Ich habe eine Psychologin gefragt, was es mit der Winterdepression wirklich auf sich hat!

11.02.2019 Gesellschaft

Auch wenn die grauen und kurzen Tage sich hoffentlich ganz bald dem Ende neigen, kenne genügend Menschen, denen vor allem die letzten Monate des Winters noch einmal ordentlich zusetzen. Ratlosigkeit macht sich breit, wenn es nicht nur gegen den alltäglichen Schweinehund anzukämpfen gilt, sondern wenn wir uns auch noch gegen aufkommende Trägheit und Müdigkeit wehren müssen, die uns nahezu an Bett und Sofa fesseln möchten. Gemütlich unter der Wolldecke mit Kakao und Fernbedienung in der Hand, statt in der Früh im Stockdunkeln zur Arbeit zu radeln und bei Sonnenuntergang wieder zurückzufahren.

Was hat es eigentlich mit diesen ermüdenden Monaten im Jahr auf sich und kann ich nach einer harten Januarwoche schon von einer Winterdepression sprechen, vor allem dann, wenn mir kaum etwas Freude bereitet und ich vor Missmut und Müdigkeit die Augen kaum offen halten kann und will?

Nicht nur um meine, sondern auch um eure Wissenslücken zu schließen, habe ich eine Expertin gelöchert und mit ihr die wichtigsten Fragen rund um das Thema Winterdepressionen besprochen. Anna-Marie Raith arbeitet als Psychologin in einer Tagesklinik mit vorrangig depressiven und psychotischen Patient*innen. Sie hat sich nicht nur Zeit genommen mit mir über Symptomatik und Ablauf einer Winterdepression zu reden, sondern erklärt auch, dass es viel eher normal als besorgniserregend ist, in den kalten Monaten alles etwas runterzufahren.

Winterdepression – gibt es dafür auch eine wissenschaftliche Definition?

Die gibt es auf jeden Fall. Im Klassifikationssystem befinden wir uns da im Kapitel der affektiven Störungen, also Störungen, die die Stimmung betreffen. Neben einer depressiven Episode gehören auch chronische Verstimmungen oder manisch-depressive Störungen dazu. Ein spezifischer Subtypus der wiederkehrenden depressiven Episoden ist die saisonal depressive Störung, englisch „Seasonal Affective Disorder“, kurz SAD. Tatsächlich ist es eine eher seltene Unterform der depressiven Erkrankungen, die sich durch das wiederholte Auftreten zu einer bestimmten Jahreszeit auszeichnet. Das muss allerdings nicht zwingend eine Winterdepression sein. Es bedeutet nur, dass das Auftreten ein saisonales Muster aufweist.

Wodurch ist die Winterdepression gekennzeichnet?

Die Bezeichnung „Winterdepression“ ist tatsächlich etwas irreführend: Vom zeitlichen Ablauf ist sie dadurch gekennzeichnet, dass sie zum Herbst oder Winter auftritt, wenn sich das Wetter verschlechtert und die Tage kürzer werden, und in der Regel um den März herum, pünktlich zum Jahreszeitenwechsel, langsam wieder ausschleicht. „Herbst-/Winterdepression wäre deshalb als Begrifflichkeit vielleicht passender. Die Herbst-/Winterdepression bringt überwiegend klassische, depressive Symptome mit sich: Interessenlosigkeit, stark verminderter Antrieb, gedrückte Stimmung, mangelnde Energie, Müdigkeit, Erschöpfung, Konzentrationsschwierigkeiten und ein verminderter Selbstwert.

