Slow Sunday // Ängste überwinden
& Courage zeigen

07.05.2017 box1, Slow Sunday

Zuerst dachte ich, ich hätte mich verhört. So etwas kann man ja gar nicht so meinen, es sei denn man besitzt keine einzige Hirnzelle. Ich saß beim Arzt im überfüllten Wartezimmer und mein Termin war bereits seit 45 Minuten überfällig. Aber nein, ich hatte richtig verstanden. Nach einer gefühlten halben Stunde konnte ich es mir auch einfach nicht mehr schön reden: Die zwei Herrschaften neben mir – ein Mann Mitte 50 und eine Sie Ende 30 – unterhielten sich nämlich in einer mittelmäßig-dezenten Lautstärke in einer Art und Weise über „das Flüchtlingsproblem“ und die „Ghettozustände“ hier „bei uns“, dass mir entsetzt der Atem stockte.

In Zeiten von AFD zwischen den Trumps und Le Pens dieser Welt, weiß ich selbstverständlich, dass sie ja irgendwoher kommen müssen, die verwirrten Wählerstimmen, klar. Aber das volle Ausmaß der menschlichen Abgründe, die sich in diesem Zusammenhang auftun, waren mir ganz offensichtlich nicht mal im Ansatz bewusst. Ich, mittendrin in meiner Bubble aus Andersdenkenden, Kreativen und sehr freundlichen, offenen Menschen, wurde plötzlich mit einer entsetzlich unangenehmen Realität konfrontiert. Ich war sofort auf 180. Und dann wurde mir klar, dass ich diesen Menschen ihren mit Schenkelklopfer-Humor getarnten Rassismus nicht einfach durchgehen lassen durfte. Ich muss etwas sagen. Laut und deutlich und so, dass es alle mitbekommen. Aber ich schwieg. Eine ganze Weile. 

In Wahrheit war ich nämlich zwar superwütend, aber ansonsten komplett gelähmt. Ich starte auf mein Handy und öffnete ohne Sinn und Verstand irgendwelche Apps, während ich mich versuchte, verkrampft auf das Gespräch neben mir zu konzentrieren. Als würde ich mir selber auf der Schulter sitzen und zwischen den Zähnen hervorpressen, dass es gut sein könne, dass ich diesen Menschen Unrecht täte, dass ich zu empfindlich sei, etwas falsch verstanden habe und überhaupt mich gleich gar nicht in die Angelegenheiten anderer einmischen müsse. Selbst nachdem Worte und Halbsätze wie „Drecksviecher“, „einfach eine Bombe reinwerfen“, „immer draufhalten“ und „bitte über dem Mittelmeer abwerfen“ gefallen waren, war ich noch unsicher. Das hat mich in der Situation eigentlich am allerwütendsten gemacht. Denn diese Höflichkeit und Vorsicht, die ich oft in völlig übertriebenem Maße an den Tag lege, stand in diesem Moment mir selbst und der Gerechtigkeit völlig im Weg.

Plötzlich war sie wieder da

Schließlich gingen die beiden raus zum Rauchen und ich war ehrlich gesagt ziemlich erleichtert. Ich versuchte meine Gedanken zu sammeln und das eben erlebte abzuschütteln. Aber nichts half. Inzwischen war ich so wütend, dass mir die Tränen kamen und ganz leise über meine Wangen liefen. Ich schrieb eine SMS an meinen Freund: „Es ist nicht auszuhalten wie dumm, gemein und unfair Menschen sind. So abstoßend. So ekelhaft rassistisch. Konnte ich mir gerade 30 Minuten lang im Wartezimmer anhören und habe mich nicht getraut etwas zu sagen. Es war so schlimm und ich fühle mich so schuldig und schlecht, dass ich nichts gesagt habe, ich habe mich einfach nicht getraut.“

Inzwischen kamen die beiden Spezialisten vom Rauchen zurück und setzten sich wieder neben mich. Das Gespräch ging exakt an der Stelle weiter, wo es aufgehört hatte. Und bevor mein Freund mir irgendetwas beruhigendes antworten oder ich mich besinnen konnte, beugte ich mich nach vorne und fand aus dem Nichts endlich meine Stimme wieder. Ich sagte ruhig, aber laut genug für alle anderen hörbar: „Sie wissen schon, was sie da für eine Unterhaltung führen, oder? Was sie sagen ist hochgradig rassistisch, asozial, peinlich und extrem abstoßend. Die Art und Weise wie sie über Menschen reden, die aus ihrer Heimat flüchten mussten, finde ich einfach nur schrecklich. Sie sollten sich beide schämen.“

