Brain Blah // Darf man manchmal eine gemeine Mistkuh sein?

06.09.2016 um 7.30 – box1 Gesellschaft Leben Wir

brain blah darf an manchmal gemein sein thisisjanewayne

Ich war jetzt sehr lange sehr verliebt in den Heiligenschein der Harmonie. Immer um Diplomatie bemüht, stets freundlich und bescheiden, manchmal sogar unsichtbar, jemand, der eher schweigt als zu streiten und rot anläuft, sobald andere gemein werden. Also jedenfalls grob zusammengefasst, so als Freundin, Partnerin, Ex, Bekannte oder Unbekannte. Beim motzigen Inder etwa entschuldige ich mich seit mittlerweile drei Jahren dafür, im Dachgeschoss zu wohnen, er bekommt sogar Extra-Trinkgeld zum Sowieso-schon-Trinkgeld, wegen der Bonus-Treppen. Dabei hat er es in Wahrheit noch nie über die Belle Etage hinaus geschafft, wenn es klingelt, renne ich meinem Palak Paneer ohnehin entgegen, als sei der flammende Curry-Spinat mein persönlicher Sonnenuntergang. Herr Lieferservice hingegen schlendert tendenziell und bleibt manchmal sogar heimlich stehen um Stufen zu sparen. Ich merke das, aber schweige. Bloß anderen nicht zur Last fallen. Ist egal, dass der nie danke sagt. Ist auch egal, dass der Nachbar von unten nie grüßt, aber böse guckt und seine Frau ebenfalls schaut, als laste sämtliches Übel der Welt auf ihren Schultern. Vielleicht tut es das ja. Deshalb winke ich an guten Tagen ganz versöhnlich rüber. Es tat mir auch leid, als ich neulich einem Betrunkenem im Park im Weg herum lag, echt. Und richtig, was versuche ich auch mit einem 20 Euro Schein zwei fünfundzwanzig Cent Brötchen zu bezahlen, die es noch dazu überhaupt nicht gibt, weil „dit sind Schrippen!“. Tschuldigung, ich hätte es wirklich verdient gehabt, in meiner Dekadenz zu ersaufen.

Jetzt ist es aber nunmal so, dass das immanente Höflichkeits-Töpfchen irgendwann auch echt mal voll ist. Es fing also an, in mir zu brodeln. Und wie es brodelte.

Sowas muss passieren, wenn Befindlichkeiten wie Missmut, Wut und Zorn, Zermürbtheit, Unverständnis, Enttäuschung oder impulsive Anflüge von leichter Feindseligkeit nicht unverblümt ausgespuckt, sondern wiedergekäut und runtergeschluckt und auf heißester Flamme weiter gekocht werden, immerzu. Diesen Zustand innerer Erregtheit im asexuellsten aller Sinne sieht man mir jedenfalls seit Neuestem unweigerlich an einem Bohnen-förmigen Fleck neben der Nase an, meinem rotwarmen Wutfleck, der als Seismograph meiner psychischen Konstitution funktioniert. Muss ein körpereigener Schutzmechanismus sein, eine Aufforderung zum Handeln. Vor ein paar Wochen hatte ich das Gefühl, mir würde aufgrund desselbigen jetzt schlussendlich das Gesicht explodieren. Infolgedessen beschloss ich, endlich eine gemeine Mistkuh zu werden. Zumindest temporär. Mir selbst zuliebe. Denn Zweitausendlovezehn als Lebensmotto klingt zwar hoffnungsvoll, aber was bringt einem das Dasein als Butterblume, wenn ringsherum nur dornige Rosen stehen. Man endet zerkratzt und vernarbt. Zeit für Zweitausenfickzehn.

