Ein weiblicher Dalai Lama? Gerne! Aber bitte möglichst attraktiv.

12.07.2019 Gesellschaft

Die gute Nachricht zuerst: Ein weiblicher Dalai Lama ist möglich! Das bestätigte der jetzige 14. Dalai Lama bereits vor ein paar Jahren: Frauen, so sagte er, seien biologisch bedingt eher dazu in der Lage, Zuneigung und Mitgefühl zu zeigen. Eins-a Dalai-Lama-Qualitäten! Die Frage, warum der Dalai Lama bisher ausschließlich männlich war, wenn Frauen doch qua Natur viel mitfühlender und damit, so könnte man meinen, besser geeignet für den Job sind, blieb offen. Das ist ja das Ding mit Glauben: Man glaubt – in diesem Fall daran, dass der Dalai Lama sich für seine verschiedenen Reinkarnationen bisher eben immer männliche Körper ausgesucht hat. Aber vielleicht reinkarniert sich der Dalai Lama ja mal in einer Frau, ausgeschlossen ist das nicht.

Diese Frau allerdings, und das ist die schlechte Nachricht, müsste schon sehr gut aussehen. Ein Zuneigung und Mitgefühl ausstrahlendes Antlitz allein reicht nicht aus. So zumindest sieht es der derzeitige Dalai Lama. Bereits 2015 sagte er in einem Interview: „Ich denke, dass heute, in einer mit Problemen belasteten Welt, Frauen mehr wichtige Rollen übernehmen sollten (…). Sollte ein weiblicher Dalai Lama kommen, sollte ihr Gesicht sehr attraktiv sein.“ Sonst sei dieser weibliche Dalai Lama nämlich nicht „besonders von Nutzen“. Hinter dieser Meinung steht der buddhistische Geistliche auch 2019. In einem BBC-Interview wurde gefragt, ob er verstünde, warum seine Bemerkung so viele Frauen vor den Kopf gestoßen hätte, wiederholte der 83-Jährige nur seine bekannte Aussage (die er im Nachhinein als Scherz verstanden haben wollte): Hätte der weibliche Dalai Lama ein unattraktives Gesicht, würden die Menschen „das nicht sehen wollen.“

Die Optik muss stimmen

Das wirft direkt mehrere Fragen auf. Sollten gläubige tibetische Buddhist*innen nicht darauf vertrauen, dass sich das erleuchtete Wesen, das Bodhisavatta, in der richtigen Person reinkarniert? Dass die gewählte menschliche Form also kein Zufall ist? Was bedeutet „attraktiv sein“ im tibetanisch-buddhistischen Sinne und gilt dieser Maßstab auch für männliche Dalai Lamas? Hält die Findungskommission, damit beauftragt, den jeweils aktuellen Dalai Lama aufzuspüren und zu erkennen, nach besonders attraktiven Kindern Ausschau?

Die aber wohl entscheidende Frage lautet: Seit wann genau müssen spirituelle Führer*innen eigentlich attraktiv sein?

Man kann der katholischen Kirche vieles vorwerfen und die Frage nach einem weiblichen Papst löst bei den meisten katholischen Geistlichen nervöse Schnappatmung aus – aber dass bei Personalien wie der Besetzung des Papstamtes Aussehen eine Rolle spielen würde, das ist nun wirklich nicht der Fall (was auch daran liegt, dass Päpste bei Antritt ihres Amtes meist im eher… fortgeschrittenen Alter sind). Welch frohe Botschaft: Gottes Wort muss nicht aus einem besonders attraktiven Mund kommen! Andererseits: Wären die rebellischen Nonnen, mit denen Papst Franziskus sich seit Jahren herumschlagen muss, ein bisschen attraktiver, würde man(n) ihrem Anliegen vielleicht aufmerksamer lauschen. Wer weiß.

Pragmatische Botschaft

Der Dalai Lama ist, im Gegensatz zum Papst, nicht mit nörgelnden Weibsbildern beschäftigt oder mit dem Kampf gegen die Gender-Theorie. Er steht über den Dingen. Vielleicht ist das ja die eigentliche gute Nachricht: Dass der Dalai Lama als spiritueller Führer eben nicht über den Dingen steht, sondern, im Gegenteil, seinen Finger am Puls der Zeit hat. Er kennt die dringenden Probleme der Menschen! So lautet denn auch seine pragmatische Botschaft an Frauen weltweit: Euer Aussehen wird immer und überall euer entscheidendes Merkmal sein. Ein unattraktives weibliches Gesicht will niemand sehen, selbst dann nicht, wenn ihr der Dalai Lama seid. Das hat nichts mit Glauben zu tun – sondern mit Wissen. Und ein „Scherz“ ist das Ganze auch nicht.

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