Die politische Macht der Poesie

Am letzten Samstag saß ich in einem Raum des politikwissenschaftlichen Instituts in Aix-en-Provence. Neben mir am Tisch: vier erstaunliche Frauen aus Syrien, Tunesien, Ägypten und dem Iran. Frauen, die alle auf ihre eigene Art mit Schreiben und Sprache zu tun haben, Frauen, die Sprache nutzen, um auf Missstände aufmerksam zu machen, um Machtverhältnisse zu untersuchen, um sich als Frauen einen Platz in der Öffentlichkeit zurückzuerobern. Was uns alle zusammengebracht hatte, war eine Podiumsdiskussion zum Thema Bloggen und Literatur aus weiblicher Sicht, zwischen Poesie und Politik, moderiert von mir.

Wir hatten noch 20 Minuten bis zum Beginn der Veranstaltung und diskutierten einige der Fragen, die wir später thematisieren wollten. Ich machte mir Notizen, strich Fragen, stellte sie um. Einen Satz schrieb ich auf, markierte ihn: „Die präziseste Sprache hat momentan die Poesie.“ Gesagt hat diesen Satz Nisrine al Zahre, eine syrische Linguistin und Übersetzerin, und Teilnehmerin der Podiumsdiskussion.

Beschwichtigendes Wispern, wütende Parole

Ich habe über diesen Satz noch lange nachgedacht, habe eigentlich gar nicht mehr aufgehört, über ihn nachzudenken, auch, wenn ich schon längst nicht mehr in Aix-en-Provence, sondern zurück in Berlin bin. Wahrscheinlich, weil der Satz an etwas rührte, über das ich mir schon länger Gedanken mache. Die Kraft der Worte, die Macht der Poesie, das politische Potential von Poesie. Poesie hat gerade, man kann es so sagen, einen „Moment“. Auf Instagram, Twitter und Facebook wird sie gepostet, kommentiert, geteilt. Mehr noch als vor ein paar Jahren. Das hat offensichtliche Gründe: Von Poesie lassen sich gut Screenshots machen, sie ist oft kurz und prägnant – Dichterinnen wie Rupi Kaur und Nayyirah Waheed sind vor allem durch Instagram bekannt geworden.

 

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Aber dass Poesie diesen „Moment“ hat, das hat auch andere, tiefere Gründe. Die Poesie, so scheint es, passt wie keine andere literarische Form so gut in unsere heutige Zeit. Keine andere literarische Form bietet sowohl Trost als auch Ermutigung. Weil keine andere literarische Form sowohl beschwichtigendes Wispern als auch wütende Parole ist. Sein kann.

Beispiel USA: Nach der Wahl Donald Trumps zum US-Präsidenten im November 2016 veröffentlichte der Guardian eine Liste mit Gedichten, „to counter the election fallout – and beyond“, die Huffington Post bot „18 Compassionate Poems To Help You Weather Uncertain Times“. Poesie als Erste Hilfe. Aber auch schon vorher, als zahlreiche Menschen im LGBT-Club Pulse in Florida ermordet wurden und der Afroamerikaner Alton Sterling durch Schüsse weißer Polizisten starb, suchten Menschen nach etwas, das ihnen beim Verarbeiten dieser Ereignisse, ihrer Trauer und Wut helfen würde – und wurden bei der Poesie fündig. Der amerikanische Dichter Richard Blanco, der bei Barack Obamas zweiter Amtseinführung auftrat, sagt:

„A poem takes back language, reenergizes it, reinvigorates it in a way that a post doesn’t. Language, and all art, offers a kind of consolation, because it speaks truth and it speaks hope and it speaks all sorts of things you won’t get from a tweet or a newspaper or a post.”

 

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Die Verrohung der Sprache

Deutschland hat, das ist klar, eine andere dichterische Tradition als die Vereinigten Staaten. Hier kreuzen sich Poesie und Politik nicht so oft, nicht so offensichtlich. Das letzte Mal, dass ein Gedicht wirklich in die deutsche, politische Öffentlichkeit drang und dort diskutiert wurde, war 2012: Unter dem Titel „Was gesagt werden muss“ erschien in der Süddeutschen Zeitung, El País und La Repubblica ein Gedicht von Günter Grass. Viele empfanden das Gedicht als antisemitisch und wenn nicht, dann doch zumindest die Darstellung des Konflikts zwischen Iran und Israel höchst problematisch und einseitig. Poesie, das zeigt das Beispiel Grass, kann nicht nur beruhigen, ermutigen, zum Widerstand gegen Ungerechtigkeiten aufrufen – sie kann genauso genutzt werden, um Brände zu legen, um Zwietracht zu säen. Und hat dann nur noch wenig poetisches an sich.

