Kolumne // Wie viel Social Media vertragen unsere Beziehungen?

Mit dem Nokia 6210, da war die Welt noch in Ordnung, die Zeichenzahl begrenzt und die Bedürfnisse gering. Eine Antwort oder keine Antwort, viel mehr gab es da nicht. Kein zuletzt online am, kein blauer Haken und vielleicht auch kein Ghosting. Im Umkehrschluss konnte keine Videotelefonie betrieben werden, von Sexting hatten nur die mit dem nötigen Kleingeld etwas (20 ct. für eine SMS wollen gut investiert sein) und überhaupt; spontan war anders. Den Gipfel der Unverschämtheit erreichten meine eigenen Bedürfnisse, als sich klammheimlich Wut breit machte, und zwar darüber, dass ich im Social Media Feed meines Partners irgendwie gerne mehr stattfinden würde. So wie das obligatorische „in einer Beziehung“ bei Facebook, was schon lange keiner mehr benutzt. Und eigentlich ist es mir ja auch egal. Und eigentlich auch nicht. Manche Dinge denkt man sich einfach, die spricht man nicht laut aus. Zu spät, ich habe es wirklich gesagt. Im Scherz zwar, aber nun schreibe ich es nieder, das Widerlichste aller Geltungsbedürfnisse, mitten auf der Brücke zwischen Wirklichkeit und Virtualität. Und das, obwohl uns Social Media ja so egal ist und wir alle drüber stehen.

 

Während das Handy sich bei so vielen Paaren im jahre 2018 wie eine Art platonischer Störfaktor ins Schlafzimmer, aufs Sofa und in den Park schleicht, dahin wo die Zweisamkeit herrscht und man eine Pause braucht, verabredet man den nächsten Abend oder bespricht den letzten via Whatsapp. Oder sucht ein Foto raus, um es kurz zu zeigen oder lästert über die ganze doofe Online-Welt und die Prolls auf Instagram. Ist das noch Quality Time oder schon Black Mirror Dystopie? Und wie oft soll man eigentlich noch über Social Media Nutzung im 21. Jahrhundert sprechen? Darüber, dass es keinen Schuldigen gibt und im Zweifelsfall alle etwas falsch machen, dass das Handy nervt, man morgens nicht daddeln braucht und es sich doof anfühlt,

wenn manchmal da einfach etwas zwischen zwei Parteien steht, liegt oder vibriert. Sogar hier: Gestern wurde noch über unsere Fernseher-glotzenden Eltern gelästert und heute verschicke ich eine Sprachnachricht an Mutti, während neben mir jemand einen Lachanfall über Drunk People doing things bekommt. Und das war längst noch nicht alles. Manchmal gibt es dann dieses stille Misstrauen darüber, was sich der andere so anschaut, wenn er alleine ist. „Warum denn folgen, wenn es dir eigentlich egal ist?“, „Warum bekommt das Bild ein Herzchen?“. Und schwups stolpert man selbst über Lieschen Müllers Seite, nur um mal zu schauen, was da so los ist, wer gestalkt wurde, während wir im Austausch mit anderen versuchen, das Ganze zu „analysieren“ und zu interpretieren.

Ich bin vernunftbegabt und nicht auf den Kopf gefallen, habe mich schon längst als Social Media Fan geoutet und alle Vorzüge erkannt und kritisch hinterfragt. Ich führe eine Beziehung, in der über Dinge gesprochen wird und ich ärgere mich über Zickereien und freue mich über wohlige, quirlige Treffen  auch mit Freunden und der Familie, die dann doch irgendwie kurz einsam ist, wenn der andere etwas tippt. Und ohne richtig sauer werden zu können, sitzt da ein Klos im Hals, der ein Bild in der Hand hält, auf dem zwei Parteien apathisch nebeneinander auf dem Sofa sitzen und ein Handybildschirm beide Gesichter erstrahlen lässt. Stumm und gelangweilt und ganz woanders. Kann man das noch verhindern? Vielleicht über ein stringentes Handyverbot am Tisch und im Bett hinaus? Und zwar so, dass man ganz tief in sich verstanden hat, dass es einfach egal ist, was auf dem Bildschirm passiert, ob man just in diesem Moment antwortet und der Welt zeigt, dass man nicht zu jeder Tageszeit zurückschreiben kann, will und muss. Auf der einen Seite: Erwartungen mindern, Realismus fördern. „Ich bin gerade nicht da“, sagen, ohne den Flugmodus zu betätigen, 

um auf der anderen Seite gleichzeitig das Bedürfnis nach Verfügbarkeit, Präsenz auf Abruf und AFK – away from keyboard – zu implizieren. Aber funktioniert das überhaupt für die Nachrichtenschreiberlinge? Vor allem dann, wenn gerade nicht alles rosig läuft, ist die zu spät beantwortete Nachricht pures Gift. Weil wir heute, eben anders als beim Nokia 6210, doch wissen, dass das Handy in der Hosentasche vibriert, es eh alle 20 Minuten in der Hand landet und befürchten, dass man da nur einem auf dem Leim gegangen sein kann, der gerade keine Lust hat auf einen und anscheinend besseres zu tun hat.