Tough nach außen, Katastrophe nach innen

Meine Stimme war ganz ruhig und bestimmt. Aber innerlich bin ich fast gestorben. Und dann passierte etwas, was mich gleich wieder in den nächsten Wutstrudel fallen ließ. Ich fing so stark an zu zittern. Ich hätte in diesem Moment nicht mal aufstehen können. Ich umklammerte mein Handy, damit man nicht direkt sehen konnte, dass meine Hände so unkontrolliert vor sich hinzuckten. Ich traute mich kaum aufzuschauen. In dem Moment legte ich das als Schwäche aus, als fehlendes Selbstbewusstsein und machte mich völlig fertig deswegen. Anstatt zu sehen, dass ich es immerhin fertig gebracht hatte, etwas zu sagen, mich stark zu machen für etwas, an das ich glaube. Anstatt zu sehen, dass „mutig sein“ sich eben nicht auf jeden Fall total heldenhaft anfühlt, sondern einen schwieriger innerer Kampf bedeutet, der ganz viel von Angst beeinflusst wird. Ich hatte tatsächlich Angst. Angst davor, den Leuten Unrecht zu tun. Angst davor, das ganze Wartezimmer gegen mich zu haben. Angst, nicht die richtigen Worte zu finden. Angst loszuheulen oder rot zu werden. Ich habe mich danach nicht wie eine Heldin gefühlt, so ganz und gar nicht. Und es war sauschwer, meinen Mund aufzumachen.

Es ist keine Schande, wenn man nichts sagt. Es ist sogar verständlich und ich habe schon so viele Male nichts gesagt, ich kann es gar nicht mehr zählen. Alle tun immer so, als hätten sie auf jeden Fall die Courage, andere auf ihr Fehlverhalten aufmerksam zu machen, aber wer handelt dann auch tatsächlich? Oder anders gesagt, wer wirklich hält, was er verspricht, dem gebührt mein größter Respekt. Aber der gebührt auch jedem, der sich in diesen Momenten wenigstens darüber nachdenkt, was richtig und was falsch ist. Mut gibt es nicht ohne Angst und genau deshalb ist es auch so schwer, ihn tatsächlich in die Tat umzusetzen. Nach dem Vorfall im Wartezimmer habe ich mir vorgenommen, mich öfter an diese Situation zu erinnern, in der ich etwas gesagt habe, obwohl ich Angst hatte. In der ich meine Angst überwunden habe. Denn ich glaube, dass man besser darin werden kann.

19 Kommentare

  1. Sarah

    Ich kann mir sehr gut vorstellen, wie du dich gefühlt hast, Julia. Sehr stark, dass du dich überwunden und was gesagt hast!!

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  2. Anna

    Großartig. Seine eigene Stimme zu erheben ist mutig und nicht immer so einfach wie man es sich in Theorie vorstellt. Mich würde interessieren, wie darauf reagiert wurde von den beiden und den anderen stillen Zuhörern. Oft ist es ja so, dass wenn einer mal den Mut hatte, etwas zu sagen, dass dann auch andere den Mund aufmachen. LG

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    1. Julia Jane Artikelautor

      Die beiden haben mich ausgelacht und im Prinzip ignoriert, aber sie haben danacg kein einziges Wort mehr geredet, bis sie aufgerufen wurden. Ansonsten war im Wartezimmer absolute Stille, eingemischt hat sich aber sonst niemand. Danke für deinen lieben Kommentar <3

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  3. Katharina

    Liebe Julia,
    ich kann mich sehr gut in dich hineinversetzen. Hätte ich den Mut gehabt etwas zu sagen in so einer Situation, dann sicherlich mit genau diesen Gefühlen die du beschreibst.

    Wie schade, dass diejenigen die Anstand beweisen oft auch genau durch diesen in die Defensive geraten oder unsicher werden zu handeln weil so etwas wie Rechtschaffenheit (nicht die religiöse, sondern die menschliche) von vielen mittlerweile als ‚pathetisches Gutmenschengetue‘ oder ‚emotionale Hippiescheisse‘ verstümmelt wird.

    Das ist schade und falsch – du hast das Richtige getan.

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  4. Marini

    Danke Julia! Ich finde dich stark. Und stimme Anna zu, was war denn die Reaktion der Beiden?
    Ganz viel <3

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  5. Cora

    Ganz viel Liebe! Dafür,dass du dich getraut hast,etwas zu sagen und dafür,dass du überhaupt so denkst!

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  6. Anja

    ich finde, dass das Gefühl von Angst in dieser Situation total berechtigt, denn schließlich fehlt den beiden jede Form von Mitmenschlichkeit, Anstand und Respekt. Wenn man ihre Meinung schon nicht nachvollziehen kann, wie soll man dann erst ihr Verhalten einschätzen können? Ich denke auch, dass diese zwei -zu- eins- Situation das Unwohlsein begünstigt. Sei deshalb nicht so streng mit dir.

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    1. Julia Jane Artikelautor

      Versuche ich auch gar nicht zu sein. In der Situation war ich dann zwar wütend auf mich, aber das ist auch ganz schnell wieder verflogen. <3
      Liebe Grüße,

      Julia

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  7. Isa

    Total gut, dass Du Dich überwunden hast. Und ich glaube auch, dass man das trainieren kann. Solche Menschen müssen Gegenwind statt schweigender Duldung erfahren. Sei stolz auf Dich. Liebe Grüße, Isa

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  8. Alexandra

    Wow, starker und mutmachender Text!
    Ich finde es gut zu erfahren, dass auch andere Menschen in so einer Situation so einen harten Kampf mit sich selbst auszufechten haben. Denn ich denke fast jeder hat schon mal in so einer Situation gesteckt und kann mit dir mitfühlen! Denn ganz egal wie taff sich Menschen geben, es gehört eben schon eine ordentliche Portion Mut dazu „etwas zu sagen“…
    Du hast meinen vollsten Respekt,
    Super, dass du dich dann überwunden hast!
    Liebst, Alexandra

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  9. Laura

    Ich hoffe, liebe Julia, du verstehst meinen Kommentar nicht falsch.

