Protokolle aus dem Leben //
Alina Sonnefeld (18) darüber, ein Mädchen zu sein.

19.10.2015 um 9.45 – box2 Feminismus Gesellschaft
feminismusCollage: Jane Wayne

Vergangene Woche bekam ich eine Mail, die mich besonders berührt hat, sie kam von Alina, einem ziemlich schlauen Mädchen, das sich große Gedanken über unsere Welt macht, darüber, was es bedeutet, ein Teenager im Jahr 2015 zu sein, eine Frau, ein Mädchen. Hier ist, was sie uns zu sagen hat:

Ich bin 18 Jahre alt, weiblich, lebe in einer netten kleinen Großstadt und hab lange Zeit friedlich mein Ding gemacht. Bis mir, zeitgleich mit der Entdeckung meiner Weiblichkeit, bewusst wurde, dass sie mir anscheinend nicht gänzlich allein gehört. Die ganze Welt hat Anteil daran, was es bedeutet, ein Mädchen zu sein und wie ich mich nun als Frau zu verhalten habe. Mein bester Freund und ich können kaum auf die Straße gehen, ohne dass mich zwei Stunden später eine Bekannte anschreibt: „OMG du wurdest mit xy händchenhaltend in der Stadt gesehen – was ist da los???“ Mädchen und Jungs können offensichtlich noch immer nicht befreundet sein. Geht nicht. Ein Ding der Unmöglichkeit. Wir sind einfach zu verschieden.

Für manche meiner männlichen Freunde bin ich die einzige weibliche Person (ausgenommen von der Mama vielleicht), die sich in ihrer Gegenwart normal verhält. Mädchen müssen vor Jungs immer noch lieb sein und nett und erst recht nicht besserwisserisch, zu stark oder gar irgendwie anders.

Mir fällt immer wieder auf, dass man sich der Existenz solcher Regeln nur wage bewusst ist, sofern man sich selbst nicht gern an selbige hält. Das bedeutet aber nicht, dass sie nicht noch immer gelten. Freunden am Telefon mit der Begründung „Ich habe vor, heute noch Sex zu haben.“ abzusagen, während andere menschliche Lebewesen in der Nähe sind, ist auch eher riskant. Frauen dürfen keine Sexualität haben – und Mädchen schonmal gar nicht. Sexualisiert wird aber trotzdem jedes einzelne meiner Körperteile.

Oben ohne zu baden oder zu bräunen, das würde ich mich niemals trauen. Selbst das eine schöne Bild von meinem Rücken im Bikini vor Felsen und Meer, darf nicht in das bedrohliche WorldWideWeb gelangen. „Ein Mädchen im Bikini zu sehen, muss sich ein Junge irgendwie verdienen“, warnt mich eine Freundin. Womit ich mir verdient habe, den ganzen Sommer von rotgefärbten Bierwampen beglückt zu werden, frage ich mich im Gegenzug schon länger.

Noch ein alter Hut: Der „Mann“ will immer nur „das Eine“. Das wird allen Geschlechtern von Kindesbeinen an eingetrichtert. Wenn für den männlichen (Bett-)Partner das „Eine“ dann aber ausnahmsweise nur Schlafen ist, bricht eine Welt zusammen. Da kann doch was nicht stimmen! der flunkert.

Die Dummheit der Homophoben bleibt mir ebenfalls ein Rätsel: Zwei sich liebende Männer sollen eklig sein, widernatürlich, werden beschimpft und ausgegrenzt. Zwei Frauen die sich lieben: naja, das geht natürlich auch nicht, aber zur Kategorie „Lesben“ auf youporn sagt man dann doch nicht nein. Ist ja schon irgendwie geil.

Es ist ein schmaler Grad, auf dem man sich als Mädchen bewegt. Auf der einen Seite sollen wir riesige Brüste, DEN Fitnesspo, eine Lücke zwischen den Oberschenkeln und krasse Schlüsselbeine haben (also Kurven UND Knochen – häh?) – wenn wir allerdings mal einen Knopf zu viel von der Bluse öffnen oder der Rock zwei Zentimeter hochrutscht, dann erregt das mehr Aufmerksamkeit als das letzte Erdbeben in Südostasien.

Auch wenn man ausgeht, muss man auf der Hut vor dem allzeit einsatzbereiten Schlampenstempel sein (siehe auch: Slut Shaming). Roter Lippenstift ist gefährlich – ebenso Rumgeknutsche mit fremden Menschen.