Keiner bleibt verschont, gehören auch Affären, Dates, Tinder-Liebschaften, Freundschaften und die Familie längst dazu. Schreib ich zuerst?, Was schreib‘ ich jetzt?, War das Doof? Keine Antwort. Alle sind verunsichert und die Mutigen wählen die Nummer und rufen einfach an. Sprachnachricht zählt nicht. Nur was tun wir, wenn wir doch alldem nicht entgehen können? Vielleicht einfach keine Spielchen spielen, mit denen die man lieb hat? Klar machen, dass man nicht der Typ ist für eine Zick-Zack Frage-Antwort Kommunikation ist? Den Freiraum kommunizieren, den man sich nimmt, wenn man das Handy eben Handy sein lassen will?

Denn klar ist, dass die fehlende Antwort in falschen Momenten Brücken einreißen kann und Fässer zum Überlaufen bringt und das, obwohl einer gerade das Telefon lädt oder eine Pause macht. Und man doch nun wirklich nicht das Recht hat, jemanden vorzuwerfen, dass er gerade nicht am Handy sein will. Erst recht nicht, wenn man sich vorher für handylose Zeiten stark gemacht hat.

Und dann stört sie trotzdem, die wohlgewählte Auszeit. Oder eben die Zeit zum Nachdenken. Völlig zu Recht auf der einen, und völlig verzweifelt auf der anderen Seite. Weil das kleine schwarze Rechteck halt einfach da ist und wer Bedenken völlig leugnet, was das Handy angeht, das Beziehungen betrifft, der ist mir eine Gebrauchsanweisung schuldig oder schwindelt wie gedruckt. Hat sie nicht jeder Mensch, diese Bedenken über Eifersucht, den Zeitraub, das zweisame Schweigen über dem Newsfeed? Oder bin ich schon wieder die einzige die alle paar Wochen aus der Rolle fällt und sich Whatsapp zur Hölle wünscht?

 

 

Die Möglichkeit der Kontrolle macht das Bedürfnis zu kontrollieren so präsent. Zu kontrollieren, was jemand liked, wann jemand gefrühstückt, gefeiert, gearbeitet hat, online war oder gerade ist. Das kleine Ding ist mehr denn je in der Lage, Misstrauen zu schüren und zu verunsichern. Druck aufzubauen und für Missverständnisse zu sorgen. Und obwohl wir es alle besser wissen und sehnsüchtig an analoge Zeiten denken, stecken wir mit dem Schuh schon viel zu tief in der Postdigitalen Jauche drin und bekommen ihn irgendwie nicht rausgezogen.

Dass wir Apps, Online sein und Co. vorerst nicht loswerden ist klar, dass es unserer Beziehungen verändert auch. Aber wenn die längste Ehe eine Woche vor der Glotze aushält, muss dann auch Instagram auf dem Sofa mal ok sein? Vielleicht ja. Vielleicht mit Vertrauen und Wohlwollen – und am Ende des Tages vor allem ganz Ohne Druck. Damit das Handy, wenn wir mal wieder raus in die echte Welt gehen, in den Park, den Urlaub oder die Weinbar, ganz einfach zu Hause bleiben kann.  Weil wir es so wollen – und nicht, weil wir es uns so auferlegt haben.

4 Kommentare

  1. Jael

    So viel Wahrheit und so viel Witz – wunderbare Schreibe, Fabienne!

    Mein Partner und ich haben irgendwann in beidseitigem Einvernehmen beschlossen, dass das Smartphone aus dem Schlafzimmer raus bleibt. Einfach weil wir beide die Vorstellung von „Der Display ist das Letzte das man vor dem Einschlafen sieht und das Erste das man nach dem Aufwachen anschaut“ unglaublich traurig fanden.
    Die Weckfunktion wurde durch einen klassischen Wecker ersetzt und jedweden digitalen Input vermissen tut seither tatsächlich keiner!

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    1. Ana

      … ich schlage noch Displays weg vom Esstisch vor (mindestens solange gegessen wird). In meiner letzten Beziehung konnte ich die Idee zwar anbringen, sie wurde aber knallhart als „Einschränkung der Freiheit“ (welch Ironie) abgewiesen.

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  2. Cora

    Wie immer ein ganz wunderbarer Artikel! Die Ironie dabei war,dass ich nach dem Lesen automatisch den Like-Button drücken wollte 😉

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  3. Josephine

    Wunderbarer Artikel. Meine letzten Beziehungen waren jedoch immer mit Männern, die ihr Handy konsequent liegen gelassen haben. Ich kenne von daher nur die eine Seite. Aber auch für Freundschaften gilt: Handy in Zeiten der Zweisamkeit konsequent liegen lassen. Alles andere ist ätzend. Schwerer stell ich das bei mehr Zeit und mehr Alltag vor, spannend bleibt es jedoch.

    Habe mich in der letzten Zeit noch mal mit den neuronalen Folgen des ständigen Handy-Checkens beschäftigt, sau spannend, weil unser Hirn eine Art Dopamin Sucht entwickelt und daher als konsequente Folge immer wieder zum Checken des Handys neigt. Als Einstieg, lohnt sich sehr das zu lesen um mal die hormonelle Seite mit einzubeziehen: https://www.theguardian.com/science/2015/jan/18/modern-world-bad-for-brain-daniel-j-levitin-organized-mind-information-overload

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