Unbequeme Wahrheiten: Ist es Zeit, zurück in die Heimat zu ziehen?

31.08.2021 Leben, box1, Kolumne

Neun Jahre ist es her, dass ich, frisch aus der Schule, meine erste Wohnung bezog, mitten in Berlin Wedding, mindestens grün hinter den Ohren, aber einer Sache sicher: Die Heimatstadt für immer (wenn nicht noch länger) hinter mir zu lassen. Zu staubig, nichts los und abgegrast. Bereit für neue, spannende Ufer der Hauptstadt war ich, so wie alle meine Freundinnen und so viele andere, die jedes Jahr nach Schule, Ausbildung oder Erststudium ihre Heimatstadt verlassen. Neun Jahre, diverse persönliche Krisen, ein unmöglicher Wohnungsmarkt, ein gekippter Mieterdeckel und eine Pandemie später, schaue ich mich bei jedem Heimatbesuch ganz genau um. Die Lebensqualität, die Familie so nah, alles sauber, alles ruhig. Aber hier leben? Nein danke — oder etwa doch?

 

 
 
 
 
 
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Ein Beitrag geteilt von Fabienne Sand (@ffabae)

Lange Zeit haben wir damit verbracht, uns haarspalterisch von unserem alten Leben abzugrenzen. Was teilweise im Elternhaus gesagt und praktiziert wurde, habe ich lange nach meinem Weggang als absurd abgetan. „So viel Fleisch essen“, „so viel Autofahren“, „so viel über andere reden“, sprudelte es nur vor Abgrenzung aus mir heraus, um auch ja ganz penibel darauf zu achten, mir meine ganz eigene Illusion von unabhängigem Wertesystem und Regelwerk auszudenken. So sein wie zu Hause sollte lange Zeit erst einmal gar nichts, einfach aus Prinzip und ein bisschen aus Überzeugung. Vielleicht auch, weil ich mich nie über die Maßen mit meiner Familie identifizieren konnte, vielleicht weil ich mich erst abnabeln musste, um mich wieder anzunähern. Wie so viele meiner Freundinnen brauchte es ein ganzes Stück eigenes Leben, um wieder unkritischer und versöhnlicher nach hinten zu schauen. Und nach ein paar vergangenen Jahren sogar die Heimatbesuche zu vermissen.

Schleswig-Holstein. Was für ein sau-schönes Fleckchen Erde. Als seien zwei Meere nicht Grund genug dafür, das nördlichste aller Bundesländer gnadenlos abzukulten. So profitiere ich seit jeher von der Nähe zu Hamburg, zu Berlin, dem frischen Fisch, Urlaub in Dänemark und einem beinharten Durchhaltevermögen, wenn es um das Anbaden zu menschenunwürdigen Temperaturen geht. Dennoch: Jedes zweite Mal zu Besuch zu Hause winde ich mich zwischen Faszination und Abneigung. Mein altes Zuhause steht weder in einer Kleinstadt, noch ist es unschön anzusehen. Doch piefig ist es noch heute, ein gutes Restaurant suchen alle mehr oder minder erfolgreich an einen Samstagabend und mit einem einfachen Café brauche ich nicht anzufangen. All die Großstadtarroganz versucht in neun Jahren abzulegen und trotzdem noch etwas nachbehalten. Aber was soll ich sagen. Die Demographie fühlt sich relativ alt an, die Bordsteine sind um 19:00 Uhr hochgeklappt und ich sowohl fasziniert von der Ruhe als auch beängstigt von der Einsamkeit und dann auch noch der Frage so nah, ob es nicht früher oder später ohnehin kein Bedürfnis nach all den Möglichkeiten, all der Abwechslung der vielfältigen Hauptstadt gibt.

 
 
 
 
 
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Ein Beitrag geteilt von Fabienne Sand (@ffabae)

Dass Berlin einen Ticken zu viel ist, erwähnte ich hier schon mehrere Male. Vor Corona, während Corona und auch heute. Und immer dann, wenn es ein guter Zeitpunkt war, wagte ich mich für genau die richtige Anzahl von Tagen in die Heimatstadt zurück. Die guten Tage. Zwischen den Jahren, wenn alle da sind. Über Ostern oder im Sommer, wenn die Ostsee ruft oder die leeren Freibäder oder die eine gute Eisdiele der Stadt und der gottverlassene Stadtpark.