Im Interview mit Anna-Marie Raith

In der Tendenz ist die saisonale Depression, im Gegensatz zu einer klassischen Depression, durch gesteigerten Appetit, mitunter Heißhunger, und einem vermehrten Schlafbedürfnis anstelle von Appetitlosigkeit und Schlafstörungen gekennzeichnet. Gewichtszunahme ist demzufolge eine häufige Begleiterscheinung. Viele Menschen stellen außerdem eine Veränderung der Libido fest. Wie bei einer klassischen Depression besteht auch bei der saisonalen Depression häufig ein Botenstoffmangel von Serotonin und Adrenalin, die unter anderem Stimmung und Antrieb regulieren. Darüber hinaus produziert der Körper im Herbst und Winter aufgrund des Lichtmangels vermehrt Melatonin, das sogenannte Dunkelhormon, das uns müde macht und in der Regel vor allem in den Abendstunden ausgeschüttet wird. Der erhöhte Melatoninspiegel erklärt vor allem das vergrößerte Schlafbedürfnis im Rahmen einer Herbst-/Winterdepression.

Gibt es denn auch eine Sommerdepression?

Das klingt natürlich erst einmal paradox, allerdings gibt es auch depressive Störungen, die wiederkehrend im Sommer auftreten. Diese lässt sich symptomatisch zur Herbst-/Winterdepression abgrenzen, da sie in der Regel durch starke Unruhe und Hibbeligkeit sowie Einschlafstörungen und Appetitlosigkeit gekennzeichnet ist. Die Sommerdepression betrifft vor allem Frauen und tritt noch seltener sowie mit weniger stark ausgeprägten Symptomen auf.

Ist die Bezeichnungen einer „Depression“ überhaupt gerechtfertigt und ab wann ist eine Depression eine Depression?

Schwierige Frage. Rein diagnostisch ist die Bezeichnung gerechtfertigt, sofern die Symptome das Vollbild einer Depression erfüllen, also eine „Mindestanzahl“ an Symptomen beschrieben wird. Eine gedrückte Stimmung, wie sie viele Menschen in den Wintermonaten erleben, reicht da zur Diagnosestellung nicht aus. In der Praxis muss man natürlich den Einzelfall betrachten. Was letztendlich immer entscheidend ist, ist der individuelle Leidensdruck der Betroffenen und die Beeinträchtigung, die damit einhergeht.

Also: Gehen wir mit dem Begriff zu inflationär um?

Ich vermute ja. Es ist eine erfreuliche Entwicklung, dass das Bewusstsein für psychische Erkrankungen grundsätzlich eher zunimmt. Menschen verstehen zunehmend, was eine Depression ist und wodurch sie gekennzeichnet ist. Vielen Personen schlagen in den Herbst- und Wintermonaten die kurzen und dunklen Tage auf die Stimmung, sodass häufig umgangssprachlich von einer Winterdepression gesprochen wird, obwohl es sich in den meisten Fällen vermutlich um eine unbedenkliche Anpassung an Jahreszeit und Wetter handelt. Eine vorübergehende schlechte Stimmung gehört im Leben dazu, ist aber, sofern keine andere Diagnose und Faktenlage vorliegt, noch keine Depression mit Krankheitswert im medizinischen Sinne und sollte somit nicht voreilig pathologisiert werden.

 

Eine diagnostizierte Herbst-/Winterdepression ist nämlich mit einer Auftretenshäufigkeit von etwa 1% eher selten und vergleichbar mit der Wahrscheinlichkeit, eine Schizophrenie zu entwickeln. Im Vergleich dazu leidet in der Gesamtheit seines Lebens jede*r Fünfte unter mindestens einer depressiven Episode, sprich eine Auftrittswahrscheinlichkeit von 20%. Depressionen sind somit die am stärksten verbreitete psychische Störung. Letztendlich treten depressive Erkrankungen aber über das ganze Jahr verteilt auf und weisen nur selten ein saisonales Muster auf. Hierbei ist der Anstieg in den Jahreszeiten Herbst und Winter eher unwesentlich.

Gibt es Menschen, die besonders anfällig sind?

