TRAVEL // Teil 1/2: Ich hab noch immer Kale
zwischen den Zähnen aus LA

14.02.2017 box1, Travel

Am Ende eines soliden Winterfluchtrauschs fand ich mich, Kreditkartendaten in den Laptop einhackend, auf meiner Couch wieder – um eine Minute drauf auch schon die Bestätigungsemail im Emailkasten zu erhalten:

„Herzlichen Glückwunsch, Ihre Buchung war erfolgreich! Packen Sie Ihren Koffer, Herr Radowitz“. Los Angeles, California – ÜBERMORGEN – eine Kurzschlussbuchung in die Sonne hat nun wirklich noch niemandem geschadet. Stimmt‘s? Also: Sachen packen, Tagebuch anspitzen und los. Engelchen, ick hör dir trapsen: 

20. Januar – Fluggesellschaft aus der Hölle

Die Business-Class des kleinen Mannes, eine ganze leere Reihe für mich also, kann ich für die nächsten 12 Stunden Flug mit WOW Air mein Eigen nennen. Wie eine Königin breite ich Handgepäck-Habseligkeiten unter den neidischen Augen, der sich quetschenden Holzklässler rings herum, auf drei violetten Sitzen aus. Sachte bette ich Kopf und Füße in die heilige Waagerechte. Zu einem Eisklumpen gefrorenen, hungrigen Klotz in Embrionalstellung erstarrt, erwache ich vier Stunden später aus meiner Vino-Schlaftabletten Narkose. Schnell checkte ich, dass ich auf Flug 101WoWHölle gelandet bin. Weder Verpflegung noch eine wärmende Decke gibt es hier während des gesamten Fluges kostenlos von den grell lila gekleideten Flugbegleiterinnen angereicht. Also erstehe ich aus lauter Verzweiflung (relativ ungern) eine sieben Dollar Instant Suppe und eine Zwanzig Dollar Einmalfließdecke und kauere mich zurück in die Schlafrolle bis zur Landung.

20. Januar – Schon wieder

Ca. 97 Stunden später – LAX Airport – und es ist noch immer der gleiche Tag, ein pelziger Belag hat sich komplett über mich drüber gezogen. Sollte ich nach der ganzen Pennerei nicht eigentlich frisch und munter sein? Nicht die Bohne. Immerhin holt mich mein liebster Freund Fabi samt German Friends Marten, Anna und Enno im Seat Ibiza vom Flughafen ab. Erstmal Kippe. Rauchst du hier, bist du eine Aussätzige, dessen bin ich mir bewusst und paffe selbstbewusst unter angeekelten Blicken der Passanten an meiner Flughafen-Palme. Zwischenstop bei einem erstklassigen Taco-Truck an einer Art Tankstelle Halt gemacht. Amerikanischer wird’s heute nicht mehr. Einschlafen auf der Venice Beach WG Schlafcouch. Meer rauscht.

21. Januar – It never rains in California

Wer das singt, der lügt. Der erste Morgen im Haus startet mit Sondersendungen im Lokalfernsehen: Regen, echter Regen, das hat man hier noch nicht erlebt. Jedenfalls nicht so. Seit fünf Jahren. Das erste Mal beschleicht mich der Gedanke, in meinen zehn Tagen hier nicht ganz alle 200 Sehenswert-Punkte meiner Liste abhaken zu können. Warnung über den Fernsehapparat: Es wird geraten sich drinnen aufzuhalten. Ich schnalle mir meine Birkenstocks an, werfe die WOW Air Decke um und laufe durch den Kunstrasen Vorgarten, über den überfluteten Weg mit Wasser bis zum Knöchel die 150 Meter bis zum Strand.

Meterhohe Wellen, sich im Wind biegende Palmen und menschenleere Weiten. Das, was man an der Nordsee einen gediegenen Herbsttag nennt, ist hier der absolute Ausnahmezustand, selbst in der Winterzeit. Kanalisationsüberforderung und Brettspiele mit Tee. So habe ich mir das vorgestellt. Der Abend bringt ein sehr gutes veganes Restaurant Namens Café Gratitude. mit abgefahrenen Bowls und Drinks. Geordert wird hier nur mit der Aufforderung der Bedienung, sich zu überlegen, wofür man gefälligst dankbar im Leben ist. Konzeptknaller. Im Gedanken brausen wir mit unseren Beachcruisern in den Sonnenuntergang.

