Slow Sunday // Eine Woche ungeschminkt und das ist passiert

27.05.2017 um 14.23 – Beauty Leben

This is Jane Wayne - Slow Sunday - UngeschminktUngeschminkt aus dem Haus zu gehen war für mich nie ein Thema. Man könnte auch sagen, es war ein absolutes No-Go. Nicht mal zum Sport wäre ich ohne Make-Up gegangen und auch mein Freund hat mich am Anfang unserer Beziehung nie ungeschminkt gesehen. Die Angst vor Ablehnung oder davor, eine Angriffsfläche zu bieten, hatte mich so sehr im Griff, dass ich mich nie wirklich für das Auftragen von Schminke entschieden habe. Ich habe einfach gar nicht anders gekonnt. Tatsächlich habe ich das aber erst vor kurzem so richtig verstanden, obwohl sich das Thema schon immer in Bewegung und unter Beobachtung befunden hatte. Dieser Moment, als ich gemerkt habe, dass ich fremden Menschen (und auch einigen Freunden) nie mein natürliches Gesicht gezeigt habe, war für mich erschütternd und schmerzhaft. Nachdem ich mich nun einige Zeit mit diesem Gefühl rumgeschlagen habe und trotzdem keinen richtigen Zugang zu mir und meinem „nackten“ Gesicht fand, war ich so richtig schön unterwegs in Richtung Verzweiflung. All diese Artikel darüber, wie viel Freiheit einem ein ungeschminktes Gesicht geben kann und wie selbstverständlich alle anscheinend das Selbstbewusstsein zu diesem Schritt aufbringen konnten… mir wollte das alles einfach nicht in den Kopf und ich habe mich lang ganz anders gefühlt. Bis ich eines morgens vergangene Woche aufstand und mich ohne Make-Up so schön fand, dass ich beschlossen habe, erst mal eine Weile so zu bleiben.

In diesem Atemzug ist es mir erst mal ganz wichtig zu sagen, dass man das auch nicht muss. Ich mag diese Artikel und etwas übersimplifizierten Meinungsäußerungen nicht, die Frauen unter einem (oft vermeintlich) feministischen Deckmantel aufzwingen, auf jeden Fall ungeschminkt sein zu müssen und sich dabei gefälligst fantastisch zu fühlen. Man muss nicht ungeschminkt sein, um sich zu mögen, zu respektieren und um stark zu sein. Jeder soll das machen wie er möchte, die einen brauchen diese ungeschminkt Phase eben und sie mag auch im ein oder andere Fall für immer anhalten, andere tragen jeden Tag Wimpertusche und Rouge und sind trotzdem selbstbewusst. Es ist also wichtig zu verstehen, dass das hier meine persönliche Herangehensweise an das Thema ist, die weder Vorbild noch Abschreckung sein soll, sondern vor allem: ehrlich.

Mein Freund hat mich das erste halbe Jahr unserer Beziehung nicht ungeschminkt gesehen. Das meine ich jetzt vollkommen ernst. Wenn ich mich abends abgeschminkt habe, habe ich mich danach wieder geschminkt – natürlich sehr wenig, sollte ja nicht auffallen, aber trotzdem musste wieder was drauf. Irgendwo in mir drin dachte ich auch tatsächlich, dass er mich wahrscheinlich verlassen würde, wenn er mich ohne Mascara und Co. sieht. Ich habe das ganz fest geglaubt, denn ich war überzeugt, das sei das Einzige, was ich habe. Er hat mir dieses Gefühl allerdings nie gegeben, dieses „Gewissheit“ war schon fest in meinem Kopf verankert, bevor ich ihn getroffen habe. Als ich meine abendliche Make-Up-Einlage irgendwann dann auch vor mir selbst nicht mehr rechtfertigen konnte, ließ ich es irgendwann bleiben und brauchte trotzdem noch fast anderthalb Jahre mich damit auch wohl zu fühlen. Und das bei einem Menschen, der mich schon in allen emotionalen Zuständen, vollkommen nackt und zu jeder Tages- und Nachtzeit gesehen hatte. Nun gehen wir in unser siebtes gemeinsames Jahr, diese Zeiten liegen also wirklich schon ein bisschen zurück. Und doch hängt mir dieser Gedanke nach und seine Bedeutsamkeit wächst zusammen mit dem zeitlichen Abstand, den ich zu ihm bekomme.

