„Adieu Liberté. Wie mein Frankreich verschwand“ // Im Interview mit der Autorin & Journalistin Romy Straßenburg über Frankreich, die Gelbwesten & Europa

Im Sommer 2010 absolvierte ich ein Praktikum in Paris. Zehn Wochen lang saß ich mit Menschen aus ganz Europa in einer Redaktion, diskutierte Themen, führte Interviews und machte Übersetzungen. Irgendwann in diesem Sommer landete eine Mail in meinem Postfach, in der für ein deutsch-französisches Journalismus-Seminar geworben wurde. Absenderin: Romy Straßenburg, Exil-Berlinerin und freie Journalistin in der französischen Hauptstadt. Dem ersten Treffen IRL folgten viele weitere – irgendwo zwischen Paris und Berlin findet sich immer Zeit für einen Kaffee, einen Wein oder eine kurze Mittagspause beim Lieblingsitaliener. Jetzt hat Romy ihr erstes Buch geschrieben: Adieu Liberté. Wie mein Frankreich verschwand (Ullstein Fünf) heißt es und wirft einen sehr persönlichen Blick auf das heutige Frankreich, insbesondere Paris. Es geht um Liebe, Kultur, Politik und das Lebensgefühl junger kosmopolitischer Europäer*innen – aber auch um Terror und Unsicherheit, um Angst. Mal voller Ironie und tragischer Komik, mal ernst und wehmütig. Aber immer lebendig, authentisch und vor allem: ehrlich. Bei Cappuccino und Rhababerschorle im Berliner Gorki Park erzählt Romy von ihrem Frankreich – ein Land, das es einem oft nicht leicht macht.

Romy, vor fast elf Jahren bist du aus deiner Heimatstadt Berlin nach Paris umgezogen. Warum eigentlich?

Eigentlich wollte ich damals nur für ein Jahr nach Paris. Ich hatte Französisch studiert und die ersten Schritte in den Journalismus gemacht – während des Studiums hatte ich bereits ein halbes Jahr in einer französischen Redaktion gearbeitet. Eigentlich habe ich mich immer eher in Berlin gesehen, aber da war eben dieser Vorsatz: ein Jahr in Paris bleiben. Dort kam dann eins zum anderen, ein Job folgte auf den nächsten und ich dachte: Jetzt kannst du nicht mehr weg. Weil Paris meine Heimat geworden ist.

© Etienne Laurent ETILAU

Die Mieten in Paris sind hoch, die Lebenshaltungskosten auch. Viele ziehen in die Vororte, weil sie sich das Leben im teuren Zentrum nicht mehr leisten können. Ist Paris mehr Kampf als Leben?

Es ist schon ein Kampf, ja. Die Stadt hat definitiv einen anderen Rhythmus als Berlin – aber das liegt meiner Meinung nach eher an Berlin, Paris nimmt sich im Vergleich mit anderen Metropolen wie London nicht viel. Paris verlangt dir viel ab, aber es gibt dir auch viel zurück. Du musst darauf eingestellt sein, Dinge machen zu müssen, um zu überleben. Du stehst unter einem gewissen Druck. Für mich ist das gut. Den Druck habe ich in Berlin nämlich nicht gespürt und dachte mir: Hier kommst du nicht weiter, du wirst in ein paar Jahren immer noch rumsitzen und Latte Macchiato schlürfen.

Dein gerade erschienenes Buch heißt Adieu Liberté. Wie mein Frankreich verschwand. Was war oder ist denn dein Frankreich?

Die Betonung liegt wirklich auf mein Frankreich! Es geht mir um einen subjektiven Blick. Tatsächlich hat das Frankreich, wie ich es vor zehn Jahren vielleicht definiert hätte, so ja nie existiert. Es war auf gewisse Art ein erträumtes Frankreich: Ich erhoffte mir dort mehr Stil, mehr savoir vivre, mehr Ästhetik und Feingeistigkeit als in Deutschland. Es war für mich ein Gegenentwurf zur deutschen Mentalität. Aber wenn man in Frankreich lebt, merkt man, wie hierarchisch und elitär die dortige Gesellschaft ist – man nimmt relativ schnell Abstand von seinen Illusionen. Das wäre ja auch okay gewesen, Frankreich hätte nach wie vor eine große Anziehungskraft gehabt. Aber dann kamen die Anschläge.

