Wir haben mit 5 Menschen übers Fremdgehen und Betrügen in Beziehungen gesprochen

„Was genau ist mit betrügen gemeint?“ Eine Frage, die mir im Zuge der Recherche und Akquise für diese Textkollage zuhauf begegnete. Betrügen, das ist so ein großes Wort – aber was schwingt hier eigentlich genau mit? Unehrlichkeit und Regelbruch? Und somit eine Entscheidung gegen getroffene Abmachungen und Deals in einem bestehenden Beziehungskonstrukt?

Während viele Menschen in einem vermeintlich heteronormativen Beziehungsmodell leben, das auf Monogamie ausgelegt ist, können wir keineswegs nur in diesem Fall eine Messlatte für „Fremdgehen“, „Fremdknutschen“ oder „ins fremde Bett verirren“ anlegen. Auch polyamouröse Beziehungen leben selbstverständlich von einzuhaltenden Regeln, von Abmachungen und Strukturen auf Vertrauensbasis. Ein weiterer Mensch für Intimitäten ist demnach nicht direkt gleichzusetzen mit einem Seitensprung, bedingt allerdings eine Auseinandersetzung im eigens angelegten Regelheft. Oder etwa nicht? Ahnung habe ich davon wenig, lebe ich doch monogam und kann mir andere Beziehungsideen für mich derweil im geringsten vorstellen. Deshalb habe ich andere gefragt. Menschen, die sich mit einer Person, aber eventuell auch einer zweiten oder dritten Partner*in auseinandersetzen. Mal mit und mal ohne Regelbruch. Ich habe also mit fünf Menschen über das Betrügen in ihren Beziehungen gesprochen.

Leo, 25 aus Hamburg

Fremdgehen ist wie Fast Food. Noch bevor man den ersten Bissen vom Burger nimmt, kann man an nichts anderes mehr denken. Man malt sich den Geschmack des fluffigen Brötchens, der süßsauren Gurke und des Pattys aus, Gedanken an den zart schmelzenden Käse füllen ganze (schlaflose) Nächte. Irgendwann ist es dann soweit. Man gibt den Gelüsten nach und nimmt in freudiger Erwartung den ersten Bissen. Das kann mal genauso aufregend wie befürchtet, nicht ganz so spannend wie erwartet oder ganz anders als gedacht sein. Irgendwann ist der Teller leer. Und noch während die Hände klebrig vom Salz sind, spürt man langsam das schlechte Gewissen anklopfen. Und schon kurz darauf fragt man sich: „Was war das denn für eine Scheiße?“. Denn statt des fantastischen Zustands der absoluten Befriedigung, fühlt man sich ziemlich schnell so, als hätte man sich überstürzt etwas Unnötigem, Gehalts- und Geschmacklosen hingegeben. Klar, man ist satt. Aber irgendwie auch leer. So war es zumindest bei mir. Immer. Das schlechte Gewissen, meinen Partner hintergangen zu haben, war noch viel größer, als der vorherige Wunsch genau das zu tun. Und so habe ich mir irgendwann selbst eine Grenze auferlegt: Fremdgehen beginnt mit küssen. Alles, was davor passiert, ist nichts.

Schließlich weiß ICH ja, wie unbedenklich das Ganze ist. Natürlich war mir insgeheim klar, dass das totaler Quatsch ist. Denn wenn ich mir vorgestellt hätte, dass mein Partner das macht, was ich als harmlosen Spaß versuchte vor mir selbst zu rechtfertigen, wäre ich wahrscheinlich vor lauter Eifersucht und Enttäuschung ins All geknallt. Ich zog also irgendwann meine Schlüsse:

Fremdgehen ist nur was für abgebrühte Menschen, die es danach schaffen, einfach so weiterzuleben wie vorher und nicht (so wie ich) den egoistischen Drang verspüren, sofort alles dem Partner zu beichten. Irgendwann war ich doch wieder in der Burger-Situation. Meine Beziehung war zu dem Zeitpunkt gut. Mein damaliger Partner nicht nur mein Freund, sondern mein bester Freund. Das machte es noch viel schlimmer. Doch das Verlangen nach dem anderen war so stark, dass ich doch wieder meine selbst ausgedachte Grenze überschritt (besser gesagt: überrannte) und sogar noch ein ganzes Stück weiterging. Das Erstaunliche: Es war kein bisschen so, wie die zuvor beschriebene, schnell bereute Völlerei. Es war der beste Burger aller Zeiten. Und ich wollte ihn jeden Tag essen. Das Ganze ist jetzt drei Jahre her. Mittlerweile sind „der Andere“ und ich verheiratet und freuen uns auf unser erstes Baby. Es hätte natürlich auch ganz anders kommen können. Aber jetzt weiß ich, dass meine Burger-Theorie Bullshit ist. Denn auch wenn man sich beim Essen oft die Hände schmutzig macht und manchmal eine gemeine Sauerei anrichtet – Burger ist nicht gleich Burger und kann das großartigste Gericht auf der ganzen weiten Welt sein. Nämlich dann, wenn er dich ganz leicht macht, statt dir schwer im Magen zu liegen.

