Kolumne // Das Kind weiß, was es will.

12.04.2016 Allgemein, Kolumne

Lio hat von Oma einen Bademantel geschenkt bekommen, das ist jetzt fünf Wochen und dreiunddreißig Waschgänge her. Es handelt sich dabei selbstredend um keinen herkömmlicher Bademantel, denn wenn es so wäre, dann hätten wir am Morgen, und zwar an jedem einzelnen, vielleicht eine Zu-Spät-Komm-Sorge weniger. Nein, es ist ein ganz besonderer, ein blauer mit weißen Sternen drauf und magischen Kräften drin. Einer, den man einmal übergestülpt aus unerfindlichen Gründen nicht mehr ausziehen kann, komme was wolle, er muss immer mit, ganz gleich ob Monsieur gerade nackend aus der Wanne steigt oder längst Daunenjacken-behangen zum Abmarsch auf den Spielplatz steckt. Mit mütterlichem Protest kommt man da selbst in Erklärbär-Sprache nicht weiter (Lio schaut bloß angewidert aus der Wäsche, wenn ich ihn mit fiepsiger Stimme zu bezirzen versuche, ist ja schließlich kein Baby mehr) – das Kind hat jetzt einen eigenen Willen und ist sturer als jeder Bock auf dem Berg.

Processed with VSCO with a9 presetIn solchen Fällen gibt es nur zwei Möglichkeiten: Entweder man passt sich der Norm an und versucht es mit Strenge, oder aber man pfeift drauf, nicht nur des Löwenjungenherzens zuliebe, sondern auch aus taktischen Gründen, die vornehmlich der Schonung der eigenen Nerven dienen. Ich bin ja sowieso Pro-Teilzeitegoimsus. Nach einer ganzen Woche des pädagogisch wertvollen Rumprobierens („ihr 18 Monate altes Kind braucht jetzt klare Grenzen, bla“) entschied ich mich schließlich für die totale Kapitulation. Und so kommt es, dass Lio und sein Zaubermantel derzeit ausschließlich im Doppelpack die Welt, Würstchenregale und sogar den Wedding erkunden und dabei unfreiwillig an Udo Jürgens wilde Klavierzeiten oder im schlimmsten Fall sogar Hugh Hefners Playboy Mansion erinnern. Der Legende nach sollen ja aber auch berühmte Schriftsteller wie Bukowski ihr halbes Leben im Frottee-Outfit verbracht haben, warum also nicht auch Lio. Sehe ich ganz genau so, übrigens sehr zum Leidwesen einiger elitärer Herrschaften, die sich in ihrer Freizeit gern in Delikatessen-Abteilungen tummeln, mit 3-Jährigem Ralph Lauren-Polokragen an der Hand. Es hagelte sogar schon „Die arme Frau hat weder ihr Leben, noch ihren Sohn im Griff“-Blicke, aber Lio und ich, wir bleiben dann ganz gelassen, spielen Verstecken hinter den Crutons und lachen halb über uns, halb über Hobby-Miesepeter, denen Freuden wie diese, nämlich im besternten Bademantel durch den Supermarkt zu flanieren, auf Ewig verwehrt bleiben werden.

Am letzten Sonntag haben wir zwei es womöglich ein wenig auf die Spitze getrieben, Menschen kamen dabei aber nicht zu Schaden, bloß Laugenbrezeln. Weil ich nach einer durchgezahnten Nacht an nichts anderes als Schafskäsebötchen vom Lieblingsbäcker denken konnte und außerdem vergessen hatte, leicht kaubares Graubrot zu besorgen, schaffte Lio es vor der ersten Früh-Hunger-Attacke jedenfalls nicht mehr aus besagtem Bademantel heraus, während ich selbst mich nicht vom altpinken Jogginganzug trennen konnte; womöglich aus solidarischen Gedanken meines Kindes gegenüber, zwei Deppen sind schließlich immer besser als einer alleine. Zehn Minuten und einen Brötchenkauf später entschieden wir dann gemeinsam, dass der Heimweg auf leeren Magen unüberwindbar werden würden, weshalb wir kurzer Hand beim Bäcker Platz nahmen und eine ganze Stunde lang energisch schlemmten. Ab und an biss ich in Lios Brezel, die meiste Zeit über biss Lio in mein Schafskäsebötchen. Dann wieder ein kurzer Blick vom Nachbartisch, erst skeptisch und dann hoch erfreut. „Det is ja fast ne Rarität, det n Kind och mal wat Fettiges naschen darf, und dann och noch im Bademantel, Kleener, jenieß et, bis die Gesellschaft dirn Strick draus dreht!“. Lio, hab ich dann gesagt, echt mal. Genieß es. Bevor wir nämlich Vorlieb mit dem Ernst des Lebens nehmen, bringe ich dir heute erstmal bei, wie man anständig Regeln bricht.