Wie hat sich Frankreich, vor allem Paris, dadurch verändert?

Wenn ich es herunterbrechen müsste, würde ich sagen: Die Gelassenheit ist weg. Die Unschuld. Und die Lebensqualität hat sich sehr verändert, beziehungsweise stellt man diese schon in Frage, wenn man in einem Café sitzt und vor einem stehen sieben, acht Soldaten mit Maschinengewehren im Anschlag. Ein Anschlag allein hätte schon gereicht, um Frankreich nachhaltig zu verändern. Aber es gab so viele! Erst Charlie Hebdo, dann das Bataclan, Nizza, Strasbourg – und das sind nur die Bekanntesten. Hätte man mir vor zehn Jahren gesagt, dass es in Frankreich eine solche Serie terroristischer Anschläge geben würde, dass in Paris in einer Nacht 130 Menschen getötet werden würden – ich hätte es nicht geglaubt. Heute lebt man mit dieser Situation, man hat sich an sie gewöhnt.

 

Für dich hat sich nach dem Anschlag auf Charlie Hebdo auch beruflich etwas verändert: Du bist Chefredakteurin der deutschen Charlie-Ausgabe geworden, die von 2016 bis 2017 wöchentlich erschien.

Das Komische war, dass ich, während ich dort gearbeitet habe, das alles kaum in Frage gestellt habe. Ich habe es so hingenommen, schließlich musste ich meine tägliche Arbeit machen. Der Arbeitsaufwand war enorm, ich war ja quasi eine Ein-Frau-Redaktion und musste Reportagen in Auftrag geben oder Übersetzungen organisieren. Eine anstrengende, aber auch tolle Aufgabe. Das gab es schließlich noch nie: dass eine französische Zeitung mit dem Profil von Charlie Hebdo – satirisch, politisch und mit Karikaturen – nur einen Tag nach der französischen Ausgabe auf Deutsch erscheint. Das hat mich sehr stolz gemacht.

Wie muss man sich die Arbeit in der Redaktion vorstellen?

Man hat schon vieles mitbekommen: die verschiedenen Meinungen oder wie gestritten wurde. Eine Redaktionskonferenz war so reichhaltig an Ideen, an Persönlichkeiten! Rein menschlich war das Ganze natürlich aufwühlend – letztendlich habe ich ja mit Menschen zusammengearbeitet, von denen ich wusste, dass sie schwer traumatisiert waren. Es gab immer wieder Momente, in denen man gesehen hat: Der Kollege ist gerade ganz weit weg. 

Wie bist du damit umgegangen?

Ich habe versucht, möglichst schnell meine respektvolle Haltung abzulegen, um meine Arbeit machen zu können. Auch, weil den Kolleg*innen wichtig war, dass man sie nicht als Opfer behandelt und normal mit ihnen umgehen soll. Ich bin heute noch mit einigen von ihnen befreundet. Erst im Nachhinein ist mir bewusst geworden, was für eine Belastung die Arbeit teilweise auch war und wie unbeschwert ich mich nun fühle, wo ich nicht jeden Tag Polizei und Waffen sehe. Ich meine, für eine Journalistin ist es einfach bizarr, dass sowas zum Alltag gehört. Ich habe meine Arbeit für Charlie Hebdo geliebt, aber ich wollte auch ein Leben haben. Deshalb habe ich mich dafür entschieden, unter dem Pseudonym Minka Schneider zu arbeiten.

Seit fast zwei Jahren hat Frankreich einen neuen, jungen Präsidenten: Emmanuel Macron. Der hat das französische Parteiensystem mit seiner Bewegung En Marche mal eben gesprengt und sich in der Stichwahl gegen die rechtsextreme Kandidatin Marine Le Pen durchgesetzt. Bisher hat Macron einige Reformen in Frankreich durchgesetzt und prescht auch auf europäischer Ebene mit Ideen für die Zukunft der EU vor. In Frankreich sehen ihn viele kritisch, was man in Deutschland nicht so richtig zu verstehen scheint. In deinem Buch machst du ebenfalls deutlich, dass du kein Fan des französischen Präsidenten bist. Was ist das Problem mit Macron?

