Kolumne //
Von Basilikum-Menschen.

13.01.2016 Leben, box2

Jetzt sitze ich hier also in meiner Küche, in der linken Hand brennt eine Parisienne. Ich rauche manchmal, weil die Zeit nur mir gehört, solange es qualmt. Der Basilikum auf der Fensterbank lässt die Blätter hängen, aber im Vergleich zu dem, was draußen geschieht, wirkt er überaus lebendig. Vielleicht sind wir uns sogar ähnlich. Wir beide schaffen es, im direkten Vergleich mit der Gesamtscheiße noch ziemlich frisch zu wirken. Und immer dann, wenn die endgültige Dürre droht, kommt jemand und kippt uns kaltes Wasser in die trockenen Kehlen. Hallo, wach. Hauptsache noch ein bisschen lebendig fühlen, auch wenn es weh tut. Alles ist doch besser als braune Stellen vom Liegenbleiben. Ich muss es wissen, denn ein paar Monate lang bin ich nur aufgestanden, um einen Fuß vor den nächsten zu setzen, der Routine zuliebe, man funktioniert dann wie ein Duracell-Affe, der gelernt hat, mit lauten Becken gegen die Tristesse anzuschlagen. Nur erträgt man irgendwann den eigenen Lärm nicht mehr, man sehnt sich nach Ruhe. Oder danach, in Ruhe gelassen zu werden, von Gedanken und Sorgen und denen, die es immer besser wissen wollen.

Es muss ein Samstag gewesen sein, als ich am selben Ort saß wie jetzt gerade, auf dem gleichen Stuhl, der schon lange wackelt, bloß hielt ich keine Zigarette fest, sondern die Hand einer Freundin. Du bist schön. Du bist schlau. Du bist wichtig. Weißt du noch? Es ist leicht, jemand anderem dazu zu raten, Träume loszulassen, die längst außer Reichweite geraten sind. Wenn man liebt und nur das Beste will für diesen Freund, der nicht genug eigene Kraft zu haben scheint, sich zu befreien. Oder an sich zu glauben. Daran, dass immer alles gut wird, solange man nur den Willen nicht verliert. Bloß liebt man sich selbst oft nicht genug, um Veränderungen im eigenen Leben ebenso furchtlos durchzusetzen; auch die Gewissheit, dass alles anders werden muss, um besser sein zu können, reicht da nicht aus. Vielleicht muss es erstmal schlimmer werden. Denn auch ich verbrachte noch viele Abende mit weisen Worten, die ich eigentlich hätte an mich selbst richten sollen.

Basilikum-Menschen, solche, die ziemlich lange vor sich hin vegetieren können, ohne wirklich schlapp zu machen, haben ein Problem: Es geht ihnen zu gut. Irgendwo tief in ihnen schlummert wohl ein derart unbändiger Selbsterhaltungstrieb, dass das Ausmaß der Vernachlässigung eigener Ansprüche stets erst dann sichtbar wird, wenn Sorgen-Käfer fransige Löcher ins sonst so saftige Fleisch gefressen haben. Aber selbst dann noch bleibt das Pflänzchen stark, es steht dort einfach in seinem Topf herum und wird immer weniger – bis nichts mehr von ihm übrig ist.

Ich tätschelte gerade schuldbewusst an zwei vertrockneten Blättern herum und fragte mich, ob es ok ist, mehr zu wollen, wenn man doch eigentlich alles hat, als ich schließlich an jemanden denken musste, der offenbar schon viel früher kapiert hatte, dass wir am Ende nur uns haben. Und dass wir deshalb gut zu diesem einen Ich, zu diesem einen Leben und Körper sein sollten. Sehr gut sogar.

Dieser Jemand jedenfalls verbringt die Wochen zwischen den Jahren regelmäßig in einem Schweigekloster. Lange nahm ich an, Traurigkeit sei der Grund dafür – sowas würden schließlich nur Leute praktizieren, die sich hundeelend fühlten oder mindestens nach dem Sinn des Lebens suchten. Auf besorgtes Nachfragen folgte aber stets eine ziemlich nüchterne Erklärung, ein einfacher wie schlauer Gedanke, der kurz nachdem er zum ersten Mal ausgesprochen war durch mein Hirn jagte wie eine Abrissbirne: Die Leute meinen immer, man müsse nur etwas ändern, wenn alles beschissen ist. Die Allermeisten sind aber „in Ordnung“, sie sehen keinen Grund für Veränderung. Ich will nicht in Ordnung sein. Sondern scheißeverdammtglücklich. 