Außerhalb meiner Beziehung habe ich dieses Level dann auch nie erreicht. Ich habe mich nie ungeschminkt gezeigt. Oftmals nicht mal vor meinen Freunden. Selbstbewusstsein hat dabei in meinem Fall eine riesige Rolle gespielt. Vielleicht ist das ein Überbleibsel aus der Modelwelt, in der man entweder einem Ideal entspricht oder nicht wertgeschätzt wird, in der deine komplette Existenz von deinem Aussehen abhängt. So richtig weiß ich es nicht, es werden mehrere Faktoren zusammen gekommen sein. Diese schon fast greifbare Angst vor Ablehnung und davor, Angriffsfläche zu bieten, hatte mich tatsächlich voll im Griff – es gab Zeiten, da bin ich nicht mal ohne Make-Up an die Tür gegangen, wenn es geklingelt hat. Ohne eine Schicht auf meinem Gesicht, die alle Unebenheiten, Flecken oder Anzeichen von Müdigkeit oder Stress verschwinden ließ, fühlte ich mich nackt, verletzlich und absolut nicht schön. Ich hatte das Gefühl, dass mich die Leute auf der Straße angucken, weil ich so auffallend schlecht aussah.

Natürlich ist das nicht normal und ein Symptom für eine tiefsitzende Unsicherheit, die mich sehr lang begleitet hat und die mich auch heute zum Glück nur noch super selten besucht. Ich war mir einfach nicht sicher, warum Leute mich mögen und mit mir Zeit verbringen wollen sollten. Ich hielt diese Ablehnung, die ich in den meisten Fällen auch einfach nur vermutet oder vorausgesetzt habe, für vollkommen willkürlich und konnte sie nur an Äußerlichkeiten festmachen – denn ich habe nach Gründen gesucht, die ich kontrollieren und anpassen konnte. Heute ist das ganz anders, doch manchmal verändert man sich so langsam, dass einem die Veränderung überhaupt nicht auffällt. Als ich mich dann vor ein paar Monaten mit einer guten Freundin über das Thema unterhielt, wurde mir erst einmal bewusst, wie groß die Abhängigkeit von meinem Äußeren für mich immer gewesen ist. Mich hat das erschreckt und gleichzeitig tat der Gedanke auch weh, weil er mir gezeigt hat, wie wenig ich mich selbst wertgeschätzt und geliebt habe. Als hätte ich mich jahrelang im Stich gelassen und mit viel Härte dafür verurteilt, nicht in die Vorstellungen anderer zu passen. Zwar hatte ich zu der Zeit des Gesprächs schon riesige Fortschritte gemacht, aber auf die Sicherheit, die mir eine Schicht Make-Up vormacht, konnte ich trotzdem nicht so einfach verzichten.

Heute vor genau einer Woche bin ich dann morgens aufgewacht und habe mich im Spiegel zum ersten Mal auf eine ganz neue Art und Weise gesehen – als vollständige Person, im Gleichgewicht und frei von selbstkritischen Gedanken. Natürlich war das kein Hokuspokus-Moment, sondern ein Prozess, der (teils unterbewusst) schon Monate vorher angestoßen worden war, aber vielleicht genau in diesem Moment abgeschlossen war. Für den Rest des Tages ungeschminkt zu bleiben fühlte sich nicht mehr wie eine Aufgabe an, sondern wie Freiheit. Und das Gefühl blieb auch am nächsten Tag und am übernächsten. Eine Woche später fühle ich mich kein Stück anders als letzten Sonntag und bin mir sicher: Ab jetzt werde ich vermutlich viel öfter auf Make-Up verzichten. Weil es weniger Arbeit ist. Weil man Sommersprossen nicht abdecken muss. Weil ich mich so freier fühle und das ist ein viel schöneres Gefühl, als es mir meine Mascara je geben kann. Und was mir dann gleich noch viel mehr Freiheit gibt: Ich werde trotzdem nicht für immer auf Kajal und Co. verzichten – allerdings ist es diesmal eine bewusste Entscheidung.