Dann frage ich mich aufs Neue, welche Schnapsidee es war, damals wegzugehen und wie lange wohl jeder einzelne Mensch in der Ferne braucht, um irgendwann wieder das Altbewährte schätzen zu lernen. Ich habe die Zeit, in der sich Zurückziehen wie ein Rückschritt anfühlen würde, überwunden. Aber bin ich schon bereit für einen lebensverändernden Moment? Wann ist denn in Filmen eigentlich immer der Zeitpunkt, an dem Menschen ihre sieben Sachen packen, um einen Neuanfang zu wagen? Und ab wann weiß ich eigentlich, dass auch ich einen brauche?

Erst kürzlich las ich von einem gentrifizierten Dorf bei Berlin. Am Wochenende würden sich in Scharen Minis, SUVs und Retro-Volvos an der Landstraße sammeln, um eine umgebaute Gärtnerei, ein asiatisches Fusion-Restaurant oder ein hippes Café samt Siebträgermaschinen zu besuchen. Mitten in der Uckermark. Ist das denn zu glauben? Die armen Leute aus der Region können sich im sogenannten 13. Bezirk keine Häuser mehr leisten. Und ich habe beim Scrollen auf Instagram schon etliche Male gedacht, dass ich nun auch endlich all’ diese schönen idyllischen Orte besuchen mag. Ertappt. Es ist nichts Böses dabei, Brandenburg zu erkunden. Auch nicht, wenn einem dabei ganz Neukölln auf den Fersen ist. Aber bevor ich mich traue, endlich aufs Land zu ziehen, weil mir in Berlin allmählich der Kragen platz und bevor ich jedes Wochenende von einem Wochenendhaus, einem Ausflug in den Spreewald oder eben der Uckermark träume, warum dann nicht einfach dem den Rücken kehren, das seit mindestens 1,5 Jahren regelmäßig für Unmut sorgt?

„Trau dich!“, habe ich gedacht. „Wechsel den Stadtteil!“, habe ich gedacht. „Zieh ins Hipster-Dorf!“, habe ich gedacht. Doch in die Heimatstadt gehen, da wurde ich immer ängstlich. Aber wenn ich über die Familie nachdenke, über all’ die Zeit, die uns noch bleiben würde, diese Einfachheit des Seins, der verfügbaren Bürgeramtstermine, dem Brötchenholen ohne Schlange und einem Besuch im Park ohne irgendwem auf die Pelle zu rücken, da wurde mir dann doch warm ums Herz. Zum Abendessen bei Familie und Großeltern, ganz spontan an einem Sonntag? Was für ein Traum. Kurz abkühlen im Meer, ein ruhiger Sonntagsspaziergang. Schluss mit dem Träumen und vielleicht mal mit dem Planen anfangen. Wann ist es Zeit, zurück in die Heimat zu ziehen? Wie ihr seht, habe ich noch keine Antwort gefunden.

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15 Kommentare

  1. Jean

    Ohh ja, Berlin ist ein schweischneidiges Schwert. Aber der Hype scheint nach wie vor nicht nachzulassen. Ich weiß nicht, meinen Geschmack trifft es nicht mehr so richtig.
    LG Jean

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  2. Michelle

    Spannend! Ich bin in Hamburg aufgewachsen – mittendrin – und beobachte bei nahezu all meinen Freunden ähnliche Gedanken wie bei dir. Wieso will man an freien Tagen immer raus in die Natur, um dann in die stickige Stadt zurückzukommen? Auch ich war als Sommerurlaub auf einer Rundreise durch Dänemark (nachdem ich dort das letzte Jahr gewohnt habe) und fühle mich auf dem Land zwar wohl, aber eben absolut nicht „zuhause“. Es ist immer ein Abenteuer für mich, weil ich dort eben nicht aufgewachsen bin. Eine Stunde auf den Bus zu warten oder sogar mit dem Auto fahren zu müssen, ist mir mehr als fremd. Und doch kann ich die Gedanken verstehen und würde mich nicht wundern, wenn ich irgendwann – vielleicht mit einer eigenen Familie? – auch mal außerhalb einer Großstadt wie Hamburg oder Kopenhagen wohne.

