Was wir bedenken sollten, bevor wir wieder über Einzelkinder schimpfen.

10.12.2019 Leben

Letztens saß ich mit Freunden in einem Café. Wir diskutierten, was wir als Nächstes machen wollten. Zuerst waren die Ideen mau, dann schlug einer etwas vor. Die Idee war allerdings ziemlich kostspielig, relativ weit weg und so richtig stieß sie nicht auf Anhänger. Was ist, wenn wir einfach einen Spaziergang machen, fragte Lara in die Runde. Das fanden alle gut, außer derjenige, der den ersten Vorschlag machte. Er plädierte für seine Idee, versuchte uns zu überzeugen, schaffte es aber nicht. Danach wurde er ruhiger und als wir uns dann vom Café zum Park begeben wollten, verkündete er, dass er nicht mitkommen wolle und jetzt erst einmal nach Hause gehe. Wir waren alle ein bisschen verblüfft, aber klar, abhalten wollen wir ja niemanden.

 
 
 
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Draußen vor dem Café macht ein Dritter seiner Verwunderung Platz. Das sei ja jetzt ganz schön komisch gewesen, sagte er. Alle nickten. So ein Einzelkind-Verhalten, sagte jemand anderes. Alle lachten. Volltreffer. Schulterzucken. Weiter ging es.

Ich hatte auch geschmunzelt bei der Bemerkung, bin dann aber nachdenklich und etwas stiller neben den anderen hergelaufen. Einzelkind-Verhalten, Einzelkind-Stigmata. Einzelkinder seien verwöhnt nicht wirklich kompromissfähig und schnell beleidigt, wenn sie ihren Willen nicht bekommen. Besagter Freund hatte genau das Verhalten an den Tag gelegt, obwohl er gar kein richtiges Einzelkind ist. Er hat nämlich eine Halbschwester. Genauso wie ich auch.

Ich überlegte, wie ich den Quasi-Einzelkind-Status bisher erlebt hatte. Ich erinnerte mich an mehrere Vorwürfe, verwöhnt zu sein, die vor allem aus meinem Verwandtschaftskreis kamen, als ich kleiner war. Ich erinnerte mich an einige Gegebenheiten, in denen ich in Gruppensituationen meine Meinung nicht gesagt hatte, um mir nicht den Einzelkind-Vorwurf einzuhandeln. Ich erinnerte mich auch an eine Vielzahl von verwunderten Reaktionen, als neue Freunde oder Bekannte erfuhren, dass ich ein Quasi-Einzelkind bin. Das würde man ja gar nicht merken, wow, cool. Zu meinem eigenen Ärgernis erinnerte ich mich aber auch daran, bei dieser Aussage ein bisschen stolz gewesen zu sein.

Heute ärgere ich mich, denn ich finde, dass dieses Einzelkind-Bashing aufhören muss. Denn ja, vielleicht bekommt man als Einzelkind mehr Aufmerksamkeit während der Kindheit, muss nie mit jemand anderem ringen oder muss nie leiden, nur weil ein Geschwisterkind etwas angestellt hat und es einem in die Schuhe schiebt. Ja, natürlich bekommt man mehr Geschenke und ja, vielleicht sind Einzelkinder auch tendenziell verwöhnter. Aber können sie etwas dafür? Sie haben doch nicht mit drei Jahren Forderungen, wie etwa „schenkt mir ungeteilte Aufmerksamkeit, kauft mir noch ein Spielzeug!“ gestellt. Es gibt sicherlich Vorzüge, aber um ganz ehrlich zu sein: Ich würde das alles jederzeit eintauschen.

 
 
 
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Als Einzelkind ist man im Gegenzug nämlich auch alleine dafür verantwortlich, die ganze elterliche Liebe abzufangen. Man geht nie ohne schlechtes Gewissen nicht ans Telefon und hat nie die Hoffnung, dass wahrscheinlich ein anderes Geschwisterkind abhebt. Als Einzelkind sitzt man alleine mit den Eltern am Tisch, ist alleine für Unterhaltung verantwortlich, muss sich alleine Weihnachts- und Geburtstagsgeschenke überlegen und finanzieren. Man hat nie jemanden an seiner Seite, der den Eltern vermittelt, dass sich Zeiten wirklich geändert haben und das XYZ jetzt ganz normal ist. Es gibt auch nie jemanden, der um Verständnis für einen wirbt, wenn man mal aus der Reihe tanzt. Ich bin Ende 20, meine Eltern werden nicht jünger und ich wohne am anderen Ende des Landes. Die Erkrankungsfälle von Elternteilen in meinem Freundeskreis beginnen sich zu häufen. Ich habe niemanden, mit dem ich diese Verantwortung, Angst und Bedenken teilen kann. Als Einzelkind, das gerne Geschwister hätte, steht man nicht selten sich liebenden Geschwistern gegenüber und ist ein bisschen traurig. Und das trotz eines hervorragend ausgeprägten Freundeskreises, aus dem viele schon seit mehr als zwei Jahrzehnten da sind.