Sass, 32 aus Leipzig

Als ich 16 war, kam ich mit meinem damaligen Freund zusammen. Es war meine erste „richtige“ Beziehung. Wir lebten monogam. Obwohl es immer OK gewesen wäre, etwas mit Frauen anzufangen – wahrscheinlich, weil es dort keinen Penisneid gab oder so. Ich hatte vorher schon Sex mit einem Mann, in den ich sehr verliebt war, aber er nicht in mich. Zumindest sagte er es mir so. Und wir hatten täglich Sex. Nun kam ich in diese Beziehung mit meinem damaligen Freund und wir hatten wenig Sex. Ich glaube, er selbst fühlte sich in seinem Körper nicht so wohl und er empfand den Sex immer eher als Last und anstrengend, obwohl es jedes Mal schön war, wenn wir Sex hatten. Es wurde über die Zeit schließlich seltener. Aller zwei Wochen höchstens, eher ein Mal im Monat. Nach 3 Jahren Beziehung schrieb ich mir regelmäßig mit einem Kollegen und ich war so scharf auf ihn, bis wir uns trafen und zweimal Sex hatten. Die Beziehung war zwar kurz vor dem Ende, aber irgendwas in mir wollte doch mit ihm zusammen sein und liebte ihn. Sex sollte für mich nicht der Grund sein, ihn zu verlassen. Das war so banal für mich. Nach weiteren 5 Jahren waren wir auf einer Feier von Freunden und er legte sich im Wohnzimmer schlafen als fast alle weg waren. Ich spielte mit Freunden Dart und machte die ganze Zeit Anspielungen –

auch, weil ich betrunken ohne Ende war. Dann schnappte mich ein Kumpel, zog mich in ein leeres Zimmer, schloss zu und küsste mich und ich machte bereitwillig mit. Ich war so ausgehungert. Wir hatten schließlich Sex – und ich fühlte mich so schlecht danach. Ich habe die Beziehung innerhalb kürzester Zeit danach beendet, konnte ihm aber dennoch nicht sagen, was ich zuvor getan hatte. Dieses schlechte Gewissen hat mich fast umgebracht.

Ich hatte nach dieser Beziehung so viel Sex und so viele wechselnde Geschlechtspartner, glücklich hat es mich jedoch nicht gemacht und ich musste feststellen, dass Sex und Liebe für mich eben wohl doch irgendwie zusammengehörten. Die größte Leidenschaft habe ich bis heute nun einfach in einer Beziehung erfahren. Nun stecke ich wieder in einer Beziehung, in der ich mich begehrt fühle und in der wir oft miteinander schlafen. Zugegeben, wir sind auch noch sehr frisch zusammen. Ob ich auf Dauer in einer monogamen Beziehung Leben kann, weiß ich nicht. Ich denke, eine Beziehung ist permanent im Wandel und ich muss abwarten, was die Zeit offenbart. Bis jetzt könnte ich schwer damit Leben, wenn mein Freund eine andere Person küssen würde, aber wer weiß, wie das in Zukunft sein wird. Auf jeden Fall werde ich heute alles offen kommunizieren und möchte mich nicht mehr verstecken. Denn ich bin mir sicher, nur das kann uns zu einer tollen und harmonischen Beziehung verhelfen.

