Wer ist dein Vorbild? Über Annika, Schneewittchen und Shirley Manson

04.04.2018 Feminismus

Letztens wurde ich gefragt, ob ich meine Haare schwarz gefärbt hätte, weil das so existentialistisch sei – existentialistisch wie Simone de Beauvoir. An anderer Stelle hatte meine Gesprächspartnerin den Eindruck, es sei schon immer mein Traum gewesen, wie Simone de Beauvoir rauchend in Cafés herumzuhängen. Das war gar nicht böse gemeint, aber ich musste trotzdem erklären, dass Schwarz meine natürliche Haarfarbe ist und ich überzeugte Nichtraucherin bin.

Dass Simone de Beauvoir mein Vorbild ist, ist schwer zu leugnen – ich habe ein ganzes Buch darüber geschrieben, warum wir diese Philosophin, Schriftstellerin und Feministin wiederentdecken sollten. Aber: Das bedeutet nicht, dass ich alles gut finde, was Beauvoir getan und gesagt hat. Einige ihrer Aussagen und Verhaltensweisen finde ich durchaus problematisch. Für mich bedeutet ein Vorbild haben nicht, dieses Vorbild kritiklos anzuschwärmen und möglichst genauso sein zu wollen wie dieses. Ein Vorbild ist für mich jemand, der mich inspiriert und mir Mut macht, meinen eigenen Weg zu gehen. Ein Vorbild kann mir ähnlich sein oder auch ganz anders. Tatsächlich entdecke ich quasi jede Woche neue Vorbilder (und über das ein oder andere schreibe ich dann hier).

Simone de Beauvoir mag mein größtes Vorbild sein, aber sie ist eben nicht mein einziges. Stattdessen hatte und habe ich verschiedene Vorbilder, die mich auf ganz unterschiedliche Arten inspirieren und beeinflussen. Und weil Kindheit und Jugend, wie wir alle wissen, sehr prägend sind, kommt nun eine kleine, aber doch repräsentative Auswahl aus dieser ereignisreichen Zeit.

Meine beste Freundin Annika
(Alter: Kindergarten)

Annika war die erste richtige Freundin, die ich hatte, und dass sie mich aus all den anderen Kindergarten-Kindern als ihren Sidekick auserwählte, machte mich sprachlos und glücklich. Annika war blond und bebrillt und hatte eine Mutter, die hervorragende Blaubeerpfannkuchen zauberte. Weil ich mich in einer ausgeprägten Leggins-Phase befand und mich standhaft weigerte, Jeans anzuziehen, rief meine Mutter regelmäßig Annikas Mutter an, um mir danach mitzuteilen: „Annika zieht heute auch eine Jeans an“. Die magischen Worte wirkten jedes Mal, ich schlüpfte klaglos aus der Leggins.

Schneewittchen aus dem Disney-Film
(Alter: Kindergarten)

Meine eigentliche Disney-Lieblingsprinzessin war Aurora (wer hätte nicht gerne drei Feen als Patentanten?). Aber Schneewittchen wird immer einen besonderen Platz in meinem Herzen haben, weil sie als einzige Prinzessin kurze Haare hatte. Für jemanden wie mich, der früher immer von einer langen Mähne träumte, aber aufgrund fusseliger Babyhaare bei jedem Friseurbesuch einen praktischen Kurzhaarschnitt verpasst bekam, war das unbeschreiblich wichtig – auch kurze Haare sind toll! Offenbar hat mich das Haartrauma nachhaltig geprägt, denn noch vor ein paar Jahren geriet ich mit jemandem in Streit darüber, ob Schneewittchen kurze Haare hatte oder sie nur hochgesteckt trug. Hochgesteckt? Bitte.

Pearl aus dem Musical Starlight Express
(Alter: Grundschule)

In der Grundschule besuchte ich mit meiner Schwester und unserer gleichaltrigen Nachbarin das Musical Starlight Express – von dem Augenblick an, als der Erste-Klasse-Waggon Pearl auf die Bühne rollte, war es um mich geschehen (ja, Starlight Express ist ein Musical über singende und tanzende Züge). Pearl glitzerte silbrig, konnte toll singen, wurde von den männlichen Loks umschwärmt und fand am Ende ihr Liebesglück mit Dampflock Rusty. Nichts von dem traf auf mich zu, aber immerhin konnte ich dank Pearl ziemlich bald richtig gut Rollschuh fahren.