Als Einzelkind mit Halbgeschwistern ist die Frage nach Verwandtschaft immer ein bisschen unangenehm. In meinem Fall ist es ein ewiges Abwägen zwischen drei Alternativen. Entweder ich antworte, dass ich Einzelkind bin, um mich danach relativ bewusst so zu verhalten, dass ich bloß nicht das Stigma des verwöhnten Einzelkind-Verhaltens bestätige. Nicht selten purzelt ein Rechtfertigungsversuch aus mir heraus, dass ich mit sehr vielen Freunden in familienähnlichen Strukturen aufgewachsen bin, was mich wiederum ärgert, denn wofür rechtfertige ich mich hier überhaupt? Die zweite Option ist die Wahrheit ohne Erklärung. Nicht selten war mein Gegenüber dann aber perplex und fragte nach dem „Wieso“ hinter dem Einzelkindstatus.

Ich mache relativ oft die Erfahrung, dass es immer noch als merkwürdig betrachtet wird, wenn man in den 90ern nur ein Kind bekommen hat. Die dritte Option “Einzelkind mit Halbgeschwistern” ist zumeist problematisch, weil die Geschwisterfrage oftmals in ungezwungenen Kennenlern-Momenten gestellt wird, in denen man dem Gegenüber noch nicht vertraut genug ist, um seine Familiengeschichte zu kredenzen. Oder man wird mit einem mitleidigen Blick bedacht, das ist auch klasse. Gute Reaktionen auf fragmentierte Familiengeschichten gibt es selten. Alle Optionen sind beschissen, um ehrlich zu sein. Wer eine gute Reaktion darauf parat hat, please share.

Ich hoffe, nicht den Eindruck erweckt zu haben, Mitleid zu wollen. Überhaupt nicht. Einzelkind zu sein hatte oft auch seine Vorteile. Ich weiß nicht, ob ich die Bildung hätte genießen können, hätte ich teilen müssen, das ist klar. Aber es wäre schön, würde das unreflektierte Einzelkind-Bashing aufhören. Und auch, dass das “Einzelkind-Verhalten” als Synonym für sozial-unverträgliches Verhalten verwendet wird. Danke.

Ein Gastbeitrag von Anna Hupperth.

 

 
 
 
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10 Kommentare

  1. Anner

    Das ist ein schöner Artikel, der Sichtweisen aufzeigt und mich zum Nachdenken anregt. Im persönlichen Umfeld habe ich genug Beispiele, um jedes der dargestellten Vorurteile relativieren zu können, aber so schön formuliert hat man nun auch Werkzeug zum argumentieren.

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  2. Viva

    Danke- viele übersehen nämlich auch die Nachteile, das schlechte Gewissen und natürlich auch manchmal die Einsamkeit des Einzelkindseins wenn niemand da ist um den Ballast des Alltags abzufedern oder wenigstens für ein bisschen Ablenkung sorgt.

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    1. Anna

      Stimmt, noch ein weiterer Aspekt, den ich mir wahrscheinlich manchmal gar nicht so gerne eingestehe! Danke!

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  3. Abby

    Danke – von einem Einzelkind, zu dem man früher auch immer gesagt hat, „das merkt man gar nicht“!

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  4. Nicole

    Selbst als mittlerweile erwachsene Frau mache ich noch heute Erfahrungen mit „Einzelkind-Bashing“.

    Wie, du bist Einzelkind? Das merkt man gar nicht.
    Für ein Einzelkind bist du sehr sozial und demokratisch.
    Ich finde es gut, dass du teilst. Einzelkinder machen sowas normalerweise nicht.

    Mir reicht es und dein Beitrag tut mir so gut.
    Sollte es nicht egal sein, ob man in einer Großfamilie mit vielen Geschwistern oder alleine, ohne Geschwister, aufgewachsen ist?

    Ich habe mir die Situation nicht ausgesucht und die in deinem Text beschriebenen Situationen kenne ich so gut. Mittlerweile mache ich mir schon Sorgen was sein wird, wenn meine Eltern Hilfe im Alltag benötigen werden. Als Einzelkind muss ich das alleine stemmen, alleine die Verantwortung für zwei Menschen tragen, die nicht gerade um die Ecke wohnen.
    Mag sein, dass man in der Kindheit Vorteile hatte. Ich war seit der 3. Klasse Schlüsselkind, weil meine Eltern beide Vollzeit gearbeitet haben (es weiterhin tun), von daher habe ich nichts von diesem angeblichen „privilegierten Einzelkind dasein“ gespürt.

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