Ich bin jetzt glücklich ohne scheißeverdammt davor, Steigerung möglich, aber dazu braucht es vor allem Zeit und sogar Routine. Selbst ausgesuchte Routine wohlgemerkt, mit mehr Freiheit, mehr Lio, mehr Abenteuer und weniger Stillstand. Ich wohne jetzt nur noch mit einem Jungen zusammen und bin wohl das, was man gemeinhin Single Mom nennt, aber trotzdem nicht alleinerziehend. Lios Vater und ich haben es geschafft, uns in Freundschaft zu trennen, weil wir perfekte Eltern sind, aber kein gutes Paar waren. Seit wir das wissen, werden die braunen Stellen langsam wieder grün. Und manchmal legen wir uns sogar gegenseitig frisches Basilikum auf die Pasta, in der Gewissheit, dass unser Sohn ein Kind der Liebe ist. Wir lieben uns jetzt bloß anders.

71 Kommentare

  1. kitti

    ich heule.

    bitte schreib schreib schreib schreib weiter….alles was dir in den sinn kommt. danke. <3

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  2. Franziska

    Mutiger – aber sicherlich richtiger – Schritt!
    Als Scheidungskind weiss ich aus eigener Erfahrung, dass es wichtiger ist, eine glückliche Mama und einen glücklichen Papa zu haben, als einfach „Eltern“. Wünsche dir für diene Zukunft alles Gute!
    Und vielen lieben Dank, dass du deine Gedanken mit uns teilst.

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  3. Pingback: Cherry Picks #2 - amazed

  4. Anja

    Ich fühle mich fast ein bisschen beschämt, weil ich das Gefühl habe, sehr in deine Privatsphäre eingedrungen zu sein. Und doch kann ich mich auch ein bisschen wiederfinden in deinen Worten, denn eigentlich sollte ich glücklich sein, nur geht das so oft einfach nicht. Ein sehr schöner Text, den ich gerade sehr gerne gelesen habe.

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  5. Hanna

    Das abgefahrene am Schreiben & veröffentlichen von Gedanken, die einem quer im Kopf festsitzen, ist die Tatsache, dass man in der Regel nicht in einer Einzelzelle sitzt. Wir wabern die ganze Zeit durch die Gegend & haben ganz häufig Angst die Gedankensau rauszulassen. Aber wenn sie dann erstmal ihre Runden hoppelt, ist schnell klar: 1. tut abgefahren gut sich die Hufe freizulaufen und 2. da sind noch einige andere unterwegs, die sich genauso fühlen. Und da man nicht mit allen Besitzern von Gedankensäuen Café trinken kann und sich vergewissern kann, dass die gedankliche Einzelzelle eben nur im Kopf existiert, sind mutige Ich-spreche-es-aus-Leute, die ihre Gedanken in die Welten des Netz entladen eine echte Bereicherung (an dieser Stelle sei gesagt, dass ein wenig Intelligenz Mindestvoraussetzung für ein bereicherndes Ah&Oh ist).
    Lange Rede, kurzer Sinn: ich bin auch Basilikum & war kurz am verzweifeln, weil ich dachte in Tübingen das einzige Kraut dieser Art zu sein. Danke- you make my day and probably my week und vielleicht hat deine Gedankensau ja ein paar tiefere Trappeln dagelassen.

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  6. Hella

    Liebe Nike,

    Es scheint, als hättest du den Text im Auftrag meiner Gedanken geschrieben, weil ich sie nicht in Worte fassen kann. Weil ich nur mulmige Gefühle kenne und solche Worte mir Verständnis verschaffen. Danke.

    Hella

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  7. Sophie

    Ich musste 30 werden um die erste vernünftige, freundschaftliche Trennung zu vollbringen und wir hätten sie vollbracht, ob mit oder ohne Kind, da bin ich mir sicher. Und wie du bin ich unfassbar erstaunt über die Kraft und das Glück, das diese Entscheidung mit sich gebracht hat. Trauer war natürlich auch dabei, aber wir haben gemeinsam getrauert, unsere Hoffnungen begraben und fühlen uns freier als je zuvor. Ich will nicht allein bleiben, aber zu wissen, dass ich allein glücklich sein kann, mich dafür entscheiden kann, meinen eigenen Weg zu gehen, das war wohl eine der schwersten Lektionen meines Lebens. Ich wünsche uns, dass wir Liebe finden, vielleicht für immer und vielleicht sogar ohne Dates <3

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