Anfang 2014 wurde Julia Engelmann mit dem beim Bielefelder Hörsaalslam 2013 vorgetragenen Text „Eines Tages, Baby, werden wir alt sein“ deutschlandweit bekannt. Ich persönlich konnte mich mit dem Text nicht identifizieren, fand darin nichts, was zu mir sprach. Vielen meiner Freund*innen und Bekannten ging es anders, sie teilten das Youtube-Video des Auftritts, schrieben auf Facebook: „Eines Tages, Baby, werden wir alt sein. Oh Baby, werden wir alt sein / und an all die Geschichten denken, die wir hätten erzählen können.“ Eine Julia Engelmann ist allerdings die Ausnahme. Normalerweise hat Poesie in unserem Leben nicht viel Platz. Wir haben uns daran gewöhnt, dass unsere Sprache verroht, dass sie verkürzt wird, wir akzeptieren viel zu oft, dass Sprache nun mal so ist wie sie ist. Uns fehlt die Vorstellungskraft, was Sprache sein kann, muss, dass sie das Potential hat, Dinge zu verändern.

Das Private im Politischen

J. M. W. Turner’s 1842 painting, „Snow Storm: Steam-Boat off a Harbour’s Mouth“ (TATE)

Poesie kann so viel. Don Share, Chefredakteur des amerikanischen Poetry magazine, formuliert es so:

Er weist darauf hin, dass Menschen, wenn sie in irgendeiner Art unter Druck stünden, sich der Poesie zuwenden würden. Deshalb würde Poesie uns bei den wichtigsten Ereignissen unseres Lebens begleiten: Hochzeiten, Beerdigungen, Geburtstage.

Mir gefällt die Idee, dass es bei der Poesie ums Zuhören geht. Darum, von anderen zu lernen, die Welt ein paar Zeilen lang aus ihren Augen zu betrachten. Über den Krieg in Syrien beispielsweise habe ich so viel mehr durch Poesie, durch Dichter*innen gelernt, als durch Zeitungsartikel und Fernsehberichte. Weil Poesie das Private und Politische zusammenbringt und zeigt, wie diese beiden Sphären sich gegenseitig durchdringen.

In Aix-en-Provence, vor Beginn der Podiumsdiskussion, trat die syrische Dichterin Hala Mohammad, die aus ihrer Heimat nach Paris floh, vor das Publikum. Sie trug ein Gedicht vor, das sie für ihre verstorbene Mutter geschrieben hat. In dem Gedicht mit dem Titel „La maison a beaucoup changé après ton départ“ (dt. Das Haus hat sich seit deinem Weggang sehr verändert) erzählt sie ihrer Mutter, wie sich das Haus, wie sich Syrien verändert hat. Die letzten Zeilen lauten:

„Syrien hat sich verändert / Die Häuser, die Nachbarn und die Straßen … Wie dir das sagen / Ohne deinen Tod zu stören? … Syrien wurde während des Kriegs zugrunde gerichtet / Und die Erinnerungen, Mutter, / Sind keine Heimat mehr.“

Ausweg aus dem Chaos

Vielleicht ist die Sprache der Poesie deshalb so präzise, gerade weil sie ungeordneten Gedanken und Emotionen Ausdruck verleiht und so einen Ausweg aus dem Chaos bietet. Poesie ist unmittelbar, kraftvoll, sie bietet eine Alternative zu der oft hysterischen, entmenschlichten und brutalen Sprache, die uns in Teilen der Politik und der sozialen Medien umgibt. Sie gibt uns unsere Sprache zurück. Unsere Sprache, die wir so dringend brauchen.

7 Kommentare

  1. Neele

    Vielen Dank für diesen großartigen Text. Er regt zum nachdenken an und macht große Lust auf Poesie. Ich habe gerade überlegt, dass wir diese vielleicht auch deswegen so mögen, weil man kurz „gezwungen“ wird über den Text nachzudenken. Man kann nicht, oder nur schwer, einfach weiterscrollen, oder darüber hinweglesen, wie wir es durch Instagram und Co. mittlerweile schon gewohnt sind. Bisher habe ich keine Gedichte gelesen, werde das aber auf jeden Fall nachholen und freue mich, wenn Rupi Kaurs Buch auf Deutsch erscheint. Liebe Grüße aus Freiburg, Neele

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  2. Nora

    Schöne Gedankenanstöße!
    An dieser Stelle unbedingt erwähnenswert ist Andrea Gibson, spoken word artist, queer-feministisch, hat ein unglaublich gewaltiges Gedicht über den Anschlag in Florida geschrieben und ist auch sonst unfassbar wortgewandt. Z.B. einfach bei youtube anschauen (Stichwort medientauglich), ich habe nächtelang nicht aufhören können!

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