Warum motzen wir eigentlich so viel?

19.07.2017 Leben, box1, Kolumne

Ich wohne nun seit fast fünf Jahren im wundervollen Berlin. Eine ganz rohe Entscheidung aus dem Bauch heraus, recht spontan und vor allem ohne konkretes Ziel, eine Vorstellung oder eine Idee von dem, was in den nächsten Jahren auf mich zukommt. Ich habe mich schon damals ganz frei gefühlt und spüre das noch heute; dieses Freiheitsgefühl in dieser hübschen Stadt von tollen Freunden umgeben und von ganz viel Liebe, ab und an ein bisschen Rotwein und im Sommer beschäftigt mit Eis essen und picknicken und das, wenn es nach mir ginge, den lieben langen Tag. Wenn ich mich umschaue, fühle ich mich wie in einem Schlaraffenland für Fast-Erwachsene, mit Privilegien die man sich gut vorstellen kann. Demnach sollte ich wohl ein strahlendes Glücksbärchi sein und himmelhochjauchzend durch die Straßen stolzieren. Dass wir, wo wir gerade ohnehin schon dabei sind, tatsächlich gnadenlos privilegiert sind, muss wohl nicht weiter erläutert werden. Höre ich mir dann aber zuweilen selbst beim Reden zu, oder auch anderen, könnte man beinahe meinen, dem wäre überhaupt nicht so. Es gibt immer etwas zu meckern. Aber warum nur?

Ich ertappe mich etwa auf dem Weg zur Uni dabei, wohlgemerkt erst um 12 Uhr mittags (meine frühste Vorlesung geht wirklich erst um 12.15 Uhr los), erstmal richtig abzumotzen. Und zwar obwohl ich im Zweifel längst einen wundervollen Morgen mit viel Zeit, mindestens einem Kaffee, ein bisschen Literatur und meiner Lieblingsmusik hinter mir hatte. Ich habe trotzdem keinen Bock, ich bin ja so müde, das wird so langweilig, ich hab so viel zu tun, alles nervt, alles doof, und nachher muss ich auch noch irgendwo schick essen. Ich arme Sau. Bemerkenswert ist an dieser Stelle die Tatsache, dass ich bei meinem jeweiligen Gegenüber zumeist auf flammendes Verständnis treffe. Da wird dann beflügelt zurückgejammert, über die Strapazen des Studentinnenlebens. Es folgt ein Ping Pong der gegenseitigen Bemitleidung. Denn ach, wir haben es ja nicht leicht. 

Was um alles in der Welt ist nur los mit uns? Ganz sicher steht nicht jeder Tag unter dem Friedefreudeeickuchen-Zeichen und ja, trotz hellerfülltem Leben ist das Alles, was uns tagtäglich umgibt, manchmal schwierig zu meistern. Man muss sich sehr wohl beschweren dürfen, aber ich, oder vielmehr wir, wir beschweren uns fast automatisch über alles und jeden und über Gott und die Welt, weil mehr als nur manches immer irgendwie kacke ist. Oder besser: Weil man immer etwas findet, das so richtig kacke ist.

Seit Ich Studentin bin, bin ich zum Beispiel überglücklich, aber auch maßlos überfordert. Überfordert von Freizeit, überfordert von Selbsstrukturierung, überfordert von meinem Privatleben und freien Projekten sowieso. Mir ist alles zu viel, ich schaffe das nicht, denke ich dann, und beim Anblick des Bergs von Arbeit und des vollen Terminkalenders bekomme ich plötzlich die Krise. Das hatte ich mit einer festen Tagesstruktur in meiner Agentur mit pünktlichem Feierabend um 19:00 nicht, denke ich dann (fälschlicherweise). Und beschwere mich weiter über schnöde Uni-Texte oder die schnarchige Vorlesung. Gibt es dann mal nichts zum Beschweren, beschwere ich mich allen ernstes darüber, dass ich mich beschwere. Hallo?