Es ist selbstverständlich nicht erstrebenswert, ein mies gelauntes egoistisches Schattengewächs zu werden oder gar eine schlechte Person und böse, darum geht es nicht. Sondern um den menschlichsten aller Makel: Die Fähigkeit zur Gefühlsbildung, die zuweilen Schwächlinge aus uns macht. Nicht, weil wir fühlen, sondern weil wir dieses Fühlen so selten zeigen, wegen der Feigheit. Der Sorge, anderen auf den Schlips zu treten, der Gefälligkeit. Eine unfreundliche Brötchenverkäuferin ist das Eine, das Kleine, das Nichtige. Soll sie pöbeln. Aber Leute, die ständig in Deckung gehen, wie ich bisweilen, neigen auch im engsten Kreis zum Jasagen, selbst dann, wenn die eigenen Energie-Ressourcen längst auf Reserve laufen. Das ist zwar gut gemeint, aber auf Dauer überaus ungesund. So werden aus Liebsten Blutegel, die dich leer saugen. Aus Verabredungen Termine mit Muss-Faktor. Und aus der einstigen Leichtigkeit ein schwerer Druck auf der Brust. Schon ein kurzweiliger Ausstieg aus dem Harmonie-Business kann deshalb Balsam für die Seele sein, das weiß ich jetzt, und auch dass ein gutmütiger Charakter glücklicherweise ein gutmütiger Charakter bleibt, daran ändern auch kleine bis mittelgroße Aussetzer nichts.

Vor ein paar Wochen hatte ich so einen wohltuenden Aussetzer, ich mutierte zur krassesten Mistkuh von allen. Inklusive in-den-Hörer-Brüllen und neue-Liebeleien-von-Verflossenen-beschimpfen. Ich war dumm und oberflächlich und unfair, eine Löwenmutter, Ex-Monster und unerträglich. Aber ich war in dem Moment ich. Nicht nett, aber echt und zum ersten Mal ehrlich. Befreiend war das und klärend und nötig. Am nächsten Morgen klingelte mein Telefon, Spontanbesuch aus der Heimat kündigte sich an. Ich sagte erstmals nein zum Trippel-Schlafplatz und fühlte mich mies, aber die Vorstellung, das sechste Wochenende in Folge keine Sekunde Ruhe oder Privatsphäre abzubekommen, fühlte sich noch mieser an. Man war mir nicht böse, kein Stück. Man hatte sogar Verständnis. Und wäre dem nicht so gewesen, ich hätte es nicht anders gemacht, nein, nicht anders machen können. Ohne Sonntagsruhe wäre mir selbst ein Spontanbesuch in der Klapse sicher gewesen, daran besteht kein Zweifel. Dann, wieder beim beeindruckend barschen Bäcker und noch ganz euphorisiert von der neuen Superkraft, hatte ich die Schnauze plötzlich voll. Man könne sowas wie Wechselgeld kaufen, dafür gebe es Banken, ätzte ich zurück, und außerdem wäre ich die schlechte Laune in diesem Laden jetzt wirklich ein für allemal satt, was denn eigentlich das scheiß Problem hier sei. Ich wurde nicht rausgeschmissen. Ich wurde nur schräg angeschaut, mit einem kessen Zucken in der Unterlippe, fast ein Lächeln war das, endlich als Kundin akzeptiert und fortan höflich bedient. Es kann so einfach sein.

Eine gewagte These, ich weiß, aber gut möglich, dass ein bisschen wohl dosiertes Arschlochsein es vermag, die Welt hin und wieder zu einer besseren zu machen. Jedenfalls die eigene. Und auch wenn wir es zuweilen nicht wahrhaben wollen, denn Egoismus gilt keinesfalls als salonfähig, das Glück fängt damals wie heute meist irgendwo in uns selbst an. Wir sollten also ganz dringend damit anfangen, uns endlich wieder mehr um uns selbst statt um die Meinung anderer zu kümmern.Dann kommt die Harmonie sowieso von ganz von allein. Und das Palak Paneer vielleicht auch mal bis ins Dachgeschoss.

26 Kommentare

  1. Mimmi

    Ahahaha das kenn ich. Ist man einmal authentisch wütend ….zack dreht sich alles….. ganz wichtig:
    Nicht entschuldigen

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  2. Liesa

    Du sprichst mir aus der Seele. Ich muss nur lernen, dass ich mir danach doch nicht den Kopf zerbreche.