Er ist einfach die Inkarnation einer arroganten, völlig volksfernen Elite, die problemlos zwischen Finanzwelt und Staat hin- und herwechselt – Macron war schließlich mal Rothschild-Banker. Macron begreift Frankreich außerdem wie ein Start-up. Nach dem Motto: Wenn jetzt alle kleine tolle Firmen aufmachen, dann wird das schon. Er hinterfragt die Globalisierung nicht und vermittelt den Menschen auch nicht das Gefühl, dass er sie in irgendeiner Weise davor schützen möchte. Im Gegenteil: Er will sie fit machen für die Globalisierung! Dabei vergisst er, dass nicht jede*r im Ausland war und supergut Englisch spricht. Macron gibt vielen Leuten das Gefühl, sie würden nicht mehr gebraucht – und daran seien sie selber schuld. Aber wenn ich in der Provinz wohne und da nur einmal stündlich ein Bus fährt, ist es eventuell etwas schwierig, zum Bewerbungsgespräch zu kommen. Selbst wenn ich flexibel sein kann: Die Strukturen sind es nicht.

Im Wahlkampf stellte Macron sich als Anführer einer jungen, dynamischen Graswurzelbewegung da – ein Gegenentwurf zum üblichen Top-Down-Prozess in der Politik. Das Versprechen lautete, es anders zu machen als seine Vorgänger. Was ist daraus geworden?

Macron stand mal für weniger Hierarchien, für einen horizontal ausgerichteten Politikstil. Aber er hat den Spirit von En Marche nicht mit ins Präsidentenamt genommen. Das zeigt sich auch an seinem Regierungsstil: Er ist arrogant und herablassend, oft sogar beleidigend. Menschen, die nicht in das Bild passen, das er sich von Frankreich macht, verachtet und geringschätzt er. Dabei vergisst er, dass Menschen mit verschiedenen Grundvoraussetzungen ins Leben starten und nicht alle über die gleichen Talente verfügen. Er trifft den Tonfall der Menschen nicht, er hat Maßnahmen getroffen, die viele als ungerecht empfinden, zum Beispiel die Abschaffung der Vermögenssteuer. Kein Wunder, dass er als Präsident der Reichen und Superreichen gilt.

Im europäischen Ausland hingegen genießt Macron einen guten Ruf als anpackender Pro-Europäer.

Im Ausland nimmt man Dinge wie seinen Regierungsstil nicht so wahr, weil Macron dort ja nicht über Mitbürger*innen urteilt. Stattdessen macht er einen unkonventionellen Eindruck, gilt als europäischer Justin Trudeau. In Frankreich hingegen war er nie so beliebt wie woanders – was auch daran liegt, dass er nicht als Wahlgewinner wahrgenommen wird: Die meisten haben gegen Le Pen gestimmt, nicht für Macron. Eigentlich tut Macron mir mittlerweile fast leid, weil er diesen Enthusiasmus anfangs schon glaubwürdig verkörpert hat und nun vor einer der größten Krisen der Fünften Französischen Republik (die mit der aktuellen Verfassung 1958 eingeführt wurde, Anm. d. Redaktion) steht.

Dass Frankreich sich in einer Krise befindet, liegt vor allem an der Bewegung der sogenannten ‚Gelbwesten‘, den Gilets Jaunes: Seit Ende Oktober 2018 gehen regelmäßig tausende von Menschen in ganz Frankreich auf die Straße, um zu protestieren. Worum geht es da?

