Keine Narbe gleicht der anderen: Wie wir pflegen können, was zu uns gehört

27.11.2019 Beauty

Triggerwarnung: Dieser Artikel behandelt das Thema Narben, wobei er sich ausdrücklich nicht auf jene Narben bezieht, die durch selbstverletzendes Verhalten entstanden sind. Auch Kaiserschnittnarben sind von diesem Artikel ausgeschlossen. Der Artikel beinhaltet außerdem Bildmaterial, auf denen Narben deutlich zu sehen sind.

Ich weiß, dass das Thema „Narben“ ein sehr persönliches ist. Dieser Artikel will euch nicht einreden, ihr müsstest irgendetwas gegen diese Naben tun. Ihr seid schön, ganz gleich, was die Gesellschaft euch einzureden versucht. Dennoch ist es wichtig, anderen zuzuhören. Narben müssen nicht stören, aber sie können. 

Für mich persönlich existieren emotional betrachtet drei unterschiedliche Arten von Narben. Die erste Kategorie sind solche, die eine persönliche Geschichte erzählen. Sie sind Teil unserer Identität und wir halten sie, im besten Fall jedenfalls, in Ehren, sind vielleicht sogar ein bisschen stolz auf sie. Auch wenn der Ursprung der Narbe nicht positiv war, ist es das Andenken vielleicht schon. Ein Narbe muss kein Makel sein, nein, sie ist keines, ganz im Gegenteil. Sie kann uns jeden Tag daran erinnern, dass wir gestärkt aus einer schlechten Situation hervorgegangen sind. Sie kann sagen: „Ich gehöre zu dir“. Diese Narben sichtbar zu machen, kann nicht nur beim eigenen Heilen helfen, sondern auch anderen Mut machen.

Kategorie zwei sind Narben, welche schlichtweg keinerlei tiefere Bedeutung für uns haben.  Dass sie da sind, ist nicht tragisch, aber würden sie doch verschwinden, wäre das auch nicht schlecht. Mir geht es so zum Beispiel mit den Narben an meinen Beinen. Sie stammen von zwei harmlosen Roller-Unfällen – den einen hatte ich schon im letzten Herbst und den anderen dann in Griechenland. Beim Versuch den Roller rückwärts am Hang in die Hauseinfahrt zu fahren, bin ich wie ein schwerer Stein samt Roller seitlich umgekippt. Dabei hat der Rollerständer mein Schienbein aufgerissen und meine Knie, die schon vom letzten Jahr dunkel von Narben waren. Gar nicht schlimm und irgendwie auch egal. Es steckt ja noch nicht einmal eine spektakuläre Geschichte dahinter. Mich stören die Schatten und Streifen trotzdem hin und wieder. Deshalb unterstütze ich sie beim Ausheilen.

Die dritte Kategorie sind Narben, die uns ganz schön stören, eventuell sogar belasten. Vielleicht weil wir meinen, dass sie aufgrund des verrückten Schönheitsideals lieber verschwinden sollten, vielleicht aber auch, weil sie uns an etwas erinnern, das wir lieber vergessen wollen. Narben können aber auch dann belastend werden, wenn sie schmerzen, jucken oder ziehen. Es ist für viele nicht leicht, solche Narben durch die Welt zu tragen, ganz egal, wie oft andere sagen: Ist doch halb so wild, sieht gar nicht schlimm aus. So persönlich die Geschichten dahinter, so subjektiv ist auch die Wahrnehmung von uns, die wir mit Narben leben, ganz gleich welcher Kategorie sie entstammen. 

 
 
 
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Doch wieso entstehen Narben überhaupt?

Narben gehören zum natürlichen Wundheilungsprozess unserer Haut und entstehen, wenn eine größere Verletzung der Haut geschlossen wird. Nach etwa zwei Wochen sind die meisten Wunden geschlossen und die Haut überzieht diese Stelle mit neuem Gewebe. Das ist doch eigentlich ein Wunder, hm?

Dabei könnte man also fast sagen, dass unsere Haut viel weniger emotional ist als wir und die ganze Sache sehr pragmatisch sieht. Denn das neue Gewebe ist ein zweckmäßiger Ersatz der verlorenen Haut und hat nicht dieselben Eigenschaften: Das neue Bindegewebe enthält keine Pigmentzellen, Talg-, Haar-, und Schweißdrüsen. Es ist weniger elastisch und schlechter durchblutet. Aber: Sie sind nicht schlechter, diese Stellen. Nur anders.