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  3. Renate

    Jawooolll !! Und jedes Jahr das man älter wird bringt einen ein Stück weiter. Ich bin wirklich hilfsbereit und höflich aber ich lasse mir nicht mehr alles gefallen und nehme definitiv nicht mehr alles hin. Und es tut so gut . Es bringt auch sehr oft genau die Wende die man möchte. Wenn sich keiner traut ändert sich auch nichts

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  4. dorothea

    Sehr unterhaltsam geschrieben und äußerst wahr1 ;D Ich drücke dir die Daumen, dass der Inder künftig bis nach oben läuft (hier ist es übrigens der Vertretungsbriefträger, der so faul ist). Hab einen schönen Tag!

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  5. Franzi

    Danke, der Artikel kommt genau richtig. Wir haben uns vor Kurzem ein Haus gekauft, bei dem noch lange nicht alles fertig ist – das sollte es aber im Januar sein. Blöd eigentlich, aber gut für mich, dass ich in den letzten Monaten gelernt habe, einfach immer und ganz deutlich zu sagen, was mir nicht passt. Gemeine Mistkuh hin oder her. Und so hab ich aus den ganzen Widrigkeiten auch für mich etwas mitgenommen und spreche Unzulänglichkeiten seit neuestem einfach immer aus. Beim Bäcker, beim Maler oder im Büro. Und das fühlt sich ziemlich richtig an.

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  6. Laura

    Liebe Nike, ich kann das so gut nachvollziehen. Du sprichst mir mit dem Artikel echt aus der Seele! Bei mir ist vor ein paar Monaten auch endlich der Knoten geplatzt UND ES TUT GUT nicht immer net zu sein. Zu schnell tendiert man dann nämlich auch dazu sich von anderen ausnutzen zu oder sich sogar ganz die Butter vom Brot nehmen zu lassen. In diesem Sinne: WORD! <3

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  7. Anne

    Obwohl dieses Thema bei mir (zum Glück?) kein lautes ‚Identifikations-Dingdingding‘ ausgelöst hat, danke, Nike. Du hast eine so wundervolle Schreibe, jeder Text ist ein Vergnügen.

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  8. Anna

    Bin leider auch dieser Typ. Ich sage mir immer, ich habe Prinzipien, ich bleibe vernünftig, d.h. ruhig, auch wenn die anderen Scheiße bauen. Aber das ist Schwachsinn. Man braucht manchmal solche Ausbrüche. Nicht selten staut sich sonst die Wut, bis es einem die Sprache verschlägt. Und das ist auf Dauer auch einfach nur destruktiv für Körper und Geist. Danke fürs dran Erinnern! 😉

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  9. Sysa

    Oh ja, irgendwann ist auch mal vorbei mit dem Liebes-Mädchen-Sein, vorallem wenn man sich doch eigentlich schon -nicht nur vom Alter her – als Frau bezeichnen könnte. Das mit dem immerzu nett und lieb und höflich sein, ist eben auch krass ans Gender gebunden.
    Aber: Dit sind Schrippen! 😉

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  10. Pi

    yo, dit kenn ich.
    schlucken, lächeln, schlucken, lächeln, friedefreudeeierkuchenharmonie…bis einem der arsch platzt.
    das problem ist, dass das umfeld es gar meist gar nicht so bös meint oder gar nicht checkt, und dann (zu recht) vollkommen überrascht ist, wenn das honigkuchenpferd auf einmal zur furie mutiert.
    und man selbst schlägt dann aufgrund der angefressenen wut so über die stränge, dass man verletzend wird, wo es gar nicht nötig ist und dann auf einmal selber der „schuldige“ ist und ein schlechtes gewissen hat/haben muss.

    ich habe dieses verhalten an mir auch schon oft beobachtet und versuche jetzt aktiv, schon frühzeitig für mich und für andere einzustehen, wenn jemand doof/gemein/unfair ist, BEVOR es richtig anfängt zu brodeln.
    denn dann kann man noch rational argumentieren und die botschaft ruhig und bestenfalls mit einer prise entwaffnendem humor rüberbringen, so dass sie auch ankommt. nur so kann man wirklich für sich einstehen und eskalation vermeiden. das ist echt viel schwerer als es sich anhört, wenn man der harmonie zuliebe immer jedem konflikt aus dem weg gehen mag und es allen hübsch und gemütlich machen will, aber ziemlich gut für den aufbau respektvoller beziehungen.

