Street Style hat ein Diversitätsproblem.

06.02.2020 Mode
Fotocredit: Søren Jepsen (The Locals) für Vogue

Als Street Style vor einigen Jahren populär wurde, klickte ich mich durch die Bildergalerien der Modemagazine und saugte diese schnellstmöglich auf, speicherte mir ganze Looks in Inspirationsordnern ab und versuchte, sie mit dem, was mein Kleiderschrank hergab, nachzustylen. Dass die Frauen, die mir entgegenblickten, zum größten Teil weiß und dünn waren, nahm ich damals noch gar nicht richtig wahr, wohl, weil mein Kosmos zu dieser Zeit noch reichlich begrenzt war. Mittlerweile sind die besagten Galerien auf über hundert Slides gewachsen — und bilden meist noch immer die gleichen, zumindest aber ähnlichen, Gesichter ab. Dass die Street Style Fotografie ein Problem mit fehlender Diversität hat, wurde mir jedoch zum ersten Mal während der Kopenhagener Modewoche klar. Bis dahin hatte ich erst eine weitere, internationale Fashion Week besucht und glaubte, — da ich selbst ja nur das beurteilen konnte, was ich in den Medien sah — dass Schwarze Frauen, People of Color, Menschen mit einer Kleidergröße über 38 und Personen, die älter als 35 sind, auf jenen Veranstaltungen schlicht und ergreifend nicht wirklich vertreten sind — was zwar ein ganz anderes Problem mit sich bringt, zumindest aber eine Erklärung für die Unterrepräsentation im Street Style gewesen wäre.

 
 
 
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Genau diesen Ansatz verfolgt auch Fotografin Christina Fragkou, die das Problem etwa bei den PR Agenturen sieht, die meist „weiße, dünne Frauen“ auf die Gästeliste setzen und sich die Chance, Street Style diverser zu gestalten, somit gar nicht erst ergeben würde — mit Sicherheit ist dieser Punkt ein Teil der Problematik, was aber, wenn die Schauen tatsächlich von Schwarzen Frauen, People of Color, Frauen über 35 und Personen mit einer Kleidergröße über 38 besucht werden und sie dennoch nicht abgebildet werden? Dass sie nämlich sehr wohl Teil der Modewochen sind, jedoch schlicht und ergreifend nicht wahrgenommen werden, schilderte auch Shammara Lawrence in ihrem Artikel für Teenvogue. Ein ähnliches Bild ergab sich für mich auch in der vergangenen Woche in Kopenhagen, als ich das Treiben vor den Schauen beobachtete und feststellte, wie schnell die Kameras der Fotograf*innen nach unten sanken, sobald sich eine weniger bekannte oder weniger „weiße, schlanke“ Frau dem Eingang näherte. Auch der Blick durch die Bildergalerien nach den Schauen spiegelte nicht das, was auf den Straßen passierte, wider: Dort nämlich dominierten all jene Personen, die das stereotypische, westliche Schönheitsideal repräsentieren. Eine der wenigen Ausnahmen bildet etwa Abisola Omole, die von Søren Jepsen für verschiedene Vogue Plattformen abgelichtet wurde und anschließend ebenjenes Problem auf ihrem Instagram Account thematisierte.

 

 
 
 
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well this is kinda cool; captured by @thelocals for @britishvogue & @voguegermany’s #CPHFW streetstyle round-up’s.⠀ ⠀ It’s funny; before I flew to Copenhagen, my sister & I were browsing a streetstyle gallery on vogue from the previous season and counted 5 people of colour (no, not just black) & no plus size individuals (I know it’s different for everyone but I personally categorise this as a UK16+). I thought out of an extensive 100 slide gallery, they only managed this, jeez. ⠀ ⠀ So when attending shows this season, I was wondering if it is as simple as there not being people to photograph or are the photographers simply not capturing them. It’s a mix, of course the ratios aren’t in proportion but there were definitely more people of colour than I expected & I think I saw a handful of plus size individuals. Street-style photographers seem to have a gravitational pull towards the slim, the blonde, the caucasian. I found it somewhat fascinating that it didn’t really matter what they were wearing; if they fit into the above criteria, perhaps repeatedly walk in tandem with their friends, maybe pretended to be on their phones or squeeze themselves into a random doorway to be..quirky the photographers were on them. It’s definitely not a game I want to play but you can’t help but chuckle when you observe it all taking place. ⠀ ⠀ When it comes down to it, I guess it’s the street style photographers for the most part, decide who is stylish right? And if they aren’t worldly, open, inclusive in nature or risk takers, then the ‘street trend reports’ aren’t going to be either ⠀ Ah well, I still feel very grateful to have been featured across a few editions of vogue (thanks @thelocals) & look forward to a more inclusive fashion season ahead of us.

