Kolumne // Die Kunst, nichts zu tun

18.07.2019 Leben, box2, Kolumne

Neulich, da saß ich auf dem Sofa und schaute ins Leere. Meine halb ausgetrunkene Kaffeetasse stand auf dem Tisch, links daneben lag das Buch, das ich vom Stapel genommen hatte, als ich noch glaubte, ich würde am Nachmittag ein paar Zeilen lesen. Stattdessen saß ich hier nur so vor mich hin, ohne Tagesplan und ohne, dass ich das Buch auch nur einmal aufgeschlagen hatte. Das ging nun schon seit ein paar Stunden so, während die Zeit gähnend langsam verstrich und mich für einen kurzen Moment glauben ließ, sie sei stehen geblieben.

Ich fühlte mich merkwürdig, eigentlich sieht es mir nämlich so gar nicht ähnlich, auf dem Sofa zu sitzen und Löcher in die Luft zu starren und dann auch noch so ganz ohne Hintergrundgeräusche. Nun, versteht mich nicht falsch, es ist keineswegs so, dass ich jemand bin, der ständig Action braucht, ganz im Gegenteil sogar. Ein schöner gemütlicher Spaziergang durch den botanischen Garten befriedigt mich auch schon zur Genüge. An diesem Wochenende aber, wurde ich von einer merkwürdigen, inneren Unruhe begleitet. Dabei hatte ich mir doch fest vorgenommen, einfach mal die Ruhe zu genießen und nichts zu tun – oder zumindest nicht mehr, als ab und zu ein Buch in die Hand zu nehmen, in einem Magazin zu blättern oder mir merkwürdige Independent-Filme am laufenden Band anzusehen.

 
 
 
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Ein Beitrag geteilt von Bodil Jane (@bodiljane) am

Mein Verlangen, das zumindest in der Theorie funktionierte, mich zwei Tage lang weder Spontanitäten noch geplanten Ausflügen zu widmen, schob ich vor allem darauf, dass ich in den Monaten zuvor genügend unterwegs gewesen war. Sei es denn nun ein ausgedehnter Spaziergang im Grünen, eine Bootstour auf der Spree, ein Museumsbesuch oder der wöchentliche Gang zum Baumarkt, weil in der Wohnung nunmal doch noch so viel mehr zu tun ist, als ich es mir eingestehen will. Ich war mir eben sicher, jene Auszeit auf dem Sofa bitter nötig zu haben – dass sie mich ein wenig verloren zurück ließ, statt mich vollends zu befriedigen, warf mich dann doch etwas aus der Bahn.

Während ich da so in meiner Sofakuhle saß, fragte ich mich, warum es mir plötzlich so wahnsinnig schwerfiel, mich dem Nichtstun hinzugeben. Vergangenes Jahr noch war es mir doch ein Leichtes, mich an Wochenenden von Serien und Dokumentationen berieseln zu lassen, mich stundenlang auf Instagram herumzutreiben, während ich das Sofa nur verließ, um die Toilette aufzusuchen – rundherum fand ich das herrlich, Begriffe wie Fomo (oder gar Jomo) berührten mich nicht, ich tat einfach das, worauf ich Lust hatte, ganz ohne dabei in merkwürdige Gefühlswelten zu stolpern.

Jetzt aber, da hatte ich das Gefühl, diese Leere nicht genießen zu können, nein, ich fühlte mich dabei auch noch furchtbar faul und glaubte, doch dringend noch irgendwas erledigen zu müssen, mindestens aber das Wetter zu genießen – denn mal ehrlich, hier verkriechen sich die Sonnenstrahlen doch viel zu schnell wieder hinter irgendwelchen dicken Wolken.

Hätte mir einmal jemand gesagt, dass man verlernen kann, das Nichtstun zu genießen, hätte ich wohl nur müde gelächelt, im Traum hätte ich nicht daran geglaubt, dass es mich einmal treffen könnte. Und so habe ich jetzt verstanden, dass auch das Nichtstun gelernt sein will, denn irgendwie ist es doch eine Kunst, loszulassen, jeden Gedanken einmal beiseite zu schieben, sich auf nichts so wirklich zu konzentrieren und einfach mal zu sein. Künftig möchte ich es also wieder üben, um weniger verkopft zu sein und wieder das zu tun, worauf ich Lust habe – ganz ohne schlechtes Gewissen, egal wie viel oder wenig ich letztlich tue.

 

 
 
 
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Ein Beitrag geteilt von Julia Carevic (@juliacarevic) am

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2 Kommentare

  1. Franziska

    Ich weiß was du meinst. Das ist bei mir tatsächlich abhängig von der Tagesform und wie es der Zufall will ganz oft genau gegenteilig zu meinem Tagesplan.
    Wenn ich am Wochenende verabredet bin oder auf eine Party eingeladen bin, denke ich mir sehr oft „Boah, jetzt auf dem Sofa bei der aktuellen Serie abgammeln – das wärs!“ und wenn ich dagegen keine Pläne mache um mich mal auszuruhen bekomme ich Hummeln im Hintern und fange aus Verzweiflung an die Wohnung umzustellen oder mal wieder gefühlt die Hälfte von meinem Krempel auszusortieren – nur um gefühlt irgendwas sinnvolles zu tun.
    Man kanns einem auch echt nicht recht machen, haha.

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  2. Gunda von Hauptsache warme Füße!

    Krass, da hast Du mir aber mal so richtig aus der Seele gesprochen mit diesem Post! Danke dafür, dass Du es so gut ausgedrückt hast! Insbesondere das Gefühl, „doch dringend noch irgendwas erledigen zu müssen, mindestens aber das Wetter zu genießen“ kenne ich nur allzu gut!!!! Am Ende kommt meistens kein gutes Gesamtgefühl für den Tag dabei raus, denn ich krieg im Allgemeinen weder dir Kurve zum Entspannen (eh ein Problem) noch schaffe es, etwas „Sinnvolles“ (für mich am Ende Befriedigendes) zu tun. Plöd.

    Beste Grüße
    Gunda

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