    Ich finde es toll, dass du dich letztendlich überwunden und deine Sprache wieder gefunden hast. Dennoch finde ich die zahlreichen Kommentare, wie stark du bist und dass man dein Unwohlsein so gut nachvollziehen kann, etwas fehl am Platz.

    Wie müssen sich wohl Menschen fühlen, die Rassimus und Vorurteilen tagtäglich ausgeliefert sind? Vielleicht saß ja sogar jemand im Wartezimmer, der die Flucht aus seinem Heimatland überlebt hat und sich selber nicht traute, etwas zu sagen?

    Genau aus diesem Grund, so bin ich der Meinung, ist es unsere Pflicht, Menschen mit rassistischen und menschenverachtenden Aussagen darauf hinzuweisen, dass man selber diese Meinung nicht teilt, sogar verabscheut. Gerade heute ist das so wichtig.

    Ich hoffe, es nehmen sich viele LeserInnen ein Beispiel an dir und handeln wie du in dieser furchtbar unangenehmen Situation.

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  10. Theresa

    Das hast du sehr gut gemacht, liebe Julia.

    Courage muss wieder mehr gezeigt werden. Einmischen statt wegsehen/weghören/Kopfhörer reinmachen.
    Das gilt in jeglichen alltäglichen Situation. Sei es „nur“, alten Menschen einen Platz im Bus zu erkämpfen. Menschen darauf aufmerksam machen, dass sie Mist erzählen, ignorant sind oder sich einfach unangemessen benehmen.
    Ich habe oft die Befürchtung, dass „wir“ verlernen, hinzusehen, wahrzunehmen, Partei zu ergreifen.

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  11. Tatjana

    Toller Beitrag! Ich selbst war oft in solchen Situationen verwickelt und habe auch nicht immer etwas gesagt. Wenn ich mich dann getraut habe, hatte ich die gleichen Symptome und Gedanken wie du. Aber selbst wenn man nichts sagt: Mut und Veränderung fängt im Kopf an. Solange man diese Fähigkeit besitzt, ist es auch okay sich nicht immer zu trauen einzuschreiten. Umso besser, dass du es in diesem Fall getan hast! LG Tatjana von SECTIONOFSTYLE

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  12. Maren

    Ein sehr schöner Text und ich finde, du hast sehr viel richtig gemacht: Zugehört, deine eigene Wahrnehmung hinterfragt, dir mit der SMS Beistand geholt und die beiden respektvoll angesprochen – vor allem damit, dass du dich auf ihre Äußerungen bezogen hast, nicht auf sie als Personen („Was Sie sagen ist asozial und rassistisch“ vs. „Sie sind asoziale Rassisten“). Ich find’s auch ziemlich gut, dass du beschrieben hast, wie scheiße die Situation für dich war – auch, wenn es, wie hier schon geschrieben, Menschen gibt, die von solchen Äußerungen direkt betroffen sind und in deren Lage es mir superschwer fällt, mich überhaupt hineinzufühlen. Ich habe solche Situationen auch schon öfter erlebt und hätte mich durch die krasse Wut, Angst und Trauer, die ich inklusive aller körperlichen Reaktionen erlebt habe, fast davon abhalten lassen, überhaupt zu reagieren – schließlich hab ich mich für deutlich mutiger und abgebrühter gehalten und plötzlich war das ganze Selbstbewusstsein futsch. Was sagen ging aber trotzdem, geht immer.

    Was mich oft am meisten fertig macht, ist, von den Menschenfeind*innen selber nicht respektvoll behandelt zu werden. Ein PEGIDA-Rentner, mit dem ich mal redete, sagte mir direkt ins Gesicht „Nein, ich sieze dich nicht, denn ich habe keinen Respekt vor dir. Du bist für mich kein vollwertiger Mensch.“

    Was in solchen Menschen vorgehen muss, macht mir einfach nur Angst. Und ich glaube, nicht nur mir. Drum: Danke für deine Worte!

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  13. Matthias

    Hi,

    toller Text.
    Das geht mir selbst auch oft so. Vor Überraschung, Schock und Unsicherheit bringe ich kein Wort raus. Ich weiß zwar, dass ich was sagen ‚müsste‘, bin aber ienfach in einer Schockstarre gefangen. Wahrscheinlich weil ich auch kaum fassen kann, wie jemand ersthaft so etwas sagen kann…

    Frage mich da manchmal woher das kommt. Ob das mit einer übertriebenen Höflichkeit zu tun hat, die einem als Kind teils ein getrichtert wird?

    Also erstmal klasse, dass Du da raus bist.
    Wie war denn die Reaktion?

    Alles Gute

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