  1. Januar – Womens March und flüssiges Gold

Regen, Regen, Regen. Dank Jetlag endet die Nacht aber auch schon gegen drei Uhr in der Früh. Bis zum Ground Work Coffee und zurück schaffe ich es an diesem Morgen durch den Regensturm. Eine wirklich gute Kaffee-Anlaufstelle in Venice. Wenn in der kleinen Straße nicht gerade irgendein Film gedreht wird, kann man sich da extrem guten Kaffee und super healthy Snacks besorgen. Da konnte ja auch noch keiner ahnen, dass 20 Dollar für ein Frühstück to go die Regel bleiben werden. Ersten Cold Pressed Juice für zehn lockere Dollar genehmigt. Drunter geht nichts. Nirgendwo. Wer braucht Sonne, wenn er Saft aus Gold hat? Eben. Erstes legendäres Stauerlebnis auf dem Weg im Auto nach Downtown zum Womens March.

In der Bottega Louie muss man unverhältnismäßig lang auf einen Platz zum Lunchen im Bistro warten. Dennoch: Vollkommen lohnenswert. Das Restaurant/ Bistro/Café mitten in der Stadt ist zwar eigentlich für seine Macaron-Kreationen bekannt, übertrifft sich aber in den Pizzen um Welten. Hier werden auf einen Schlag gleich alle Klischees über Los Angeles bedient. Auch schön.

23. Januar – Rosé ist billiger als Grünkohlsaft

Auf der Suche nach einem fancy öffentlichen Working Space. Nach mehreren steckdosenlosen mitteähnlichen Dunkelkammern, schließlich für einen Brunch-Lunch-Drink Spot auf der Abbot Kinney entschieden. Mein siebzehn Kilo schwerer Ersatzlaptop Marke Lenovo Baujahr 1900, hebt sich hervorragend vom hell hippen Ambiente des The Butcher‘s Daughter Interieurs ab.

„Arbeiten“ mündet Punkt 15 Uhr in den ersten Rosé des Tages, inzwischen hat sich auch Fabi mit seinem Laptop zu mir gesellt. Alle so furchtbar nett hier. Auf der Straße draußen grüßen sich (wahrscheinlich) fremde, bildschöne, gestählte Menschen. In Berlin gibt es so einen Firlefanz nicht. Muss dringend aufhören teure Säfte aus Grünkohl und irgendwelchen Samen oder Ingwershots mit Cayenne zu kaufen, die treiben mich vielleicht in ein gutes Hautbild, aber auch in den sicheren Ruin. Working Day Done – hundert Dollar bei der Schlachtersfrau gelassen – immerhin scheint inzwischen die Sonne. Ocean Drive. Entdecke auf dem Walk auf Fame erstaunlich wenige bekannte Sterne und bin enttäuscht bis angeekelt von der Traurigkeit dieser Touristenkulisse. Schaffe es hier endlich eine amerikanische SIM Karte mit Nummer und unbegrenztem Datenvolumen zu kaufen. Livin‘ the American Dream.

  1. Januar – Wholefoods, die sichere Bank in den Bankrott

Überlege meinen Reisemittelpunkt komplett in die Gesunde Supermarktkette zu verlagern. Schlafen, arbeiten, leben – und zwischen den Obstregalen schlummern. Hier gibt es wirklich nichts, was es nicht gibt. Bio bis zum Abwinken und so viel rohes Zeug, dass selbst der heimische Prenzlauer Berg angesichts der mit glutenfreien Vollwertkost vollgestopften Regalkolosse vor Neid erblassen würde. Allen Nahrungsmitteln voran, die Königin der Wintergemüsesorten: Kale. Aus dieser Grünkohlart wird hier nichts nicht produziert.

  1. Mit dem Lyft nach Venedig

Lyft ist hier das alternative Uber und wärmstens zu empfehlen. Ausnahmslos alle Los Angelesser schwärmen in diesen Tagen von der dringend benötigten Begrünung, die der Regen für die ausgedörrten Ortschaften mit sich brachte. So auch mein Fahrer, der mich an den Venice Kanälen hinaus lässt und winkt. Ein guter Ort zum flanieren, spazieren und absurd kitschige aber irgendwie herzerwärmende Häuslein an den Grachten zu bewundern. Im Kreation Kafe gönne ich mir ein aus fünf Eiweiß, Hähnchen und Avokado bestehendes Mittagessen exklusive Kaltgepresstem für umgerechnet Neunhundert Euro (oder sowas in dem Dreh).

In den nächsten Tagen folgen Abenteuer mit der Hexe vom Eames Haus, der steile Weg nach Hollywood, mein Chloé Moment auf Chateau Marmont, Ausflug nach Korea und zu den Gilmore Girls – plus tausend und ein Tipp für Los Angeles, die ich mir leider für’s nächste Mal aufheben musste.

Schaltet wieder ein.

4 Kommentare

  1. Leenie

    Fan! Freue mich total auf den zweiten Teil 🙂 aber ich freue mich eigentlich immer, wenn ich was von dir zu lesen bekomme.

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