Das Ganze fing mit der geplanten Erhöhung der Benzinsteuer an. Viele der Menschen, die als Gelbwesten auf die Straße gehen, leben in Gebieten, wo es keinen gut ausgebauten Nahverkehr gibt – sie sind also auf das Auto angewiesen. Aber eigentlich geht es um mehr. Es geht darum, wie ungerecht die neoliberale Gesellschaft geworden ist. In dem Moment, in dem ich mir trotz Arbeit so viele Gedanken darüber machen muss, wie ich meine Grundbedürfnisse sichern kann, läuft etwas grundlegend schief.

Die meisten Gelbwesten gehören den classes populaires an, ein Begriff, den es so im Deutschen nicht gibt. Was wäre die richtige Entsprechung?

Am passendsten wäre wohl die Bezeichnung „untere Mittelschicht“. Generell ist die Bewegung schwer zu fassen, sie entwischt uns. Aber letztendlich geht es um Geringverdiener*innen – das primäre Merkmal der Gelbwesten, das, was sie verbindet, ist das geringe Einkommen und die damit verbundene Unsicherheit. Es geht nicht um Parteizugehörigkeit, um eine politische Auffassung oder ein politisches Bewusstsein, sondern um Prekarität. Und die kann man gerade in Frankreich mit der Peripherie zusammenbringen: Die Menschen sind nicht nur auf finanzieller Ebene abgehängt, sondern auch auf geographischer Ebene.

Wie stehst du persönlich zu den Gelbwesten? Als Journalistin begleitest du das Phänomen ja.

Ich habe für das Aufbegehren der Gelbwesten großen Respekt und finde es mutig. Identifizieren kann ich mich damit aber nicht – klar kenne auch ich Prekarität, gerade in meinem Alter und in meinem Beruf. Aber die Prekarität der Gelbwesten ist eine, die sich gänzlich von unserer, der Prekarität der 30- bis 40-jährigen digitalen, oft freiberuflichen und schlecht bezahlten, Bohemians, unterscheidet. Wenn Menschen aus der Gelbwesten-Bewegung sagen, sie hätten am Ende des Monats kein Geld mehr, dann bedeutet das, sie können sich im Zweifelsfall keine Lebensmittel mehr kaufen. Bei uns hingegen geht es eher darum, dass wir einmal weniger ins Hipster-Restaurant gehen können. Wir haben Uni-Abschlüsse, wir leben in einer Art Luxusprekarität, die wir uns zwar nicht ausgesucht haben, mit der wir aber zurechtkommen. Es gibt also eine Art kulturelles Missverständnis zwischen den Gelbweste und uns: Wir sind die urbane, kosmopolitische und inzwischen erwachsen gewordene Generation Praktikum – mit den Gelbwesten können wir uns nicht identifizieren.

In Deutschland sind vor ein paar Tagen sogenannte „Bunte Westen“ zu verschiedenen Kundgebungen zusammengekommen – mehr als ein paar hundert waren es aber nicht. Trotzdem: Hätte eine Bewegung wie die der Gelbwesten auch in Deutschland eine Chance?

Eher nicht. In Frankreich gibt es tatsächlich diesen Esprit der Revolte, des Aufbegehrens. Da wird gerne mentalitätsgeschichtlich argumentiert, von wegen: Revolution 1789, Mai 1968 usw. Es stimmt, dass in Frankreich die Straße als legitimer Ort empfunden wird, seinen Zorn und seinen Unmut zum Ausdruck zu bringen. Deutschland ist eher geprägt vom Kompromiss, der am Tisch ausgehandelt wird.

Adieu Liberté! ist nicht nur ein Buch über Frankreich, sondern auch ein ein Buch über die jungen Europäer*innen unserer Generation. Warum war dir dieser Aspekt so wichtig?

Weil ich ein Produkt dieser Generation von Europa-Befürworter*innen bin. Besonders wichtig war für mich der im Buch erwähnte Sommer in Cluny, den ich mit vielen anderen jungen Europäer*innen verbrachte. Außerdem wurde ich durch die europäischen Strukturen gefördert, zum Beispiel vom Deutsch-französischen Jugendwerk (DFJW), und somit an dieses Konstrukt EU auf eine positive Weise herangeführt. Dadurch war ich Europa und auch der EU als Institution gegenüber immer sehr enthusiastisch. Nationalität hat für mich nur eine geringe Rolle gespielt, wichtiger waren gewisse geteilte Werte: freie Presse, Religionsfreiheit und die zumindest theoretische Gleichberechtigung der Geschlechter. Ich habe damals gedacht: Toll, das wird immer mehr werden! Wir werden in Europa immer mehr Dinge auf die gleiche Weise regeln, zusammen entscheiden, Grenzen abbauen. Es wird keine Nationalitäten mehr geben, sondern nur noch europäische Bürger*innen!

