Bundestagswahl 2017// Die Hochs und Tiefs auf einen Blick

25.09.2017 Feminismus, Politik

Die großen Parteien verlieren, die kleinen gewinnen und am Ende sind trotzdem irgendwie alle Verlierer, außer der AfD. Rückblick auf den gestrigen Wahlabend.

Die Bundestagswahl 2017 ist vorbei und wäre da nicht das katastrophale Ergebnis – der Einzug der AfD in den Bundestag – man könnte glatt erleichtert sein: Der Wahlkampf zog sich gefühlt zäh wie Kaugummi dahin, das Ergebnis schien sowieso schon vorher festzustehen. Jetzt ist die Gewissheit da, jetzt kann es weitergehen. Irgendwie. Doch zunächst: Ein Blick auf die Hochs (ja, es gab sie) und Tiefs des gestrigen Wahlabends.

Tief

Die Wahlergebnisse. Richtig freuen konnten sich eigentlich nur FDP und AfD, die den (Wieder-) Einzug in den Bundestag schaffen – CDU/CSU und SPD verlieren deutlich, Grüne und Linke verbessern sich nur minimal.

Hoch

Die FDP ist zurück im Bundestag und die Macht der lindner’schen Selfies damit eindeutig bewiesen.

 

Tief

Die AfD sitzt künftig im Bundestag. Eine Partei, die Nazi-Verbrechen verharmlost, auf islam- und ausländerfeindliche Rhetorik setzt und türkischstämmige Politikerinnen gerne in Anatolien „entsorgen“ möchte.

Tief

Angela Merkels demonstrative Zufriedenheit: „Wir sind stärkste Kraft, haben den Auftrag, eine Regierung zu bilden und gegen uns kann keine Regierung gebildet werden“. Das Glas ist eben immer halb voll. Immer!

Hoch

Unerwartet früh und entschlossen verkündet die SPD, für eine Fortsetzung der Großen Koalition nicht mehr zur Verfügung zu stehen. Opposition, Baby! Egal, ob man (wie die FDP) findet, Schulz und Co würden sich damit „aus der Verantwortung stehlen“ oder kämpferisch die Faust schwenkt, fest steht: Bleibt die SPD bei ihrem Wort, dann wird die AfD nicht Oppositionsführerin. Und das kann nur gut sein.

Tief

Alexander Gauland. Der AfD-Politiker (wie immer passend gekleidet in braun-kariert) verkündete, man werde Angela Merkel und die zukünftige Regierung jagen: „Wir holen uns unser Land und unser Volk zurück“. Wo genau sich dieses Land und Volk momentan befinden, ist unbekannt. Vielleicht mal unterm Bett nachsehen?

Tief

Jörg Meuthen. Der AfD-Chef versprach, man werde innerhalb der Partei „Ausländerfeindlichkeit ebenso wenig dulden wie rassistische Positionen.“ Da es diese in der AfD aber sowieso „schlicht“ nicht gäbe, sei das ja kein Problem. Ja dann.

Tief

Die AfD-Musikauswahl: Alcazars Ohrwurm Crying at the Discoteque wird nun auf immer verbunden sein mit den Gesichtern feist grinsender Menschen wie Beatrix von Storch, Alice Weidel und Alexander Gauland. Das ist wirklich zum Weinen.

Hoch

Die Musikauswahl der Linken: Schrei nach Liebe fühlte sich selten passender an als an diesem Abend. „Hass ist deine Attitüde, ständig kocht dein Blut“. Wie traurig, wie wahr.

Hoch

Die steigende Wahlbeteiligung. Das Endergebnis steht noch nicht fest, aber zwischen 75 und 76,5 Prozent der Wahlberechtigten haben 2017 ihre Stimme abgegeben – bei der letzten Bundestagswahl 2013 waren es 71,5 Prozent.

Tief

Die Zahl der Nichtwähler*innen liegt bei 25 Prozent. Damit wären sie zweitstärkste Kraft im Bundestag.