    Ich freue mich, mehr über deine Entscheidungen zu lesen

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  3. Verena

    Liebe Fabienne

    diese Zerissenheit kenne ich auch und wünsche dir daher einfach eine gute Entscheidung! Ein Hipsterdorf wäre meiner Meinung nach nur eine andere Form von Spiessigkeit, ob damit etwas gewonnen wäre, vom Cafe einmal abgesehen?

    liebe Grüße

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  4. Sarah

    Liebe Fabienne, vielen Dank für deine Gedanken!
    Ich gehe jetzt einen Schritt, mit dem ich seit zwei Jahren gerungen habe, der aber durch die Pandemie dann deutlich einfacher wurde. Als Ur-Berlinerin (hier geboren und immer hier gelebt) konnte ich mir nie vorstellen, diese Stadt zu verlassen. In den letzten Jahren wurde ich aber immer genervter. Von der Hitze im Sommer, von der schlechten Luft und von der latenten Aggression, die in der Luft schwingt. Mein Job findet mit und unter Menschen statt, aber ich habe gemerkt, dass mir das dann auch reicht. Ich hatte nie eine große Clique, immer nur einzelne Menschen. Meine „Cliquen“ waren meine Arbeitsgruppen, die Theater- und Ausbildungsgruppen, die ich unterrichte. Ich war seit locker 10 Jahren nicht mehr in irgendeinem Club zum Tanzen. Von vollen Bezirken wie Neukölln war ich genervt, aber hier in Wilmersdorf sind mir zu viele Autos. Irgendwie wurde diese Stadt immer anstrengender.
    Dann kamen meinem Mann und mir die Idee, ans Meer zu ziehen. Also in eine Stadt am Meer, denn als Nicht-Autofahrer brauche ich einen guten ÖPNV und eine flinke Anbindung nach Berlin – wegen der Arbeit und meiner Familie. Rostock war das Traumziel der Wahl und vor 2 Jahren fiel dann der Entschluss: „Bald … also irgendwann in den nächsten Jahren … da ziehen wir nach Rostock.“ Dann kam die Pandemie, ich arbeitete nur noch online, fand es cool und dachte, dass ich das ja nun wirklich von überall machen kann. Und dass mein Job mich nicht mehr an eine Stadt fesselt. Ich bin selbständig, dann kann ich auch ein bißchen was ausprobieren – woanders eben. Sobald es erlaubt war, fuhren wir nach Rostock, beguckten zwei Wohnungen, bewarben uns auf eine im Haus, in dem die einzige Person lebt, die wir in Rostock kennen, und zack: bekamen sie. Einfach so. Jetzt sind es nur noch wenige Wochen. Ich habe ein bißchen Angst, ich kann es noch nicht realisieren und ich bin gleichzeitig voller Vorfreude. Ich werde am Meer wohnen! In einer deutlich kleineren Stadt, mit viel kürzeren Wegen, 5 Minuten vom Hafen entfernt.
    Ich dachte nie, dass ich mich von Berlin werde trennen können, aber ich kann.
    Ein Teil meiner Arbeit wird weiterhin hier stattfinden, jeden Monat für 3-4 Tage. Ich werde also ab und zu Pendeln, was auch neu für mich ist. Ahhhh, ich kann es noch gar nicht fassen!

    Auf jeden Fall bin ich sehr gespannt auf deinen Weg und freue mich sehr, dass du ihn mit uns teilst.

    Lg, Sarah

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  5. Lisa

    Mir geht’s exakt genau wie Dir – nur sehne ich mich statt ans Meer zunehmend zurück an die Alpen! Und die liegen leider noch weniger um die Ecke…

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  6. Sara

    Diese Gedanken könnten meine vor 4-5 Jahren sein. Mittlerweile wohnen ich wunderschön ländlich zwischen Berlin u Potsdam. So dass man jederzeit in die große Stadt flitzen könnte. Was man ehrlich gesagt so gut wie nie tut.
    Daher ziehe ich tatsächlich nächstes Jahr wieder in die bairische Heimat zurück. Niemals hätte ich das gedacht, Berlin war doch einmal meine große Liebe – und das ländliche Bayern früher mein Alptraum 🙂 Aber Bedürfnisse ändern sich. Mit der Gründung einer Familie und den Ausmaßen der Pandemie gehe ich nun gerne diesen Schritt. Jeder Abschnitt war dabei sehr wichtig für mich, direkt von Berlin wieder ‚nach Hause‘ hätte sich für mich wie ein Scheitern angefühlt, nun eher wie ein sich schließender Kreis.