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  11. Melanie

    SO ein wahrer und gelungener Text! Wie oft stand ich schon an der Kasse und hab mich entschuldigt, weil ich meine Karte nicht innerhalb von 2 Sekunden gefunden und währenddessen alles eingepackt habe? Ich bin auch eindeutig zu nett für diese Welt. Öfter „nein“ sagen ist jetzt auch zu meinem festen Vorsatz geworden.

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  12. Virginia

    Hach, wie gut ich das kenne! Manchmal verfluche ich meine Mutter für ihre Erziehungsarbeit, die mich lange dazu gezwungen hat nett zu sein und die Klappe zu halten. Es ist aber auch schön zu sehen, wie man sich mit den Jahren entwickelt. Mittlerweile lasse ich mir nicht mehr alles gefallen und mache den Mund auf. Natürlich klappt das nicht immer – aber immer öfter. Ich bin aber genauso glücklich, dass ich an der richtigen Stelle nett sein kann. Das könnten meiner Meinung nach viele Menschen noch lernen!

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  13. Sarah Naima

    Liebe Nke, das Plädoyer für Rückrad ist schön zu lesen. Nur schade, dass es dabei, wie so oft, das Exempel am Niedriglohnsektor stauiert wird, mit Sicherheit nicht absichtlich.

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  14. Mikomi

    Ich war früher auch so.
    Hab immer nur zu allem Ja und Amen gesagt, um keinen Stress zu haben.
    Seit gut zwei Jahren frage ich mich allerdings: Was genau habe ich davon, wenn andere mir ans Bein pissen und ich die Sache schweigend und vielleicht sogar noch lächelnd über mich ergehen lasse? Das ich mich Abends vor den Spiegel stellen, und sagen kann „Ja, ich war in diesem Fall die Vernünftigere.“ ?
    Ausschlaggebend war auch ein Spruch über den ich damals gestolpert bin: „Der Klügere gibt nach (das kennen wir alle ja schon) und deshalb haben die Dummen das sagen.“

    Wie ein solches Leben, in dem man immer nur runterschluckt, dann aussehen kann, sehe ich an einer Freundin von mir.
    SIe hat kein Selbstvertrauen und stellt, um es anderen immer recht zu machen, ihre eigenen Bedürfnisse hinten an.
    Dann aber irgendwann jammert sie, dass ja nie die Bedürfnisse in ihrem Leben befriedigt werden, und ist frustiert.
    Und die Leute, die es geschafft haben ihre Bedürfnisse zu bekommen, weil sie eben etwas auch dafür getan haben, die neidet sie dann an.
    Besonders schlimm ist es bei Leuten im näheren Bekanntenkreis.
    Schlägt man ihr vor, sich doch nicht immer alles gefallen zu lassen, kommt ja das argument dass man eben nicht so selbstbewusst ist usw.
    Armes angeschossenes Bambi halt.

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  15. Lena

    Kenne ich, ging mir lange auch so. Aber ich habe das Gefühl, dass es mit jedem Jahr, was ich älter werde, besser wird und geworden ist. Wenn ich drei, vier Jahre zurück denke, kommt es mir manchmal vor, als wäre ich das gar nicht gewesen. Mir gehts viel besser, seit ich nicht mehr aus Nettigkeit oder Pflichtgefühl auf Parties gehe, meine Zeit mit Leuten verbringe, die ich eigentlich nicht mag etc. Und ehrlich sein, das ist auch ein guter Punkt… die halbe Wahrheit ist nämlich eigentlich noch nie so wirklich gut gewesen. Egal für wen. Also weiter so!

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  16. Steffi

    Ich denke ja immer, ich bin allein mit dem Problem. Tut gut zu hören, dass sich Andere auch so schwer tun mit dem Nein-Sagen. Vielleicht sollte ich aber doch auch mal damit anfangen. Dein Text jedenfalls macht mir Mut!

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  17. Seboldo

    Hm, habe eben mit deinen Nachbarn von unten gesprochen. Sie sagen, es sei genau andersrum mit dem Nichtgrüßen und Bösegucken.

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  18. Elina

    Liebe Nike, du sprichst mir mit jedem verdammten Wort von der Seele. Danke für diesen wunderbaren Artikeln, der auch noch mehr als großartig geschrieben ist!

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