Hoch

Für die Wahlberichterstattung in ARD und ZDF waren am frühen Abend Frauen zuständig: Caren Miosga und Tina Hassel moderierten in der ARD (unterstützt von Jörg Schönenborn, dem Prognosen-Mann). Im ZDF übernahm den Job Bettina Schausten (ihr Prognosen-Mann hieß Matthias Fornoff).

Tief

Außer den Moderatorinnen verirrten sich während der Wahl-Sondersendungen keine Frauen in die TV-Wahlstudios: In der ARD waren Miosga und Hassel umringt von Volker Kauder (CDU), Jörg Meuthen (AfD), Wolfgang Kubicki (FDP), Anton Hofreiter (Grüne), Dietmar Bartsch (Linke) und Thomas Oppermann (SPD). It’s a man’s world!

Tief

Die sogenannte „Elefantenrunde“ mit den Chef*innen der Bundestagsparteien. Da wurde die Schuld am Wahldebakel zwischen CDU und SPD hin- und hergeschoben, während AfD-Mann Meuthen zufrieden in sich hineingrinste – zumindest so lange, bis er sich mit einer besorgniserregenden Beobachtung („Ich sehen in deutschen Innenstädten nur noch vereinzelt Deutsche“) zu Wort meldete.

Hoch

Merkels Hinweis auf ihre Autorität: „Wenn ich als Bundeskanzlerin vielleicht auch noch was sagen dürfte…“.

Hoch

Der Wahlkampf ist vorbei! Ja, wirklich! Jetzt können wir uns alle auf das konzentrieren, was wichtig ist, nämlich Widerstand gegen die AfD, gegen Rassismus und Geschichtsvergessenheit – und für Grundrechte und Demokratie. In einigen deutschen Städten haben die Proteste schon angefangen. Die nächsten vier Jahre werden eine Herausforderung, nicht nur für die Politik, sondern auch für die Bürger*innen. Nehmen wir sie an.

8 Kommentare

  1. Rike

    Heute morgen wurde ich wieder daran erinnert, warum mir dieser Ort so gut gefällt. Hier wird Politik nicht ausgeklammert oder lediglich auf ein einzelnes „Geht wählen!“ IG-Posting degradiert. Danke dafür.

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  2. Gerhild

    Hallo!
    Sehr gelungener Rückblick, teile deine Meinungen und deine Analyse. Weiter so! (also, mit deinen Artikeln) 🙂

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  3. Anna

    Ich würde zu Folgendem wirklich gerne einmal Meinungen hören. Ja, 13% AfD ist furchtbar viel und die Perspektive im Parlament für die nächsten 4 Jahre furchtbar scheiße. Aber, 60% haben die AfD aus Protest gewählt. Das ist auch nicht toll, aber doch immerhin besser als hätten sich 100% aus Überzeugung für die AfD entschieden. Diese 60% sind doch auch eine Chance, denn sie sagen: ich habe an sich Lust auf Politik, ich fühle mich von den anderen Parteien übergangen, aber ich will auch nicht nicht wählen gehen. Was diese genau wollen, muss natürlich klargestellt werden. Aber erstmal wollen diese 60% Veränderung und nicht unbedingt in Form der AfD. Könnten diese 60% bei der nächsten Wahl abgeschöpft werden und sich mit anderen Parteien identifizieren, würde die AfD ganz schnell kleinste Oppositionspartei, wenn nicht sogar unter die 5% Hürde fallen. Ist das nicht wenigstens ein neutraler Punkt?

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      1. Carolin

        Wieso denn auch nicht? Ich habe auch nicht FDP, sondern linksliberal gewählt, aber die FDP ist eindeutig eine „vernünftige“ demokratische Partei – besser als wenn die Stimmen an die AfD oder die ewige Union gegangen wären. Außerdem Hut ab: Von raus ausm Bundestag auf über 10 Prozent. Man kann sie persönlich finden, wie man will, aber kompetent sind Lindner und auch der alte Haudegen Kubicki. @Julia: Toller Artikel, super Zusammenfassung.

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