Slow Sunday //
Emotional Decluttering Step 1

23.04.2017 um 14.05 – box2 Leben Slow Sunday

This is Jane Wayne - Slow Sunday - Emotional Decluttering

Vergangenes Jahr habe ich einen Beginners-Guide zum Thema Decluttering geschrieben – dem Loslassen und Ausmisten von materiellen Dingen, die wir nicht wirklich brauchen und trotzdem mit uns rumschleppen. Decluttering war für mich zu der Zeit (und ist es immer noch) ein wichtiges Ritual.

Es hilft mir beim Halten meines Gleichgewichts und fördert die Konzentration aufs Wesentliche. Ich habe mich inzwischen so sehr von einer überfüllten Wohnung und von reinen Dekoartikeln entwöhnt, dass ich seit über einem Jahr – außer zwei Lichterketten – nichts Neues für meine Wohnung gekauft und dabei eine Menge Geld gespart habe. Auch hatte ich nach regelmäßigen Declutteringphasen das Gefühl, mich irgendwie leichter und problemfreier zu fühlen. Dieses neu gewonnene Gleichgewicht hat, so glaube ich inzwischen, aber auch den Weg freigemacht für weiteren Entlastungs-Bedarf. Einmal sensibilisiert habe ich gemerkt, dass ich mich inzwischen genug von materiellen Dingen entledigt habe und damit jetzt als nächstes ähnliche Aufräumaktionen für meine Psyche, meinen Kopf und meine Gefühlswelt auf die Liste schreiben kann. 

Ich wünsche mir – das ist jetzt nichts Neues – für mich und auch gleich einfach mal stellvertretend für alle, mehr innere Zen-Mentalität, die Fähigkeit, drei Gänge runterzuschalten, ein bisschen mehr Slow Motion und mit viel Kräutertee.

Können meine Emotionen einfach mal keine Purzelbäume schlagen? Kann ich bitte mal für ein paar Stunden die gedankliche Achterbahnfahrt mit Dauerbeschallung von rechts und links stoppen? Regelmäßig, wenn ich abends im Bett liege, klingeln mir manchmal so dermaßen die Ohren, dass ich schwer in den Schlaf finde. Eigentlich total logisch, dass sich so natürlich auch keine innere Ruhe einstellt – da kann ich noch so viele Kleiderschränke ausmisten. Versteht mich nicht falsch, das Decluttering meines Hab und Guts hat mich enorm weitergebracht. Mein Konsumverhalten ist noch nachhaltiger geworden, ich habe nicht (mehr) dieses irrationale Gefühl, dass mich neue Dinge zu kaufen glücklicher machen kann, mein Alltag ist aufgeräumter und ich habe mehr Zeit als vorher. Aber habe ich zum Teil trotzdem versucht, ein inneres Problem in meinem Kopf mit äußerlichen Pflastern zu kitten, ohne das Ganze an der Wurzel zu packen? Ich kann es mir gut vorstellen, denn das wäre nicht das erste Mal, dass mir das passiert. Ein Badezimmer oder eine Wohnzimmerkommode zu entrümpeln ist etwas Praktisches, man kann das Vorher und Nachher nicht nur spüren, sondern eben auch sehen. Es ist viel leichter, sich mit etwas zu beschäftigen, das tatsächlich „da“ ist. Geht es aber um Emotionen und Gedanken wird es gleich so abstrakt, dass es mich ganz viel Energie kostet, überhaupt konzentriert zu bleiben und den roten Faden nicht zu verlieren.

Wenn ich alle meine parallel laufenden Gedankengänge wie Gummischnüre betrachte und einzeln nebeneinander lege, dann würde ich eine beachtliche Fläche aus Schnüren vor mir aufreihen. Es ist manchmal nicht auszuhalten, was da alles so völlig unkontrolliert durch meinen Kopf schwirrt und eigentlich ein Wunder, dass ich noch nicht kirre geworden bin. Wie gerne würde ich mir ab und zu einen dieser Schnüre schnappen und sie einfach aufessen, verschenken oder luftdicht einfrieren. Der Wunsch klingt irrational, hat aber einen realen, sehr praktischen Hintergrund: Wenn mich ein Gedanke nicht weiterbringt und/oder unglücklich macht, dann ist er überflüssig und man kann ihn dann einfach entfernen – decluttern eben. Wie man es mit einem Pullover macht, der Platz im Schrank einnimmt, aber wegen mangelhafter Auslastung oder weil er emotional negativ aufgeladen ist oder auch einfach nur ein Fehlkauf war, inzwischen nur noch Ballast statt einer Bereicherung darstellt.