 
 
 
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Die unterschiedliche Narbentypen

Narben können tatsächlich sehr unterschiedlich aussehen – wie, das hängt zum Teil auch von unserer DNA ab. Die gängigsten Narben sind folgende: Artrophe Narben – sie sehen aus wie kleine Krater. Die Haut ist an der Stelle nach unten gesunken, denn die Haut hat zu wenig Ersatzgewebe gebildet. Akne und Pockennarben sehen zum Beispiel oft so aus. Dann gibt es das genaue Gegenteil , nämlich hypertrophe Narben – hier entstehen rote Narbenwülste, die sich von der Haut abheben und von einer Überproduktion der Bindegewebsfaser stammen. Keloide hingegen sind Narben, die ähnlich wie hypertrophe Narben anmuten. Sie sind meistens wulstig und wuchern über die eigentliche Wunde hinaus. In allen Fällen spielt auch ein schlechter Heilungsprozess mit rein. Denn im Optimalfall sollten Narben als weiße, rote oder dunkle, glatte Flecken auf der Haut zurückbleiben. Aber was heißt schon „optimal“? Wichtig zu wissen: Nach etwa zwei Jahren sind Narben „fertig“ und verändern sich nicht mehr.

Peter DeVito ist ein 20-jähriger Fotograf aus New York, der es irgendwann satt war, das Gefühl zu haben, nicht zu auszureichen, nicht schön genug zu sein. Seine Akne Narben verstecken zu müssen. Mit seinen Foto-Projekten will er andere darin bestärken, sich zu zeigen, wie sie sind – weil „normal“ menschlich und keinesfalls perfekt bedeuten sollte.

 
 
 
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Professionelle Behandlungsmöglichkeiten von Narben

Wenn ihr schwer mit einer Narbe zu kämpfen habt, sucht am besten eine/n Hautärztin/-arzt und fragt nach einer ausführlichen Beratung. Denn wie oben schon erwähnt, geht es in manchen Fällen um so viel mehr als Eitelkeiten. Ich beschreibe euch deshalb kurz die gängigsten Methoden:

  • Die Lasertherapie ist wahrscheinlich die gängigste Methode Narben entfernen zu lassen. Hier wird mit einem CO2-Laser die Haut pixelartig abgetragen. Das Gewebe muss sich dadurch erneuern und bildet Kollagen, weshalb die betroffene Stelle schließlich glatter wird
  • Dermabrasion: Hierbei wird die obere Hautschicht vorsichtig abgeschliffen. Verhornte und abgestorbene Haut wird operativ abgetragen und es kommt zur Erneuerung der Haut. 
  • Injektion: Narben, die nach innen gehen werden hier „aufgefüllt“ oder aber es geschieht genau das Gegenteil – bei wulstigen Narben wird Kortison direkt in die Narbe injiziert und hemmt so das Wachstum und lässt das überschüssige Gewebe schrumpfen. 
  • Microneedling: Durch das Durchstechen der obersten Hautschicht mit Mikronadeln wir die Zellerneuerung angeregt. Der natürliche Heilungsprozess der Haut wird aktiviert und das Hautbild ebenmäßiger. Diese Methode ist eher für kleine, oberflächliche Narben geeignet. 

Was aber kann ich denn Zuhause gegen, bzw. für kleine Narben tun, wie kann ich ihnen helfen zu heilen?

Pflegen, pflegen, pflegen! Ja, schon klar.Eigentlich wissen wir das längst. Nur ist es gar nicht so leicht, sich wirklich zu kümmern. Dabei gibt tatsächlich einfache Wege, den Narben zuhause beim Heilen zu helfen. Das ist wichtig, von Anfang an. Nicht unbedingt wegen der Optik, sondern auch, um weiteren Symptomen vorzubeugen. Punkt Eins: Vor Sonne schätzen. Ich habe zum Beispiel den ganzen Sommer lang meine Narben mit Sonnencreme samt hohem Lichtschutzfaktor geschützt. Und das wirklich akribisch! Denn direkte Sonneneinstrahlung ist für die zweckmäßige Narbenhaut  schädlich. Ich konnte dadurch immerhin eine Annäherung der zwei unterschiedlichen Hautfarben erreichen. Natürlich sind die Narben nicht verschwunden, aber viel unauffälliger geworden. 