Als Mädchen darfst du niemals einfach zu haben sein. Niemals!! Bist du es doch, vielleicht, weil du ganz einfach Spaß daran hast, endest du selbstredend als alte einsame Alleinstehende, bist ständig traurig und tröstest dich mit viel zu vielen Katzen, die dich annagen werden, sobald du irgendwann tot umkippst. Logisch.

So wurde mir also Schritt für Schritt bewusst, dass die Gleichberechtigung von Frau und Mann noch ganz schön lahmt. Etwa zeitgleich habe ich angefangen, mich intensiver mit Feminismus zu beschäftigen. Dass Frauen und Mädchen einen Großteil der Menschen unterhalb der weltweiten Armutsgrenze ausmachen und ziemlich häufig nicht Lesen und Schreiben können, Beschneidungen an der Tagesordnung stehen und Vergewaltigungen oft noch als Kavaliersdelikte abgetan werden, sollte mittlerweile auch in den letzten winzigen patriarchalen Gehirnen angekommen sein. Dass man den gleichen Frauen nun wirklich keinen Schaden zufügt, indem man den Mund aufmacht und etwas gegen diese Missstände unternimmt, anscheinend nicht. Ganz zu schweigen von den Missständen, die auch hier noch immer herrschen. Uns gehts ja vergleichsweise gut, warum also beschweren.

Für mich persönlich ist das Auffälligste am Feminismus derzeit die Welle an Hass, die ihren Vertreter_innen entgegen schwappt.

„Warum?“, fragte ich mich mit jugendlicher Neugier. Warum können sich so viele Menschen im 21. Jahrhundert nicht damit abfinden, dass sie sich im Grunde durch nichts fundamental von anderen Menschen unterscheiden? Dass Privilegien abgeschafft werden müssen. Dass dazu aber irgendwer den Mund aufmachen muss.

Das war der Anfang meines Projektes „GLEICH.“.

Ich wollte einen Kurzfilm drehen, bestehend aus Menschen, die erklären, was Feminismus für sie überhaupt bedeutet. Im besten Fall wäre noch eine Fotoreihe entstanden, welche selbsterklärte Feminist_Innen zeigt. Ich wollte Menschen auf der Straße finden, statt gezielt schon bekannte Gesichter abzugrasen.

Das Ende meines Projektes „GLEICH.“ war, dass sich niemand, aber wirklich niemand zum Thema Feminismus äußern wollte. Dabei benötigen wir das doch am Dringendsten: einen Diskurs.

Die größte Weisheit in meinem bisherigen kurzen Leben, kommt nämlich von meinem Papa: „Es gibt überall sone und solche.“ Klingt simpel, ist aber ebenso wahr.

Es gibt Männer, die wollen eine dumme Frau.

Und welche, die wollen das nicht.

Es gibt Frauen, die wollen einen Mann, der stets die Initiative ergreift und zeigt, wo es lang geht.

Und welche, die wollen das nicht.

Es gibt Frauen, die wollen eine Frau.

Und es gibt Männer, die wollen keine.

All diese unterschiedlichen Persönlichkeiten sind gleich, sie alle sind nämlich vor allem eins: Menschen. Genau das sagt für mich der Feminismus aus. Es gibt sone und solche und wer sich selbst als denkend bezeichnet, sollte nicht nur Toleranz, sondern auch Respekt zeigen. So schwer ist das doch nicht. Sonst hält man sich doch auch allzu gern an Regeln:

Ganze Bibliotheken sind inzwischen vollgeschrieben worden mit absurden Lehrbüchern. Was du tun sollst. Wie du sein sollst. Was du anziehen sollst, wenn du eine Frau oder ein Mädchen bist. Und immer geht es ums „müssen“.

Dabei musst du gar nichts – außer dir darüber bewusst werden, was du willst. Wer du sein willst. Für was du einstehen willst. Wenn man kurz darüber nachdenkt, fällt die Antwort sogar ganz leicht: Wir sollten alle frei sein dürfen. Deshalb bin ich Feministin. Und stelle jetzt mein Bikinibild auf Facebook.
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Von Alina Sonnefeld.

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20 Kommentare

  1. Merle

    Geht mir genau so Sophie! Schöner und ehrlicher Text. Er katapultiert mich direkt ein ganz paar Jahre zurück in die Zeit wo wir den Sommer über mit Gitarre am Lagerfeuer saßen und uns Gedanken über das Sein gemacht haben.

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  2. Maxi

    Tolle junge Frau! Mich hat der Text sehr berührt … (Möchte gern als Schwester einer Schwester und zwei Teenie-Brüdern noch hinzufügen, dass die Jungs es leider auch oft sehr schwer haben, gerade weil sich keine Frau außer vielleicht Mama oder Schwestern normal verhalten kann, in deren Gegenwart – Aber das ist natürlich ein anderes Thema) .. GO, Alina!

