Das „Queer 4 You“-Quartett im Gespräch über Männlichkeit, Privilegien und „Queerealität“

23.01.2020 Kultur, Interview

Die deutsche TV-Landschaft lässt seit geraumer Zeit zu wünschen übrig. Ein Skandi-Krimi jagt den anderen, Mockumentary-Formate über Nachbarschaftsstreitigkeiten bilden das Daytime-Programm, und den Abend lässt man mit Dutzenden Seifenopern oder Quizshows ausklingen. Was den Deutschen in puncto Eigenkreation zu fehlen scheint, ist ein gewisses Gespür für zeitgeistigere Thematiken und die notwendige Sensibilität, diese für die hier beheimatete Gesellschaft zu kontextualisieren. Es entsteht eine Lücke, eine inhaltliche Kluft zwischen dem, was sich bei einer älteren, loyaleren Zuschauerschaft seit Dekaden schon bewährt, und dem, was sich jüngere, progressivere Zielgruppen wünschen.

 

 
 
 
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Einer Methode der Lückenschließung bedient sich nun der RBB, der eine Serie in den Startlöchern hat, die an das Netflix-Erfolgskonzept „Queer Eye“ anknüpft: „Queer 4 You“ soll frischen Wind in ein im Vakuum geglaubtes Metier wehen. Vier handverlesene Experten der Kategorien Mode, Care & Beauty, Interior und integrales Coaching unterstützen Menschen des Berliner Umlands dabei, aus ihren jeweiligen Miseren herauszufinden. Gemeinsam möchte das interdisziplinäre Gespann aus Modejournalist Fabian Hart, Hair & Make-up Artist Christian Fitzenwanker, Einrichtungsspezialist Chris Glass und Lebenscoach Sven Rebel nicht bloß Einzelpersonen zu einem glücklicheren Dasein verhelfen, sondern hierzulande mit Vorurteilen rund ums Thema Schwulsein aufräumen.

Weswegen sie hierfür das „Korsett der Männlichkeit“ entschnüren müssen, wie sie das anstellen und warum Queerness nichts mit dem Schlafzimmer zu tun haben muss, erklären sie uns im exklusiven Interview.

Zunächst einmal zu eurer Konstellation: Wie ist eure Chemie untereinander, wie hat sich die Zusammenarbeit für „Queer 4 You“ gestaltet?

Fabian: Wir sind alle komplett unterschiedlich. Nur weil wir alle schwul sind, heißt das nicht, dass wir gleichgeschaltet sind oder uns dadurch irgendwie schon super ähneln oder sympathisch sind. Es gibt ja immer diesen Witz von Heterofrauen, von wegen: „Boah was, du bist schwul? Ich kenn da noch so einen, ihr solltet euch unbedingt mal treffen.“ Wir sind nicht immer aller einer Meinung, das ist aber auch wichtig so. Wir repräsentieren unterschiedliche Generationen, Geschmäcker, Herkünfte, Ethnien. Das macht’s spannend. Auch dass wir mal aneinandergeraten, ist schön.

Sven: Das Ganze ist für uns ein konstanter Lernprozess. Dass unsere Vorstellungen sich nicht decken, dass wir aber auch lernen, Gemeinsamkeiten zu finden. Und dass gleichzeitig neben den Gemeinsamkeiten auch dieses „Celebrate your Differences“-Mantra durchschimmert. Das ist die Botschaft, die wir vermitteln wollen. Wir bekamen hier die Freiheit, das zu tun, woran wir glauben. Das ist ein Wagnis für jede Produktionsfirma, einfach vier so unterschiedliche, gleichermaßen willensstarke Männer umherlaufen zu lassen. Aber es klappt ziemlich klasse.

Christian: Die Menschen brauchen so was auch gerade einfach. Sie brauchen Vielseitigkeit, Ehrlichkeit, Authentizität. Queereality, Queerealität. [lacht].

 
 
 
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Wie hat sich dieses Mindset auf die Protagonisten übertragen? Was für Begegnungen habt ihr gemacht, welche Erkenntnisse konntet ihr daraus mitnehmen und was, glaubt ihr, konntet ihr ihnen mitgeben?