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In ihrer Bildunterschrift kritisierte die Kreativdirektorin etwa, dass es bei der Street Style Fotografie nicht einmal mehr darauf ankäme, was die Personen tragen würden, solange sie „schlank, blond und kaukasisch“ seien und bestimmten Kriterien entsprächen. Für ihre Aussage erhielt sie — berechtigterweise — großen Zuspruch, was gleichzeitig beweist, dass sich bis heute nicht sonderlich viel geändert hat. Während zumindest die Laufstege zunehmend diverser werden, scheinen im Street Style die alten Regeln zu gelten, dabei wurde die Problematik bereits im Herbst 2018 thematisiert: Für The Cut schreibt etwa Lindsey Peoples über ihre Beobachtungen verschiedener Szenarien, die sich ihr vor Modenschauen darboten und schildert, dass „Schwarze Frauen, kurvige Frauen und jene über 35, die einwandfrei gekleidet waren“ von den Fotograf*innen ignoriert wurden. Ein Aspekt, der fälschlicherweise vermitteln könne, dass Plus Size und nicht-weiße Frauen nicht „stylish“ seien, wie Jessica Andrews, Fashion Features Editor bei Teen Vogue, anmerkt und damit impliziert, dass Street Style keineswegs „inclusive“ ist, sondern vielmehr ausschließt — und zwar nicht nur all die Personen, die nicht fotografiert werden, sondern auch jene, die durch die Street Style Fotos nicht repräsentiert werden.

 

 
 
 
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Ein Beitrag geteilt von StreeTrends (@streetrends) am

Klar ist, dass sich etwas ändern muss, was mich zur Frage führt, an welchen Stellen angesetzt werden muss. Tyler McCall, Chefredakteurin von Fashionista, schlägt in einem Artikel etwa vor, dass Magazine Fotograf*innen „pushen müssen, es besser zu machen“, während Fotograf*innen selbst nach neuen, anderen Details schauen müssen, statt sich auf die immer gleichen Personen zu konzentrieren. Zusätzlich merkt sie an, dass auch Marken beginnen sollten, Frauen und Influencer*innen verschiedener Körperformen zu kleiden, da von Labels ausgestattete Personen bewusst häufiger fotografiert werden (müssen). Durchaus wird die fehlende Diversität von verschiedenen Seiten beeinflusst, zu denen natürlich auch PR Agenturen, Magazine als Auftraggeber, jedoch auch Fotograf*innen als ausführende Kraft zählen. Letztere würden oftmals Personen fotografieren, die sie persönlich als „hübsch“ empfänden, statt auf Diversität und Mode zu achten, kritisierte Rachel Wang, Stylistin und Brand Constultant in einem Statement und fügte hinzu, dass diese Standards nicht nur einheitlich, sondern meist auch rassistisch und „seize-ist“ seien. 

Und dennoch ist Street Style Fotografie längst ein großes Business und „PR Game“ geworden, das an eine Runway Show erinnert, in der Influencer*innen die neusten Kollektionen verschiedener Brands präsentieren, wie Fotografin Bryndis Thorsteinsdottir sagt. Sie sieht es als ihren Job, weiß aber auch, dass wir uns alle bemühen müssen, alle Körperformen, Hautfarben und jede Altersklassen abzubilden. Einen Aspekt, den auch Street Style Fotograf Søren Jepsen auf seinem Instagram Account anspricht und seine Kolleg*innen dazu aufruft, inklusiver zu werden. In einem kurzen Gespräch fügt er hinzu, dass es letztlich zwar die Redakteur*innen seien, welche die finale Auswahl für die Galerien treffen, sich ein diverseres Abbild aber auch nur ergeben könne, wenn Fotograf*innen beginnen, alle Hautfarben, Altersgruppen und Kleidergrößen zu fotografieren. Dass der Großteil der Personen, welche die Modewochen besuchen, dünne, weiße Cis-Frauen sind und die Branche selbst keineswegs divers sei, sei ein weiteres Problem. Statt jedoch die Schuld stets bei anderen zu suchen, gelte es vielmehr, die eigenen Privilegien zu nutzen, um an der Problematik zu arbeiten, so der Fotograf.

Teil des Problems sind aber natürlich auch wir selbst: Indem ich hauptsächlich weiße, dünne Frauen als Stilinspiration teile, fördere ich ausschließlich jene Personen, die ohnehin ständig zu sehen sind. Auch mein Blick muss also weitläufiger und einschließender werden, statt sich auf die kleine Blase zu beschränken, die mich umgibt. Auch meine Kamera muss ich, wenn ich während der Modewochen Eindrücke mit euch auf Instagram teile, noch häufiger auf People of Color, Personen, die eine Kleidergröße über 38 tragen und Menschen über 35, richten und sie sichtbarer machen, denn sie sind nicht minder Teil des Ganzen, als alle anderen. Für einen inklusiven Street Style, der tatsächlich inspiriert und nicht bloß jene Personen, Kleidungsstücke und Marken abbildet, die auch auf anderen Plattformen ständig zu sehen sind, braucht es also viele Veränderungen verschiedenster Personen, die vermutlich nicht von jetzt auf gleich geschehen werden, aber eben auch nicht so still stehen dürfen, wie sie es in den vergangenen Jahren getan haben.

