Sternenkinder // Mama sein, ohne Mama-Sein.

19.07.2016 Allgemein, Andere

Manche Babies bleiben nur für einen kurzen Augenblick bei uns und trotzdem sind sie das größte Geschenk, das man je bekommen hat. Sulane (26) ist eine verwaiste Mama und findet, man müsse viel mehr über das Thema Sterben sprechen, weil es nunmal zum Leben dazu gehört. Weil es wichtig ist, Gefühle zu formulieren und vor allem, weil es hilft, nicht allein damit zu sein. Wir danken ihr von Herzen für ihren Gastbeitrag:

Sternenkinder werden die Babys genannt, die vor der Geburt, während oder nach der Geburt sterben. Meine Tochter Aja ist ein Sternenkind. Und ich bin ihre Mama. Eine verwaiste Mama. In den letzten Monaten bin ich durch Täler gegangen, bin über Hürden gestiegen und erklimme Schritt für Schritt Hügelchen für Hügelchen, die für mich momentan die Welt bedeuten. Eine Mama sein, ohne Mama-Sein, wie geht das?

Wenn ich an Aja denke, muss ich grinsen. Dann entspannt sich mein Gesicht, meine Gesichtszüge werden weich und Bilder fliegen durch meinen Kopf. Ich sehe mich von Außen, wie meine Hand auf dem runden Bauch ruht, ich sitze und beobachte, wie ihre kleinen Tritte mein T-Shirt aufwölben. Ich erinnere mich, wie sie getreten hat, wenn das kalte Duschwasser auf meine Zehen und Schienbeine gelaufen ist. Ich hab es geliebt, wenn sie und ihr Papa miteinander gespielt haben. Er am Bauch geruckelt hat und sie einige Sekunden später zurück getreten hat. Minutenlang. Und er hat so gelacht. Hat sie umarmt, wenn er hinter mir angekuschelt lag. Und der Moment, als er sie das erste Mal in meinem Bauch gespürt hat. Sie in seiner Handfläche angeschmiegt lag und er sie in den Schlaf gestreichelt hat. So liebevoll und stolz.

Dass ihre Nieren anders waren, wussten wir schon ab dem 4. Monat. Und wir wussten, dass sie so sein darf, wie sie war. Dass sie so lange in meinem Bauch wachsen darf, wie sie möchte, sie aber auch gehen darf, wenn sie will. Aja entschied sich, ganze 8 Monate in meinem Bauch zu wachsen, mit uns zu leben, in mir zu leben. Aber ihr Körperchen war so krank, dass sie außerhalb meines Bauches nicht leben konnte. Die Entscheidung zu treffen, sie 8 h nach der Geburt wieder gehen zu lassen, war der klarste Moment in meinem Leben. Kein Zögern, kein Zweifeln. Nur Liebe war da.

Ich erinnere mich aber auch an die Zeit danach. Wie ich auf Toilette saß, meinen weichen leeren Bauch in den Händen hielt und das erste Mal schluchzend um mein Baby weinte. Weil es nicht mehr da war. Einfach weg. Mein Bauch leer war. Ich leer war. Ich in ein Loch gefallen bin, wo nichts mehr war außer Traurigkeit und Schmerz, darüber, dass du nicht da bist Aja, bei uns. Ich vermiss dich so in meinem Bauch! Ich bin so traurig, dass ich dich nicht im Arm halten kann. Nicht schaukeln kann und du auf meinem Bauch einschlafen kannst. Dass ich deine Äuglein nicht gesehen habe, du nicht reagieren konntest mit deinen Händchen. Dein Herz hat so ruhig geschlagen auf meinem und hat so tapfer weitergeklopft auch ohne Maschinen. Da hat das Näschen schon ganz lange das letzte Mal tief ausgeatmet. Ich hab deine Schläfe geküsst und dein Köpfchen gehalten. Dein Papa hat seine Hand auf deinen Rücken gelegt. Ganz warm war er. Mit dem selben spitzen Popo wie dein Papa. Du hast die gleichen Lippen, die gleiche Stirn und die Augenbrauen wie er. Ich wünschte, ich hätte dir später sagen können, dass du sie dir nicht zupfen brauchst. Dass du schön bist, so wie du bist. Dass du als Baby die weichste Haut auf der Welt hattest und so viele dunkle Haare…