Genau damit möchte ich mich in den nächsten Wochen beschäftigen, mit emotionalem Decluttering. Wenn ich daran denke, mich nach und nach von negativen Gedanken und Emotionen zu befreien, werde ich innerlich gleich viel ruhiger. Ich möchte mein Inneres nicht völlig unterdrücken und komplett kontrollieren, aber ich möchte es beschützen und stärken gegen all das, was so ungefragt von außen angeflogen kommt und meine Gefühlswelt so leicht durchschüttelt und erschüttert. Das können destruktive Freundschaften sein, immer dieselben blöden Kommentare von fremden Menschen oder schlichtweg (oft undurchdachte) Meinungsäußerungen, nach denen ich nicht gefragt habe und die mich zu einer Reaktion zwingen, die ich gar nicht leisten möchte. Das können ungelöste Konflikte aus der Vergangenheit sein, unterdrückte Träume, Wünsche und Sehnsüchte. Oder auch der Drang, zu viel Verantwortung zu übernehmen oder gar keine Verantwortung zu übernehmen, oder Unzufriedenheit mit sich selbst. Oder Perfektionsdrang. Oder der völlige Kontrollverlust über das eigene Leben. Jedes einzelne dieser Beispiele ist stark genug, ein massives emotionales Ungleichgewicht herzustellen und auch wenn wir es oft nicht bemerken – immer mal wieder fliegt es uns mit ordentlicher Wucht um die Ohren. Immer dann, wenn wir es grade am wenigsten gebrauchen können.

Also dann: Um einen besseren Überblick über meinen ganz eigenen Status Quo zu bekommen, habe ich im ersten Schritt alles aufgeschrieben, worüber ich zur Zeit so nachdenke, was mich beschäftigt und nicht loslässt oder in regelmäßigen Abständen wieder einholt. Die Liste ist unglaublich lang und ich habe fast zwei Stunden dafür gebraucht, denn es ist immer mehr aus meinem Kopf aufs Blatt gepurzelt. Erste Erkenntnis: Wir haben es verdient, weniger hart mit uns selbst ins Gericht zu gehen, wenn man manchmal wenig schafft, abgelenkt, müde oder völlig fertig ist – denn wie der Kopf so viele einzelne Gedankenstränge händeln und beisammenhalten kann, das grenzt für mich an ein Wunder.

Weil ich gerne katalogisiere und ordne und ich immer das Gefühl habe, dass mir das zu neuen Erkenntnissen verhilft, habe ich meine Gedanken in einem zweiten Schritt den Bereichen „Vergangenheit“, „Zukunft“ und „Gegenwart“ zugeteilt und so sehr schnell erkennen können, dass die Hälfte aller Emotionen und Gefühle, die mich so beschäftigen, im Gestern und Morgen angesiedelt sind. Und jetzt sitze ich da mit meiner langen Liste und muss das Ganze erst mal auf mich wirken lassen, bis ich herausfinden kann, wie ich mit dem Großprojekt Emotional Decluttering weitermache. Das Wirwarr in meinem Köpfchen fühlt sich schon jetzt etwas greifbarer an und ich glaube schon zu wissen, dass ich in den nächsten Wochen wohl noch sehr viel aufschreiben werde.

Credits: geistundgegenwart.com, thebestbrainpossible.com, miriskum.de, tumblr (stremplerart, scapatorium)

2 Kommentare

  1. alina

    Hallo Julia,

    einen guten Ansatz, den du da für dich gefunden hast und danke, dass du das so offen teilst. Klar, natürlicherweise gehen wir die Dinge von Außen an, weil es greifbar ist, wie du schon sagst. Dass das, was uns leidern lässt, aber letztlich innere Strukturen und Muster sind, legt den Schluss nahe, es auch über einen „inneren Weg“ anzugehen. Psychotherapien können hier helfen, wobei auch diese ihre Grenzen haben, weil eben vieles bei dieser Arbeit (je nach Therapieansatz) dennoch über den Verstand und innerhalb der eigenen mentalen Muster und Strukturen verläuft. Das Reflektieren dieser kommt einem Durchbrechen dann eben doch nicht gleich. Ansätze, die im besten Fall auf der Grundlage bereits geleisteter oder auch begleitend zu psychotherapeutischer Arbeit, einen Schritt weiter gehen können, sind meiner Erfahrung nach Yoga, Meditation in allen Formen (auch z.B. in Verbindung mit rituell eingesetzten Substanzen wie z.B. Cacao, welcher nicht psychoaktiv ist!) und etliches mehr. In der Yogasutra von Patanjali, einer der ältesten Yogaschriften, heisst es: Yoga ist das zur Ruhe bringen der Bewegungen des Geistes“. Die zu diesem Zweck angewandten Werkzeuge sind neben den Asanas auch oder gerade Atemtechniken. Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass mir Yoga und jede Form der Herzensarbeit wirklich geholfen haben, weniger von meinen Emotionen irregeleitet zu Handeln, meinen Geist zu beruhigen, zu entwirren und so insgesamt liebesfähiger – mir selbst und anderen gegenüber – zu werden.

    Ich wünsche dir auf deinem Weg alles gute und finde es toll, dass du auf diesem Blog deine Erfahrungen teilst.

    Alina

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  2. Anna

    Emotionales Decluttering find ich so unglaublich schwierig, aber gleichzeitig unheimlich wichtig. Ich muss mich da auch mal dran machen. Räumliches Decluttering habe ich aber inzwischen lieben gelernt. Das lässt einen irgendwie atmen. 🙂
    Danke für den Beitrag.

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