Heroines // Ein Gespräch mit Achan Malonda

11.04.2018 Feminismus

Erstmal Frühstück. „Ich hab heute noch nichts gegessen“, sagt Achan Malonda, glitzernde Silber-Creolen in den Ohren, Klartext auf dem Shirt („Float like a butterfly, sting like a bee“). Sie bestellt Rührei, einen Frühstücksteller mit Lachs sowie die abenteuerliche Kombination aus Spezi und Latte Macchiato. Der erste Bissen vom Ei und Achan grinst unter ihrer Kappe hervor: „Ist das geil.“ Die Energiezufuhr kann sie gut gebrauchen, die Sängerin hat momentan viel zu tun: Sie arbeitet als Assistentin einer Kunstkuratorin, als Texterin und nachmittags steht noch eine Songwriting-Session auf dem Programm. Die 34-Jährige schreibt seit einiger Zeit Schlager, nicht für sich, sondern für andere – einfach weil sie das gut kann („Hat mich selber überrascht“), es Spaß macht und sich damit eventuell sogar Geld verdienen lässt. „Ich bin die deutscheste Person, die dir begegnen kann“, lacht Achan, „mit meinem ganzen volksmusikalischen Fachwissen.“

Und das kommt nicht von ungefähr: In Essen wuchs die Tochter einer Kongolesin und eines Sudanesen mit recht eklektischen Musik-Einflüssen auf. Von ihrer leiblichen Mutter erbte Achan ihre Leidenschaft für Popmusik, für Lionel Ritchie, Donna Summer, Michael Jackson, Kool & the Gang: „Michael war der King und Whitney die Queen.“ Achans Pflegemutter wiederum hatte im Hintergrund WDR 4 laufen und vermittelte Achan so eine „Leidenschaft fürs deutsche Lied“. Achan ist am meisten durch Hildegard Knef und Grace Jones beeinflusst und beschreibt ihre eigene Musik als Mix aus Chanson, Elektro und Pop – ihren Titel Elektrik Diva trägt sie mit Stolz. An Hildegard Knef gefällt ihr die „gewisse Melancholie“, die in ihren Liedern mitschwingt, das Divenhafte, dass Knef „mit Tiefe von alltäglichen Dingen spricht.

Von Popstars zu König der Löwen

Performen wollte Achan eigentlich schon immer. Sie sang als Kind in einem Chor, tanzte Ballet und hatte kleinere Rollen in Theaterproduktionen. Dass Achan tatsächlich singen kann, davon war ihre Familie allerdings nicht so richtig überzeugt. „Von meiner Familie hieß es immer, wenn du singst, dann schreien die Katzen.“ Doch dann entdeckte Achans Chorleiter ihr Talent und schlug vor, sie solle auf der Hochzeit ihres Bruders doch ein Solo singen. Die Eltern waren skeptisch, dann aufgeregt und nach der erfolgreichen Performance beeindruckt und „furchtbar stolz“. Dass die Tochter die Musik und das Performen direkt zum Beruf machen wollte, fand die Familie dann wiederum nicht so toll. „Ist ja klar“, sagt Achan, „Eltern wollen doch immer nur das Beste für dich.“ Und eine Karriere als Künstlerin klingt da für Elternohren doch eher beunruhigend.

Achan war trotzdem entschlossen, ihren Weg zu gehen. Dafür brauchte es zunächst einen Ortswechsel, mit 19 zog sie von Essen nach Freiburg. Einfach so, weil sie die Stadt schön fand: „Ich hatte ganz schlimmes Fernweh. Zumindest dachte ich das. Eigentlich hatte ich eher Heimweh nach mir selbst und konnte mich in Essen nicht finden.“ In Freiburg allerdings klappte es mit der Selbstfindung auch nicht besonders. Achan studierte ein bisschen, arbeitete ein bisschen, und zog dann weiter nach Stuttgart. Dort jobbte sie in einem Theater und trat 2006 zwischenzeitlich in der Casting-Show Popstars auf.  Achan kaut eine Stück Gurke: „Ich habe es natürlich nicht in die Gruppe geschafft, wurde aber mit den Worten verabschiedet: ‚Du bist die beste Sängerin dieser Staffel‘. Das war schon super.“ Zurück im Theater schlug ein Kollege ihr vor, doch mal zum Vorsingen des Musicals König der Löwen in Hamburg zu gehen. Achan ging hin, bekam den Job und sang von 2007 bis 2009 die Hauptrolle der Sarabi, Simbas Mutter. Achtmal wöchentlich stand sie dafür auf der Bühne.

Doch so sehr ihr das Singen auch gefiel, angekommen war Achan irgendwie immer noch nicht: „Quereinsteigerin sein ist in der Musical-Szene nicht so toll, weil du als Außenseiterin wahrgenommen wirst. Das Ganze hat mir nicht gut getan, ich war in den zweieinhalb Jahren zweimal längere Zeit krank.“ Nach dem Ende ihres Engagements blieb Achan in Hamburg – und hatte keine Ahnung, was nun kommen würde. Also feierte sie, lange und ausgiebig. Ab 2011 fing sie an, unter dem Namen MALONDA eigene Songs zu schreiben und auf die Bühne zu bringen. Sie organisierte kleine Konzerte und langsam, ganz langsam gab es da einen Plan in ihrem Kopf. Oder zumindest eine Vorstellung davon, was sie gerne machen würde. Nach Berlin ziehen, zum Beispiel. Durch einen befreundeten Musiker lernte Achan die Beraterin, Coachin, Songwriterin und Künstlerin Jovanka von Wilsdorf kennen, die schnell zu ihrem partner in crime wurde und es immer noch ist. Von Jovanka stammt auch die Inspiration für den Namen von Achans aktuellem Projekt: Das Jahr der Mondin. Zusammen mit zwei anderen Künstlerinnen hat Achan 2016 den Song Mondin geschrieben, eine Ode an eine fiktive Mondgöttin.

