Heroines // Verlegerin Camilla Zuleger & ihr „Nord Verlag“

24.04.2018 Buch, Menschen, Feminismus

Eigentlich fing alles mit der Liebe zu Deutschland an. Im wahrsten Sinne des Wortes. „Das ist eine etwas peinliche Geschichte“, sagt Camilla Zuleger und schickt ein Lachen über die Skype-Verbindung. Sie soll erklären, wie eine 27-jährige Dänin auf die Idee kommt, einen Verlag zu gründen, der moderne, wilde und experimentelle nordische Literatur in Deutschland bekannt machen will. Wie gesagt, die Liebe war schuld: Auf dem Gymnasium in Dänemark verliebte Camilla sich in einen Berliner, er wurde ihr erster fester Freund. Mit ihm reiste sie nach Berlin und verliebte sich da direkt ein zweites Mal: in die Stadt. Knall auf Fall, „wie alle anderen Leute aus Dänemark“. Nachhaltig beeindruckt, sowohl vom Freund als auch von seinem Heimatland, wählte Camilla Deutsch als weitere Fremdsprache. „Ich dachte mir: Da kann ich im Zweifelsfall Nachhilfe bekommen“. Brauchte sie aber gar nicht, denn Camilla entpuppte sich als Deutsch-Naturtalent.

Balance zwischen Humor und unendlicher Traurigkeit

An der Uni studierte sie dänische Literatur, merkte aber schnell, dass es mit so einem Studium jobtechnisch nicht ganz so gut aussah. Dänemark ist ein kleines Land mit gerade einmal 5 Millionen Einwohner*innen – der Literaturmarkt ist dementsprechend ebenfalls nicht riesig. Also belegte Camilla auch noch Deutsch, denn Menschen mit Fremdsprachenkenntnissen sind in Dänemark heiß begehrt. Beim Erasmus-Aufenthalt in Berlin lernte sie Freund Nr. 2 kennen und war dem Land Goethes und Schillers von da an endgültig verfallen. Nach dem Studium wollte Camilla gerne für einen Verlag arbeiten. Allerdings: So wundervoll, wie sie sich das vorgestellt hatte, war das nicht.

Ihr Freund Lars – mit dem sie heute in Kopenhagen zusammenwohnt – hatte die Idee, sie solle doch einfach selbst einen Verlag gründen. Das konnte sich Camilla in Dänemark aber nicht vorstellen, mit so wenig Einwohner*innen und einem so kleinen Buchmarkt. Doch die eigentliche Idee fand sie gut – und dachte sich: Warum nicht einen Verlag gründen, der nordische Literatur abseits des typischen nordic noir in Deutschland bekannt macht? Der Nord Verlag war geboren. Camilla lacht: „Ich dachte mir: Wie schwierig kann das sein?“

Das ist jetzt fast ein Jahr her. Gerade hat Camillas Verlag die ersten beiden Bücher veröffentlicht, zwei Lyrikbände: Gold des Dänen Victor Boy Lindholm und Warum bin ich so traurig, wenn ich doch so süß bin? der Norwegerin Ingvild Lothe. Beide Autor*innen sind jung, Lindholm ist Jahrgang 1991, Lothe Jahrgang 1990, und sowas wie Sensationen in den jeweiligen Literaturszenen ihrer Heimat. „Victors Buch ist vor vier Jahren erschienen“, erzählt Camilla, „und ich kann mich noch genau daran erinnern, wie wir in der Uni das besprochen haben, was er da macht. Er war einer der Ersten, der diese Internetsprache in die Poesie aufnimmt. Vom Lehrpersonal hieß es, das gehe gar nicht, aber wir Studierenden haben das total verstanden. Victor hat über unsere Welt gesprochen, die Welt, wie wir sie kannten und erlebten.“ In Camillas Stimme schwingt Begeisterung mit; wenn sie über Literatur sprechen kann, über ihre Literatur, ist sie in ihrem Element. Bei Ingvild Lothe, sagt sie, sei es ähnlich gewesen: „In Norwegen war sie monatelang talk of the town. Sie kriegt diese Balance zwischen Humor und unendlicher Traurigkeit sehr gut hin.“