Credits: Pinterest (Century 21 Award, Benefit Cosmetics, Weddbook, cargocollective)

36 Kommentare

  1. Lara

    Hallo Julia,

    ich kann es so nachempfinden. Ich gehe NIE ungeschminkt aus dem Haus! Ich fühle mich dabei so unwohl und von allen Leuten angestarrt. Make-Up ist wie ein Schutzschild, hinter dem ich meine innere Unsicherheit verstecken kann. Ich hoffe ich erlebe auch noch diesen Moment, in dem ich mich ungeschminkt mag und die Schminke weglassen werde.

    Liebe Grüße

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    1. Julia Jane Artikelautor

      Gib dir einfach viel Zeit, mit Druck hat bei mir gar nichts funktioniert und nach wie vor ist das ganze auch noch sehr neu für mich – mal sehen wie sich das noch entwickelt <3

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  2. Iris

    Ich hab vor kurzem eine Allergie gegen meinen Lieblings-Wahnsinns-Superstar-Mascara entwickelt. (!?!). Die anderen Mascaras machen nur so dünne Fliegenbeine-Wimpern. Also hab ich ihn weggelassen. Sonst benutze ich nur Augenbrauenstift und Lippenstift. Ohne Mascara war schon ein Schritt. Lustigerweise haben mir viele Kollegen gesagt, ich sähe frisch aus! Ich hab mich sehr wohlgefühlt und wenn ich Lust auf Farbe hatte, schnell etwas Lippenstift aufgetragen.

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  3. Laea

    Ich finde diesen Artikel mal einen guten Ansatz! In letzter Zeit nervten die bodyshaming artkel, der Film embrace und Nike’s gar lächerlicher Post zu #freeyourrolls. Bizarr war das ihren abgemagerten Körper, in gebeugter Stellung mit diesem hashtag zu sehen.
    Tatsächlich fällt mir das mit dem schminken auch auf. Ich habe sehr viele Freunde die nicht ohne Mascara aus dem Haus gehen! Die meinen, ihr Teint müsste ebenmäßig sein (eure co-Operation mit diesem „Nude“-Zeug:grenzwärtig! Akzeptiert doch mal neben euren Rollen auch eure Gesichtsfarbe…).

    Ich werde es dir aber mal gleich tun und kein make-up tragen. Wahrscheinlich wird es keinen interessieren. Menschen werden nicht mit offenen Mund an mir vorbeilaufen, da es schlichtweg meinem Umfeld egal sein wird. Das muss man wohl erst man kapieren.

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    1. Sabina

      Danke. Mir geht dieses Bodyshaming-Gelabere auch furchtbar auf die Nerven. Noch dazu im Blogger-Umfeld. Werden die Artikel darüber irgendwie gesponsert oder warum schießen die wie Pilze aus dem Boden?
      Ungeschminkte Grüße. Und noch nicht mal gewaschen und gekämmt. War sogar schon frühstücken. Sind zwar im Urlaub, aber wie gesagt: das interessiert echt niemanden. Und wie die Leute am Nachbartisch aussahen, kann ich auch nicht sagen.

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    2. Maxi

      Poah! Wie gemein du bist… Wenn dieser Kommentar nicht in aller Deutlichkeit zeigt, wieso wir Filme wie Embrace und BodyPOSITIVITY brauchen, die Frauen vielleicht klarmachen können, dass sie sich endlich in aller Unterschiedlichkeit akzeptieren und nicht fertig machen sollen, dann weiss ich es auch nicht.

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    3. Julia Jane Artikelautor

      Herzlichen Glückwunsch, du hast gerade ein Paradebeispiel für Bodyshaming gebracht. Ich wünsche dir viel, viel mehr Frieden in deinem Leben, damit du nicht mehr das Gefühl hast, so negative und völlig destruktiv kommentieren zu müssen.

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  4. Jessy

    Sabina und Lara, wenn ihr so mit euch in deinem seit, dass ihr die Bodypositivity-Kampagnen nicht braucht, ist das doch fein. Sehr vielen geht es aber anders. Ich finde die Bewegung richtig und wichtig. Und Nikes Körper als abgemagert zu bezeichnen, zeigt, dass das Grundprinzip wohl nicht verstanden wurde. Schade! Ich begrüße, dass Blogger das Thema aufgreifen, denn sie haben Einfluss auf Mädchen und Frauen. Ob die Kampagnen dann gesponsert sind oder nicht, ist mir egal. Ganz ehrlich – mir ist jeder Bopo-Artikel lieber als irgendwelche Shopping-Listen.