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  3. Siba

    Ganz ganz groß! Hut ab! Mit sicherer Wortgewandtheit präzise auf den Punkt gebracht. Sone & solche: Ein Statement, das sich jeder hinter die Ohren schreiben sollte. So schwer zu merken dürfte das auch nicht sein. Weiter so, Alina! Und ein Dankeschön an Janewayne, dass ihr solchen intelligenden Nachwuchsjournalisten Platz auf eurer Seite einräumt.Applaus.

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  4. Verena

    Alina,
    herzlichen Glückwunsch für deine Meinung!

    Seit ich Mutter bin, habe ich zu dem Thema nochmal ganz neue Erfahrungen gemacht. Früher musste ich mir auch immer solche Dinge anhören, bis ich meinen heutigen Mann kennen lernte und „brav“ wurde, wenngleich es genau ER war, der sich gefreut hat, eine starke und selbstbewusste Frau kennenzulernen.
    Und in den letzten 2 Jahren mit mittlerweile zwei kleinen Jungs muss ich realisieren, dass sich an dem ganzen Frau-Mann-Ding solange nichts ändern wird, solange Eltern, Großeltern und alle Anderen so viel Gewicht darauf legen, Stereotypen heranzuziehen. Jungs müssen blau tragen, Mädchen rosa. Jungs sollen mit Baggern spielen, Mädchen mit Puppen. Mein Zweijähriger ist dann „arm dran“, weil er eben beides hat. Weil ich ihm seine süßen Löckchen eben erst jetzt abgeschnitten hab, weil sie langsam zu Dreadlocks wurden. Jede Klamotte, die irgendwie Unisex sein könnte, wird noch mal vorsichtshalber mit „Little Princess“ und Glitzersteinen bedruckt oder eben mit Ritter Rost. Neulich war ich bei H&M und auf der Suche nach der Kleinkindabteilung wurde ich gefragt: „Mädchen oder Junge“ und als ich das Ergebnis sah, bin ich rückwärts wieder rausgestolpert aus dem Laden.
    Wir haben uns beim zweiten Kind überraschen lassen, obgleich wir wussten, dass es wieder ein Junge wird. Und doch war ich immer wieder erstaunt, wie dringend alle die Frage nach dem Geschlecht beantwortet haben wollten. Teilweise mit Unverständnis und Enttäuschung reagierten. In Deutschland sind Gynäkologen angewiesen, das Geschlecht, sollte es bereits auf dem Ultraschall erkennbar sein, nicht vor der 13. Schwangerschaftswoche mitzuteilen. Bis dahin kann man nämlich noch abtreiben. Es gäbe noch ewig weiter Beispiele.

    Solange Menschen, Frauen oder Männer, Jungs oder Mädchen, andere Grenzen damit nicht überschreiten, sollen sie doch bitte selbst entscheiden dürfen, wie sie sind. Mädchen sollen sich genauso wie die Schweine im Matsch wälzen, wenn sie das denn möchten. Jungs sollen genauso weinen oder sich Schleifchen ins Haar binden lassen. Es gibt genügend Unterschiede zwischen weiblich und männlich. Die muss man nicht alle platttrampeln, man sollte sie aber eben auch nicht noch größer machen. Wer das nicht kapiert und akzeptiert, ist wirklich Mittelalter.

    Ich wünsche dir und deiner Generation, dass ihr die Power habt, euren Lebenswunsch so durchzuziehen. Dass ihr nicht wieder in die typischen Muster fallt, nur weil sie euch irgendwann oft genug vor die Nase gehalten wurden. Dass ihr Vorbild sein könnt für die, die sich noch nicht so trauen, mal ein bisschen aufmüpfig zu sein. Und dass „GLEICH“ irgendwann doch noch real wird.

    Verena.

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  5. Laura

    Liebe Nike, danke für das Vorstellen dieser tollen Dame und vor allem… liebe Alina, danke für die tollen ehrlichen Worte. Ich hab in letzter Zeit immer mehr das Gefühl gehabt, dass viele junge Mädchen und Frauen sich gar nicht mehr mit ihrem eigenen Geschlecht, den damit verbundenen Misständen und auch der Welt um sie heraum auseinandersetzen wollen. Deine aussagen geben mir aber wieder wirklich Hoffnung.
    Mit meinen verhältnismäßig immer noch ziemlich jungen 29 Jahren, kann ich dir sagen, einige Dinge werden besser, andere ändern sich aber auch mit dem Alter nicht und wahrscheinlich glauben auch mit 50 die Leute noch immer an deinem Körper und deinem Leben teilnehmen zu dürfen, nur weil die eine Frau bist.