Bei jeder psychischen Erkrankung gibt es sogenannte Risikofaktoren. Generell ist das medizinisch weibliche Geschlecht ein Risikofaktor dafür, eine Depression, unabhängig vom saisonalen Pattern, zu entwickeln. Auch bei der Seasonal Affective Disorder sind Frauen* häufiger betroffen als Männer*. Drei Frauen* kommen bei der Diagnose auf nur einen betroffenen Mann*. Neben dem Geschlecht ist die Anfälligkeit durch die verminderte Tageslichtaussetzung erhöht, zum Beispiel bedingt durch Bürojobs. Außerdem spielen sozioökonomische Faktoren eine Rolle: Familienstand, zwischenmenschliche Beziehungen und Partnerschaft sowie Veränderungen in diesen Lebensbereichen. Häufig wurde beobachtet, dass geschiedene oder getrennt lebende Personen oder Personen mit einem Mangel an engen Bezugs- oder Vertrauenspersonen eine SAD entwickeln.

Ist es übertrieben, sich bei einer Winterdepression Hilfe zu holen?

Auf keinen Fall. Wenn das Vollbild einer depressiven Episode erfüllt wird, ist Hilfesuchen dringend notwendig. Es handelt sich um eine deutliche Einschränkung der Lebensqualität, die mit großen Leidensdruck verbunden ist. Jede*r, der/die mehr als zwei Wochen mehrere der oben genannten Symptome bemerkt und darunter leidet, sollte einen Arzt zur Abklärung aufsuchen. Spannend ist, dass diese jahreszeitlichen Schwankungen und deren biologischen Auswirkungen ursprünglich keinen Krankheitswert hatten, sondern evolutionär von großer Relevanz waren. Der Organismus stellt sich auf die kürzeren Tage ein und passt Schlafgewohnheiten und Ressourcenaufnahme an, was für das Überleben in kalten Monaten eine essenzielle Bedeutung hatte. Oben genannte Symptome sind erst durch Veränderungen unserer Gesellschaft problematisch geworden. Auch im Winter müssen wir voll leistungsfähig sein und denselben Schlaf-Wach-Rhythmus einhalten, was im Grunde nicht in unserer Natur liegt. Anders ausgedrückt: unsere automatisierten Körperfunktionen sind nicht mehr zeitgemäß.

Inwieweit kann eine Psychiaterin oder eine Psychotherapeutin den Betroffenen helfen – und wie würde die Therapie aussehen?

Es ist belegt, dass eine SAD recht effektiv und effizient behandelt werden kann. Die zentrale Komponente ist hierbei die Lichttherapie. Der Lichtmangel, der im Herbst und Winter besteht, ist als beitragender Faktor unbestritten. Die Behandlung mit sehr hellem, weißen Licht mit hoher Luxzahl ist bei leichter bis mittelschwerer Winterdepression die Methode der Wahl und so gut wie nebenwirkungsfrei. Im Idealfall setzt man sich für mehrere Wochen in den Morgenstunden für etwa 20 bis 40 Minuten der Lichttherapielampe aus, um so die innere Uhr zu takten und den Schlaf-Wach-Rhythmus mit dem Hell-Dunkel-Rhythmus zu synchronisieren. Hierbei lassen sich recht häufig schon nach einer Behandlung Effekte wie vermehrte Freude an Aktivitäten, Antriebssteigerung sowie eine Stimmungsaufhellung feststellen. Ist die Depression als schwere Episode einzustufen, wird neben der Psychotherapie auch die Behandlung mit Psychopharmaka empfohlen. Eine wichtige Komponente außerdem: der Aufbau von Aktivitäten, vor allem an der frischen Luft.

Besteht die Möglichkeit, die Winterdepression zu überbrücken, durch Prävention also gar nicht erst hineinzugeraten?

Tatsächlich ist eine Winterdepression, die einen Jahr für Jahr einholt, schwierig zu überbrücken. Es gibt allerdings Möglichkeiten, sie etwas abzumildern. Schon ab dem späten Sommer kann man bewusst darauf achten, sich möglichst viel Tageslicht auszusetzen, indem man vermehrt rausgeht und Zeit an der frischen Luft verbringt. Das kommt einer präventiven Lichttherapie schon nahe und ist alltagstauglich. So können tägliches Spazierengehen, zusätzliche Fußmärsche, aber auch Sport und Bewegung im Allgemeinen vorbeugend wirken. Außerdem spielt das Thema Selbstfürsorge eine große Rolle: Also Verwöhnmomente, Ruhemomente und sich etwas Gutes tun, vom Lieblingstee bis zur heißen Wanne. Selfcare muss weder aufwendig noch teuer sein. Es fängt schon bei der genussvoll verbrachten Zeit mit Freunden an.