YouTube

Mit dem Laden des Videos akzeptieren Sie die Datenschutzerklärung von YouTube.
Mehr erfahren

Video laden

Das Mädchen-Mädchen (Alter: Gymnasium, Unterstufe)

Weil das Teenager-Dasein so verwirrend und schwierig war, kaufte ich regelmäßig wissenschaftliche Publikationen wie Bravo Girl und Mädchen, die mir erklärten, wie das funktioniert, dieses Mädchensein. Eines Tages lag der Mädchen ein kleines Sonderheft zum Thema „Beauty“ bei, welches ich gierig inhalierte. Besonders angetan hatte es mir das Foto eines brünetten Mädchens mit orangefarbener Sonnenbrille, hinter der es lässig-lasziv hervorblickte. Fest davon überzeugt, auch aussehen zu können wie dieses Mädchen, klatschte ich mir die drei Seiten weiter empfohlene Bananenmaske ins Haar – und saß dann gefühlt stundenlang auf einem Stuhl, während meine Mama mir das Zeug in mühevoller Kleinarbeit wieder entfernte.

Anne Frank (Gymnasium, Unterstufe)

Meine Deutschlehrerin in der Unterstufe schaffte es mit beeindruckender Effizienz, jedes, aber auch wirklich jedes Buch, das wir im Unterricht lasen, zu ruinieren. Mit Das Tagebuch der Anne Frank wäre es ihr wohl auch gelungen, wenn ich das Buch nicht vorbildmäßig schon in meiner Freizeit gelesen hätte (call me Streberin). Was mich an dem Tagebuch vor allem interessierte, war seine Form – ein Tagebuch eben. So wie Anne ihre Kitty hatte, wollte ich ebenfalls eine Papierfreundin haben. Also ließ ich mir von meinen Eltern ein abschließbares Tagebuch schenken, nannte es „Olga“ und legte los. Fast 20 Jahre später schreibe ich immer noch fast täglich Tagebuch. Nicht, weil mein Leben so spannend und dokumentationswürdig ist, sondern weil nichts mir besser hilft, meine Gedanken zu ordnen.

Pepsi aus Fanny und Pepsi (Gymnasium, Unterstufe)

Eine Freundin meiner Mutter schenkte mir das Buch Fanny und Pepsi und ich las es innerhalb weniger Stunden durch. Fanny und Pepsi sind Cousinen, die Eine wohnt in Köln, die andere in einem Kaff namens Winseln. Der Kaff-Atmosphäre entkommt Pepsi vor allem durch ihre Band Yeti Girls, in der sie singt und E-Bass spielt. Bei mir dauerte es nach der Lektüre des Buchs noch ein paar Jahre, doch mit 18 griff auch ich endlich zum E-Bass und spielte sogar ein ganzes Jahr, bis mein Studium und der damit verbundene Umzug nach Frankreich meine so vielversprechende (nicht) musikalische Karriere beendeten – nicht jedoch meine Rockstar-Fantasien.

Buffy aus der Serie Buffy – Im Bann der Dämonen (Gymnasium, Mittelstufe)

Passenderweise habe ich alles, was an Buffy so toll und inspirierend
ist, bereits hier aufgeschrieben.


Shirley Manson (Gymnasium, Mittel- und Oberstufe)

A propos Rockstar-Fantasien: Damals, als es noch sowas wie Musikfernsehen gab und man sich nicht einfach bei Youtube durch drei Millionen Videos klickte, entdeckte ich eines langweiligen Nachmittags die Band Garbage und vor allem deren Sängerin Shirley Manson. Shirley war wild, aufregend, unglaublich talentiert und so ganz anders als Britney Spears (deren I’m a slave 4 U-Look mich nachhaltig prägte) und was sich in den frühen 2000ern sonst noch so an Popsternchen tummelte (die Spice Girls sind selbstverständlich über jeden Zweifel erhaben). Shirley brachte mich zur Rockmusik und zeigte mir, dass es okay ist, etwas merkwürdig zu sein und nicht in vorgefertigte Schablonen zu passen. Ihre Stimme war der Soundtrack zu Höhen und Tiefen meiner Teenager-Jahre und noch heute gehört sie für mich zu meinen größten Einflüssen (warum das so ist, darüber muss ich an anderer Stelle mal ausführlicher schreiben).

 

YouTube

Mit dem Laden des Videos akzeptieren Sie die Datenschutzerklärung von YouTube.
Mehr erfahren

Video laden

Fazit: Angesichts dieses bunten Potpourris aus Zeichentrickfiguren, Romangestalten und singenden Zügen ist es doch verwunderlich, dass aus mir was geworden ist. Irgendwie.

TAGS:

3 Kommentare

  1. Alraune

    Pearl !!! Ohja. Ich wollte Pearl sein, so gerne. Kann heute noch mitsingen…wäm von beiden sagä ich nein…
    Und Buffy war auch mein großer Star. Davor allerdings Claire Danes als Angela Chase in ‚Willkommen im Leben‘. In der fünften Klasse habe ich ihren Stil komplett imitiert. Frisur, Haarfarbe, Männerhemd unter kurzem Pulli und Karohemden.

    Antworten

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Mehr von

Related