Was schon sehr utopisch gedacht ist…

Klar! Aber wenn man wie ich in zwei Ländern zu Hause ist, hat man ein anderes Nationalgefühl. Man denkt, dass es mehr Verbindendes als Trennendes gibt. Heute stelle ich fest: Das sehen viele nicht so. In Frankreich, aber auch anderswo, stellen Menschen, die Europa an sich gut finden, die EU als Konstrukt in Frage. Aber die EU ist ja die politische Umsetzung der europäischen Idee! Es geht darum, gemeinsam Entscheidungen zu treffen. Es ist traurig, dass das von vielen mittlerweile eher als Belastung denn als Chance gesehen wird. Im Zuge der Gelbwesten-Bewegung heißt es jetzt auch: Raus aus der EU, raus aus der Geiselhaft! Das finde ich traurig und gefährlich. Allerdings war ich als Pro-Europäerin eben auch sehr blauäugig. Ich dachte, Europa und die EU, das seien Selbstläufer. Nun muss ich mich fragen, ob meine Generation von jungen, gut ausgebildeten, urbanen Pro-Europäer*innen nicht eine Mitschuld daran trägt, dass so eine Verzweiflung, so ein Hass entstanden ist.

Was meinst du damit?

Wir haben durch unseren erhöhten Individualismus aus den Augen verloren, den Menschen, die sich nun so abgehängt fühlen, Europa zugänglich zu machen, die Vorteile der EU aufzuzeigen. Jetzt radikalisieren sich viele, nicht nur unter den französischen Gelbwesten. Ich habe Europa, die europäische Einigung, lange viel zu selbstverständlich hingenommen: Ich lebe in Paris, arbeite ab und zu in Brüssel, mein Bruder wohnt in Luxemburg, mein Patenkind in London. Alles ist zusammengerückt und dadurch habe ich es verpasst, mir zwischendurch mal Gedanken über die Menschen zu machen, die denken, sie würden nicht dazugehören. Das ist peinlich und tragisch.

Du bist in Ostberlin aufgewachsen und auch, wenn Nationalität für dich nicht so wichtig ist: Spielt deine ostdeutsche Herkunft in Paris für dich eine Rolle? Ist sie Thema?

Schon. Ich sage in Frankreich nie, dass ich aus Deutschland komme – sondern aus Ostberlin. In den linken, liberalen Kreisen, in denen ich mich bewege, gilt das schon als exotisch, es gibt ein großes Interesse an der DDR. Die ‚Ostfrau‘ genießt außerdem einen positiven Ruf, sie gilt als selbständig, selbstbestimmt und selbstbewusst – also so, wie man sich klischeemäßig auch die französische Frau vorstellt. Dabei ist in Frankreich der Druck auf Frauen viel größer als in Deutschland. Beispiel Doppelbelastung: Mütter sollen nach der Geburt des Kindes schnell wieder arbeiten gehen, gleichzeitig aber auch alles andere machen, Haushalt und Familie. Es gibt viele Klischees über die französische Frau, gerade über die Pariserin. Meine Mama hat mir früher immer gepredigt, als Frau solle man sich nie abhängig von einem Mann machen. Und jetzt, wo ich Mitte 30 bin, fängt sie plötzlich damit an: Naja, ein gutverdienender Mann ist auch nicht schlecht. Bitte?

