Warum uns der Hashtag #Autorinnenschuber dazu aufruft, von Frauen geschriebene Lieblingsbücher zu teilen

25.11.2019 Buch, Gesellschaft

Es ist eine allgemein anerkannte Wahrheit, dass eine Frau im Besitz schriftstellerischen Talents sich nichts mehr wünschen muss als Anerkennung. Und diese immer noch nicht bekommt, wie die Süddeutsche Zeitung gerad mal wieder eindrucksvoll beweist. Dort erscheinen in einer SZ-Edition zehn Romane der Weltliteratur, der eindrucksvolle Titel des ganzen lautet „Soulmates“. Zu diesen Seelenverwandten gehören Philip K. Dick, Jack London, Louis Ferdinand Céline und Norman Mailer. In einem redaktionellen Text zur Edition heißt es: „Androiden, Milliardäre, Boxer, Bergmänner, Armenärzte, Polarforscher – das sind die Protagonisten einer neuen SZ-Edition mit zehn Romanen der Weltliteratur im Schuber“. Frauen? Sind weder als Autorinnen noch als Protagonistinnen in Sicht.

 
 
 
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Männliche Weltliteratur

Das mag daran liegen, dass es, wie im Klappentext und in einer Anzeige verkündet, darum geht, „wie vielseitig die Männerwelt wirklich ist“. Es mag aber auch daran liegen, dass es sich um „Weltliteratur“ handelt, und wie allgemein bekannt wird diese exklusiv von (weißen) Männern verfasst. Oder daran, dass es hier um „Große Fragen“ (so der Titel des SZ-Artikels) geht, und diese können eben nur von Männern beantwortet werden. Männer schreiben Bücher für Menschen, Frauen schreiben Bücher für Frauen. Anders lässt sich die Immer-Noch-Existenz des Begriffs „Frauenliteratur“ nicht erklären.

Weil von Frauen geschriebene Bücher als für Frauen geschriebene Bücher wahrgenommen werden, gelten sie, klar, als weniger relevant. Sie tauchen seltener als die von Männern geschriebenen in Schul-Lehrplänen auf, sie werden in Feuilletons weniger besprochen, erhalten weniger Literaturpreise. Ergebnis: Von Frauen geschriebene Bücher haben es ungleich schwerer, Teil des sogenannten „Literaturkanons“ zu werden. Bei der SZ wie anderswo.

Vielleicht ist das alles ja auch ein furchtbares Missverständnis. Vielleicht hat man bei der SZ ja noch einen Schuber mit weiblichen Soulmates in Vorbereitung. Aber danach sieht es nicht aus. Welcher Denkprozess dazu führte, es völlig unproblematisch zu finden, unter dem Titel „Weltliteratur“ einen Schuber zu veröffentlichen, in dem sowohl Autoren als auch Hauptprotagonisten männlich sind, ist einigermaßen rätselhaft – schließlich herrscht dank #MeToo doch angeblich überall political correctness, sind Männer nun die Benachteiligten und ist Gleichberechtigung doch nahezu schon erreicht. Wäre dem tatsächlich so, hätte sich in den letzten Jahren auch nur ansatzweise etwas geändert, ein Schuber wie dieser wäre nicht erschienen und nicht so kommuniziert worden.

Frauen lesen

Dass die ganze Aktion tatsächlich keine so super Idee gewesen ist, dürfte der SZ spätestens nach empörten Reaktionen in den sozialen Medien bewusst geworden sein. Literaturbloggerin Nicole Seifert beobachtet, dass im bereits erwähnten redaktionellen SZ-Text, anders als im Klappentext und in der Anzeige, nun nicht mehr von der vielseitigen Männerwelt die Rede ist: „ (…) möglicherweise wurde in der Zwischenzeit das allgemeine Augenrollen in den sozialen Medien wahrgenommen. Am Produkt ändert die Tatsache, dass die Idee dahinter nicht mehr unverhohlen ausgesprochen wird, leider nichts. Dass Autorinnen nun wie selbstverständlich nicht vertreten sind bei diesen ‚zehn großen Romanen der Weltliteratur‘, die ‚große Fragen‘ behandeln, ist nicht weniger vorgestrig.“

 
 
 
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Weil diese – ständige, allgegenwärtige, traditionelle – Deklassierung von Autorinnen sie so nervt, hat Seifert kurzerhand die Aktion #autorinnenschuber ins Leben gerufen. Die Idee dahinter: 10 Bücher von Autor*innen zu posten, die jede*r im Regal haben sollte. Die Resonanz: Überwältigend. Mehr als 500 Beiträge finden sich dazu mittlerweile auf Instagram, mit Büchern von Astrid Lindgren, Chimamanda Ngozi Adichie, Herta Müller, Elif Shafak, Francesca Melandri, Virginia Woolf, und und und. Weltliteratur, mal nicht von Männern geschrieben.

Im Klappentext des Soulmates-Schubers heißt es übrigens, hier ginge es um „große Worte von Mann zu Mann, die ganz selbstverständlich Frauen lesen werden.“ Wie schön. Noch schöner wäre es, wenn Männer ebenso selbstverständlich große Worte von Frau zu Frau lesen würden. Oder sich zumindest mal die Erkenntnis durchsetzen würde, dass Frauen Menschen sind. Und für solche schreiben.

 
 
 
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