Bijan, 31 aus Dresden

Ich habe meine Freundin betrogen und es ihr nach langem Hadern schließlich gesagt. Ich habe so lange überlegt, was ich am besten machen soll, was uns gut tut – was ihr gut tut. Das Ding ist, dass das Übel einfach längst angerichtet war. Es gab daran nichts mehr zu rütteln, es war zu spät. Es war nur Sex, keine Liebe: Ein bisschen wild und ein bisschen schön, aber im Grunde war sie charakterlich ganz weit von dem entfernt, was ich an Menschen schätze. Ich hatte einen Joint geraucht und dann passierte es einfach. Kurzum: Es war wirklich unnötig, aber passiert ist es dennoch und so saß ich am Ende da und hatte so viele Fragen an mich selbst: Was war der Grund für diesen Ausrutscher? Hatte ich mich vielleicht neu verliebt? Finde ich meine Freundin vielleicht einfach nicht mehr attraktiv? Sollten wir uns trennen müssen nach diesen vier langen Jahren Beziehung? Aber vor allem: Sag ich es ihr? Und da stand ich nun, dachte an meine zwei Optionen und wurde irgendwie nicht schlauer. Ich wusste: Meinem Gewissen geht es besser, wenn ich ehrlich bin. Außerdem will ich es endlich offen kommunizieren, will ihr sagen, wie viel mehr ich sie jetzt liebe, nachdem ich ein, zwei Fehler gemacht habe. Will ihr zu verstehen geben, dass ich es bereue und sie dabei die ganze Zeit mit seeligen Augen anschauen. Gleichzeitig wusste ich aber auch: Es wäre für sie der größtmögliche Vertrauensbruch, sie würde mich hassen, sie würde mich nie wieder alleine lassen können – mit gutem Gewissen. Wir hätten fortan große Probleme, wenngleich ich es nie wieder tun würde. Eigentlich aber wusste ich, was richtig war.

Heute, wenn ich diese Zeilen schreibe, weiß ich es noch immer, doch ich habe es gesagt und es schepperte gewaltig. Ein bisschen von allem: Urlaub abgesagt, Wohnungssuche abgeblasen, schweigen, schreien und Handy durchsuchen – und ich wartete ab. Weil ich irgendwie wusste, dass sie alles dafür unternimmt, um unsere Beziehung zu retten. Ich habe es in Kauf genommen – für mein reines Gewissen. Am Ende war das jedoch ein Fehler, das weiß ich heute und trotzdem ist jetzt alles gesagt und alles ist ein bisschen wie neu. Denn auch Phasen der Verzweiflung nehmen ein Ende. Irgendwann. Und dann sucht man sich wieder eine Wohnung, bucht sich wieder Flüge. Dass mit dem Vertrauen, ist allerdings bis heute so eine Sache. Aber: Wir arbeiten dran.

Alessia, 33 aus Berlin

Ich hatte einen Freund, mit dem ich in Köln zusammengewohnt habe – und es schien alles perfekt: Die Pille war abgesetzt und es wurden wilde Fantasien über ein mögliches Hochzeitsfest ausgetauscht. Die letzten „guten“ sechs Monate haben wir gemeinsam in New York verbracht. Er hat in Princeton VWL unterrichtet, ich war an einer Fotoschule in Manhattan. Eine polyamore Beziehung war zu diesem Zeitpunkt undenkbar für mich, unter anderem, weil ich tendenziell ein eifersüchtiger Mensch bin und Fremdgehen gar nichts für mich war. Ich klopfte mir also irgendwie stolz auf die Schulter, dass mir das bisher noch nie passiert war. Bis zu diesem einen Tag, der alles verändern sollte: Es war die Hochzeit einer Kindheitsfreundin – und ihr Onkel aus Berlin war einer der Gäste. Es ist eine dieser Geschichten, von denen man eigentlich dachte, das passiert einem nur als Teenie und dann nie wieder: Das sofortige, unkontrollierte Einsetzen von Bauchkribbeln, die total naive, bedingungslose Begeisterung für diesen Menschen und das Gefühl, dass man, ohne den anderen zu kennen, nichts anderes mehr möchte. Long Story short: Eine Woche später haben wir uns in seiner Wohnung in Berlin getroffen und es begann eine Phase von fünf Monaten, in denen ich zweigleisig fuhr: Zwischen Köln und Berlin. Zwischen Lügen und Ausreden, zwischen erfundenen Jobs und der immer mehr schwindenden Lust mit meinem Freund zu schlafen – bis hin zum völligen Emotionsverlust ihm gegenüber und der damit einhergehenden Trennung.