    Liebe Julia, mein erster Gedanke war, wow, war die Julia nicht Mal Model? Wenn sie sich schon nicht hübsch genug ohne Make-up findet, was soll ich da sagen:-) Dein Artikel ist ein wichtiger Reminder, dass wir was Unsicherheiten angeht, wohl alle im selben Boot sitzen. Außer meine Vorschreiberinnen vielleicht 😉

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  5. Carla

    Liebe Julia,
    ich habe mich in deinem Artikel sofort erkannt. Früher wäre ich niemals ohne Make-Up und Mascara aus dem Haus gegangen, eben aus der Angst vor einem „nicht-perfekten“ Teint und die darauf folgenden Reaktionen und sicher auch aus Unsicherheit heraus. Ich habe einen sehr hellen Hautton, im Sommer Sommersprossen und war immer sicher, dass jede Unreinheit sofort auffallen würde und meine Gesprächspartner sich von mir abkehren würden. Seit einem halben Jahr (nach einem Urlaub) verzichte ich völlig auf Mascara, färbe meine Wimpern, nehme nur noch die Wimpernzange und ein wenig Puder. Ich fühle mich tatsächlich freier und habe auch in meinem ganz persönlichen Prozess gelernt, dass ich eben so aussehe und dass es mir gefällt so natürlich zu leben.
    Was nicht heißt, dass ich mich nicht mal freue den ein oder anderen Farben Lippenstift aufzutragen, wenn meine Laune danach verlangt 🙂
    Danke Dir fürs Teilen deines Weges! Xx

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    1. Julia Jane Artikelautor

      Wie toll, Carla, dass du jetzt viel freier sein kannst <3 So schwierig und so wichtig. Ich wünsche dir auch weiterhin ganz viel Kraft dafür!

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  6. Lisa

    Hi Julia,

    sehr interessanter Artikel. Ich habe das Schminken schon seit circa einem Jahr aufgegeben, da ich immer das Fahrrad zu meiner neuen Arbeit nehme und es ist ziemlich widerlich ist, wenn das Make-up verläuft. Ich habe allerdings tatsächlich bemerkt, dass die Menschen in meinem Umfeld ganz anders auf mich reagieren. Da ich dazu noch eine Brille habe, passiert es mir häufiger, dass mich Leute (selbst frühere Kommilitonen) nicht auf der Straße erkennen. Das war am Anfang ganz schön bitter, vor allem da ich mich (und meine Freunde übrigens auch nicht) als hässliches Entlein bezeichnen würde. Da bleibt nur die Frage: was läuft bei solchen Leuten eigentlich falsch? Ich bin selbst in der Modebranche tätig und finde ehrlich gesagt, dass z.B. gerade dieser Augenbrauen- bzw. Contouring-Trend viele junge hübsche Mädels eher zukleistert und ihnen die eigentlich ersehnte Individualität raubt. Ich arbeite z.B. auch mit professionellen Fotografen zusammen und muss zugeben, dass ich im Gegensatz zu den gewöhnlichen Editorials die Fotos am interessantesten finde, auf denen man die wahre Person erkennen kann. Samt Sommersprossen, Falten & Co. Aber ja, das ist definitiv ein Prozess, an dem man noch lange arbeiten muss – allerdings nicht nur am eigenen Selbstbewusstsein, sondern auch an der gesellschaftlichen Wahrnehmung. Von daher sind die oben genannten Kampagnen wohl durchaus sinnvoll, auch wenn sie manchen Personen trivial erscheinen. Um das Ganze zum Schluss nochmal mit einem „cheesy“ Kommentar zu garnieren: man muss auch nicht jedem Menschen automatisch gefallen 😉

    Happy Monday everyone x

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    1. Julia Jane Artikelautor

      Hi Lisa,

      da hast du mit deinem letzten Satz ja sowas von Recht – egal wie oft er immer benutzt wird, in die Praxis umgesetzt wird er dann doch meisten nicht.
      Glaubst du denn, dass dich andere ungeschminkt und mit Brille nicht mehr erkannt haben, weil sie dich nicht mehr schön fanden? Oder habe ich das jetzt falsch verstanden? Das wäre natürlich fatal, aber vielleicht haben sie dich auch einfach nicht erkannt, weil du anders ausgesehen hast?
      Zum Glück geht ja langsam, wenn auch schleppend, voran mit den natürlichen Bildern ohne Photoshop-OP. Ich bin jedenfalls ein riesiger Fan davon.