Sven: Es gibt Menschen, die so gefangen sind in irgendwelchen Vorstellungen, die wir vier eigentlich hinter uns gelassen haben. Wir wurden wieder auf den Boden der Tatsachen geholt. Wir haben uns schon davon entfernt, unsere eigene Welt erbaut, eine Blase. Das war alles auch eine Art Reality-Check und ließ uns die eigenen Freiheiten wieder richtig respektieren, die man vorher irgendwann schon fast für selbstverständlich genommen hatte.

Christian: Man lebt eben doch auch in einer Bubble letztlich, das wurde uns noch mal vor Augen geführt.

Fabian: Einer der Protagonisten hatte gesagt, er wolle eigentlich dafür bekannt sein für das, was er weiß, für den Menschen, der er ist. Er wolle nicht dafür bekannt sein, so und so auszusehen. Aber man ist eben nicht nur sein Gehirn oder sein Herz. Du bist auch dein Körper. Du kannst nur eine Beziehung zu jemandem aufbauen, wenn du eine Beziehung zu dir selbst hast. Das funktioniert eben auch über deinen Körper und deine Wertschätzung demgegenüber.

Chris: Wir sind nicht in der Position, dir oder jemand anderem zu sagen, dass das, was du tust, falsch ist. Dass das, was wir machen, richtig ist. Aber wir sind in der Position zu sagen: „Hier, schau mal, so könntest du es machen, und es würde dir vielleicht sogar besser gefallen.“ Wir sind nicht da, um jemandem unsere Sicht der Dinge aufzuzwingen.

Fabian: Diese Leute haben ja auch um Hilfe gebeten. Wir klingeln nicht irgendwo und sagen: „Hier sieht’s furchtbar aus.“ Das sind alles Leute, die sagen, sie sind an einem Punkt, wo sie nicht weiterwissen. Deswegen kommen wir. Nicht weil wir gay sind und cool sind und besser als alle anderen. Wir kommen, weil wir Experten sind in unseren Genres. Dass wir schwul sind, hilft uns dabei, ihnen zu sagen: „Wir haben uns auch schon mal emanzipieren müssen von einer Rolle, die wir nicht spielen wollten.“ Ich habe mich auch schon dabei ertappt, dass ich das Gefühl hatte, wie damals auf irgendeiner Familienfeier zu sein, so von wegen ich muss wieder den Jungen spielen, über Autos und meine Freundin reden. Das Gefühl, ich könnte denen jetzt nicht zu viel, den kompletten Fabian Hart zumuten – nein! Wir müssen auch außerhalb unserer liberalen Bubble zu uns stehen.

Und was sagt ihr zu anderen LGBTQ+-Unterhaltungsformaten, die es aktuell zu sehen gibt?

Sven: Fast jeder Sender hat eine Sendung wie „Queer 4 You“ in der Schublade. Es wollen ganz viele machen, aber keiner traut sich. Man muss den RBB an der Stelle auch hervorheben, dass er den Schritt an die Öffentlichkeit mit einer solchen Sendung geht, obwohl viele andere, größere Sender mit ganz anderen finanziellen Ressorts viel mehr Angst hatten. Aber der Mainstream beginnt jetzt das „Anderssein“, Queerness nicht nur rein als Paradiesvogel zu zeigen, sondern verschiedene Facetten und Kontexte zu beleuchten.

 
 
 
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Ein Beitrag geteilt von Chris Glass (@herrglass) am

Fabian: Es ist spannend, dass Shows wie „Queen of Drags“ diese Plattform bekommen. Man kann sagen, was man will, über Heidi Klum. Aber sie hat die Macht und die Reichweite, so eine Sendung zu erschaffen und plötzlich deutschen Drag Queens Aufmerksamkeit zu verleihen. Künstler, die sonst in irgendwelchen Nachtclubs auftreten, sind aufwendigst an jeder Bushaltestelle plakatiert, wo sonst Kampagnen für Mode- und Beautymarken hängen. Sie wurden aus dem Dunkeln an jede Litfaßsäule geholt und ich finde das total befreiend. Allein dafür ist das wichtig.

Christian: Heidi ist eine unfassbar große Entertainerin und es gibt nicht viele Leute in Deutschland, die das tragen können oder wollen – Leuten, die nie gesehen wurden, eine so große Bühne und diesen Zugang zur Masse zu bieten.