Adieu Liberté. Wie mein Frankreich verschwand ist bei Ullstein Fünf erschienen, hat 240 Seiten und kostet 18 Euro

8 Kommentare

  1. Emma

    Danke für das spannende Interview – das ist ein guter Spiegel der Gedanken, die ich auch gerade habe! Ich glaube, dass diese Blauäugigkeit in Bezug auf die EU tatsächlich gerade ziemlich gefährlich ist und beobachte sie an mir selbst. Fände mehr Artikel zur Europawahl toll, weil ich dennoch denke, dass wir die EU brauchen und etwas Bedenken in Bezug auf die Wahl habe.

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  2. Aglaja

    „Macron war schließlich mal Rothschild-Banker!“ – wow. Was sind das denn für Untertöne?

    Der erste Teil des Interviews ist in seiner subjektiven Art und Weise interessant, aber im zweiten, „politischen“ Teil merkt man doch sehr, dass sowohl Interviewer als Interviewter politisch wenig beleckt sind und ein Allgemeinplatz den nächsten ablöst und als Höhepunkt dann der Fehltritt oben.

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    1. Julia

      Ich weiß nicht, welche Untertöne du meinst: Macron hat als Investment-Banker für die Bank Rothschild & Cie gearbeitet, bevor er u.a. Finanzminister war – und genau das war gemeint. Das ist ein Fakt und ich weiß nicht, warum das für dich ein „Fehltritt“ ist. Im Übrigen war das Interview dazu gedacht, auch für Nicht-Frankreich-Expert*innen interessant zu sein und in diesem Sinne wurde es geführt – ich weiß nicht, ob man deshalb direkt von „Allgemeinplätzen“ sprechen muss ( ich habe z.B. ein deutsch-französisches Doppeldiplom in Politikwissenschaft, stelle aber fest, dass andere eben nicht so viel über das wissen, was in Frankreich abgeht. Wenn das bei dir anders ist, ist das natürlich super!)

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      1. Julia

        Und da hab ich mich jetzt tatsächlich vertan: Er war natürlich Wirtschaftsminister, nicht Finanzminister!

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  3. Chris

    Hmm, ist in den linksliberalen Kreisen in Frankreich noch nicht angekommen, dass man sich mit dem Klischee der Ostfrau in die eigene Tasche gelogen hat? Der positive Ruf rührte doch eher daher, dass man hier Generationen von Frauen im Osten die Illusion einer Selbstbestimmheit und Gleichberechtigung vorgegaukelt hat, die faktisch so nicht vorhanden war, um deren Arbeitskraft umfänglich im Sinne des Gemeinwohls abzuschöpfen.

    Ich muss übrigens Aglajas Anmerkung beipflichten, ich habe mich beim Lesen auch kurz gefragt, ob die Differenzierung, dass Macron Banker war, noch des expliziten Hinweises bedurfte, dass es sich um eine jüdischstämmige Institution handelt. Das war für mich auch nicht ganz unbedeutend und hätte gerne noch um einen erklärenden Satzes ergänzt werden dürfen, gerade weil in Frankreich diesbezüglich sehr angespannte Bedingungen herrschen.

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    1. Nina

      Darf ich ebenfalls nachfragen, welche Ableitung aus der Tatsache, dass Macron „Rothschild-Banker“ war, gezogen werden soll, im Sinne einer politischen, gesellschaftlichen oder historischen Aussage? Die sog. Gelbwesten zeigen sich mittlerweile offen aggressiv und ebenso offen antisemitisch. Ein Plakat auf der Autobahn vor Paris lautete „Macron pute à juifs“ (Quelle ua. https://www.europe-israel.org/2018/12/macron-pute-a-juifs-gilets-jaunes-attention-a-la-derive-antisemite-ou-certains-veulent-vous-pousser/). Ich möchte weder die Interviewerin noch die Interviewte persönlich angreifen, frage mich nur ein wenig bestürzt, wie man das ausblenden bzw. noch bekräftigen kann.

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  4. Elise

    Sehr interessantes Interview, herzlichen Dank dafür! Warum man aber den offensichtlichen weißen Elefanten (wachsender Antisemitismus, Islamismus) im Raum mit keinem Wort erwähnt hat – grade durch die enge Verbindung zu Charlie –, verstehe ich nicht.

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