Neu und anders

 

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Eigentlich wollte Camilla nicht sofort zwei Bücher veröffentlichen, es hat sich schlicht so ergeben. Victor Lindholm kannte sie persönlich, sein Verlag war bei ihr in Kopenhagen direkt um die Ecke. Die Rechte für das Buch erwarb sie quasi „via Facebook-Messenger“. In Berlin traf sie einen Übersetzer, der ihr das Buch von Ingvild Lothe vorschlug. Die Gelegenheit war günstig, denn Norwegen ist 2019 Gastland auf der Frankfurter Buchmesse, was bedeutet: Es gibt jede Menge Fördermöglichkeiten für Übersetzungen aus dem Norwegischen ins Deutsche. „Natürlich gibt es viele gute Bücher aus dem Norden, die auch in Deutschland erscheinen“, sagt Camilla. „Aber das sind immer nur die Bestseller, was ja auch Sinn ergibt: Es geht eben ums Geld.“ Dass sie ihren eigenen Verlag gegründet hat, will sie ausdrücklich nicht als Kritik an deutschen Verlagen verstanden wissen, eher als eine Art Ergänzung des bestehenden Angebots: „Ich habe mich für Autoren und Autorinnen entschieden, die etwas neu gemacht haben, anders.“

Das eigentliche Produkt – die Bücher – herzustellen, fand Camilla eher einfach. Ihr deutsch-dänischer Freund Lars wurde mit der Übersetzung des Lindholm-Buchs beauftragt, seine Schwester übernahm das Grafikdesign der beiden Bücher. „Es war natürlich viel Arbeit“, sagt Camilla, „aber nicht so viel Arbeit, wie ich gedacht hatte. Ich habe hier und da einen Gefallen bekommen.“ Camilla brachte sich das Meiste selbst bei und wenn sie einmal nicht weiterwusste, googelte sie einfach nach der Lösung. Andere Aspekte des Verlegerinnen-Daseins hingegen waren nicht so easy. Erstes Problem: Niemand wollte Camilla Geld für ihren Verlag geben und das, obwohl die Literaturfördermöglichkeiten in Skandinavien sehr gut sind. Sie beschloss, ihren Verlag auch ohne fehlendes Startkapital zu gründen. Einfach, weil sie ihre Idee zu gut fand und das Gefühl hatte „wenn ich es jetzt nicht mache, macht es wer anders.“ Hinzu kommt, dass Camilla den Verlag nicht Vollzeit betreibt, sondern auch noch als Übersetzerin, Copywriter und Journalistin arbeitet. „Ich habe mir also gedacht, dass dieser Verlag mein teures Hobby wird“, erklärt sie. „Andere Leute kaufen Taschen und Schuhe und fahren in Urlaub, ich leite eben einen Verlag.“ So ganz ernst meint sie das nicht, denn natürlich ist der Nord Verlag für Camilla viel mehr als nur ein Hobby.

Bücherlager im Schlafzimmer

Zweites Problem: Genau das den deutschen Buchhandlungen sowie den Vertrieb zu vermitteln, war schwieriger als gedacht. Immer wieder bekam Camilla den Tipp, es doch einfach mit Books on demand oder etwas ähnlichem zu versuchen. Viele verstanden nicht, warum sie die Bücher unbedingt in einer richtigen Druckerei drucken und über den klassischen Vertrieb in die Buchhandlungen bringen lassen wollte. Camilla fühlte sich und ihr Anliegen – einen professionellen Verlag aufzubauen – nicht ernst genommen. Heute gibt sie zu, dass sie anfangs etwas naiv war: „Ich dachte, ich schicke den Buchhandlungen Mails und stelle meinen Verlag vor, und dann finden die das alle sofort großartig.“ Einige Buchhandlungen fanden das Projekt tatsächlich großartig, aber längst nicht so viele, wie Camilla gehofft hatte. Also arbeitet sie weiter daran, Buchhändler*innen und Journalist*innen zu beweisen, dass sie es ernst meint. Bis es mit dem Vertrieb besser klappt, lagert Camilla die Bücher des Nord Verlags in ihrem Schlafzimmer. „Ich hoffe sehr, dass die da bald mal ausziehen“, sagt Camilla. Andererseits sei das Ganze auch ziemlich „gemütlich“.