      Liebste Grüße,

      Julia

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  7. Sara

    Was für ein ehrlicher Artikel – in dem ich mich selbst durchaus wiederfinden konnte.
    Es ist so bescheuert, dass man ernsthaft Probleme hatte sich am Anfang einer Beziehung ungeschminkt vor dem eigenen Freund zu zeigen! Und da erging es mir genauso wie Dir, liebe Julia.
    Ich schminke mich gerne, mal mehr mal weniger. Es macht mir Spaß und ich fühle mich gut damit, da bin ich ehrlich. Trotzdem würde ich mich nicht als die ultimative Make-up Queen bezeichnen. Von Contouring verstehe ich nichts, meine Augenbrauen lasse ich Augenbrauen sein. Aber ich decke gerne ab, benutze eine Foundation, tusche meine Wimpern und etwas Rouge darf es auch sein. Also wenn ich das so zusammenfasse: doch ganz schön viel..

    Nachdenklich wurde ich, als mir letztens mein Freund sagte, dass ich mich doch auch einfach direkt abschminken könne sobald ich nachmittags nach Hause komme. Das wäre doch viel besser für meine Haut, die könne dann mal richtig atmen. Fand ich irgendwie echt süß von ihm. Und recht hat er auch.

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    1. Julia Jane Artikelautor

      Recht hat dein Freund auf alle Fälle und danke dir für deine ehrlichen Worte – es ist schön zu wissen, dass es anderen auch so geht <3

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  8. Michi

    Ich kann diese Unsicherheiten total nachvollziehen. Auch ich stelle mir oft die Frage „was finden meine Freunde nur an mir?“ Und auch Ablehnungen beziehe ich gerne auf Äußerlichkeiten “ du solltest halt endlich mehr Sport machen.“ Etc.
    Komischerweise habe ich aber das schminken vor drei Jahren im Alltag aufgegeben. Warum auch immer, ich war/bin mit meinem ungeschminkten Gesicht völlig im reinen. Und mich nerven die Kommentare bzgl. Augenringe, Müdigkeit etc. Dann sieht man mir meinen Zustand halt an, sorry!

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  9. Jana

    Ungeschminkt in die Öffentlichkeit zu gehen ist ein Luxus. Ich gestehe natürlich jedem seine Selbstzweifel zu, aber wenn ich lese, dass die Probleme des Ungeschminktseins sich bei vielen höchstens in Sommersprossen oder zu hellen Wimpern zeigen, kann ich nur müde lächeln. Versucht’s mal mit Pickelmalen, 5 verschiedenen Hautfarben von leichenblass zu knallrot in einem einzigen Gesicht, Couperose um die Nase und dunklen Augenringen… Nein, natürlich wünsche ich das keinem, aber für mich ist das z.B. die Realität und ich kann nur neidvoll und ungläubig hören/lesen, wie andere anscheinend so befreit ohne Make-Up durch die Gegend spazieren. So auszusehen, dass man ungeschminkt rausgehen kann und keine sozialen Repressalien oder gar Beleidigungen zu fürchten braucht, ist ein großes Privileg.

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    1. Elvira

      Ich hab am schlimmsten Punkt meiner Akne / Rosazea mal mit Schminken aufgehört und ich sag nicht dass das schön war. Kein Privileg. Mehr ein hilfloses aufgeben, dagegen anzuschminken, weil es auch gar nicht mehr geht. Schön war das nicht und ich hab mich sehr gehasst.

      Jetzt wo es besser ist, bin ich mit ziemlich wenig Schminken glücklich zu machen, fühl mich aber mit etwas Puder zum Ausgleichen meiner Hautfarbe immer noch etwas sicherer.