 

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19 Kommentare

  1. JIL EDG

    ohhh 😉 wie schön! lio hat eine ziemlich tolle mum, die ihn individuell und seinen Wünschen gerecht aufwachsen lässt. thumbs up :).

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  2. Ponte

    Der ist aber auch toll, der Bademantel. Die Oma freut sich bestimmt ungemein, dass ihr Geschenk so toll ankommt.
    Hast du ein Glück, dass Dein Sohnemann jetzt erst seinen Willen entdeckt. Meine Tochter war schon von Geburt an so… Ganz extrem. In der Kita staunen sie auch immer über ihre Durchsetzungskraft. Zitat“ Normalerweise muss man die Stück für Stück aufbauen, bei ihrer Tochter ist eher das Gegenteil der Fall“ .

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  3. Greta

    Liebe Nike,
    deine Kollumne hat mir gerade ein ganz riesiges Grinsen aufs Gesicht gezaubert und ich will mal genau so eine Mama werden wie du.
    Zusätzlich empfehle ich dir, dir sobald es geht auch einen Sternen-Bademantel zu besorgen, das wäre dann nämlich wirklich next Level Partner Look und unverschämt cool.
    Deine Coolness-Expertin Greta

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  4. Sandra

    Liebe Nike, normalerweise bin ich kein Kommentar- Schreiberling 🙂 Aber diese Bademantel – Story ist einfach entzückend und rührend! Ich habe keine Kinder – aber genauso würde ich es auch machen…. Der Ernst des Lebens kommt noch früh genug ! Danke für die so schön geschriebene Geschichte – die mir nach einem langen und anstrengendem Tag noch ein Lächeln auf die Lippen zaubern konnte! in diesem Sinne : hoffentlich eine ruhige Nacht!

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  5. Kati

    WEITER SO! Viel zu oft wird man mittlerweile bei jeder individuellen Handlung an die Besorgnis der Mehrheit erinnert, gegen deren vermeintliche Geschlossenheit man damit zu protestieren scheint… Stärk‘ Dein Kind in seiner Individualität, auch im Bademantel!!! ATTACKE

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  6. Maxi

    Ich LIEBE den Sternen Bademantel. ich kann verstehen, warum Lio ihn nicht mehr ausziehen mag. Breites Grinsen hier. Nike, gib’s zu: Hast du die sanft-und-sorgfältig-Top5-der-Bademantelträger gehört, letzte Woche?

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  7. Julia

    Finde die Geschichte toll! Kinder sind doch einfach wunderbar; Was die für genaue Vorstellungen haben, was sie anziehen wollen. Und dann im Tutu im Matsch spielen (mein ehemaliges Nannykind). Oder ausschließlich rosa tragen zuwollen (ich mit 2-8, mein armer Bruder, damals mit weniger Ansprüchen an seine Kleidung, musste das alles auftragen). Und jetzt die Mädchen im Elsa und Anna Wahn. Klar gefällt einen das persönlich nicht immer. Aber hey, ich glaube auch machen lassen ist doch viel besser. Und nervenschonender. Und produziert eher kreative Regelbrecher

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  8. Goldwaendlerin

    So ein schöner Text. Und ich musste grad sehr lachen. Mein 20Monatiger will nämlich unbedingt, dass ICH die ganze Zeit meinen Bademantel trage… Ich würde ja gerne eine Story zu den Blicken beim Bäcker in dieser Version lesen, aber testen will ich das grad nicht 😉

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  9. Kerli

    Hihi, ich muss eher dafür sorgen, dass meine Jungs nicht die Klamotten finden, die sie von meiner Schwiegermutter geschenkt bekommen haben…ich sage nur hochgestellte- Ralph- Lauren- Kragen- Attacke auf allen Ebenen! Barbour- Jacke für Dreijährige mit Hemd darunter!? What??? Dann kann ich mein Kind ja gleich fürs BWL- Studium anmelden! Ich bin ja auch für freie Entfaltung meiner Kinder, aber die Schwiegermutter- Geschenk- Entgleisungen (sorry, aber das soll nicht Opi anziehen, sondern der Kleine) verstecke ich ganz unten im Schrank und hoffe, dass keiner sie findet! Da bin ich ungemein streng…beim Bademantel wäre ich lockerer….der darf mit raus, genauso wie der Schlafanzug und die Jogginghose und und und:-)

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  10. Val

    Hallo Nike,
    was für ein toller Bademantel. Ich mußte gerade noch einmal an Deinen Artikel denken, als ich auf Whatkatewore.com gesehen habe, das Prince George auch einen Bademantel trug als er „die Tage“ Präsident Obama traf. Er hat wohl Deinen Text gelesen, aber sein Bademantel ist nur halb so chic. Den hat die Oma sehr gut ausgesucht. Ich mußte sehr lachen. Schau es Dir mal an. Habt ein schönes Wochenende. Viele Grüße P.S. Deine Snaps sind sehr lustig 🙂

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