Durchaus. Aber das greift ja letztlich doch sehr spezifische Eigenschaften auf, dockt an ganz konkrete Assoziationen an. Da wirkt der Versuch von „Queer 4 You“ fast kontroverser im Vergleich, weil ihr ja bewusst auf schrille Darbietungen oder lautes Gelächter verzichtet.

Fabian: Klar, wenn man sich einmal ansieht, was in den letzten Jahrzehnten an schwulen Männern im Fernsehen stattgefunden hat, à la Dirk Bach –

Christian: – Dirk Bach ist aber toll!

Fabian: Klar ist der toll. Wir lieben Dirk Bach! Aber er und andere waren ganz klar als Paradiesvögel inszeniert, die klassische Maskulinität nie gefährdet haben. Männlichkeit ist so fragil, so vorbestimmt. Es gibt so ein klar definiertes Konzept darüber, was Männlichkeit ist.

Christian: Das Korsett der Männlichkeit.

Fabian: Genau! Aber so, wie wir hier sitzen, strahlen wir eine ganz andere Art von Queerness, eine ganz andere Art von Männlichkeit aus. Weil wir eben nicht diesem Stigma entsprechen. Wir sind nicht straight, aber wir sind alles, was links, rechts, oben oder unten ist.

Chris: Meine Queerness ist nur ein Teil von mir. Genauso wie meine Nationalität, Hautfarbe, Körpergröße. Ich bin eine Kombination all dieser Dinge. Ich stehe nicht nur für eine Sache. Für mich ist es sehr wichtig, dass ich alles sein kann – auch schrill, wenn ich das möchte.

Aber was bedeutet denn nun eigentlich Queerness für euch, und was davon möchtet ihr auch jenseits der Serie im größeren Diskurs, im nächsten Jahrzehnt etablieren?

 
 
 
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Ein Beitrag geteilt von Stini Röhrs (@stiniroehrs) am

Fabian: Queersein heißt, du musst nicht geradlinig sein, weil nichts ist wirklich gerade – und das ist gut so. Queer war mal ein Schimpfwort und ist heute eine Eigenbezeichnung für alle, die heteronormativen Strukturen nicht länger entsprechen möchten. Entweder weil du nicht heterosexuell bist oder nicht cis-gender oder überhaupt nicht mehr als richtiger Mann oder richtige Frau performen möchtest. Queer ist nicht straight & narrow, du darfst auch mal gucken, was ist rechts und links vom Pfad. Dazu gehört auch, nicht mehr blind gegenüber der eigenen Privilegien zu sein.

Christian: Man muss Queerness nicht immer mit sexueller Neigung in Verbindung bringen. Alles, was nicht vorgegebener Norm entspricht, ist queer. Man muss nicht explizit queer sein, sich so nennen, um sich diese Freiheit einzugestehen.

Sven: Queerness bedeutet: „Sei, wer du sein möchtest in diesem Moment!“ Man kann heute überzeugt sein und morgen was anderes gut finden, egal ob es um das Aussehen oder die Partnerwahl geht. Das, was im Bett passiert, ist aber fast der unwichtigste Teil von Queerness. Das sagt eigentlich am allerwenigsten über mich aus.

Chris: Allen Menschen sollte es erlaubt sein, so zu sein, wie sie sind. Hier in Deutschland haben wir das Privileg, so was sehen und zeigen zu können. In vielen Ländern unweit von hier ist man da noch nicht angekommen, das muss thematisiert werden. Diese alternativen Geschichten müssen erzählt werden, damit sie irgendwann nicht mehr alternativ sind, sondern eben ganz normal.

„Queer 4 You“ ist seit dem 27. Dezember in der ARD Mediathek verfügbar und seit dem 13. Januar montags um 21 Uhr im RBB.

Dieser Text von Max Migowski stammt aus unserer VOGUE COMMUNITY und erschien im Original bei der deutschen Vogue.

2 Kommentare

  1. Linda

    Wunderbar! Es ist ein so berührendes, großartiges Format geworden. Ich freue mich auf weitere und sogar meinem Mann rann die ein oder andere Träne der Rührung beim zuschauen über seine Wange. Dafür liebe ich ihn!

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