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      1. Julia Jane Artikelautor

        Liebe Jana,

        du hast vollkommen Recht. Und es ist so traurig, dass du Recht hast. Im Winter würde es mir nochmal deutlich schwerer fallen ohne Make-Up das Haus zu verlassen, deshalb ist der Sommer für mich wohl ein seichter Einstieg in dieses Thema. Ich habe mir auch Mühe gegeben zu betonen, dass es sich hier nur um MEINE Geschichte handelt und ich wollte auf keinen Fall anderen das Gefühl vermitteln, dass es für alle gleich schwer oder leicht ist. Ich habe zwar keine perfekte Haut und auch mit leichter Akne zu kämpfen, aber ohne Zweifel gehöre ich zu den mit guter Haut gesegneten Menschen – daher habe ich es bei diesem Thema definitiv leichter. Und das ist nicht fair!
        Ich danke dir für diesen Denkanstoß, den ich ganz wichtig finde. Und auch dir, liebe Elvira.

        Viele liebe Grüße,

        Julia

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  10. Susi

    So ein schöner Artikel. Ich bin mir sicher, dass deine Freunde vorallem an dir schätzen, wie unglaublich (selbst-) reflektiert du bist. Und emphatisch. Und rücksichtsvoll. Du gehst sehr sorgsam an das Thema heran und betrachtest es von verschiedenen Seiten. Ich habe das Schmink-Problem nicht und laufe schon seit dem ich 20 bin „nackt“ im Gesicht rum. Allerdings habe ich manchmal genau den gleichen Knoten im Kopf, wenn es ums Gewicht geht. Für mich ist es super wichtig dünn zu sein, weil ich das Gefühl habe nicht viel anderes zu „liefern“. Der Rest von mir ist so durchschnittlich, aber wenigstens sagen mir Menschen oft, was ich für eine tolle Figur habe. Ich weiß, dass das so bescheuert ist und dass es gerade meinen Freunden total schnuppe ist, was ich auf die Waage bringe… aber wie du schon sagst: das ganze ist ein Prozess und es dauert, bis man mit sich ok ist. Und deshalb auch noch einmal: Die Artikel über Bodyshaming und Pody Positivitiy sind wichtig. Und auch dünne Menschen und schöne Menschen haben diese Probleme. Die sind nämlich einfach in der Birne.

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    1. Julia Jane Artikelautor

      Wow. So viel <3 für deinen ehrlichen Kommentar und deine lieben Worte. Ich kann alles was du sagst genau nachvollziehen und sicher ist das Thema Gewicht sogar ein nochmal größeres als Make-Up. Ich wünsche dir ganz viel Kraft und Stärke für deinen Weg und hoffe sehr, dass dich die gesellschaftlichen Bodyissues nie schaffen komplett aus der Bahn zu werfen <3

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  11. Jasmine

    Ich finde es auch sehr gut, dass immer mehr dazu aufgerufen wird endlich zu sich selbst zu stehen. Und die No Make-up Bewegung finde ich super. Ich gehörte auch zu denen, die niemals ungeschminkt das Haus verlassen würden. Seit ich allerdings ein Baby habe, hat sich das geändert. Zum einen aus Zeitgründen, zum anderen, dass meine Haut im Moment auch so aussieht als bräuchte sie kein bzw. kaum Make-up. Und das freut mich sehr und ich genieße es ohne die Make-up Schicht rauszugehen. Aber ich muss dazu sagen, so gerne ich mich gelegentlich auch nach wie vor schminke, ich habe mir immer sehr gewünscht ohne Make-up rausgehen zu können, gerade wenn es draußen heiß ist, aber das ging aufgrund meiner Problemhaut überhaupt gar nicht. Meine Haut sah die letzten Jahre aufgrund von Spätakne furchtbar aus, dazu noch Augenringe und Blässe. Wer hat da schon das Selbstbewusstsein völlig ungeschminkt rauszugehen? Die wenigsten würde ich sagen. Wenn ich Frauen mit einer tollen Haut gesehen habe, die kein Make-up drauf hatten, habe ich sie darum beneidet und war gleichzeitig traurig, dass ich das nicht machen kann. So, nun sieht meine Haut akzeptabel aus, noch lange nicht perfekt, aber für mich schon ein Meilenstein, sodass ich endlich dieses Stückchen Freiheit unbeschwert genießen kann.