Besteht die Gefahr, dass man sich zu spät Hilfe sucht? Kann man die Depression aus dem Winter ins ganze Jahr tragen?

In der Regel schleicht die SAD von selber aus, auch ohne Hilfe oder Therapie. Selbstverständlich ist dies aufgrund der individuellen Belastung keine ideale Lösung. Es kann aber im Einzelfall auch vorkommen, dass eine temporäre Episode sich zu einer längerfristigen depressiven Episode entwickelt und aus einer Herbst-/Winterdepression eine chronische Verstimmung wird. Sobald die Symptome zu einem Leidensdruck führen, im Alltag beeinträchtigen und eine grundlegende Wesensveränderung auffällt, sollte man sich also schon Hilfe suchen.

Wie kann ich Betroffene im Freundeskreis unterstützen?

Behutsam die Person ansprechen und die persönliche Sorge äußern, sofern die Person nicht selber das Gespräch sucht. Es ist dabei wichtig zu klären, ob und inwieweit jemand unterstützt werden möchte. Sofern dies der Fall ist, kann es hilfreich sein, die Betroffene zu aktivieren. Gemeinsame Unternehmungen, aber auch Sport oder andere soziale Verpflichtungen schaffen und so dem Antriebsmangel der Person entgegenwirken. Auch Stressreduktion spielt eine Rolle: Man kann versuchen, die Person beruflich oder sozial zu entlasten und somit auch die positive soziale Beziehung stärken. Unter Umständen kann es auch wichtig sein, die Person zu bekräftigen, professionelle Hilfe aufzusuchen und sie bei dieser Suche zu unterstützen.

An wen kann ich mich denn wenden, wenn ich dringend einen Therapieplatz brauche?

Das ist leider so eine Sache. Es kann passieren, dass Betroffene sich um einen Therapieplatz kümmern, dieser jedoch erst frei ist, wenn die Herbst-/Winterdepression schon wieder abgeklungen ist. In sehr akuten Fällen mit drängenden Suizidgedanken ist es also wichtig, sich sofort an die Rettungsstelle oder den Krisendienst zu wenden. In allen anderen Fällen sucht man auf dem klassischen, mitunter beschwerlichen Wege eine Psychotherapie. Dies bedeutet zum Beispiel, sich über die Terminservicestelle einen Sprechstundentermin geben zu lassen. In der Regel geht das relativ schnell, aber läuft oft unabhängig vom persönlichen Einzugsgebiet oder Präferenzen und garantiert leider auch keinen schnellen Beginn der tatsächlichen Therapie. Es ist daher auch sinnvoll, sich auf Empfehlungen oder

Niederlassungen in der näheren Umgebung zu berufen und diese direkt zu kontaktieren. Weiterhin gibt es die sogenannten Ambulanzen für Psychotherapie mit tendenziell kürzeren Wartezeiten. In Berlin wären das im Bereich der Verhaltenstherapie zum Beispiel das ZPHU, die BAP oder die DGVT. Manche niedergelassenen Therapeut*innen arbeiten auch mit dem Kostenerstattungsverfahren, welches greift, sofern man vergeblich mehrere Psychotherapeut*innen kontaktiert hat. Hierbei protokolliert man die getätigten Anrufe sowie die Rückmeldungen. Bei einer gewissen Anzahl von Absagen kann man sich an die Krankenkasse wenden und die Therapie bei einer Therapeutin aufnehmen, die sonst ausschließlich privat abrechnet.

Vielen Dank für das interessante Gespräch, liebe Anna!

Bild der Collage: Man Repeller

Ich habe eine Psychologin gefragt, was es mit der Winterdepression wirklich auf sich hat!

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