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Vote for Hillary – oder doch nicht?

12.10.2015 um 9.19 – box2 Feminismus Gesellschaft

hillary clinton us wahlkampfWarum vor allem junge Frauen keine Lust mehr auf Hillary Clinton haben.

Sie ist immer tadellos gekleidet, höflich und vor allem: ehrgeizig. Sie will die Wahl unbedingt gewinnen und um dieses Ziel zu erreichen, tut sie so ziemlich alles. Denn sie verdient den Sieg, sie hat so lange dafür gekämpft. Aber ob das reicht, um Präsidentin der Schülervertretung zu werden?

Ja, Tracy Flick, die Protagonistin aus dem Film Election (1999), ist die perfekte Kandidatin. Wer, wenn nicht sie? Die Parallelen zu 2015 und Hillary Clinton sind offensichtlich. Beide, Tracy und Hillary, haben lange auf die Kandidatur hingearbeitet, sind qualifiziert – und die einzig logischen Kandidatinnen. Doch dann geht etwas schief.

Und immer dieses Frauenproblem

Bei Hillary Clinton ist das momentan jede Menge: vom E-Mail-Skandal über den Erfolg ihres Konkurrenten Bernie Sanders bis hin zu schwächelnden Umfragewerten. Dabei war Clintons Kandidatur doch so perfekt vorbereitet! Clinton hat aus den Fehlern ihrer gescheiterten Kampagne von 2008 gelernt: Kein abwehrendes „Ich trete nicht als Frau an“ mehr, um sich als nur zufällig weiblicher Commander in Chief zu präsentieren. Stattdessen betont sie die historische Dimension ihrer Kandidatur: „Ich bin vielleicht nicht der jüngste Kandidat in diesem Rennen, aber ich werde die jüngste Präsidentin in der Geschichte der USA sein.“ Girlpower, yeah!

Und jetzt das: Ausgerechnet Frauen wenden sich von Hillary Clinton ab. Vor knapp einem Monat veröffentlichten Washington Post und ABC News eine Umfrage, laut der nur noch 42 Prozent der Demokraten-wählenden Frauen Clinton unterstützen – im Juli waren es noch 71 Prozent. Nun können Umfragewerte sich ständig ändern und bis zur Wahl dauert es noch ein Jahr. Fakt ist aber: Das Problem mit den Frauen hatte Hillary Clinton schon bei ihrer Kandidatur 2008. Überraschenderweise waren damals gerade Feministinnen nicht begeistert von der Aussicht auf eine Präsidentin Clinton. Die Journalistin Rebecca Traister beschreibt das in ihrem lesenswerten Buch Big Girls Don’t Cry. The Election that changed everything for American women: „[…] it was clear that although feminists may have been ready for the idea of a female president, they were not so ready for the candidate who was actually going to run.”

Aber warum? Auf dem Papier sieht Clintons frauenpolitische Bilanz doch ganz gut aus. Als First Lady nahm sie 1995 an der Vierten UN-Weltfrauenkonferenz in Peking teil und sprach dort die berühmten Worte: „Frauenrechte sind Menschenrechte“ (jetzt auch in Form einer bedruckten Tasche im Hillary-Online-Shop erhältlich). Als Außenministerin traf sie sich in fast jedem der 112 von ihr besuchten Länder mit wichtigen weiblichen Persönlichkeiten. Heute setzt Clinton sich für Lohngleichheit und bezahlbare Kinderbetreuung ein und hat eben erst in einem Interview mit Refinery29 verkündet, sich intensiver dem Thema sexuelle Gewalt an Universitäten widmen zu wollen.

Eigentlich sollte es für Hillary Clinton also super laufen, denn Gleichberechtigung und progressive Politik sind 2015 in den USA wichtige gesellschaftliche Themen – besonders für die sogenannten „Millennials“ oder auch die „Generation Y“, also Menschen, die zwischen 1977 und 1988 geboren wurden. Bei den Wahlen 2016 wird diese Gruppe circa 36 Prozent der Wahlberechtigten ausmachen.