 

Bevor Achan ausführen kann, worum es bei der Mondin genau geht, muss sie einen Schluck von ihrer Spezi nehmen – der Meerrettich auf ihrem Frühstücksteller hat ihr die Tränen in die Augen getrieben. Tränenfrei kann es weitergehen: „Ich habe in meinem Leben immer sehr starke Frauenfiguren gehabt. Und was die alle gemeinsam hatten war, dass sie alle auf eine sehr natürliche Art und Weise kollaboriert haben. Ich bin damit großgeworden und dachte, das sei normal so. Als ich dann aber 2013 nach Berlin kam musste ich feststellen, dass es in der Musikszene überhaupt nicht der Fall ist, dass Frauen so miteinander agieren.“ Achan selbst ist Mitglied des Hamburger Künstlerinnen-Kollektivs ChixxClique und findet, Frauen müssen noch besser lernen, zusammenzustehen. Mit ihrem Projekt will sie Weiblichkeit feiern („Und zwar von allen sich weiblich identifizierenden Menschen“), Zusammenarbeit fördern und „Frauen vorstellen, die Einfluss auf mich gehabt haben und die ich cool finde.“

Eine Art der Verführung

Achan geht es darum, einen eigenen Beitrag zu der Diskussion über Feminismus und Gleichberechtigung zu leisten. „Wenn man gesellschaftlich etwas verändern will“, sagt sie, „gibt es ja verschiedene Herangehensweisen. Man kann in den Krieg ziehen, kämpfen. Oder man kann mit positiven Beispielen arbeiten, neue Vorschläge machen, etwas zelebrieren. Beide Herangehensweisen sind richtig und wichtig.“ Wichtig findet sie auch die #MeToo-Debatte – Achan selbst hat reichlich Erfahrungen mit Sexismus: „Man wird immer auf Rollen reduziert. Und als schwarze Frau erlebst du generell immer diese feine Mischung aus Rassismus und Sexismus. Mal toppt das eine das andere, mal umgekehrt.“ Bewusst als Feministin bezeichnet Achan sich erst seit gut zwei Jahren, seit der Silvesternacht in Köln. Es reichte ihr einfach: „Feminismus hat ja auch etwas mit Erfahrung zu tun. Ich kann schon verstehen, wenn eine 20-Jährige ihr Leben lebt und keinen Bedarf für Feminismus sieht. Aber dann kommt der Punkt, an dem man irgendwann merkt: Bestimmte Türen gehen für mich nicht auf.“

Das Jahr der Mondin (hier kann man das Projekt finanziell unterstützen) begreift Achan als eine Art Verführung – eine Verführung, in den feministischen Diskurs einzusteigen, über Weiblichkeit im Jahr 2018 zu sprechen, darüber, was sich in der Gesellschaft ändern muss. Verführung, keine Kampfansage. Wenn alles so klappt wie geplant, sollen die Single Mondin sowie das dazugehörige Video im Mai veröffentlicht werden. Die EP folgt dann im Herbst. Ein bisschen nervös ist Achan schon, schließlich steckt in dem Projekt jede Menge Herzblut. Sie kaut nachdenklich an einem Stück Brot. „Das Ding ist, die Welt wartet nicht mit angehaltenem Atem auf dich. Die einzige Person, die Stress und Druck macht, bist du selbst. Manchmal ist das gut, manchmal scheitert man aber auch an sich selbst.“ Dass das Projekt von der Initiative Musik gefördert wird, ist für Achan ein riesiger Vertrauensvorschuss: „Ich sage mir: Da machen so viele tolle Leute mit, und die würden nicht mitmachen, wenn das Ganze dem Untergang geweiht wäre.“

 

Von roadblocks und anderen Herausforderungen

Also hat Achan beschlossen, Vertrauen zu haben – in sich, in ihre Musik, in ihr Projekt. Und darein, dass nicht immer alles perfekt laufen muss. In Zukunft will sie kleine Augenblicke des Scheiterns, sperrige roadblocks und andere Herausforderungen noch offener teilen: „Ich will, dass die Leute noch mehr Teil haben an diesem kreativen Prozess.“ Der mache nämlich nicht immer nur Spaß, er sei oft auch wahnsinnig frustrierend. „Weißt du“, sagt Achan, „es gibt diesen Moment, da ist man wie ein Ball in der Luft, kurz vorm freien Fall. Man weiß zwar, wo man hinwill, aber nicht, ob man sicher landet.“ Sie selbst, da ist Achan sich mittlerweile ziemlich sicher, fliegt zumindest in die richtige Richtung. Und nimmt dafür in Kauf, dass sie eben nicht weiß, wie die Landung wird.

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