Der spannendere Teil an der Geschichte ist aber, dass der Mann auf der anderen Seite, für den ich Köln schlussendlich verlassen habe, zu dem Zeitpunkt, als wir uns kennengelernten, noch eine andere Frau liebte. Um genau zu sein zwei: Seine Ex-Frau, mit der er zwei Kinder hat und nach wie vor jeden bestmöglichen Moment als Familie verbrachte, und seine on/off Freundin, die aber auch nur off war, wenn sie das so wollte und umso mehr on war, als ich ins Spiel kam. Und somit liebte er drei Frauen. Mich, seine andere Freundin und seine Ex. Ich hatte die Ehre bei ihm wohnen zu dürfen, war die Einzige, die seinen Wohnungsschlüssel hatte und folgte dem inneren Drang, der mir immer wieder sagte: „Okay Alessia, du bist offensichtlich doch für jedes Abenteuer zu haben. Warum solltest du das hier also nicht auch ausprobieren.“ Und das sah wie folgt aus: Einen Mann mit zwei anderen Frauen teilen, dafür aber die unglaublichsten, aufregendsten und einmaligsten Momente erleben – immer dann, wenn ich „dran“ war. Das Ganze ging ein paar wenige Wochen gut, bis ich mir eingestehen musste: „Ich bin das nicht und ich kann das nicht.“ Ich wäre damals gerne die super lockere, coole „Freundin“ gewesen, die überhaupt nichts mehr mit Eifersucht am Hut hat, sich selbst sowieso genug ist und easypeasy mit dieser Situation umgehen kann. Aber das war ich nicht und das Ganze konnte so nicht aufgehen. Im Nachhinein ziehe ich vor allen Menschen den Hut, die es schaffen, sich von Eifersüchten, Besitzansprüchen und der sehr begehrten Exklusivität freimachen zu können. Ich habe für mich mitgenommen, dass diese Zeit wahnsinnig aufregend war, aber auch extrem anstrengend. So anstrengend, dass ich hoffentlich nicht mehr in eine ähnliche Situation gerate.

Marie, 23 aus Berlin

In meiner offenen Beziehung zu L. gibt es Regeln: Sex mit anderen ist erlaubt, aber nicht unbegrenzt. In festgelegten Zeiträumen darf man eine bestimmte Anzahl an Nächten mit anderen Partner*innen verbringen. Dem liegt zum einen der Wunsch zugrunde, dass diese sexuellen Kontakte außerhalb der Beziehung nicht die Überhand nehmen. Zum anderen geht es um Gerechtigkeit. L. arbeitet im Schichtdienst, was das vereinbaren von Dates für ihn erschwert. Heruntergebrochen kann sich Sex für mich also unkomplizierter ergeben als für ihn, und L. macht sich Sorgen, dass ich das ausnutze. Das tue ich nicht. Ich halte mich an die vereinbarte Anzahl an Nächten. Und trotzdem betrüge ich ihn. Ich lüge. Regelmäßig. Denn auch wenn es wahrscheinlich klüger wäre, das nicht zu tun, sprechen wir über unsere Affären. Beziehungsweise: Ich lüge über sie. Manchmal will ich L. einfach nicht unnötig verletzen, und spare Details wie einen unglaublich guten Orgasmus lieber aus, doch meistens will ich meine Treffen – gerade dann, wenn ich gerade jemand Neuen kennenlerne – schlichtweg nicht mit ihm teilen. Ich will nicht, dass er weiß, an welchen Abenden ich Dates habe und ob ich gerade einen Mann oder eine Frau treffe. Ich will nicht erzählen, worüber wir geredet haben und wie der Sex war und schon gar nicht, welche Stellen am Körper des oder der anderen ich besonders mag. Ich will das für mich haben. Also erfinde ich entweder Geschichten (was sogar Spaß machen kann, aber die Gefahr birgt sich zu verzetteln), oder ich erzähle ihm Monate später von vergangenen, damals verschwiegenen Treffen, als wären es aktuelle. Ob und inwiefern mich das überhaupt zu einer Betrügerin macht, muss wohl jede*r für sich entscheiden. Fakt ist, dass Betrug auf verschiedenen Ebenen stattfinden kann. Und dass die Frage danach, warum man betrügt, gar nicht so einfach zu beantworten ist. Genauso wie die Frage, warum man eine Beziehung auf eine bestimmte Art und Weise führt oder warum ich L. nicht einfach darum bitte, dass wir nicht mehr über meine Affären sprechen. Wahrscheinlich, weil ich auch über seine Bescheid wissen will. Weil mir das Sicherheit gibt. So wie meine Geschichten ihm.

 

Collage: © Gucci Spring/Summer Kampagne 2019

2 Kommentare

  1. Elisabeth

    Ich finde die Themen in dieser Rubrik immer sehr toll – aber diese völlige Beliebigkeit der Anonymität macht es für mich leider irgendwie belanglos.

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