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    1. Suzie

      Ich finde die No-Make-Up Bewegung ganz fürchterlich!!! Da zeigen sich wunderschöne Menschen ohne Make Up (und mit ein bisschen Filtern- und Bildbearbeitung)- nach dem Motto: „schaut her, ich bin so schön, selbst ohne Wimperntusche“! Und jedes, in der Pupertät steckende, unsichere Mädchen denkt, „oh mein Gott, die sind selbst ohne Make Up so schön, wie ich noch nicht einmal mit Make Up sein werde.“ Noch mehr Unsicherheit und Selbstzweifel. Und „Body positiv“ vermittelt doch auch nur, so lange Du ein schönes Gesicht hast, darfst Du „Röllchen“ haben… Dann zeigen wir noch ein, zwei Curvy Models & freuen uns alle, wie feministisch wir doch sind. Und letzten Endes geht’s wieder nur ums Aussehen.

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      1. Theresa

        @Suzie, ich gebe dir völlig Recht. Die zumeist ungeschminkten Menschen, die uns gezeigt werden, sind ohnehin schon hübsch oder haben das gewisse Etwas äußerlich. Es kann nur noch mehr verunsichern, indem man denkt „Oh Gott, ungeschminkt sehen sie immernoch super aus und ich… Pickel, Augenringe, Rötungen…“ Ich habe mich selbst noch nie besonders viel geschminkt und musste mich kürzlich und dennoch dafür rechtfertigen, weshalb ich mich so zukleistern würde, obwohl der Trend doch zur Natürlichkeit geht. Genau, der „Trend zur Natürlichkeit.“ Druck. Am Ende sollte Jeder machen können, was er möchte. Und wenn ich mich tasächlich einmal dolle schminken wollen würde, bedeutet das nicht, dass ich mich verstecken und nicht zu mir selbst stehen möchte, wie neuerdings oft vermeintlich psychologisch suggeriert wird. Alles stets zu einer Bewegung zu machen, hoch und runter zu jubeln…

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        1. Jessy

          Was ist denn eigentlich schön? Ich frage mich das ganz wirklich. Ich habe tatsächlich am Wochenende den Film „Embrace“ gesehen und mich auch dabei ertappt, dass ich bei den meisten vorgestellten Damen dachte – Na, die haben ja auch ein hübsches Gesicht, die können ein paar Röllchen verkraften. Weiße, ebene Zähne, strahlende Augen, gute Haut.

          Aber – wenn ich meinen Körper lieben soll, wie er ist (was ich sehr nachvollziehbar finde) gilt das nicht auch für mein Gesicht (für das ich meistens keine guten Worte übrig habe, ob mit oder ohne Schminke). Meine Haut ist gut, aber die Zähne nicht weiß und gerade. Die Lippen sind schmal, das Gesicht rund. ABER: Es ist das Gesicht meines Vaters, der nicht mehr da ist. Ich sollte stolz darauf sein. Wie mir das so recht gelingen soll, weiß ich noch nicht bzw. arbeite daran. Denn wer bestimmt eigentlich die Regeln?

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      2. Julia Jane Artikelautor

        Liebe Suzie,

        ist es aber nicht besser so eine noch etwas einseitigere Bewegung zu haben als gar keine? Für mein Bild oben im Artikelbild habe ich keinen Filter benutzt – trotzdem weiß ich natürlich was du meinst. Ich finde dich nur sehr destruktiv..hast du denn Lust mit uns zu teilen, welchen Ansatz du gut oder besser finden würdest? Was würdest du dir für eine Bewegung wünschen?

