Trend „Feminismus“ // Bist du etwa auch ein*e Feminist*in?

Es ist zu einer Art Sport geworden. Auf den roten Teppichen, bei wichtigen Events, in Interviews, vor laufender Kamera. „Sind Sie Feministin?“, werden berühmte Frauen gefragt. Wer weiß, wie das Spiel läuft, hat eine eloquente Antwort à la „Feminismus ist das absolut Wichtigste für mich“ parat, oder „Ich liebe es, mit Frauen zusammenzuarbeiten!“. Wer mit der Antwort zögert, hat eigentlich schon verloren. In Form mundgerechter Zitate geht das Ganze alsbald durch die sozialen Netzwerke: „xy: Warum ich keine Feminist*in bin“ oder „xy hat nicht verstanden, was Feminismus ist“. Empörte User*innen und Co-Stars schalten sich ein, um der betreffenden Person zu erklären, warum sie sehr wohl eine*r Feminist*in ist und sich doch bitte auch so nennen soll. Zerknirschtes Einlenken, mea culpa, und die Erkenntnis: Ich bin Feminist*in! Dass es sich bei den so zur Ordnung gerufenen Personen fast ausschließlich um Frauen handelt, ist klar – bei Männern ist eine feministische Haltung ein netter Bonus, bei Frauen ist sie Voraussetzung. 

Feminismus als Trend

Das war nicht immer so. Vor fünf Jahren, als mein Buch Stand up erschien, wollten sich viele (berühmte) Menschen nicht als Feminist*innen bezeichnen. Taylor Swift verkündete, sie könne mit diesem „Jungs gegen Mädchen“-Ding nichts anfangen, Lady Gaga tönte, sie „liebe“ Männer und könne deshalb keine Feministin sein. Zwar gab es auch damals schon prominente Frauen, die sich öffentlich als Feminist*innen bezeichneten – Keira Knightley und Ellen Page zum Beispiel –, aber ein Massenphänomen war das Ganze nicht. Viele junge Frauen, mit denen ich ins Gespräch kam, schauten beim Begriff „Feminismus“ skeptisch, erklärten mir, sie seien auch ohne Feminismus emanzipiert und überhaupt, mit Alice Schwarzer könnten sie gar nichts anfangen.

Als ich in den letzten Monaten an der (komplett aktualisierten) Neuauflage von Stand up arbeitete, habe ich viel überlegt und reflektiert, was sich in den letzten fünf Jahren aus feministischer Perspektive geändert hat, was passiert ist. Neben all den kleinen und großen Erfolgen, den Rückschritten, den Frustrationen und der Naturgewalt namens #MeToo, ist da diese eine Sache, mit der ich und viele andere Feminist*innen so wohl kaum gerechnet hatten: Feminismus ist zum Trend geworden. Feministische Slogans zieren T-Shirts und Notizbücher, überall ist von „female empowerment“ die Rede und in der Zeitschrift Glamour findet sich unter den spätsommerlichen Outfit-Ideen der Look „Neuer Feminismus“. Alles Mögliche ist plötzlich feministisch: Unterwäsche, Shampoos, Lippenstifte, Monatshygieneartikel.

Keine große Sache

Der positive Effekt des Ganzen ist, dass der Begriff „Feminist*in“ nicht mehr sofort für Schnappatmung und misstrauische Blicke sorgt. Der negative Effekt ist, dass mit dem Begriff mittlerweile etwas sorglos um sich geworfen wird. So bekam Bundeskanzlerin Angela Merkel viel Kritik ab, als sie beim W20-Frauengipfel 2017 auf die Frage, ob sie Feministin sei, nicht mit einem deutlichen „Ja“ antwortete. Stattdessen sagte sie, in typischer Merkel-Manier: „Also, die Geschichte des Feminismus ist eine, bei der gibt es Gemeinsamkeiten mit mir, und es gibt auch solche, wo ich sagen würde, da gibt es Unterschiede.“ Sie wolle sich aber nicht mit den Federn anderer schmücken, Frauen wie Alice Schwarzer hätten schwere Kämpfe geführt. Auf dem Podium saß auch Ivanka Trump, die auf die gleiche Frage hin sofort versicherte, sie sei Feministin. Das Problem: Wenn Ivanka Trump Feministin ist – wofür steht Feminismus dann überhaupt noch? Feminismus ist zu einem Label geworden, dass viele, die progressiv und modern sind (oder zumindest den Eindruck erwecken wollen, sie seien es), sich schnell und gerne anheften. Und dann denken, damit sei es getan.