    Lass dich in jedem Fall nicht unterkriegen und behalt dir diese kritische Sichtweise bei. Solche Damen braucht die Welt nämlich! Eigentlich sollten wir uns ohnehin alle viel mehr vernetzen, um endlich zu merken, dass wir gar nicht so alleine sind, wie wir immer denken!

    You go, Girl!

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  6. Julia

    Liebe Alina,

    durch dich habe ich Hoffnung geschöpft. Hoffnung, dass die 18jährigen von heute sich doch tatsächlich auch Gedanken machen. In deinem Alter habe ich das nämlich kaum getan und schaue deshalb meist ziemlich herablassend auf die Teenies unserer Zeit, weil sie mich so sehr an mich selbst erinnern. Danke!

    Julia

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  7. Damla

    Was für ein grandiose Text! Ich kann dich so gut verstehen. Da ich Freunde wie Freundinnen behandelte, wurde mir immer gesagt, ich sei zu offen. Wenn ich mit Freunden sprach, als ob ich mit einer Freundin sprechen würde, hieß es sogar einmal ich würde zu viel baggern.
    Irgendwann habe ich mir dann vorgenommen, mir keine engen männlichen Freunde mehr zu suchen, weil ich keine Lust mehr hatte mir solche Dinge vorwerfen zu lassen.

    Auch jetzt merke ich noch, dass wir im Zeitalter der Gleichheit nicht angekommen sind. Ich werde schamlos von älteren Männer angebaggert. Einem jungen Mann würde das nicht passieren.

    Ich studiere Philosophie, mein Freund Jura. Ich möchte später mein eigenes Geld verdienen und auf meinen eigenen Beinen stehen. Dennoch kommt es häufig vor, dass mir gesagt wird: Ach naja, wenn dein Freund Jura studiert, dann musst du ja auch nichts richtiges werden. Oder: Super, dann bist du ja später eine Juristen-Frau.
    Wieso sollte mein Freund nicht der Mann der Philosophin sein ?

    Leider denken immer noch viel zu viele Menschen in Geschlechtertrennung. Dabei war man schon vor Jahrhunderten viel weiter. Schaut man in die Antike (Platon „Der Staat“), hatte Platon schon in seinen Ideen von der Gesellschaft fortgeschrittenere Gedanken als manch ein Mensch heute. In seinem Staat beschreibt er eine unabhängige Frau, die arbeitet und deren Kinder betreut werden sollten. Die Homosexualität solle erlaubt sein.
    Wo stehen wir heute ? An einem Null-Punkt. Man sollte häufiger öffentlich seinen Senf dazu geben, somit wird sich vielleicht mal was ändern! So.

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  8. Magda

    Liebe Alina,
    Super geschrieben, ich weiß, wie schwierig das sein kann, so viele Gedanken in (relativ nachvollziehbare) Worte zu fassen. Das ist dir hiermit überdurchschnittlich gut gelungen! Ich würde mich sehr freuen, wenn das Projekt „GLEICH“ eine zweite Chance von dir erhält. <3

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  9. Ilse

    Danke, Alina! Bin eine Generation feminismus-älter, gehe gerne mit euch in die neue Runde, die ist auf jeden Fall dran.

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  10. Susanne

    Was für ein umwerfender Text und was für umwerfende Kommentare! Mein Gott, ich bin so froh, so was zu lesen! Es ist etwa 40 Jahre her, damals war ich jung und wir dachten, so, nun ist das also gesagt und geschafft und Allgemeingut und nun weiter, voran zu neuen Ufern, aber so war es nicht, man kämpft den ewig gleichen Kampf immer weiter, ja es scheint – so unfassbar es kling – sogar wieder rückwärts zu gehen.
    Ich bin so froh über diesen Text und wenn es nun mal so ist, dass für diese Sache immer noch gekämpft werden muss, so absurd das klingt,, dann bin ich um so glücklicher, dass es immer noch Menschen gibt, die dafür kämpfen, und stolz auf diese Menschen.

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  11. Marie

    Das was du schreibst, liebe Alina, kommt mir nur allzu bekannt vor. Feminismus ist in dieser Gesellschaft einfach verpönt, Sexismus aber immer noch ein großes Problem. Auch wenn die 68er Bewegung sicherlich einiges erreicht hat, sollten wir nicht an diesem Punkt stehen bleiben. Lasst uns das gemeinsam angehen und uns entschieden gegen Sexismus stellen!

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