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  7. A

    Nach einer persönlichen Krise war klar ich möchte wieder in die Nähe der Familie. Die Krise war ein Albtraum, die Rückkehr war wunderschön! Wenn der Zeitpunkt gekommen ist, spring einfach! LG

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  8. Pingback: Cherry Picks: Über Land-Sehnsucht, Modern Love und die Macht der Sprache - amazed

  9. Milamila

    Mir graut es als Frau, die ihr Leben lang im ländlichen Raum verbracht hat, vor der Gentrifizierung rund um die Speckgürtel der großen Städte. Es wird so viel Wohnfläche für so wenig Personen verbraucht, das ist aus jeglicher Hinsicht nicht tragbar. Natürlich ist die Sehnsucht da und total verständlich aber der Flächenverbrauch in Deutschland ist riesig und es ist nicht zukunftsweisend so etwas zu fördern. Es wäre so viel wichtiger die Defizite der Städte zu erkennen und sie zu beseitigen. Neue/alte Wohnkonzepte wie die Gartenstadt zum Beispiel oder die Förderung von Tiny Houses. Was mich, auch als Landschaftsarchitektin, so oft verständnislos macht, ist die Tatsache, dass viele sich nach Grün sehnen, aber überhaupt keine Vorstellung davon haben, wie das ökologisch und ästhetisch sinnvoll umzusetzen ist. Die Rollrasen- und Kiesgärten in den Neubaugebieten der Speckgürtel sind es jedenfalls nicht.

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    1. Suzie

      Sehr schöner Gedanke, den man eventuell auch mal weiterspinnen könnte!
      Ökologisch ist es sehr viel sinnvoller, riesige Hochäuser in den Städten zu bauen, daneben gleich den riesigen Kindergarten und den Supermarkt. Kein Auto nötig. Platz maximal ausgenutzt.
      Im Gegensatz draußen vor den Toren, wo man zwei Autos braucht, damit man mal schnell in der Stadt ist & die Kinder durch den Gegend fährt.

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  10. Lisa

    Speziell Tiny houses erscheinen mir auf den ersten Blick nicht als eine besonders zukunftsweisende Nutzung von Flächen in Städten oder deren Umkreis; die mögen wenig Wohnfläche haben, aber auch sie nehmen Grundfläche weg, ohne aber den Raum nach oben hin auszunutzen.

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  11. Nina

    Liebe Fabienne,
    ich bin echte Berlinerin und habe meiner „Heimat“ lange nachgeweint; all die Möglichkeiten, die Selbstentfaltung, die Ablenkung etc., die Berlin einem bietet….
    Aber gerade bin ich aus der Heimat nach Hause (Freiburg) gekommen und fühle mich sauwohl hier.
    Hier ist es viel ruhiger und wärmer und guten Kaffee gibt es überall. 😉
    Liebe Grüße

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  12. Tine

    Liebe Fabienne,
    deine Situation kann ich so gut nachempfinden!
    Ich wollte letztes Jahr wieder in die Heimat zurück, da mich Berlin in vielen Bereichen nervt und ich mich nicht “daheim“ fühle. Dann habe ich mich in einen Urberliner verliebt und nun stehe ich zwischen glücklicher Beziehung und dem Wunsch wieder ins schöne Rheinland zu ziehen.
    Für ihn kommt ein Umzug nicht infrage. Nun stehe ich weiterhin vor der Frage, ob ich trotzdem gehe.
    Liebe Grüße

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  13. Nicole

    Mega toller Text. Ich bin aktuell auch am Überlegen, ob ich nach 4 Jahren München zurück in die Heimat soll. Das Heimweh ist manchmal schon groß

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