Zu weiß, zu wohlhabend, zu altmodisch

Das Problem: Viele der potenziellen Wählerinnen aus dieser Gruppe dürften Hillary Clinton nicht besonders progressiv finden. Beispiel gleichgeschlechtliche Ehe: Jahrelang betonte Clinton den „heiligen Bund zwischen einem Mann und einer Frau“, erst 2013 sprach sie sich dann öffentlich für gay marriage aus. Clinton gehört einer anderen Generation an und es kann gut sein, dass ihr Feminismus für junge Feministinnen heute zu altmodisch und nicht radikal genug ist.

Clinton ist Teil des Establishments, sie ist eine weiße, wohlhabende Frau, die – so sehen es viele – nur über ihren Mann an Macht gekommen ist. Und diesem Mann hielt sie damals die Treue – obwohl wir den „Lewinsky-Skandal“ heute wohl als sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz einordnen würden. Mit aktuellen feministischen Themen wie der Mehrfachdiskriminierung hat Clinton sich bisher nicht öffentlich auseinandergesetzt. Und in einer Zeit von „Black lives matter“, wo tausende gegen Rassismus und Polizeigewalt auf die Straße gehen, sind Clintons Äußerungen zu diesem Thema mehr als vage und unbefriedigend.

Hinzu kommt Clintons Überraschungs-Konkurrent Bernie Sanders, parteiloser, zauseliger Senator aus Vermont: Er hat sich schon als junger Mann in der Bürgerrechtsbewegung engagiert, kämpft gegen Einkommens- und Vermögensungleichheit sowie gegen den Einfluss großer Unternehmen auf die Politik. Er hat Clinton quasi links überholt. Es ist wahrscheinlich, dass viele demokratische Frauen am Anfang reflexhaft Clinton unterstützt haben, weil diese die einzige Kandidatin der Demokraten war. Jetzt gibt es eine Alternative, nämlich Sanders: Zu Beginn der Kampagne sagten nur 2 Prozent der Demokraten-Frauen, sie würden Sanders wählen – nun sind es 27 Prozent.

Dabei gibt sich das Clinton-Team so viel Mühe, junge Wähler und Wählerinnen (vor allem aber junge Wählerinnen) zu erreichen. Die Botschaft: Hillary ist cool! Clinton twittert fleißig, ist auf Instagram und Pinterest unterwegs („Granddaughter gift ideas, hairstyle inspiration, favorite moments, and some other things”) und für Lena Dunhams Lenny Letter gab es ein exklusives Interview. Letzte Woche war Clinton zu Gast bei Saturday Night Live, wo sie eine Barfrau namens Val spielte – und einer als Hillary verkleideten Kate McKinnon Getränke servierte. Der Sketch ist deshalb so brilliant, weil er viele der Kritikpunkte an Clinton aufgreift – vor allem ihre angebliche Distanziertheit und fehlende Wärme – und daraus großartige Unterhaltung macht. „You’re easy to talk to, Val“, sagt McKinnon/Hillary und Clinton/Val antwortet: „That’s the first time I’ve ever heard that“.

Wenn nicht jetzt, dann später

Ob all das was bringt? Schwer zu sagen. Denn letztendlich ist es so: Im Gegensatz zu älteren Frauen spüren viele junge Frauen keine Dringlichkeit, 2016 für Hillary Clinton zu stimmen. Sie wissen: Es wird in ihrem Leben noch andere Möglichkeiten geben, eine Frau ins Präsidentenamt zu wählen. Wenn nicht jetzt, dann später. Sie sind nicht bereit, bei ihrer Stimmabgabe Kompromisse zu machen – und warten lieber auf eine Kandidatin, die mehr ihren Positionen und Einstellungen entspricht.

Vielleicht kann Hillary Clinton diesen Kampf gar nicht gewinnen. Den Kampf um die Anerkennung der Frauen, vor allem der jungen. Vielleicht wird von ihr als Kandidatin zu viel erwartet. Denn Clinton ist mehr als eine Kandidatin: Sie ist ein Symbol. Und wenn sie scheitert, wird dies zwangsweise mehr bedeuten, als es eigentlich sollte. Aber, wie es schon im Trailer zu Election heißt: „Auf dem Weg zur Macht darf man einen Streber nie unterschätzen.