        Viele Grüße,

        Julia

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        1. Suzie

          Hi Julia,

          es ist ein schwieriges Feld, dass weiß ich. Aber „früher“ konnte man wenigstens versuchen, mit dem richtigen Make Up kleine Makel auszugleichen, um dem gesellschaftlichen Schönheitsideal ein wenig entgegen zu kommen. Wie dies auszusehen hat, springt uns ja aus diversen Werbeprospekten entgegen.
          Nun gibt es den Druck, auch noch ohne jegliches Hilfsmittel „schön“ zu sein. Also früh aus dem Bett, klares Wasser ins Gesicht & einmal gekämmt. Und fertig sind wir! Und natürlich alle schön – was natürlich niemals klappen wird.
          Als völlig gewagten Ansatz: warum posten alle schönen Models/Instagrammer/Promis anstelle ihrer natürlichen Schönheit und ihrer perfekten Körper: wissenschaftliche Projekte, Ausbildungen, interessante Menschen? Irgendwo habe ich mal gelesen: wie weit würden wir Frauen kommen, wenn wir alle Energie, die wir auf Schönheit & einen tollen Körper & Klamotten verwenden, in Ausbildung & Lernen & Wissenschaft stecken würden?

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  12. sallydiekatz

    Danke für so viel „ehrliches Ich-sein“. Deine Worte tun gut. Auch mein Make-up bleibt an Wochenenden öfter als früher „Zuhause“. Zur Arbeit ist es nach wie vor ein absolutes Muss, und seien es nur wenige Pinselstriche. Anfang 20 habe ich den Grundstein für die hübsch verpackten Helferlein gelegt: Exzessives Augenbrauenzupfen und chronische Akne. Ersteres resultierte in nunmehr fast zählbaren Haaren, weit entfernt von voluminös. An Zweiteres erinnern mich tagtäglich atrophe Narben, nicht zu tief, nicht unzählig, aber subjektiv dramatisch genug sind, um ihren Bedarf an Concealer & Co. nicht wegreden zu können (oder zu wollen).

    Aber solange es genügend Raum gibt, solchen Dingen bewusst Aufmerksamkeit zu schenken, ist dies vermutlich ein nicht unbedeutendes Zeichen dafür, dass genau genommen eigentlich doch gerade alles ziemlich gut ist.

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  13. Svenja

    Für mich hat sich irgendwann einfach die Frage gestellt was man da eigentlich tut? Im besten Fall benutzt man Naturkosmetik aber meistens ist es einfach künstliches Zeug was man sich tagtäglich auf seine Haut schmiert. Da ich im Sommerurlaub grundsätzlich nicht geschminkt bin weil ich 50 Prozent der Zeit im Wasser verbringe, habe ich einfach danach aufgehört Make up zu benutzen. Ich dachte zunächst es wird solange anhalten bis die Bräune dann wieder verschwunden ist. Aber man gewöhnt sich daran so auszusehen, wie man nun mal aussieht. Und obwohl ich auch vorher höchstens 10 Minuten gebraucht habe, geht es ohne Make-up nun nochmal schneller. Negative Kommentare hab ich kaum bekommen. Ab und zu trage ich noch Make-up. Da ist es interessanterweise so, dass ich mich manchmal scheue aufzufallen weil ich geschminkt bin : )

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  14. simone

    Liebe Julia,
    ich habe dich bislang als sehr wunderbares, ehrliches und reflektiertes Wesen empfunden, deine Texte (manchmal für Aussenstehende radikal, aber immer wunderbar konsequent) waren und sind ein Highlight in der Bloggerlandschaft und irgendwie passen sie nicht auf diesen Blog und doch oder eben gerade darum ist es schön, dich zu lesen! Ich hoffe, dass du trotz dieses radikalen Schrittes keine „Berliner Göre“ wirst, die sich in der High Society der VIPs verirrt, die wirkt, als lebe sie im absoluten Kontrast zu ihrem Inneren und das VIP Leben dann doch mit spitzen Bemerkungen rechtfertigt. Ja, die Menschen sind heutzutage schnell kritisch unterwegs und noch mal: Bleib bitte auf dem Weg, den du versucht hast, bislang mit uns zu gehen. Es gibt da draußen Leute, die tatsächlich sachlich-fachlich einiges besser wissen mögen, aber wir Menschen sind emotionale Wesen und wer mit Argumenten kommt „Die hat ja keine Ahnung“, weil du Lebewesen verteidigt, bei dem mag auch ein Doktortitel vor dem Namen stehen, mit Empathie ist es da aber nicht weit her und mit solchen Leuten möchte zumindest ich, aber auch meine Freunde nichts zu tun haben.
    In diesem Sinne: Alle Gute!

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