7 Kommentare

  1. Anna

    Hi Julia, danke für diese Worte! Für mich gilt Street Style schon seit Jahren nicht mehr als Inspiration und ich muss auch ehrlich gestehen, dass der Schrei nach Diversität im Bereich Street Style in 2020 längst überfällig ist. Denn der kommerzielle Street Style der Modewochen ist schon seit Jahren ein einziger Einheitsbrei… Ich wünsche mir die Anfänge zurück, als alle Street Style-Fotografen noch wirklich auf die Straße gegangen sind und nicht nur während der Modewochen in Paris, Kopenhagen, Berlin, Mailand etc.pp. rumlungern. Damals war der Street Style auch noch diverser, denn es wurden „echte“ Menschen und „Modemenschen“ abgebildet. Habe hier Zuhause die Bücher von Scott Schuman und dem Facehunter aus dem Ende der 2000er und Anfang der 2010er liegen und das war noch inspirierend. Hoffe sehr, dass sich die Street Style-Fotografen wieder ihrer Wurzeln besinnen und auch während einer Modewoche mal schauen, was denn auf den Straßen der Stadt passiert, denn wie du es schon schreibst: Der Trubel vor einer Schau ist eine einzige PR Maschine mit geliehenen Klamotten der zeigenden Brand, den neusten Must Have’s der etablierten Modehäuser etc. Kaum Jemand trägt die Mode aus seinem eigenen Kleiderschrank, sondern lässt sich von Brands, Onlineshops, Reselling-Plattformen u.v.m. komplett mit dem Neusten bzw. Auffäligsten ausstatten. Es gibt nur noch wenige Unicorns in der Branche, die wirklich ihren eigenen Stil haben und es schaffen diesen Jahr für Jahr neu zu erschaffen ohne sich selbst zu „verkaufen“ und diesen Personen folge ich dann lieber selbst auf Instagram und hoffe nicht, dass sie a) endlich mal entdeckt werden für ihr Stilvermögen oder b) neben dem weißen, dünnen Einheitsbrei auch mal einen Spot bekommen. Alles Liebe, Anna P.S.: Musste mal raus 😉

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    1. Julia Carevic Artikelautor

      Liebe Anna, danke dir für deinen Kommentar – ich kann dir in all deinen Punkten nur zustimmen. Einen (echten) Street Style wie damals würde ich mir ehrlicherweise auch wieder wünschen, statt fast ausschließlich Head-to-Toe Looks von Labels zu sehen, die dann auch nur während der Modewochen aufgenommen werden.

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  2. Lena

    Ich erinnere mich auch gerne an die Anfänge. Facehunter und Mister Schumann, ich habe die Blogs geliebt. Schuhman ist sich sogar, finde ich, recht treu geblieben. Facehunter hat sich mehr entwickelt in Richtung Reise und Kultur, was ja auch okay ist. Persönliche Interessen ändern sich eben auch. Stockholm Streetstyle ist fast tot, das finde ich sehr schade. Caroline Blomst hat ihren eigenen Blog dich gemacht und ist unter das Dach einer ganzen Ansammlung von Seiten gegangen. Sie bleibt nach wie vor ihrem Stil treu, das bewundere ich sehr in den aktuellen Zeiten und in dieser Branche. Vielleicht ist es aber deshalb ruhiger um sie geworden. Eventuell ist sie nicht mit der Zeit gegangen… an solchen Menschen verliert die Sponsoren und Kooperationsbranche vermutlich dann das Interesse. Dies zeigt sich meiner Meinung nach dann schnell an den Followerzahlen z.B. bei Insta. Vielleicht kam auch diese Entwicklung zu erst und darauf hin wurde der Blog dicht gemacht… wer weiß das schon. Aber die Entwicklung finde ich einfach schade. Die wegweisenden Blogs sind weg oder nicht mehr das, was sie mal waren. Sehe ich z.B. auch bei Journelles so. Die Entwicklung ist schade und der Ton gefällt mir nicht mehr. Kritische Stimmen werden auch nicht ernst genommen z.B. Insta ist zwar toll, aber an der schönen neuen Welt finde ich nicht alles direkt auch toll.

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  3. Simone

    Finde es ja gut, dass Ihr das Thema aufgreift. Versäumt es dann aber, diesen Beitrag als Anlass zu nehmen, um wirkliche Diversität zu zeigen. Stattdessen sehe ich 8 weiße Frauen, die genau dem Schema der „weißen, dünnen Frau“ entsprechen, welches Ihr in dem Beitrag kritisiert. Dann eine schwarze Frau in „Plussize“ vorzustellen, ist etwas lame. Warum nicht mehr Menschen zeigen und zu deren Profilen verlinken, die Diversität im Streetstyle wirklich repräsentieren?!

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  4. Pingback: Street Style hat ein Diversitätsproblem.

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