Von Julia Korbik

Julia Korbik ist freie Journalistin und Autorin. Das Kompliment vom Sportlehrer, sie mache Liegestütze so gut wie ein Junge, fand Julia Korbik schon in ihrer Schulzeit daneben. In Frankreich und Deutschland studierte sie European Studies, Kommunikationswissenschaften und Journalismus – und ärgerte sich über Leselisten, die nur männliche Autoren enthielten. Bevor es sie 2012 nach Berlin und zum Debattenmagazin The European verschlug, arbeitet sie u.a. für die WAZ und Cafébabel. 2014 erschien Julias Buch Stand Up. Feminismus für Anfänger und Fortgeschrittene (Rogner & Bernhard). 

6 Kommentare

  1. Lena

    Danke für diesen tollen Artikel! Ich finde es richtig, dass Ausrichtung und Inhalt bestimmend für die Wahl sein sollten, nicht so sehr Geschlecht oder Zugehörigkeit zu bestimmten Gruppen. Jemanden nicht zu wählen, weil er ein Mann ist, oder nur, weil sie eine Frau ist, wird wie ich finde einem modernen Feminismus nicht gerecht. Für mich ist Hillary eine Vorreitern; und eine sehr ernstzunehmende Politikerin. Es wäre schön, wenn es in Zukunft noch mehr davon geben könnte, in allen politischen Facetten. Aber bis dahin ist es eben wichtig, dass Frauen in hohen Positionen eine gute Sichtbarkeit erreichen; denn wir brauchen Vorbilder, auch wenn wir nicht in allen Punkten mit ihnen übereinstimmen, für das Gefühl, dass Frau alles schaffen kann, was sie möchte.

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  2. Henrike

    Wahnsinnig toller Beitrag, auch wenn ich nicht mit allem übereinstimme. Dennoch hat er mir wieder in Erinnerung gerufen, dass ich das Buch von Julia Korbik sowieso längst gelesen haben wollte. Direkt bestellt.
    Mehr davon bitte!
    Liebe Grüße

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  3. Elisa

    Klasse, dass ihr mit einem Artikel über internationale Politik so einen guten Mischmasch zwischen Lifestyle, Mode und den ‚ernsten‘ Dingen findet.

    Der Artikel ist super und auch wenn ich Bernie Sanders fast noch ein wenig vorziehe, denke ich, dass Hillary gegen den republikanischen Kandidaten mehr Chancen hat, weil Sie – anders als Sanders – bissiger und kampfbereiter ist. Ein echter Girlboss!

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  4. hannah

    ich finde den beitrag semi-gut. wäre sie ein mann, würde die frage, ob die zeit reif ist nie gestellt werden und schon gar nicht durch dämliche beispiele untermauert werden (eher versucht), und dass es den heutigen jungen frauen „zu wenig radikal“ zugeht stimmt von vorne bis hinten nicht – radikal ist denen eher ein dorn im auge, sie wollen eher egoistisch sein. ich könnte kotzen – so an sich. Hillary soll als Mensch kandidieren, für Menschen agieren und wenn sie fehler macht, dann ist das menschlich.

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  5. hannah

    oh und das wort girlboss ist wirklich eine plage geworden. sie ist eine erwachsene frau, die politik auf höchstem niveau macht. Bernie Sanders würde man nie nie nie als boyboss versuchen zu beschreiben, es wäre eine Beleidigung oder höchstens ein keiner Joke. Warum also immer diese Entschärfungen wenns um intelligente, hochqualifizierte Frauen geht? Thihi (augenverdreheeen hoch 10000000)

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    1. Kitty

      Das stimmt. „Girlboss“ ist schlimm.

      Dennoch ein guter Artikel, finde ich. Mit Hillarys Art hab ich auch so meine Probleme, aber auch weil der amerikanische Wahlkampf ganz ganz anders ist als hier in Deutschland. So laut und personenbezogen.

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