Diese Erinnerungen halte ich ganz doll fest, aus Angst nur eine Winzigkeit von ihr zu vergessen. Schaue mir die Fotos immer und immer wieder an, versuche mir jedes Detail einzuprägen. Wie soll eine Mutter, deren Körper sich 8 Monate auf das eigene Baby vorbereitet hat, von jetzt auf gleich verstehen, dass es kein Baby mehr gibt? Das Gehirn, das in einem lähmenden Schockzustand feststeckt und nur langsam beginnt zu verstehen. Das Herz, das von Liebe überströmt, gar nicht weiß wohin mit dem plötzlichen Gefühl der Leere. Wie ein dumpfes Pochen beginnt sich eine kalte Starre über einen zu legen. Umarmt einen ganz fest und nimmt einem die Luft. Sie schnürt einem die Kehle zu, verknotet den Bauch und verwischt den Verstand. Man strauchelt, lässt sich sinken und fällt in eine bodenlose Tiefe. Bis man wieder auftaucht, so als würde der Kopf die Wasseroberfläche durchstoßen und sich die Lungen nach ewigen Sekunden das erste Mal wieder mit Sauerstoff füllen. Man atmet wieder. Man steht auf und beginnt ganz zaghaft, die Trauer wie einen Rucksack bei sich zu tragen. Ganz liebevoll, auf dem Rücken, auf der Schulter, so wie es gerade geht. Mal macht sie sich ganz leicht und manchmal wieder ganz schwer, so dass man eine Pause machen muss, Puste holt und dann erst weitergeht. Und noch ein Stück weiter. Und dann merkt man, dass man immer längere Stücken ohne Pause schafft, man sich immer öfter leicht ums Herz fühlt, warm und ruhig. Und man begreift, dass man eine Mama ist. So oder so.

Sternenkinder

Text & Illustrationen: Sulane-Domira Mustafa.

23 Kommentare

    1. Sulane

      So viele von uns teilen eine ähnliche Geschichte. Und jedes Baby, egal, wie klein, hat das Recht von der Gesellschaft wahrgenommen zu werden. Und jede Mama, egal, wie kurz, ist eine Mama. <3

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  1. Mimi

    Ich danke dir Sulane, das du uns allen so tiefsinnig, ehrlichen und liebevolle Geschichte erzählt hast. Es war viel Mut dabei es uns allen zu erzählen, aber jede Mama und jedes Baby hat das Recht gehört zu werden! Ein Thema wovon wenige sprechen, aber es leider vielen passiert 🙁 Alle Mamas, Papas, Oma/Opa, Freunde und Verwandte gehen mit trauer anders um, aber eines tut jedem gut, zu reden, zu akzeptieren, zu weinen, zu trauern, gläser schmeißen, sich fallen lassen. Aber auch auf zu stehen, weiter leben, egal wie, hauptsache optimistisch weiter gehen. Alles ist schwierig, gerade bei deinem Schicksal. Du hast aber nicht aufgegeben. Ich bin so stolz auf dich. Du bist so stark. Eine Power Mama. Deshalb sollte man immer wieder einem bewusst sein, glücklich zu sein das man Gesund ist und alle macht der Welt, wenn man ein gesundes Baby in den händen hält. Das alles ist nicht selbstverständlich!
    Jedes einzelne Wort in deinem Text hat soviel tiefe, es ist ehrlich, es ist die Liebe einer Mama. Aja unser kleiner Engel.

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  2. C

    Was ein gigantischer Text! Soo schön, sooo traurig…ich kann soo nachfühlen. Und bin unendlich dankbar, dass es bei uns anders kam. Wünsche allen Sternenmamas da draußen viel Kraft und Zeit um ihren Rucksack irgendwann leichter auf der Schulter tragen zu können…

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  3. Sabrina

    Dein Text hat mich sehr berührt, die Art wie Du über Eure Beziehung und Deine Trauer schreibst ist beeindruckend, danke dafür. <3

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  4. Jen

    Ich weine gerade mit dir um Aja…
    Jemand sagte mal, schlimme Schicksalsschläge ereilen vielleicht gerade diejenigen, die stark genug sind, sie auszuhalten und daran zu wachsen. Ich habe nur Bewunderung für dich und fühle mich einmal mehr darin bekräftigt, dass Frauen einfach Löwinnen sind. Danke für diesen Text, für diese wunderschönen Bilder und die Liebe, die du gibst!

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  5. Jenny

    Liebe Sulane, das ist ein sehr schöner und unendlich ehrlicher Text. Vielen Dank. Wirklich. Danke, dass Du so viel Mut und Kraft hast, diese Gefühle und Gedanken aufzuschreiben und uns daran teilnehmen zu lassen. Ich wünsche Dir und deinem Partner alles alles Gute.

