kopf fängt an zu rattern und dann rennt er davon. Will nicht mitkommen in den Tag, nur noch fliehen und vergessen. Bis er sich die Beine bricht und am Boden liegt vor lauter Last. Aus Vorfreude wird Verantwortung. Verabredungen zum Pflichtprogramm. Termine bekommen Gesichter und metzeln wie Abrissbirnen durch dein Gehirn. Telefonieren, verabreden, vertrösten. Der Alltag pumpt Botox in deinen Körper, hält ihn aufrecht, bis er völlig gelähmt in der letzten Ecke des Wahnsinns steht. Nicht mal Zeit zum Pipi machen bleibt. Liegen lernen, sagt man. Doch du kannst nicht mehr stehen. Mit T. treffen, A. anrufen, Oma zum Geburstag gratulieren und Kochen bei K. An der weißen Wand hängt eine Liste mit Dingen, die du erledigen musst, weil dein Gedächtnis längst leckt. Wirre Gedankenschleifen im Kopf, die sich andauernd verknoten und hundert neue Probleme formen. Probleme, die aus Erwartungen entstehen, Probleme, die da sind, weil du sie dir machst. Jeden Tag auf’s Neue.

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Wer jung ist, muss das Leben genießen, die fetten Jahre sind jetzt und du bist mittendrin. Freitag, Samstag, Discodisco. Deine Augen werden von dunklen Hautsäcken gen Boden gezogen, wie einer dieser traurigen Hunde siehst du aus. Außen fertig, innen leer und müde. Die Woche hat dir dein Leben aus den Adern gepumpt, aber du musst funktionieren. Ein Anruf, dann zwei, dann hundert und Verpflichtungen. Discodisco und du machst mit. Der Wecker klingelt schließlich erst morgen.

Und dann ist da dieser Brief, der wie ein Waisenkind auf dem Küschentisch liegt und ganz langsam eine Mauer vor deinen Denkapparat schiebt. Sand im Getriebe und nichts mehr geht. Wie ein klebriges Kaugummi hängt dieser Wisch an deinem Herzen und lässt es nicht mehr los. Heute, Morgen und Übermorgen. Dein Körper ist noch immer taub vom Discopogoalltagslärm und deshalb wird der Umschlag nicht verschwinden. Das Schlimmste ist, dass du es weißt. Er wird sich am stumpfen Holz festkrallen, bis das schlechte Gewissen am Boden liegt und dich anschreit, damit du endlich handelst. Aber selbst dann bleibst du einfach nur sitzen und starrst ihn weiter an. Als seist du machtlos, als sei es nicht deine Schuld, dass du nicht mehr richtig funktionierst.

 

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Neue Runde, neues Glück. Freunde von A, die B gar nicht kennt und C schleppt dich mit. Sie wollen reden und dich aussaugen, alles über dich wissen und von sich erzählen, minutenlang und stundenlang. Kaffe schlürfen und Bier kippen, das ist schließlich gesellig. Scheiß auf den bitteren Nachgeschmack, der dir Kotzbröcken in die Kehle treibt, und auf die Kopfschmerzen, die schon jetzt an deine Schläfe klopfen. Neue Namen, neue Nummern. Du spielst das Spiel mit, hältst dem Druck stand, obwohl du viel lieber fallen willst. Denn wer sich mit Robotern einlässt, fühlt am Ende nicht viel. Wer waren die und was wollten die? Du verstaust sie hinter dem Restmüll, der zusammengekehrt in deinem Gehirn verwest. Dazwischen der Briefumschlag und noch immer kein Häkchen auf deiner Liste. Überleben bedeutet Stress. Aber du hast dich daran gewöhnt.

Heute klingelt dein Wecker nicht. Zum dreiundzwanzigsten Mal verschlafen, weil einfach ausgedrückt oder ignoriert. Es wird nicht besser, sondern schlimmer. Ein Teufelskreis ohne Teufel, denn der Teufel hat heute frei. Er sieht dir von dort oben dabei zu, wie du dein Leben verpasst, aus Genuss Verpflichtung machst und lacht sich ganz leise ins Fäustchen. Weil du ihn nicht brauchst zum Unglücklichsein, denn das schaffst du ganz allein.

(Anmerkung: Die Autorin neigt zu Überteibungen und schreibt nicht autobiographisch.)

5 Kommentare

  1. laura.nanakitten@googlemail.com'Laura

    Nike, deine Texte versüßen mir jedes Mal aufs Neue den grauen Alltagstrott auf zartbittere Weise… Du triffst es einfach auf den Punkt!

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