Der Tod des Small-Talks

Ich kann nicht mehr zählen, wie oft ich in letzter Zeit gehört oder gelesen habe, diese oder jene Person lehne „Small Talk“ ab oder praktiziere ihn nicht. In Celebrity-Profilen steht „She doesn’t do small talk“ für Authentizität, für jemanden, der nicht nur Plattitüden von sich gibt, sondern sich ernsthaft unterhalten will. Über das Leben, Klimawandel, Feminismus. Das ist, natürlich, eine willkommene Abwechslung zu Stars, die immer das Gleiche über ihren jeweils neuen Film oder ihr aktuelles Album sagen.

Leere Kalorien

Nun sind Stars und das, was sie in Interviews erzählen, das eine. Mich beschleicht aber so langsam das Gefühl, dass Small Talk mittlerweile ganz generell ein Image-Problem hat. Auf Instagram und Twitter erklären ständig Menschen, dass sie Small Talk hassen, ihn ablehnen und lieber über, beispielsweise, das Universum sprechen würden. Small Talk, so heißt es, sei das „Weißbrot der Unterhaltung: keine wirklichen Nährstoffe, nur leere Kalorien“.

Natürlich: Small Talk kann anstrengend und nervig sein und er fällt vielen Menschen schwer. Ich finde ihn, ehrlich gesagt, nicht so schlimm. Er macht mir keinen riesigen Spaß, aber ich habe ihn ganz gut drauf. Das hat auch mit meinem Beruf zu tun: Auf meinen Lesungen und Veranstaltungen komme ich regelmäßig mit fremden Menschen ins Gespräch. Und dann plaudert man eben so vor sich hin. Manchmal belebt mich das, manchmal strengt es mich an. Aber als „Weißbrot“ empfinde ich Small Talk grundsätzlich nicht.

Sehnsucht nach Belanglosigkeiten

Das ist mir in dem Augenblick bewusst geworden, als ich auf einer Party von einem Typen, den ich gerade erst getroffen hatte, in ein intensives „Gespräch“ verwickelt wurde, bei dem er mir, wenn ich sprach, angestrengt in die Augen starrte und, wenn er sprach, gleich die ganz großen Themen anschnitt: Tod. Versagensängste. Beziehungen. Noch nie hatte ich mir so sehr gewünscht, einfach ein paar Belanglosigkeiten austauschen zu können. Ein bisschen „Und was machst du so?“, oder „Der Tequila ist echt gut!“ Das Gespräch strengte mich an, weil da jemand mit mir über Themen sprechen wollte, die ich zwar gerne ausführlich erörtere, aber bitte mit Menschen, die ich länger als fünf Sekunden kenne. 

 
 
 
 
 
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Ich bin mir ziemlich sicher, dass mein Gesprächspartner auch über sich sagen würde, Small Talk sei nichts für ihn.

Früher war Small Talk etwas, für das es Anleitungen in Frauenzeitschriften gab: „10 Tipps, mit denen Sie zum Small-Talk-Profi werden!“. Bridget Jones (Schokolade zum Frühstück) ließ sich von der Journalistin Tina Brown inspirieren, die empfahl, man solle Dinge sagen wie „Ich glaube man wünscht, dass wir uns tummeln“ oder Menschen immer auf eine interessante Art vorstellen („Das ist Katja, sie mag Hunde und südkoreanische Filme“). Small Talk war etwas, das man beherrschen musste, um es im Leben zu etwas zu bringen. Kein Small Talk, keine Karriere.

Moralisch aufgeladen

Es ist also nicht überraschend, dass das Pendel jetzt in die andere Richtung ausschlägt und Small Talk von einigen als unauthentisch empfunden wird. Vielleicht hat es auch damit zu tun, dass in den letzten Jahren das Bewusstsein dafür größer geworden ist, wie problematisch viele vermeintlich „natürliche“ Regeln und Verhaltensweisen, gerade im beruflichen Umfeld, für viele Menschen sind. Für meine introvertierte Schwester gibt es nichts Schlimmeres, als bei beruflichen Veranstaltungen nette Konversation machen zu müssen, zumal mit Menschen, die sie nicht kennt. Es stresst sie, und das schon Tage vorher.

Ich wünschte einfach, wir würden Small Talk nicht so moralisch aufladen und ihn benutzen, um Aussagen über unseren jeweiligen Charakter oder den anderer zu machen. Nur, weil man Small Talk beherrscht und damit kein Problem hat, ist man nicht automatisch oberflächlich. Oder tüchtig. Nur, weil man Small Talk ablehnt, ist man nicht automatisch ein besserer Mensch. Oder unfähig. Natürlich haben es Menschen, die Small Talk beherrschen, leichter im Leben – und das ist unfair all denen gegenüber, die sich in sozialen Situationen schwer tun, vielleicht sogar unter einer sozialen Phobie leiden oder schlicht introvertiert sind oder menschenscheu.

Mein persönliches Fazit: Ja, vielleicht ist Small Talk eher wie Weißbrot. Aber in manchen Situationen schmeckt eben das Weißbrot ein bisschen besser und ist leichter zu verdauen. Und in anderen darf es dafür ruhig ein kräftiges Roggenbrot sein.

3 Kommentare

  1. lena

    ich liebeliebeliebe smalltalk!
    nur weil er small ist, heißt das ja noch lange nicht, dass er unehrlich ist und nicht befruchtend sein kann…
    und außerdem verwandelt er sich – wenn es gut läuft – ja von selbst in ein lustiges, ernstes, gutes, politisches oder quatsch-gespräch. irgendwie muss man sich ja auch gemeinsam eine runde warmlaufen, um zu merken, in welche gesprächsrichtung man gemeinsam rennt.
    die meisten deep-talks ohne smalltalks vorher, die ich habe, sind „mit männern“, die deepe monologe führen, ohne zu merken, dass ich selbst garnicht interessiert bin.

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  2. Tülay

    Der Text bringt es wunderbar auf den Punkt! Eine gute Bekannte von mir hat auch diese recht überheblich anmutende „Biografie“ auf instagram a la „Lieber über das Universum reden als Smalltalk“. als ich ihr neulich bei einer Feier einen Kollegen vorstellte, der sich mit Einsteins Relativitätstheorie (ausgerechnet!) beschäftigt und diese gut vermitteln kann, zückte sie immer wieder geistesabwesend ihr Smartphone und war so gar nicht interessiert an unserem Gespräch. Also, sie war gar nicht gefesselt von dem Thema. Natürlich kann das Interesse am Universum auch esoterischer Natur sein, aber Himmel, bitte versucht nicht künstlich auf elitär-intellektuell zu machen! dachte ich so bei mir…

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  3. Caro

    Danke fuer diesen tollen Artikel! Ich rolle schon eine Weile mit den Augen, wenn ich hoere wie einige Menschen einfach zu tiefgruendig fuer Small Talk sind. Bringt ihnen nichts, dewegen gleich lassen. Aber genau wie auf der Couch liegen mit einem fetten Eis und „Wie werde ich in los in 10 Tagen schauen“, ist Small Talk auch oft einfach nur unterhaltsam, ohne tieferen Sinn. Als Mensch braucht man beides, das ist authentisch.

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