Warum Empfehlungen auch immer etwas mit dem Ego zu tun haben

29.10.2019 Menschen, Wir, Kultur

Vor kurzem kam ein Film in die Kinos, mit Nora Tschirner und Alexander Fehling in den Hauptrollen. Gut gegen Nordwind heißt er und basiert auf dem gleichnamigen Buch des österreichischen Autors Daniel Glattauer. Meiner Mutter berichtete ich am Telefon davon: „Mama, eines deiner Lieblingsbücher ist verfilmt worden.“ Das wusste meine Mutter aber natürlich schon, sie hatte sich fürs Wochenende direkt mit einer Freundin zum gemeinsamen Kinoabend verabredet. „Ich konnte mit dem Buch damals ja irgendwie nicht so viel anfangen“, sagte ich und fragte mich im gleichen Moment, warum zur Hölle ich das laut ausgesprochen hatte. Denn schon legte meine Mutter los: Das Buch sei ein ganz wunderbares, und zwar aus diesen und diesen Gründen. Ihr Tonfall war, zumindest kam es mir so vor, leicht passiv-aggressiv angehaucht. Defensiv. Kein Wunder: Es war meine Mutter, die mir vor einigen Jahren die Lektüre von Gut gegen Nordwind empfahl. Und die jetzt ein bisschen beleidigt war, weil ich mit ihrer Empfehlung so gar nichts anfangen konnte.

 
 
 
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Dabei habe ich mir durchaus Mühe gegeben. Meine Mutter hatte so viel von diesem Buch gesprochen, irgendetwas musste also dran sein. Eines Tages nahm ich mir also das Buch und begann zu lesen. Immerhin ein Drittel schaffte ich, bevor ich endgültig einsah: Das ist einfach nichts für mich. Die E-Mail-Liebesgeschichte zwischen Emma und Leo packte mich nicht (anders als die abertausenden Leser*innen, die das Buch seit seiner Veröffentlichung 2006 zum Bestseller gekauft haben). Gut gegen Nordwind landete also wieder im mütterlichen Buchregal, ich hakte es ab und dachte nicht mehr daran – bis das Buch nun eben verfilmt wurde. Seitdem grüble ich. Nicht unbedingt über Gut gegen Nordwind, denn darum geht es eigentlich nicht. An seiner Stelle könnte genauso gut ein Film, eine Künstlerin, ein Song, ein Friseur stehen. Etwas anderes, das einem empfohlen wurde.

Es geht um mich

Als jemand, der selbst gerne und enthusiastisch Dinge empfiehlt – „Dieses Buch musst du unbedingt lesen!“ – konnte ich es einerseits nachvollziehen, dass meine Mutter beleidigt war. Sie wollte etwas mit mir teilen, das ihr viel Freude bereitet hatte. Und ich hatte mich dem verweigert. Andererseits: Warum muss man das Ganze so persönlich nehmen? Geschmäcker sind verschieden, über sie lässt sich bekanntlich nicht streiten. Als ich einem Bekannten von dem Gespräch mit meiner Mutter berichtete, sah er das ganz pragmatisch: „Es geht doch nicht um sie. Menschen mögen eben nicht alle das Gleiche. Also, ich wäre deswegen nicht beleidigt.“ In der Theorie wäre ich gerne wie dieser Bekannte, der es nicht als persönliche Zurückweisung empfindet, wenn jemand anderes mit seiner Empfehlung nichts anfangen kann. In der Praxis bin ich dann aber wohl doch eher die Tochter meiner Mutter – ich möchte unbedingt, dass meine Empfehlungen ankommen, dass sie Anklang finden. Und wenn das nicht so ist, fühle ich mich zurückgewiesen.

Ich glaube, das hat nur bedingt etwas damit zu tun, dass ich meinen Geschmack für so großartig halte, dass alle anderen sich daran ein Beispiel nehmen sollten. Und doch geht es irgendwie um mich: Darum, was meine Empfehlung über mich, als Mensch, aussagt. Darum, was ich mag (oder nicht), und was diese Tatsache bedeutet. Wenn ich mit meiner Empfehlung den Geschmack anderer treffe, dann heißt das, ich habe ein gutes Gespür für Menschen. Ich weiß, was sie mögen, was ihnen gefällt. Ich kenne sie! Das gilt umso mehr, wenn diese Menschen gute Freund*innen sind, Menschen, deren Meinung mir wichtig ist. Wenn sie einen von mir empfohlenen Film, eine von mir empfohlene Aktivität, genauso toll finden wie ich, dann bestätigt mich das.

 

 
 
 
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Den Fokus verlagern

Ich ich ich. Vielleicht ist das genau mein Problem: Bei den von mir ausgesprochenen Empfehlungen geht es mehr um mich als um andere. Und das ist doch, wenn man mal kurz drüber nachdenkt, beknackt. Denn eigentlich will ich doch anderen eine Freude bereiten, statt mir nur selbstgefällig meine eigene Charakterkenntnis zu bestätigen. Darin besteht wahrscheinlich der Trick: Den Fokus von mir selbst weg und auf andere zu verlagern. Mir bewusst machen: Ob jemand meine Empfehlung annimmt oder eben nicht, ist weder Bestätigung noch Zurückweisung – und vor allem nichts, was ich so verdammt persönlich nehmen sollte. Um diese Erkenntnis reicher war ich bemüht, bei meiner Mutter Schadensbegrenzung zu betreiben. „Weißt du, Mama“, sagte ich, „offenbar gehöre ich ja eher zu der Minderheit von Leuten, die mit Gut gegen Nordwind nichts anfangen konnten. Millionen Menschen lieben es!“ Meine Mutter seufzte: „Tja, Geschmäcker sind wohl einfach verschieden.“ Genau.

4 Kommentare

  1. Abby

    Danke! Den Artikel müsste meine Schwiegermama in spe auch mal lesen 😉 Es schwingt ja auch immer ein Hauch Anspruch auf Deutungshoheit mit, wenn man dem anderen oder der anderen seine/ihre Meinung nicht lässt und nochmal mehr wenn man ihn/sie in der Empfehlung gar nicht erst mitgedacht hat.

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  2. Carolin

    Ich kann mich sowohl mit dir als auch mit deiner Mutter identifzieren. Gut gegen Nordwind ist tatsächlich eines meiner Lieblingsbücher und ich gehe immer irgendwie davon aus, dass ich Leute gut einschätzen kann, und somit meine individuellen Empfehlungen auch gut ankommen. Wenn das dann nicht der Fall ist, fühlt man sich schon ein bisschen gekränkt, aber da muss man vermutlich wirklich entspannter werden und vom eigenen Ego ablassen – auch, wenn es gar nicht so leicht ist 🙂

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  3. Ulrike

    Und dann soll es ja auch noch die Menschen geben, sie sich nicht trauen, eine Empfehlung abzugeben, weil sie Angst davor haben, dass die anderen ihnen sagen, wie doof sie die Empfehlung fanden.

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