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  6. Pia

    liebe sulane,
    du findest unglaublich schöne, starke und berührende worte für eure erlebnisse. danke, dass du sie hier teilst! und danke an tinyjane, dass ihr sie hier veröffentlicht. das thema sterben muss wirklich viel aktiver enttabuisiert werden. damit eltern von sternenkindern, und auch andere, die um verlorene menschen trauern, weniger allein sind und die gestorbenen würdigen können, indem sie von ihnen sprechen und sie in den köpfen und herzen am leben halten.
    viel zu oft versucht man, trauernde nicht „daran zu erinnern“, obwohl der gestorbene mensch sowieso jeden tag in ihrem kopf und ihrem herzen präsent ist. viel zu oft scheuen trauernde davor zurück, um ihre lieben zu weinen, oder von ihnen zu erzählen, weil sie fürchten, die welt da draußen sei der meinung, sie müssten „doch langsam drüber hinweg sein“. aber das ist man natürlich nie, besonders nicht bei verlorenen kindern.

    du bist eine unglaublich starke, liebende, wundervolle mama! auch ich wünsche dir von ganzem herzen, dass dein rucksack immer leichter wird und deine erinnerungen an aja jeden tag ein stückchen mehr von liebe und dankbarkeit geprägt werden als von schmerz.

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  8. Steffi

    Ich durfte meine Tochter bis zum Entbindungstermin bei mir haben und spüren, dann müßte sie gehen.
    Warum wissen wir nicht, ist aber auch nicht wichtig…sie wird ihren Grund haben, warum sie gehen mußte.
    Ich ist so eine große Leere, die man anfangs empfindet…
    Die Aufgabe ist einfach nicht da…das halten dürfen, das tragen dürfen, das stillen dürfen, das Windelwechseln dürfen…all die Dinge, auf die ich mich gefreut habe.
    Und trotzdem bin auch ich froh, sie die 9 Monate begleiten zu dürfen, sie in Ruhe und Geborgenheit zu Hause gebären zu dürfen, sie noch eine Weile bei mir haben zu dürfen.
    Erinnerungen, die mich glücklich machen, obwohl die Situation einfach nur traurig ist.

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  9. Gunde

    Mein Timo ist vor 51 Jahren von uns weggegangen und noch immer vermisse ich ihn, obwohl ich noch 4 Kinder und 15 gesunde Enkel habe. Aber immer denkt man wie wäre es wohl wenn er bei uns wäre?!

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  10. Regina

    Mir geht es genauso…. Wir erfuhren in der 22. Woche dass unsere Eva eine extrem seltene Chromosomenstörung, mit schweren Herz, Hirn und Sinnesfehlbildungen hat.
    Sie durfte selbst entscheiden, wann sie kommen möchte. Das war in der 39.ssw heuer im April. Wir haben uns gegen Maximal Therapie entschieden und sie palliativ begleitet

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  11. Marie

    Ich lese diesen Text irgendwie in regelmäßigen Abständen, weine jedes Mal und versuche mir die Person vorzustellen, die hinter diesen starken Worten steckt. Ich bewundere ihren Mut, ihre Kraft, ihre Stärke. Ich wünsche ihr, dass sie den Schmerz überwindet. Ich wünsche ihr, dass sie glücklich wird als Mama. Mit einem Sternenkind und vielleicht irgendwann einem Geschwisterchen.

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  12. Andrea

    Danke Susanne. Aus eigener Erfahrung weiß ich, das man sich den Rucksack immer wieder mal anzieht. Das letzte mal war es bei mir, als mein Patenkind Mama und womit meine beste Freundin Oma wurde. Unsere 1 Tochter Carola wäre jetzt 28, da ist soviel das unsere Sternenkinder uns immer wieder zu uns ins Herzen bringt und auch ich lächle dann mit Tränen inden Augen und meiner ganzen Liebe für Sie. Liebe Grüße an Alle Sternchen Mamis

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  13. Sulane

    Aja ist gestern vor elf Monaten auf die Welt gekommen und der gestrige Tag und diese Nacht sind unerwartet schwer fuer mich! Man weiss nie, wann einem die Trauer die Luft nimmt, aber es tut gut ihr Platz zu geben, sie liebevoll zu behandeln. Und am meisten sollte man sich selbst liebevoll in diesen Momenten behandeln. Du stubst mich immer wieder in die richtige Richtung, Aja. Mein Herz! In Liebe, deine Mama.

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  14. Kathrin

    Liebe Sulane,
    Ich kann dich so gut verstehen. Das Bild mit den Hügeln hatte ich auch vor Augen. Ein wenig anders. Es fühlt sich an als müsste ich einen Berg erklimmen, obwohl ich gar nicht möchte. Denn ich möchte einfach nur mein Baby zurück und nicht diesen immensen Schmerz empfinden. Die Trauer kommt in Wellen. Kaum denkt man, man hat alles wieder etwas im Griff, reißt sie den Boden wieder weg.
    Trotzdem weiß ich, dass es unseren Sternenkindern gut geht. Wo auch immer sie sind. Dass sie dankbar sind, dass sie kommen durften. Genauso wie wir dankbar für jede Sekunde mit ihnen sind, sind sie es auch für jede Sekunde, die sie mit uns hatten.
    Du bist eine mutige und starke Frau.

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