Ich gebe zu: Ich bin ein absoluter Fan von feministischen Outings. Davon, dass jemand so offensichtlich die gleichen Werte teilt wie ich. Ich bin Feministin, nenne mich so und stehe dazu. Wenn jemand sagt, er oder sie sei kein*e Feminist*in, frage ich nach, warum das so ist. Und trotzdem. Ich habe in den letzten Jahren viele Menschen getroffen, die stolz eine feministische Haltung für sich reklamierten – diese über reine Lippenbekenntnisse aber nicht hinausging, keinen Einfluss auf ihr Verhalten und ihr Leben hatte. Und ich habe viele Menschen getroffen, die sich jeden Tag für Gleichberechtigung einsetzen: in Beratungsstellen für Opfer sexualisierter Gewalt, in der Arbeit mit Geflüchteten, als Jurist*innen oder Politiker*innen. Menschen, die aber nicht unbedingt von sich sagen würden, dass sie Feminist*innen sind. Mittlerweile denke ich: Dann ist das eben so, auch wenn ich es mir anders wünschen würde. Tatsache ist, im Einsatz für Gleichberechtigung wird jede helfende Hand gebraucht. Der Journalist Till Raether spricht in einem Artikel für das Magazin Emotion sehr schön von „casual feminism“: feministisch handeln und sich für eine gleichberechtigte Gesellschaft einsetzen, ohne daraus eine große Sache zu machen.

Haltung zeigen

Dass andere Menschen sich als Feminist*innen bezeichnen, war früher außerordentlich wichtig für mich. Weil der Begriff zu so einem großen Teil von dem geworden war, was mich ausmacht und prägt. Daran hat sich nichts geändert. Ich finde es immer noch wichtig, mich selbst dezidiert als „Feministin“ zu bezeichnen (und nicht als „Humanistin“, was mir erst letztens wieder von einem Mann empfohlen wurde). Wie die US-amerikanische Feministin Gloria Steinem sagt: „If you say, I’m for equal pay, that’s a reform. But if you say, I’m a feminist, that’s a transformation of society.” Es ist mein Anliegen, dass Menschen verstehen, was Feminismus ist – und was nicht. Dass sie verstehen, warum Feminismus immer noch gebraucht wird und der Kampf noch lange nicht vorbei ist. Gleichzeitig stöhne ich laut auf, wenn ich Aussagen prominenter (und weniger prominenter) Menschen mitbekomme, die sich ungefähr so zusammenfassen lassen: „Glaubst du, dass Männer und Frauen gleichberechtigt sein sollten? Dann bist du Feminist*in!“

So einfach ist es, finde ich, nicht. Natürlich: Feminismus, das ist für mich die Überzeugung, dass alle Menschen die gleichen Freiheiten und Rechte haben sollten, egal, welches Geschlecht oder welche Sexualität sie haben. Zu dieser Überzeugung gehört für mich aber eben auch, sie in die Welt zu tragen und vor allem aktiv etwas zu tun, damit die Verhältnisse sich ändern. Gerade heute, wo vieles als feministisch gilt, ist es wichtig, gegen die Sinnentleerung des Begriffs zu kämpfen – und „Feminismus“ weiterhin mit Inhalten und konkreten Forderungen zu füllen.

Der Text enthält Auszüge aus Stand up! Feminismus für alle, das am 7. August 2019 bei Kein & Aber erscheint.

2 Kommentare

  1. Jana

    Ach wat, es ist doch noch viel schlimmer: übergriffige Männer nutzen den Begriff Feminismus fürs Dating und die Imagepflege aus. Vergewaltiger mit Gender-Sternchen, fick ja!

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