Einen kleinen Erfolg konnte sie gerade feiern: Sie wurde gerade bei Libri angenommen, einem Logistikunternehmen, das zuständig für den Buchvertrieb ist. Camilla hofft, dass sie in naher Zukunft nicht mehr alle ihre Bücher selbst verschicken muss. Etwas, das sie mittlerweile gelernt hat ist, es etwas langsamer angehen zu lassen. „Vor einem Jahr hatte ich unendliche Ambitionen“, berichtet Camilla. „Mein Verlag sollte richtig schnell richtig groß werden. Mittlerweile habe ich das Tempo aber etwas gedrosselt. Ich muss schließlich auch noch Geld verdienen und ein bisschen leben. Jetzt läuft alles etwas langsamer, wird aber dadurch hoffentlich besser.“ Inspiration für ihr Unternehmen findet sie in der nordischen Musikszene. Dort gebe es viele Agenturen, die daran arbeiteten, Musik aus Skandinavien ins Ausland zu exportieren – der Markt in Dänemark zum Beispiel, sei einfach zu klein, dort ließe sich kein Geld verdienen. In der Literaturszene, sagt Camilla, sei es ähnlich, nur gebe es dort keine Nische, in der nur daran gearbeitet werde, Literatur zu exportieren. Die Verantwortung, skandinavische Autor*innen zu entdecken und auf den jeweiligen Markt zu bringen, läge bei den ausländischen Verlagen. „Wie aber kann man eine Szene gut kennen und wissen, was zu veröffentlichen sich lohnt, wenn man gar nicht vor Ort ist?“, fragt Camilla. Sie würde gerne eine gemeinsame nordische Szene aufbauen und dabei helfen, ausländischen Verlagen Lust darauf zu machen, auch mal etwas anderes aus Skandinavien zu veröffentlichen, als Krimis. Immerhin: Camillas momentane schwedische Lieblingsautorin, die 30-jährige Tone Schunesson, wird in Deutschland bei Random House erscheinen.

Same same but different

Grundsätzlich habe die nordische Literatur viele Gemeinsamkeiten – vor allem das Unkonventionelle, das Unprätentiöse –, sei in sich dann aber doch wieder sehr unterschiedlich, findet Camilla. „Es ist ja einfach so, dass wir uns sprachlich hier alle verstehen, ob in Schweden, Norwegen oder Dänemark. Es gibt viele Literaturschulen und -institute, die von Autorinnen und Autoren aus allen diesen Ländern besucht werden. Und man merkt am Stil später schon, wer gemeinsam auf so einer Schule war, weil sie alle ähnlich schreiben.“ Einige Nuancen könne man allerdings nur verstehen, wenn man auch die Sprachen verstehe: „In Dänemark machen wir zum Beispiel immer Witze über Schweden, weil man da immer so politisch korrekt ist. Und diese Unterschiede, diese Nuancen, merkt man auch in der Literatur.“ Die Autor*innen würden in der gleichen Welt leben und gleichzeitig nicht – ihre Erlebnishorizonte seien völlig unterschiedlich.

Letztendlich geht es Camilla darum, Bücher zu verlegen, die sie selber toll findet. Bücher, die nicht nur literarisch etwas zu bieten haben, sondern auch optisch: „Sie sollen gelesen werden, aber auch auf dem Sofatisch liegen und gut aussehen können. Das gute Aussehen ist Teil der skandinavischen Kultur. Das ist natürlich manchmal etwas oberflächlich, aber es gehört eben dazu.“ Camillas Hoffnung ist nun, dass in Deutschland noch mehr Leute Lust bekommen auf ungewöhnliche Literatur aus dem wilden Norden. Literatur, die neu ist, anders, experimentell. Und ja, die auch noch gut aussieht.

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