Das Leben ist schön, lebe jeden Tag als wäre es dein letzter und so. Carpe the fucking Diem, das muss ich auf jeden Fall häufiger mal versuchen. manchmal, da klappt das auch schon recht gut. Leicht ist das aber nicht. Warum, das mag mir auch nicht einfallen. Und dann beschließe ich wieder, dass es manchmal doch auch einfach in Ordnung ist, sich ein bisschen erdrückt zu fühlen, so ganz allgemein vom Alltag. Wir täten dennoch nicht schlecht daran, beim nächsten Mal kurz darüber nachdenken, ob es uns gerade wirklich so richtig mies geht, oder ob eine Mütze Schlaf das ganze Übel nicht recht schnell verschwinden lassen könnte. Das jedenfalls klappt bei mir neuerdings fast gut. Diese Suppe, vollgestopft mit kleinen Wehwechen, löffle ich dann ganz allein auf und siehe da, plötzlich ist sie weg. Dann schreie ich noch ein lautes DANKE hinterher, FÜR ALLES, ganz genau so, wie Omi mir das früher schon immer geraten hat. Weil wir es eigentlich viel zu gut haben. Vielleicht ist ja genau das die Jammer-Krux.

7 Kommentare

  1. Josephine

    Hi du, jammern übers Jammern, so wie das ganz generelle Jammern kenne ich zu gut.
    Erst kürzlich musste ich mich dabei erwischen, wie ich nach einem Wochenende
    meinem Mitbewohner sowie einer Bekannten ganz unterschiedliche Dinge über das
    Event vorjammerte, auf dem Ich mich bestens amüsiert hatte.

    Unglaublich, und Zeit sich nicht nur öfters mal wieder an die eigene Nase zu fassen,
    sondern schlicht und einfach die Klappe zu halten, wenn einen das Beschwerde Bedürfnis
    überkommt. Denn um ehrlich zu sein, etwas ganz gut zu finden, ist ja häufig sogar verpönt.
    So suchen wir doch meistens die Beschwerde Nadel im gemütlichen Heuhaufen, nur um
    dann zum Fazit zu kommen (nach dem wir uns vor allem mit der Beschwerde Nadel befasst
    haben) „war eigentlich ganz nett hier im Heuhaufen. Und die Nadel, aach, is ja auch nicht
    so dolle“

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  2. Sarah

    Haha, wer kennt es nicht.:D
    Wie Josephine schon sagt, ist es häufig verpönt, etwas gut zu finden. Warum? Weil wir damit Schwäche zeigen, wir offenbaren etwas von uns. Wir wollen aber Stärke zeigen und Respekt erlangen – und das geht deutlich einfacher, wenn wir uns über etwas anderes stellen, es z.b. schlecht bewerten. Keith Johnstone (Urgestein des Improtheaters) hat für unseren Kampf um Überlegenheit und Unterlegenheit den Begriff „Status“ geprägt. Hier hab ich darüber mal geschrieben: http://theaterberlin.blogspot.de/2016/10/status-was-ist-das.html
    Wenn man einmal angefixt ist, kann man nicht mehr aufhören, überall Status-Verhalten zu analysieren.:D

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  3. Kristiane

    Deine Oma hat einfach recht. Dankbarkeit ist eines der besten Mittel um sich aus der Rolle des inaktiven Nörglers herauszubewegen bzw sich erst gar nicht hineinfallen zu lassen. Uns geht es in diesem Land so gut. Ohne ‚eigentlich‘.

    Aktiv die eigene Selbstverantwortlichkeit umzusetzen und sich dabei bewusst zu sein, dass Perfektion nicht existiert, tut einfach gut. Dann bin ich mir selbst auch deutlich sympathischer. Wer will schon auf Dauer die Nörgeltante sein, die sich einbildet, dass sich ohne eigene Anstrengung für sie alles zum Besten wendet?

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