Wenn die Narbe relativ frisch ist, hilft es auch, sie zu ausgiebig der Länge nach zu massieren (Achtung, erst nur neben der Narbe, später dann die Narbe selbst!), denn dadurch wird die Durchblutung angeregt und Verklebungen vorgebeugt. Bitte die Narben niemals auseinander ziehen, das ist ganz wichtig. Unterstützend kann man dann auch noch Wundcreme, Silikonöl oder Silikonpflaster sowie spezielle Narbencremes, z.B. aus der Apotheke auftragen – so wird das Gewebe mit extra Feuchtigkeit versorgt, was verhindert, dass unnötig viel Narbengewebe produziert wird. Oma rät außerdem: Die Narbe mit Zitronensaft eincremen – das soll helfen, die Farbe anzupassen. Das alles kostet natürlich Durchhaltevermögen, aber eure Haut wird es euch danken. Ich habe aus dem Prozess des Einölens und Eincremens einfach ein kleines Abendritual geschaffen, das nur mir gehört, und dazu eine kleine Flasche Körperöl auf meinem Nachttisch stehen. Wenn ich mich dann ins Bett kuschle, nehme ich mir drei, vier Minuten Zeit und massiere mit Öl über die Narben. Ich liebe Körperöle, deswegen ist das meine erste Wahl, aber alles, was der Haut Feuchtigkeit spendet, funktioniert hier ganz wunderbar. Und: Es tut ja auch dem eigenen Körpergefühl gut, sich selbst ein bisschen zu verwöhnen. Sich um sich selbst zu kümmern.

Am Ende des Tages muss man natürlich für sich selbst entscheiden, wie man mit seinen Narben umgeht, welche einem wichtig, welche man mit Stolz trägt sind oder welche dann eben doch belasten können. Nur schämen sollte man sich bitte nicht! Auch wenn das leichter gesagt ist, als getan. Denn Narben gehören zum Leben und sind ein Teil von uns, jede erzählt ihre eigene Geschichte, ob sie lustig, traurig oder abenteuerlich wild ist, bleibt, wenn ihr wollt, sowieso euer Geheimnis.

Das sind die Öle und Cremes, die uns oder unseren Freundinnen geholfen haben:

Regenerationsöl von Weleda

Pflegeöl von Bergland


Narben-Öl von Bloom & Blossom


Ringelblumenöl von Susanne Kaufmann


Pflege für die Hauterneuerung von La Roche-Porsay

Wie geht ihr mit euren Narben um? Was empfindet ihr für sie? Stören sie euch, oder erzählen sie von Abenteuern? Vielleicht können eure Geschichten andere bestärken. Weil es manchmal schon hilft, zu wissen, dass man nicht alleine ist. 

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3 Kommentare

  1. j.

    Danke für den Artikel über Narben und ihre Pflege. Ich habe vor Jahren beim Hautarzt per Dermabrasion ein unliebsames Tattoo entfernen lassen. Die Farbe an der behandelten Hautfläche ist tatsächlich über den Wundschorf verschwunden, geblieben ist aber: Eine großflächige Narbe. Die mittlerweile aber zu mir gehört. Die tägliche Massage mit verschiedenen Ölen hat sehr geholfen und sie schön geschmeidig gemacht. Dranbleiben bei der Pflege wird wirklich belohnt!

    Antworten
  2. Lisa

    Danke für diesen tollen Beitrag! Nicht nur, weil ich als Beauty- und Pflegeneuling, deren Fokus im Bad bislang immer „praktisch und schnell“ war, bei deinen Artikeln immer was lerne – ich empfinde sie auch als toll, umsichtig und positiv geschrieben!

    Ich habe wenige Narben und sie bedeuten für mich nichts und stören mich auch nicht besonders, Kategorie zwei sozusagen. Ich habe allerdings Vitiligo, was natürlich keine Narben sind, aber eine ähnliche Wirkung haben kann. Ich habe mit 23 Jahren angefangen weiße Flecken zu bekommen und muss sagen, dass ich jetzt erst nach fast 10 Jahren endlich meinen Frieden damit schließen kann und beginne, sie schön zu finden. Absurd, dabei sind es wirklich reine Schönheits“Makel“, aber ich hatte lange daran zu knapsen, fühlte mich angestarrt und hässlich und wollte sie verstecken (was vor allem im Gesicht, Dekolleté und Armen eine Herausforderung ist). Vielleicht geht/ging es anderen ja ähnlich und es wäre eine Anregung für einen Artikel?

    <3

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